Der Stuttgarter Weihnachtsmarkt. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 299
Gesellschaft

Als Mensch erkannt werden

Von Peter Grohmann
Datum: 21.12.2016
Können wir uns Mut machen in diesen Berliner Tagen oder nur resignierend mit den Schultern zucken? Unser Autor will dazu anstiften, laut zu werden - für das Privileg, in Freiheit und Demokratie zu leben.

1434: Advent auf dem Dresdner Altmarkt. Da kamen durch die Jahre die Händler aus Ost und West, aus Süd und Nord, sie kamen aus Böhmen und Mähren auf den Striezelmarkt. Sie kamen über den Großen Belt und aus den alten Städten der Hanse und dem Neuen Land. Und immer dazwischen die Käufer und Verkauften, kunterbuntes, reiches armes Volk, Handel und Händel suchend, im Gepäck Lebkuchen und neue Testamente, Glasperlen, die abhängig machen. Und dazwischen die Kriege, die fürchterlichen Siege und Niederlagen: Hungerjahre, und die Eroberer im niedergeschlagenen Land, dem eigenen und dem fremden.

2016: Heute auf den Weihachsmärkten, nach fast 600 Jahren, sind da die Zeiten anders, die Siege, die Niederlagen weniger fürchterlich? Man ist sich näher und doch fremd geblieben, abhängig. Wir wissen alles über uns und doch zu wenig über die anderen. Wir kennen mehr als alle Fakten und sind nicht mehr in der Lage, sie gewinnbringend zu bewerten. Kennen wir die anderen, die Fremden – und das Fremde in uns tatsächlich?

Warum stellen wir Menschen uns gegen das, was uns miteinander verbindet, gegen das, was wir gemeinsam haben – unser Menschsein? "Der Fremde in uns, das ist der uns eigene Teil, der uns abhanden kam und den wir zeit unseres Lebens, jeder auf seine Weise, wiederzufinden versuchen", sagt der Psychoanalytiker Arno Gruen, der 1936 mit seiner Familie vor den Nazis in die USA geflüchtet ist.

Können wir uns Mut machen heute, an Weihnachten 2016? Hoffnung vielleicht für das Kleine, für die kurzen Schritte, für das tägliche Engagement? Das geht gegen die Angst, das hilft, den Fremden in uns und den Fremden im Alltag zu erkennen, denn ich kann doch nur ein Mensch sein, wenn mich ein anderer als Mensch erkennt.

Es ist ein alter Traum, erkannt zu werden in diesen Zeiten – als Mensch mit Schwächen, als BürgerIn, als Citoyen. Das geht nur, wenn wir selbst auch den Nächsten im Blick haben: die Leute mit ihrer Ohnmacht, Schwäche, Hilflosigkeit, mit ihrem Hunger nach Gerechtigkeit. Sie leben nicht nur in Wilmersdorf, Gomadingen oder Tettnang. Sie waren auch in Aleppo zu Hause, in Mossul, in den kurdischen Bergen. 

Es sind die neuen internationalen Brigaden, die Kellerkinder der neuen Zeit, die Schwangeren auf den schwankenden schäbigen Schiffen, nordwärts getrieben von Verfolgung, Angst, Terror und Fanatismus, der doch auch bei uns zu Hause ist! Die Nächsten von heute sind die HIV-positiven Jugendlichen in den Townships, die arbeitslosen Jungs und Mädels im Maghreb, es sind die 100 000 Verhafteten in der Türkei, die angeketteten Gefangenen der ägyptischen Stasi, die wir als unsere Nächsten erkennen müssen.

Den Nächsten im Blick zu haben – das wird nur klappen, wenn wir mehr als Wohlstand, Vollbeschäftigung und Selbstzufriedenheit in den Blick nehmen, mehr als das eigene Stück deutsches Land. Es klappt nur, wenn wir die Augen aufmachen und offenhalten.

Es lohnt sich alle Anstrengung, für bessere Sicht zu sorgen und für die freie Sicht zu streiten. Dazu gehört der schärfere Blick auf asoziale Medien und obskure Netzwerke. Dazu gehören kluge Widerworte. Dazu gehört: laut zu sein, wenn Stille gefordert wird. Es ist unser Privileg, für Freiheit und Demokratie einzustehen, für das Recht auf freie Meinung, auf eine freie, unabhängige Presse.

Die Republiken nur schlecht zu reden, ist das Privileg der orthodoxen Rechten, der konservativen und reaktionären Statthalter überall auf der Welt – und aller, die jedem Streit, jeder Kritik aus dem Wege gehen. Und: Wer in diesen Berliner Tagen mit einem resignierenden Schulterzucken dem politischen und sozialen Engagement mit der Behauptung entgegentritt, man könne ja doch nichts tun, dem werden wir das Gegenteil beweisen.

Wir brauchen die kleinen anstrengenden Schritte im Alltag. Diese Anstrengung nenne ich Selbstermächtigung, und Vertrauen in die gemeinsame Sache, die so schwer zu beschreiben ist. Wäre es zu wenig, aufrecht zu gehen und Mensch zu sein?

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5 Kommentare verfügbar

  • Schwabe
    am 23.12.2016
    Richtige, schöne und gute Worte von Peter Grohmann.
    Jeder der so und ähnlich denkt kann ja gar nicht anders als "im Kleinen", in "kurzen Schritten", mit seinen Fähigkeiten/seinem Engagement in "Selbstermächtigung" weiter zu machen. Ich hoffe das diese Worte von Peter Grohmann weitere Menschen aufrüttelt.
    Sorge macht mir, dass es zu wenige sind die so denken um (national/international) entscheidendes in Richtung Menschlichkeit und Frieden zu bewegen.
    Denn im Vergleich zu den durch Meinungsmanipulation Fremdbestimmten und den durch schwierige Lebensverhältnisse gelähmten/lethargischen Massen, sind die "Selbstermächtigten" eine krasse Minderheit.
    Ich sage nicht das es unmöglich ist die Fremdbestimmten/die Massen zu mobilisieren (siehe USA Bernie Sanders oder in England Jeremy Corbyn), doch die meisten Menschen sind aufgrund der genannten Umstände weit davon entfernt die Brutalität der herrschenden Eliten in Wirtschaft und Politik im eigenen Land zu erkennen und damit die wahren Ursachen. Denn erst wenn das geschieht, werden die Massen andere/fremde wieder als Menschen/Fremde/Freunde erkennen und feststellen, dass diese für das Elend nicht verantwortlich sind.
  • Barbara Biester
    am 22.12.2016
    Herrn Ruch muss ich da Recht geben. Wir sollten ein wenig innehalten,.
    Zuhören und reflektieren hilft oft, ist anstrengend,aber hilft sich andere Meinungen einmal durch den Kopf gehen zu lassen.
    Sicher ist leider, dass Ideologie nicht hilfreich bei Diskussionen ist und leider haben wir an Ideologen im Moment zu viel.
    Hier besteht praktisch keinerlei Chance mehr, diese Menschen erreichen zu können.
    Eine ägyptische Philosophin meinte zu diesem Thema, mit dem Militär kann ich noch reden und diskutieren ,mit Ideologen ist leider keinerlei Gespräch möglich.
    Drum ist ein Hinterfragen auch unserer eigenen Haltung jeden Tag notwendig und nur anzuklagen hilft nicht wirklich.
  • Maria - Mensch SEIN
    am 21.12.2016
    hat auch mit Natürlichkeit zu tun, der Gegend in die wir geboren wurden, in der wir leben und in der wir uns zu Fuß innerhalb eines Tages bewegen können.
    Wo wir mit den anderen lebendigen Menschen auf Augenhöhe kommunizieren können, die uns verstehen, auch, weil sie das energetische Umfeld erfühlt haben, Tei davon sind, wenn auch unbewusst.
    Das Wetter, die Nahrung, samt all den bilogischen lebewesen, die wir dadurch aufnehmen, die Winde, die nicht sichtbaren Dinge, die uns wissen lassen, das es regnen wird oder das es Mücken am Abend geben wird, ...

    Künstliche, von Wirtschafts- Geldgier- oder Machtzielen aufgedrückte Globalisierung ist Tod-bringend, dazu gehört auch das UN-Replacement-Migrationsprogramm, das Herr Schäuble so heiligt, weil es uns "vor Inzucht schützt", ...,
    ganze Stadtteile, die in archaischen Clanstrukturen versinken, ...

    Aus dem Globalismus wird die Heilung nicht kommen,
    wohl aber aus dem Kleinen, dem Überschaubaren, dem Erlebbaren, der Natürlichkeit, des lebendigen Seins.

    JEDE Gemeinde, alle Menschen, die dort zusammen wohnen, jeder Stadtteil, ... MUSS sich wieder erinnern an das LEBEN und was das in der Tiefe bedeutet.

    "Wenn viele kleine Menschen,
    in vielen kleinen Dörfern,
    viele kleine Dinge tun,
    dann werden sie das Angesicht der Erde verändern."
    Dieses afrikanische Sprichwort sagt es uns ganz einfach in einfachen Worten:
    Liebe und Wertschätzung in der Familie,
    Liebe und Wertschätzung im Dorf, der Natur, dem Leben,
    Liebe und Wertschätzung zum Nachbardorf, ...

    Die Goldene Regel Sinn-gemäß:
    Ich tue nur die Dinge,
    die ich auch möchte,
    dass die anderen sie mir tun - liebe Deinen Nächsten,
    wie DICH SELBST!

    Lieben wir uns selbst, unsere Heimat, unsere Nachbarn, unseren Humus, der fruchtbare lebendige und wahrhaft nährende Lebens-Mittel hervorbringt, ...
    lieben wir unsere Erde,
    dann können wir auch alle anderen lieben.
  • Fritz
    am 21.12.2016
    Extremismus jeder Art ist zu verurteilen, Gewalt gegen andere Menschen auf sowieso.

    Ein Aufruf zur Besonnenheit ist derzeit sicherlich die beste Entscheidung. Von daher hat Herr Grohmann meinen Respekt.

    Es ist zu hoffen, daß unsere Politiker diesen traurigen Anlass nicht wieder flächendeckend dazu missbrauchen wollen, um eine Verschärfung völlig sinnloser und repressiver Überwachungsmassnahmen zu fordern. Oder zur besonders miesen Stimmungmache gegen ganze Religionen und Ethnien.

    Die beste Antwort auf Terror ist die eigene, moralische Überlegenheit zu beweisen und eine freie Gesellschaft zu bleiben. Und sich nicht auf das Niveau der Barbarei zu begeben.
  • Horst Ruch
    am 21.12.2016
    .....ja es ist wahrlich schwer....
    der Argumentation zu folgen, die Antoine Leiris' in seiner Chronik "meinen Hass bekommt ihr nicht" nach dem Islamistischen Attentat in Paris v.13.11.2015 beschreibt...
    Es fängt im Klein,Klein (S21) an, daß man den Nachbarn mit der anderen Meinung nicht versteht, obwohl er die gleiche Hautfarbe und die uns verständliche (christliche)Sprache spricht, die uns so oft sprachlos macht.
    Unserer (nimmer)satten Nachkriegs-Generation, medial überfordert, fällt es unendlich schwerer in Demut zu handeln, als den uns nur aus dem "all inclusive"Urlaubsland bekannten "Habenichtsen" außerhalb der Luxus-Resorts...
    Ja, Grohmann es gibt noch viel zu tun, packen wir's an der Wurzel an, aber bitte nicht "nur" von links.

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