KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Vonovia und Apollo in Stuttgart

Das Schepperbuden-Karussell

Vonovia und Apollo in Stuttgart: Das Schepperbuden-Karussell
|

Datum:

Zum Schnäppchenpreis verhökerte Baden-Württemberg 20.000 Wohnungen. Innerhalb von zehn Jahren hat sich ihr Marktwert mehr als verdoppelt. Jüngst ist ein US-amerikanisches Finanzunternehmen mit einem Milliardeninvestment eingestiegen. Ein Besuch bei denen, die mitverkauft werden.

Josef Schmidt, ein Mittfünfziger in grauen Jogginghosen, weißem T-Shirt und schwarzen Pantoffeln freut sich über Pressebesuch. Vieles hat er zu erzählen – größtenteils negatives. Zwei Jahrzehnte lang lebt er nun hier in seiner Wohnung, seit seinem Einzug habe sich aber einiges verändert. "Damals habe ich 500 Euro Miete bezahlt", erinnert er sich. Heute berechnet ihm der Immobilienriese Vonovia monatlich 806 Euro für die 53 Quadratmeter in der Friedhofstraße 11: ein schlichtes Hochhaus mit vielen Balkonen, 15 Stockwerken und einer abwechselnd grau-beige und rostbraun gestrichenen Fassade, nur einen Steinwurf von dem Gleisfeld entfernt, über das Züge in den Stuttgarter Hauptbahnhof donnern. Mit der Wohnung an sich, sagt Schmidt, hat er keine Probleme. Allerdings ist bei ihm inzwischen der Eindruck entstanden, auf einer permanenten Baustelle zu leben. Den Boden in seinen vier Wänden hat er vor langer Zeit selbst verlegt. "Die Vonovia macht bei Renovierungen nur das, woran sie Geld verdienen kann", meint er – also meistens gar nichts. "Normalerweise wird erst renoviert, sobald jemand auszieht, sodass vom Nachmieter dann eine höhere Miete verlangt werden kann."

Ein ganz anderes Paar Schuhe sind hingegen Modernisierungen, deren Kosten auf die Miete umgelegt werden dürfen. Denn die würden laut Schmidt auch dann erfolgen, wenn sie gar niemand will oder braucht. "Das müssen wir dann einfach dulden." Er hat das am eigenen Leib erfahren: Zwischen 2018 und 2020 wurde das Gebäude in der Friedhofstraße energetisch modernisiert. Seitdem zahlt Schmidt mehr Kaltmiete – und höhere Nebenkosten. Wie er berichtet, wird das Hochhaus zusammen mit zwei weiteren Vonovia-Wohnhäusern in der Mönchstraße mit Fernwärme beheizt. Eine getrennte Abrechnung erfolgt nicht, obwohl die Gebäude in der Mönchstraße noch auf eine energetische Modernisierung warten. Schmidt findet das ungerecht, prüft mit anderen Mieter:innen, wie eine Klage erfolgreich ablaufen könnte – und ärgert sich: "Die Vonovia hat die Heizkostenvorauszahlung in der Friedhofstraße 11 von 39 Euro im März 2022 auf 97 Euro im Juni 2023 erhöht. Das ist eine Steigerung von 249 Prozent in einem Jahr. Wie kann es sein, dass ein energetisch modernisiertes Haus so viel mehr für die Heizung zahlen muss als vorher?"

Aus der Staatshand zum Immobilienriesen

Was für Mieter:innen eine zunehmende Belastung darstellt, ist für die Vonovia eine sprudelnde Geldquelle: Mehr als eine Million Menschen wohnen in den Häusern des größten deutschen Immobilienunternehmens, das seit seiner Gründung 2001 einen rasanten Aufstieg hingelegt hat und inzwischen neben Global Playern wie Daimler und Allianz im DAX gelistet ist. Ein elementarer Bestandteil der Erfolgsstrategie ist dabei der Aufkauf großer Wohnungsbestände. So auch im Gründungsjahr: Damals erwarb die Vonovia – zu dieser Zeit noch unter dem Namen Deutsche Annington – elf der achtzehn Eisenbahnerwohnungsbaugesellschaften, die im Zuge der Bahnreform privatisiert wurden, und sicherte sich so insgesamt 65.000 Wohnungen zu günstigen Konditionen.

Auch die Hochhäuser in der Friedhofs- und der Mönchstraße haben einmal dem Staat gehört: als Teil der 20.000 Wohnungen, die 2012 von der Landesbank Baden-Württemberg in den Besitz der Patrizia Immobilien AG übergingen. Damals lag der Kaufpreis bei 1,43 Milliarden Euro, was etwa 70.000 Euro pro Wohnung entspricht – ein Schnäppchen, insbesondere für Stuttgart, wo vergleichbare Preise für Gartenhütten ausgerufen werden. Die Patrizia sprach damals von einer "langfristigen Anlage". Doch nur drei Jahre später verkaufte sie die Wohnungen weiter an die Deutsche Annington, mit einem Gewinn von mehr als 500 Millionen Euro. Heute beziffert die Vonovia den Marktwert der Liegenschaften auf stolze 3,3 Milliarden Euro und verkauft Anteile im Wert von einer Milliarde an den US-amerikanischen Finanzinvestor Apollo. Für Mieter:innen werde sich durch die Transaktion nichts ändern, versichert Rolf Buch, Vorstandsvorsitzender der Vonovia. Zugleich betont sein Unternehmen, dass der Investor durch die Zusammenarbeit "Zugang zu einer attraktiven Anlageklasse" erhalte. Es wäre ein Novum, wenn ein Finanzunternehmen kein Interesse daran hätte, das eingesetzte Geld wieder zurückzubekommen.

20 Euro pro Quadratmeter

"Eine Gelddruckmaschine", nennt Josef Schmidt das Investment in die alten Eisenbahnerwohnungen und unterstellt der Vonovia, "mit allen möglichen kleinen Beträgen Geld machen zu wollen". Etwa der Hausmeister, für den die Mieter:innen jeweils mehr als 100 Euro bezahlt haben. "Ich habe den Hausmeister mal gefragt, was er verdient und das dann hochgerechnet auf unsere Kosten für ihn. Dabei ist rausgekommen, dass die Vonovia etwa 1.500 Euro pro Monat mehr kassiert, als sie der Hausmeister überhaupt kostet." Nach vielen Reklamationen wurde der Hausmeisterbeitrag schließlich auf 70 Euro reduziert.

Dennoch bleibt die Belastung durch Mietkosten immens. Schmidts Nachbar Abdul Mateen zahlt für 35 Quadratmeter gut 700 Euro pro Monat. "Mein Büro ist hier in der Nähe, alles ist schnell und fußläufig zu erreichen. Das Viertel mag ich sehr gerne", sagt er. Trotzdem bereitet ihm die hohe Miete Bauchschmerzen. "Ich habe keine andere Wahl, es ist allgemein schwierig eine Wohnung zu finden." Ein Paar mit drei Kindern, das ebenfalls hier wohnt und nicht mit Namen in der Zeitung auftauchen möchte, hat sieben Jahre lang nach einer geeigneten Wohnung gesucht. Seit August 2022 leben sie nun hier in der Friedhofstraße und beklagen die schlechte Ausstattung und den zu hohen Mietpreis. Trotzdem ist es für sie, gemessen am Stuttgarter Wahnsinn, "noch okay". Die 35-jährige Mutter erzählt: "Ich habe Freunde, die bezahlen 1.600 im Monat." Bevor sie hierher gezogen sind, waren sie Mieter:innen bei der städtischen Wohnungsgesellschaft SWSG: "Für unsere Drei-Zimmer-Wohnung mit 76 Quadratmetern haben wir unter 1.000 Euro bezahlt. Dann haben wir Zwillinge bekommen und es wurde zu eng für drei Kinder in einem Schlafzimmer."

Steigende Mieten, sinkende Aktienwerte

Günstige Wohnungen in öffentlicher Hand konnten in der Bundesrepublik lange Zeit die Marktpreise dämpfen – doch der Bestand sinkt immer weiter. Vor 20 Jahren gab es noch etwa 2,6 Millionen Sozialwohnungen in Deutschland. Heute sind es – entgegen politischen Bekundungen, an einer Trendwende zu arbeiten – nur noch 1,1 Millionen. Besonders erschreckend ist der Langzeittrend: 1965 gab ein Zweipersonenhaushalt mit durchschnittlichem Einkommen etwa 16 Prozent des monatlich verfügbaren Budgets für die Miete aus; Ende 2021 lag der Durchschnitt bei 27,6 Prozent, bei Einpersonenhaushalten sogar bei 35,4 Prozent.

Auch eine Mieterin im noch nicht sanierten Haus in der Mönchstraße 3 musste schlagartig mehr ihres Gehalts für die Miete aufbringen. "Letztes Jahr, als ich gerade mal eineinhalb Jahre hier gelebt habe, stieg die Miete plötzlich um 50 Euro im Monat an", beschwert sich die 44-Jährige, die namentlich nicht genannt werden will. Sie bezahlt mittlerweile 865 Euro warm für 56 Quadratmeter im Erdgeschoss. "Die Mieten werden erhöht, obwohl nichts renoviert wird." Genauso wenig erklären kann sich Marius Volcan den plötzlichen Mietpreisanstieg. Vor sechs Monaten hier eingezogen, kam bereits nach zwei Monaten ein Brief von Vonovia: Statt 1.050 Euro wie bisher, bezahlte er ab sofort 1.079. Den Grund kennt er nicht, nachgefragt habe er auch nicht. "Die Preise sind Zufall, so ist halt das System", meint ein 27-jähriger Mieter in der Friedhofstraße 11. Seine Nachbarin nebenan bezahle für die Wohnung mit demselben 60-Quadratmeter-Grundriss 700 Euro – 100 Euro weniger als er. "Natürlich könnte ich mich darüber beschweren, aber ich weiß ja, dass das nichts bringt."

Besserung ist nicht absehbar. Während Immobilieninvestments in den vergangenen Jahren satte Profite versprachen, ist die Stimmung in der Branche gekippt. Börsennotierte Unternehmen in Deutschland beglückten ihre Anteilseigner in diesem Jahr mit Rekordausschüttungen. Die Vonovia hingegen hat ihre Dividende im Vergleich zu 2022 halbiert. Der Aktienwert sank in zwölf Monaten um mehr als 40 Prozent. Und den Investor Apollo ins Boot zu holen, soll nach Angaben des Unternehmens insbesondere dazu dienen, die angestauten Schulden abzubauen. Die Vonovia verweist auf die Leitzinserhöhung durch die EZB und auf steigende Baukosten durch die Inflation – und kündigte an, alle Neubauprojekte vorerst auf Eis zu legen.

Bittere Neuigkeiten für eine Politik, die das "Bauen, Bauen, Bauen!" als wichtigstes Instrument gegen die Wohnungsnot preist, allen Erfahrungen zum Trotz auf investorenorientierte Projekte setzt und immer noch glaubt, die Daseinsfürsorge sei bei Privatunternehmen besser aufgehoben als in staatlicher Hand. Doch ähnlich wie beim Gesundheitswesen zeichnet sich immer deutlicher ab, dass es sich rächen kann, wenn unverzichtbare Bedürfnisse zur Grundlage für lukrative Geschäftsmodelle werden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!