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Afrika kommt

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Seit zu vielen Jahren wird der Welthandel ungerechter. Inzwischen ist der Stein in vielen afrikanischen Ländern so heiß, dass der Tropfen der Entwicklungshilfe verdampft, bevor er fallen kann. Und immer mehr ausgebildete junge Menschen verlassen aus Perspektivlosigkeit ihre Heimat.

In jeder Rede über das Flüchtlingsthema hat das Schlagwort von der Bekämpfung der Fluchtursachen seinen Stammplatz. Nicht nur sonntags. "Es gibt nicht den einen Weg, die eine Lösung, den einen Plan, um auf die Herausforderung des afrikanischen Kontinents zu reagieren", schreibt Gerd Müller, CSU-Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, im Vorwort seines vielbeachteten Marshall-Plans für Afrika. Dessen Ziel ist ein friedlicher, prosperierender Kontinent und eine Entwicklung, "die von der eigenen Bevölkerung vorangetrieben wird".

Das ist seit fünf Jahrzehnten nicht wirklich gelungen, seit Erhard Eppler (SPD) 1969 als zuständiger Minister seine "Generalformel für Entwicklungspolitik" vorlegte. Zwölf Punkte hatte Eppler damals formuliert, erwachsen aus der Analyse leicht fasslicher Zahlen: "Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in den USA beträgt aktuell 13 160 Mark, in der Bundesrepublik 6040 Mark, in Indien 257 Mark, in Ruanda 60 Mark, und vor allem wird das Gefälle nicht flacher, sondern im Ganzen steiler." Daran hat sich nichts geändert. Und daran wird sich nur wenig ändern, trotz jener weiteren 57 Milliarden Dollar oder 53 Milliarden Euro, die die Weltbank in neue Programme für Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft, Klima und Infrastruktur in die Länder südlich der Sahara pumpen wird.

Ein Teufelskreis ist längst geschlossen und selbst durch das Engagement vor Ort nicht mehr ohne weiteres zu durchbrechen. Zu viele junge Menschen wissen gut Bescheid über Weltgegenden, in denen die – noch so vage – Möglichkeit auf eine bessere Zukunft besteht. Und ausgerechnet Bildungs- und Weiterbildungs-, Arbeitsmarkt- oder Landwirtschaftsprojekte haben mit dazu beigetragen, dass immer mehr von ihnen das Geld verdient haben, das nötig ist, um die alte Heimat zu verlassen. "Traditionelle Entwicklungshilfe wird diese Probleme nicht lösen", sagt Albrecht von Boeselager, Großkanzler des Malteserordens und Experte für Flucht- und Migrationsbewegung weltweit. Denn es seien nicht "die Ärmsten, die sich auf den Weg nach Europa machen, sondern hauptsächlich diejenigen, die etwas Geld haben". Um dieses Phänomen unter Kontrolle zu bringen, müsse das Engagement "diesen jungen Menschen mit weitergehenden Wünschen nach Bildung und Lebenschancen gerecht werden".

Unverbindlich: entwicklungspolitische Leitlinien von Grün-Rot

Baden-Württembergische Unternehmen wie Stihl und Würth, Bosch, Daimler, SAP oder Voith, Mittelständler oder Hidden Champions sind seit Langem an unterschiedlichsten Programmen beteiligt. So will seit 1991 die Stiftung Entwicklungszusammenarbeit (SEZ) "ein wichtiges Zeichen zur Bekämpfung von Armut" setzen und "Zukunftsperspektiven in den Ländern des Südens" schaffen. Noch länger bestehen konkrete Kontakte zu Burundi. Grün-Rot hat dem Land neue Leitlinien zur entwicklungspolitischen Zusammenarbeit gegeben, ohne konkrete Zusagen, aber übervoll mit Unverbindlichem: "Die Projekte, die Handel und Industrie aus Baden-Württemberg in Entwicklungsländern unterhalten, sollen besser bekannt gemacht werden. (...) Ein Netzwerk von Unternehmen mit innovativen Strategien zur Entwicklungszusammenarbeit soll gegründet werden, Brückenbauer zwischen Wirtschaft und Entwicklungspolitik stärker unterstützt werden." Im vergangenes Jahr geschlossenen Koalitionsvertrag von Grünen und CDU wird immerhin die Erhöhung der Landesmittel für die SEZ in Aussicht gestellt.

Gebetsmühlenhaft wird immer noch die Botschaft von der Hilfe zur Selbsthilfe als Schlüssel zur Bekämpfung der Fluchtursachen verbreitet. Gern ausgeschmückt mit dem chinesischen Sprichwort "Gib einem Hungernden einen Fisch, und er wird einmal satt, lehre ihn zu fischen.,. und er wird nie wieder hungern". Von Boeselager, den die CDU-Landtagsfraktion kürzlich zu einem Vortrag nach Stuttgart eingeladen hat, brachte eine andere Botschaft mit. Auch die Angel, zumal jene, die für Europa nicht mehr taugt und mildtätig nach Afrika geschickt wird, ändert nichts mehr. Das Abendland sei "nicht mit Parolen, sondern nur mit Weitsicht zu retten". Und diese Weitsicht verlange nach der Öffnung der Grenzen statt nach Abschottung, nach Arbeitsmöglichkeiten in den entwickelten Ländern, um die Familien daheim zu unterstützen. Zurzeit mit rund 450 Milliarden Euro übrigens, die aus der Ersten in die Dritte Welt überwiesen werden, gerne zu unverschämten Bankgebühren. Von Menschen, die, im Idealfall für Afrika, wieder heimkehren mit Geld, Wissen und Zuversicht.

Vorbildlich um Flüchtlinge kümmert sich das arme Uganda

Ein Beispiel könnten sich Deutschland und Schweden, Österreich, Frankreich oder die Niederlande an Uganda nehmen. Eines der ärmsten Länder der Welt pflegt jenen Umgang mit Flüchtlingen, den sich die Reichsten der Reichen nicht leisten zu können meinen. Jeder ankommende Flüchtling – und es sind oft tausende pro Tag – bekommt eine Arbeitsgenehmigung und einen halben Hektar Land. Hilfsorganisationen helfen bei der Urbarmachung, sorgen für Saatgut. Es gibt kleine Läden, Handel und Wandel auf niedrigem Niveau. Über eine "gewisse Prosperität" kann von Boeselager berichten, die jedenfalls ausreicht, dass das bitterarme Uganda Ziel- und nicht nur Durchgangsland für Flüchtlinge ist.

Gemessen an der Weltbevölkerung von 7,349 Milliarden Menschen ist zurzeit statistisch gesehen jeder 113. Mensch entweder auf Asylsuche, binnenvertrieben oder Flüchtling. "Ein noch nie dagewesener Höchststand", so der Großkanzler der Malteser, die in 120 Ländern helfend aktiv sind. 2005 wurden durchschnittlich sechs Menschen pro Minute entwurzelt, heute sind es 24. Über die Hälfte der Flüchtlinge sind Jugendliche und Kinder.

Entwicklungshilfeminister Gerd Müller hält dagegen mit seinem Marshall-Plan und dem Grundsatz "Afrika muss selbst mehr leisten". Unterstützt werden sollen jene Länder, die nachweislich reformbereit seien, "gute Regierungsführung zeigen und selber Korruption bekämpfen". Und er verspricht, was er gar nicht erfüllen kann, etwa eine "faire globale Handelspolitik, die die afrikanische Wirtschaft nicht mehr ausbremst". Verbunden mit einer Drohung: "Wenn Afrika nichts tut, kommen bald vielleicht nicht 170.000 afrikanische Flüchtlinge pro Jahr nach Europa, sondern Millionen."

Dürftig: Förderung junger Führungskräfte aus Afrika

Dass "Afrika kommt", wissen viele namhafte Unternehmen seit zehn Jahren. So lange schon gibt es ein Programm für Führungskräfte, dessen wichtigster Eckpfeiler allerdings ist, dass Afrika auch wieder geht. Tilman Todenhöfer, der Bosch-Manager, der das Programm mit dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler aus der Taufe hob, ließ in einer ersten Zwischenbilanz gar keine Zweifel über die Ziele aufkommen "Deutschlands Erwartungen an Afrika als Wirtschaftspartner" hieß der Titel seines Vortrags im September 2010 im Auswärtigen Amt. Dass aus 2000 hochkarätigen Bewerbungen junger qualifizierter Menschen 20 Nachwuchsführungskräfte aus Kenia, Tansania, Ghana, Ruanda, Namibia, Uganda, Sambia, Simbabwe und Elfenbeinküste ausgewählt wurden, die tatsächlich ein zwölfmonatiges Arbeitsvisum bekamen, nannte er eine "bedrückende Aufgabe". Die vergleichsweise logische Konsequenz, das Programm auszuweiten, ist bis heute nicht gezogen worden. 2016 waren fünf Frauen und dreizehn Männer aus Ghana, Elfenbeinküste, Kenia, Mosambik, Nigeria, Togo und Uganda in Deutschland. Nach ihrer Rückkehr sollen diese wenigen den Ruhm von "Made in Germany" mehren, weil der Exportweltmeister auch Exportweltmeister bleiben will. Und der Markt ist zu verlockend, noch immer gibt es afrikaweit keine 50 Autos auf tausend Einwohner.

Zugleich hat McKinsey rund 16 Millionen Menschen zur afrikanischen Mittelschicht gezählt. In Afrika habe sich "bereits heute eine wachsende Mittelschicht mit steigender Konsumneigung herausgebildet", schreibt auch das Statistische Landesamt Baden-Württemberg im Herbst 2016. Nach seiner Analyse "dürften zukünftig nicht nur die Warenimporte aus dem Ausland zunehmen, sondern zugleich der Bedarf an heimischen Produktionsstätten steigen", was wiederum "eine Vielzahl neuer Jobs in Afrika entstehen lassen und der baden-württembergischen und deutschen Exportwirtschaft andererseits möglicherweise neue Absatzchancen eröffnen könnte".

Albrecht von Boeselager zieht viel weitsichtigere Schlüsse. Er plädiert leidenschaftlich für eine Öffnung Europas: "Die Geschichte zeigt immer wieder, dass Gesellschaften, die sich Veränderungen nicht stellen, die sich nach außen abschließen, zunächst irrelevant werden und dann untergehen." Er wolle in einem Land leben, "das die Kraft hat, sich Veränderungen zu stellen und damit für meine und unsere Kinder in der Welt relevant bleibt". Und das nicht durch "absolute Abschottung Ressentiments und Hass erzeugt, und an dessen Grenzen Massengräber wachsen, und das möglicherweise am Ende dann doch überrannt wird". So oder so ähnlich hatte Erhard Eppler schon Ende der Sechziger argumentiert. Entwicklungspolitik fordere die Lernfähigkeit "unserer Gesellschaft heraus, ihre Bereitschaft, die Sorgen anderer Völker zu teilen und ihre Entscheidungen ernst zu nehmen, und muss in diesem Sinne immer eine gemeinsame Weltinnenpolitik sein".


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5 Kommentare verfügbar

  • andromeda
    am 27.03.2017
    Antworten
    Wie Entwicklungshilfe funktioniert :

    Beispiel 1
    ARTE-Dokumentation "Milliarden für den Stillstand"
    https://www.youtube.com/watch?v=3Q7piBiWENk

    Vorsicht , nicht den SW -Film (ist zum Ende hin einseitige Propaganda)

    Beispiel 2
    In Ergänzung zu Beispiel 1 ,

    ab 22:00 der Arte-Doku…
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