KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

"Bild" und die Letzte Generation

Lieber tot als zu spät

"Bild" und die Letzte Generation: Lieber tot als zu spät
|

Datum:

Wenn das so weitergeht mit der legitimierten Gewalt gegen "Klima-Kleber", ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der erste von ihnen erschossen oder totgeschlagen wird, meint unsere Kolumnistin.

Man kann von "Klima-Klebern" halten, was man möchte, doch eines ist keine Ansichtssache: Die Endzeit-Nervensägen haben es in kürzester Zeit geschafft, mit geringen Mitteln maximale Aufmerksamkeit für ihr hehres Anliegen (Planet retten) zu bekommen und die Blamage der kapitalistischen Gesellschaft in grotesken Szenen auf deutschen Straßen zu offenbaren. Seitdem Fridays for Future Abi machen mussten oder ihnen aus anderen Gründen die Luft zum Labern ausgegangen ist, vergeht kaum eine Woche, in der die Klimakids mit dem Sekundenkleber im Anschlag nicht mit irgendeiner Schlagzeile in Medien skandalisiert werden. Schon Anfang vergangenen Jahres kursierten Videos im Netz, in denen etwa ein dicker Wutbürger Mitte vierzig einem drahtigen Klima-Aktivisten mitten ins Gesicht schlägt, während er "los verpiss dich, wir müssen arbeiten" schreit. Purer Hass spritzte ihm aus allen Poren – weil ihm der Studentenbengel mit ein paar anderen Mitgliedern einer Klima-Protestbewegung den Weg zur Arbeit versperrte. Wow.

Auch in zahlreichen anderen Aufnahmen von deutschen Straßen sah man wütende Männer mit kurzer Zündschnur, die aus LKWs und Firmenwägen springen, um die Festgepappten wegzuzerren, zu stoßen und wie leblose Puppen über den Asphalt zu schleifen – weil sie nicht pünktlich zur Arbeit kamen und offenbar nicht wussten, wie man ein Telefon bedient, um eben dort anzurufen und die unverschuldete Verspätung durchzugeben. Schon damals waren der eigentliche Skandal nicht Leute, die sich auf die Straße kleben, um die Politik zur Klimablitzwende zu zwingen.

Niemand griff ein, als die Kleber-Kids vor laufenden Kameras von irgendwelchen wildgewordenen Typen misshandelt und geschlagen wurden. Pogromgeile Deutsche hassten lieber wieder im Kollektiv – und wurden darin von Beginn an von zahlreichen Medien moralisch bestätigt. Statt sich inhaltlich mit den renitenten Nervensägen auseinanderzusetzen und die Notwendigkeit eines kompletten Systemwandels hinsichtlich einer immer unbewohnbareren Welt zum Gegenstand der Diskussion zu machen, beschwor man lieber die "grüne RAF", schürte Ängste vor "Klimaterroristen" und dämonisierte eine erstaunlich effektive Protestbewegung zum eigentlichen Problem. Bis heute.

Und es wird immer schlimmer. Seit Gerichte Klima-Aktivist:innen unverhältnismäßig lange in den Knast schicken, weil sie eine Straße blockiert haben, werden die Schreie nach drastischeren Strafen immer lauter. "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt twitterte vor Kurzem "Notwehr ist keine Selbstjustiz" und verwies auf einen "Welt"-Text, in dem eine Professorin für Strafrecht erklärt: "Aktivisten von der Fahrbahn loszureißen und wegzutragen ist eindeutig zulässig, auch wenn das wegen des Klebers zu erheblichen Handverletzungen führen sollte."

Jüngst forderte der Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, "Klima-Kleber" nach "bayerischem Modell" bis zu 30 Tage statt 48 Stunden in Gewahrsam nehmen zu dürfen. Man werde "die Situation erst in den Griff bekommen, wenn die Strafen härter werden", spricht Wendt den Deutschen aus dem autoritären Herzen. Was kann man auch sonst tun? Sich ernsthaft mit den Folgen des Klimawandels und der Notwendigkeit eines Systemwandels auseinandersetzen? So weit kommt's noch, Freundchen! Lieber überwachen und strafen, hetzen und draufhauen!

Bloß nicht das System ändern!

Gute Argumente, die über die Strafbarkeit einer Straßenblockade hinausgehen, hat indes niemand. Nicht die Politik. Nicht die Wüteriche. Nicht die Polizei. Denn die Sorge der verdammten "Klima-Kleber" ist verdammt nochmal berechtigt. Dazu muss man nur einmal einen Blick in den aktuellen IPCC-Sachberichtsstand des Weltklimarats werfen. Dem Bericht zufolge, in dem hunderte Expertinnen und Experten den aktuellen Stand aus der Klimaforschung zusammengetragen haben, ist die Lage so schlimm wie nie: Die Erderwärmung zerstört schon jetzt mehr Ökosysteme als angenommen; wenn jetzt nicht politisch gehandelt wird, sind zukünftige Generationen auf diesem Planeten einfach im Arsch. Fakt. Und jetzt sollen irgendwelche 20-Jährige das Problem sein, die das höchst besorgniserregend finden und wollen, dass die Regierung Lebensgrundlagen statt Wirtschaftsprofite schützt? Ja. Weil unangenehm. Schnell weg mit den personifizierten kognitiven Dissonanzen. Von der Straße reißen! Einsperren! Am besten gleich abschieben, wenn ein paar Flüchtlinge dabei sind! Wo kommen wir auch hin, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse und Menschen ernst genommen würden, die im Gegensatz zu den Machthabenden noch ihr ganzes Leben auf einer tickenden Bombe vor sich haben?

Richtig. Wir kommen an einen Punkt, an dem man sich eingestehen muss, dass man ein ideologisch verblödeter "Systemling" ist – genau das, was viele der "Klima-Kleber"- und "Linksgrün"-Hasser gerade den von ihnen Verhassten vorwerfen. Dabei gibt es nichts Verblödeteres auf der Welt, als ein System zu verteidigen, das die Vernichtung aller verursacht, die kein Geld für unterirdische Luxus-Bunkeranlagen auf Neuseeland haben. Und seit sich unter Klima-Bewegten herumgesprochen hat, dass es nicht nur einen "Climate Change", sondern selbstverständlich einen "System Change" benötigt, um den Karren weltweit aus dem Dreck zu ziehen, müssen nicht nur "die Linken", sondern auch Klima-Aktivist:innen härter denn je mit allem bekämpft werden, was das ideologische Repertoire zur Verteidigung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse hergibt.

"Bild" hat mitgeschossen

Das hat schon vor mehr als 50 Jahren gut funktioniert, als die "Bild"-Zeitung und die "BZ" die Bevölkerung so sehr gegen die "Politgammler", "Eiterbeulen" und "Wirrköpfe" der Studentenbewegung aufhetzten, dass nach Schlagzeilen wie "Stoppt den Terror der Jung-Roten" oder "Unruhestifter unter Studenten ausmerzen!" tatsächlich ein Hilfsarbeiter eine Knarre in die Hand nahm und den Studentenführer Rudi Dutschke niederstreckte. Ein Jahr zuvor erschoss ein Polizist bereits einen anderen Studenten, Benno Ohnesorg – ebenfalls aufgehetzt durch "Bild", die "Polizeihiebe auf Krawallköpfe" forderte. Genau dieselbe Scheiße passiert jetzt wieder: "Anschlags-Pakt! Klima-Chaoten verbünden sich mit Linksextremen", titelte die "Bild" vergangene Woche, um zu suggerieren, dass sich die "Klima-Kleber" jetzt auch noch mit den "Linksextremisten" zu einer kommunistischen Superstalin-Einheit verbünden würden, um gemeinsam "schwere Straftaten" zu verüben.

Der perfekte moralische Beipackzettel für den nächsten körperlichen Übergriff auf die "Eiterbeulen" und "Wirrköpfe", die den nächsten Stau im Berufsverkehr verursachen. EINEN STAU! EINEN FUCKING STAU! Warum also nicht gleich mit der geladenen Waffe im Handschuhfach zur Arbeit fahren?! Damit endlich Schluss ist mit den "Jung-Roten", der "Klima-RAF", den bolschewoken Drecksgören von "Klima-Terroristen"! Wegsperren hilft ja offenbar nix!

"Wer Terror produziert, muß Härte in Kauf nehmen", wusste die "Bild" am Tag nach dem Benno Ohnesorg erschossen worden war. Irgend sowas muss sich auch der abgefuckte Querdenker gedacht haben, als er während der Corona-Zeit einen Studenten in einer Tankstelle erschoss, weil der ihn auf die Maskenpflicht hinwies. Irgend sowas wird auch dem nächsten Wutbürger durch den Kopf gegangen sein, bevor er im Stau des Berufsverkehrs sein persönliches "Falling Down" (Film, USA, 1993) erlebt und einen "Klima-Kleber" erschossen oder totgeschlagen haben wird. "Aus Notwehr", könnte es zum Beispiel in der "Bild" dann heißen. "Weil er pünktlich auf Arbeit sein wollte."


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


25 Kommentare verfügbar

  • Andreas Heyn
    am 24.05.2023
    Antworten
    Der Titel unter dem Bild zeigt die "Beliebtheit" der grünen "Diktatoren" in der Bevölkerung.

    "Manche würden am liebsten drüberrollen: Der Hass auf die Letzte Generation hat gefährliche Ausmaße angenommen."

    Fazit: Mit solchen Mitteln erreicht man nur das Gegenteil!
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!