Aus der Ausstellung "Lichtwirbel" der Stuttgarter Künstlerin Rosalie. Foto: Frank Kleinbach

Ausgabe 317
Gesellschaft

Habibi, mein Lehrer, ich hab dich vermisst!

Von Anna Hunger
Datum: 26.04.2017
Wer die Perspektive wechselt, sieht die Welt plötzlich anders. Am vergangenen Montag war unser Medien-Projekt mit Geflüchteten deshalb im "Schauwerk Sindelfingen" zu Besuch. Die aktuelle Ausstellung zeigt moderne Kunst, die verzerrt, auf den Kopf stellt – und Spaß macht.

Wer sieht müder aus? Die Schulklasse am ersten Montag nach den Ferien oder Katharina Sieverding, die Künstlerin, die sich nach einer durchzechten Nacht in Bars und Kneipen selbst portraitiert hat? Zwei Meter hoch, daneben hat sie einen leeren Spiegel montiert, in dem der Betrachter die eigenen Augenringe zählen kann. Mohammed zieht im Spiegel seine Mundwinkel runter, ganz hoch zu einem breiten Grinsen, wieder ganz runter, Mahamouds Spiegelbild macht Hampelmann-Fitnessübungen. Ganz klar: Die Schulklasse ist hellwach und erstaunlich gut drauf. Dabei ist es der erste Montag nach den Osterferien, halb zehn vormittags, beste Voraussetzungen, um hirnmäßig noch durchzuhängen.

Von wegen. "Heute morgen komme ich ins Klassenzimmer und meine Schüler sagen: 'Habibi, mein Lehrer, ich hab dich vermisst!' Oder: 'Endlich wieder Schule.' Und: 'Ferien sind doof.'" Klassenlehrerin Natascha Popovic erzählt das nicht nur lachend, sondern auch gerührt. Kommt ja nur selten vor, dass sich Schüler die Freizeit weg- und die Schule herwünschen.

Die Vabo Null, die Alphabetisierungsklasse der Gottlieb-Daimler-Schule 1 in Sindelfingen, ist auch für Popovic, nach mehreren Jahrzehnten im Beruf, etwas Besonderes. Und immer wieder sind die Schüler für eine Überraschung gut. Kürzlich zum Beispiel auch wieder. Am Anfang des Schuljahrs hatte die Lehrerin das Thema Geburtstag durchgenommen. Alle haben ihren genannt und irgendjemand aus der Klasse muss sich den der Lehrerin aufgeschrieben haben. Denn als sie kurz vor den Osterferien 48 wurde, haben ihre Schüler sie morgens mit Glückwünschen und großem Hallo empfangen. "Ich hatte Tränen in den Augen. So was Schönes."

Wie, keine Selfies?

"Alle mal herhören", sagt Steffen Braun, "hier kommen ein paar Museums-Regeln. Erstens: Handys lautlos." Elf Hände verschwinden in Hosentaschen, drücken Knöpfe. "Die Kunst nicht anfassen", elf Köpfe nicken einverstanden. "Und wichtig: nicht fotografieren." Wie nicht fotografieren? Große Entrüstung. Waaaas? Echt? "Echt", sagt Steffen Braun und versucht "Urheberrecht" möglichst einfach zu erklären.

Plötzlich geht eine andere Schulklasse hinter der Gruppe vorbei in Richtung Ausstellung. Mahamoud, 15, reckt den Hals vorbei und haucht ein ehrfürchtiges "Mädchen ..." zwischen Steffen Brauns Ausführung zu Künstlerrechten und erntet viele lange Jungen-Hälse. Inaam, eines von nur zwei Mädchen der Klasse, will wissen, ob jetzt echt überhaupt gar keine Fotos erlaubt sind? "La'a, keine Fotos", sagt Braun. "Und jetzt yalla, yalla!" Zwei von ein paar arabischen Worten, die unsere Projektleiter mittlerweile gelernt haben: Yalla, auf geht's, und la'a, das heißt nein. Kann man immer brauchen.

Die aktuelle Ausstellung der Schaufler Foundation zeigt moderne Kunst, die spiegelt, reflektiert und gewohnte Blickwinkel auf den Kopf stellt. Sie soll Inspiration sein für die Projekt-Gruppe, die einen Film über sich selbst dreht. Sie soll zeigen, wie sich ein Objekt komplett verändern kann, wenn man nur einen einzigen Schritt zur Seite tritt oder dasselbe in einem anderen Augenblick betrachtet.

Es gibt Fotografien, Skulpturen, Installationen, manche Werke bewegen sich fast unmerklich, morphen ihre Spiegelungen und verwirren Augen und Gehirn. Inaam steht vor einer Wand aus lauter nach innen gewölbten, runden Spiegeln, die sich ganz langsam gegeneinander bewegen. Nach ein paar Minuten reibt sie sich die Augen, malt mit dem Finger eine Spirale vor ihrem Gesicht und schwankt ein bisschen.

Raída spiegelt sich riesengroß und spindeldürr in einem meterhohen, polierten Eimer. Raid inspiziert ein Loch in der Wand, das von weitem eigentlich ausgesehen hat, als sei es eine auf die Wand geklebte Schüssel – optische Täuschung. Inaam sitzt mit gekreuzten Beinen wie ein Guru vor einem kleinen Regenbogen aus Neonröhren, Ahmet wandert um einen mannshohen Mond herum, die eingearbeiteten Krater verzerren mal seine Füße zu riesigen Latschen, machen die Arme krumm, mal spiegeln sie seinen ganzen Körper winzig und falsch herum zurück. Probeweise hebt er die Arme. Jawoll, klappt.

Licht von fernen Sternen

Maren Hoffmann vom Schauwerk führt die Klasse durch die Ausstellung, eine junge Frau, die mit leuchtenden Augen erklärt, welche Geschichten sich hinter den Kunstwerken verbergen. Einfach, mit vielen Gesten und so begeistert, dass es ansteckt.

Zum Schluss führt sie die Klasse in die Lichtwirbel der Künstlerin Rosalie in einem Nebenraum. Vier begehbare Stockwerke verschlungener Lichtbänder, vier Liegestühle unter den Wirbeln. Die sind sofort besetzt, klar. Maren Hoffmann kniet auf dem Boden. "Oh", sagt Nada, und hüpft elektrisiert von seinen Stuhl, "bitte, setzten Sie sich!" Maren Hoffmann lächelt. Und sitzt lieber auf dem Boden. Die Wirbel färben sich rot, dann weiß, dann blau, grün und rosa, untermalt von einem Summen und Brummen, das mal höher, mal tiefer wird. "Das ist kompliziert zu erklären." Maren Hoffmann lächelt und erzählt von fernen Planeten im Sonnensystem, die Licht ausstrahlen.

Irgendwer hat die Aufzeichnungen der Lichtwellen in Töne übersetzt, Rosalie hat sie in ihre Installation eingearbeitet. Die Kontext-Redakteurin kritzelt nebenher ein kleines All auf einen Block, um die Geschichte mit einem Bild verständlich zu machen, Mohammed übersetzt das Ganze ins Arabische. "Wir hören hier das Licht von fernen Sternen", sagt Hoffmann und lächelt. Und alle staunen.

PS: An diesem Tag ist die Schule für die Klasse nach dem Museumsbesuch zu Ende. Mahamoud seufzt schwer: "Nicht schon wieder frei."

 

Kontext-Redakteurin Anna Hunger und Kameramann Steffen Braun begleiten eine Flüchtlingsklasse in Sindelfingen. Wöchentlich unterrichten sie in der Klasse. Gemeinsam werden sie mit den Jugendlichen einen Film drehen. Ein Kontext-Medienprojekt für jugendliche Migranten.


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