KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Elon Musks Verteidiger:innen

Im Windschatten des reichsten Furzes

Elon Musks Verteidiger:innen: Im Windschatten des reichsten Furzes
|

Datum:

Als wären Superreiche wie Elon Musk nicht schon gruselig genug, zeichnet sich nach der Twitter-Übernahme des Milliardärs ein fast noch gruseligeres Gesellschaftsphänomen ab: "billionaire simps" – Trottel, die Superreiche verteidigen.

Jaja, Drogen sind cool, aber haben Sie jemals eine Beobachtung gemacht oder einen Gedanken gehabt, für den Sie keine Worte hatten – und dann haben Sie irgendwo einen Begriff gefunden und gedacht: "Ja fuck, GENAU das trifft's"? So ging es mir vor Kurzem mit einem Begriff, der eine Beobachtung perfekt beschreibt, die ich schon oft gemacht habe: Wenn Leute schlecht behandelt werden, aber aufgrund von (Bildungs-)Ausschluss keine Sprache oder Denkkategorien haben, in denen das Erlebte denkbar, mitteilbar und kritisierbar ist, spricht man von "hermeneutischer Ungerechtigkeit". Bevor es zum Beispiel den Begriff "Catcalling" (sexistische Sprüche im öffentlichen Raum oder Hinterherpfeifen) gab, konnten Betroffene dieses Phänomen überhaupt nicht zuordnen, hielten es für ein subjektives Problem und konnten es weder richtig benennen noch anprangern. Seit das Kind jedoch einen Namen hat und es mehr Bewusstsein für diese Form von sexueller Belästigung gibt, kann es sogar sanktioniert werden: In Frankreich etwa ist Catcalling strafbar und wird mit bis zu 750 Euro geahndet.

Anfang der Woche hatte ich wieder so ein Begriffs-High, als ich einen Begriff für folgendes Phänomen gefunden habe: Normies – also "normale Leute", die steinreiche Leute so glühend gegen Kritik verteidigen, dass man meinen könnte, ihre eigene Mutter sei beleidigt worden.

Warum verteidigen so viele Leute einen reichen Sack?

Aktuell kann man das wunderbar beim reichsten Mann der Welt (Stand November 2022) beobachten, bei Elon Musk: Seit der 51-Jährige Twitter gekauft hat und durch desaströse Unternehmensführung und ein rechts-libertäres Verständnis von "free speech" aktuell auf dem besten Weg ist, sein 44 Milliarden-Spielzeug kaputt zu zwitschern, ist Twitter voll von Leuten, die ihrem Elon sofort zur Seite springen, wenn ihr Kultboy kritisiert oder ausgelacht wird. Musk konnte in den vergangenen Wochen wirklich jeden noch so offenkundigen Full-Trottel-Tweet raushauen – Tausende Leute in den Kommentaren verteidigten ihren "Genius", ihren "Visionary", ihren Space-X-Jesus und bissen sich wie tollwütige Hamster in die virtuellen Waden seiner Hater.

Warum? Ohne Scheiß, warum? Warum verteidigen Abertausende Menschen einen unermesslich reichen Sack, der mit einem Schlag den Welthunger beenden könnte, aber lieber Raketen für andere Reiche baut, damit die Sightseeing im All machen können? Wie peinlich ist das denn? Auch offline! Erst vergangenen Samstag hat mir ein Freund ein bisschen verschämt erzählt, dass es "doch schon krass sei, was Musk alles erreicht und erschaffen" hätte. Einfach ein "Ausnahmeunternehmer". Einer, der hart für seinen Reichtum gearbeitet hätte. Man sei ja doch "nur neidisch", wenn man Musk kritisiert. Auf dieses Argument läuft am Ende immer jede Kritik der Kritik an Superreichen hinaus. Klar, wer hätte nicht gerne keine Geldsorgen? Aber dieses ad-hominem-Argument ist bereits Teil dessen, was ich hier skizzieren möchte:

Während es in Deutschland bislang noch keine Begrifflichkeiten für das Phänomen gibt, bei dem irgendwelche Normies Superreiche hypen und verteidigen, spricht man in den USA schon länger von "rich people simping" oder "billionaire simping", also von "simps" (schlichtweg Deppen), die reichen Leuten übertriebenes Mitgefühl und Bewunderung entgegenbringen, die nicht erwidert werden. Ursprünglich bezeichnete der Begriff "simp" Männer, die sich extra-devot bei uninteressierten Frauen anbiedern, alles Mögliche für sie machen, um an Sex zu kommen, aber nie damit erfolgreich sind. Der "simp" ist damit das Gegenteil vom "pimp" – also einem Typen, der über "bitches" verfügt und sich nicht wie eine solche verhält.

Doch "simp" hat sich in Kombination mit anderen Bezügen im Internet längst verselbstständigt und wird, wie im Fall der Superreichen, auch für übertriebenes Anbiedern von irgendwelchen guys next door an Leute wie Elon Musk verwendet. "Verehren" passt nicht recht, weil zu positiv besetzt. Und auch "anbiedern" trifft es nicht, denn ein "simp" kommt im Gegensatz zum "pimp" nie ans Ziel, egal wie sehr er sich anbiedert. Trotzdem hat ein "simp" aber ein Motiv für sein läppisches Verhalten: die Gunst einer Frau. Was ist es also, das die Leute Superreiche so lappenhaft "simpen" lässt, wenn klar ist, dass "simping for billionaires" die reinste Form des "simpings" ist: Egal, wie arg man es will – man wird nie einer von ihnen werden.

Genie-Kult trifft auf neoliberalen Mythos

Wer sich ein bisschen mit "billionaire simping" beschäftigt, stellt alsbald fest, dass die Ursachen in Deutschland dieselben wie in den USA sind. Die totale Kommodifizierung des Individuums in der neoliberalen Hegemonie hat zu einer Fetischisierung der Ich-AG geführt, die das tragisch-dämlichste Narrativ des Einzelnen in der Gegenwart etablierte: Wer sich genügend anstrengt, kann es schaffen, kann auch in Tschörmeni vom Tellerwäscher zum Millionär werden. Und wer es "geschafft" hat, wer reich ist, hat es dieser Logik zufolge auch "verdient", reich zu sein, ist ein "genialer Unternehmer", ein "Macher".

Superreiche sind folgerichtig lediglich ihre als natürlich betrachtete Potenz. Scheiß auf Massenausbeutung, Vetterleswirtschaft. Scheiß drauf, dass die reichsten Leute vor allem geerbt haben – von Leuten, die wiederum durch Ausbeutung, Vetterleswirtschaft, Erbschaft oder Zwangsarbeit steinreich geworden sind. Superreiche wie Musk oder Jeff Bezos haben ihren angehäuften Reichtum nicht "verdient", sie haben ihn schlichtweg ergaunert: indem sie ihren Angestellten einen Lohn zahlen, der weniger wert ist als der Wert dessen, was die Angestellten produzieren; indem sie Krisen auf Kosten Dritter ausnutzen; indem sie aktiv in Politik eingreifen und, wie in Bolivien etwa, einen rechten Putsch unterstützen, um an Rohstoffe zu kommen. Wirklich jeder Kinderzimmer-Cryptolord kann sich zusammengoogeln, weshalb Menschen wie Bezos und Musk – man kann es nicht anders sagen – Schweine sind, die für Geld über Leichen gehen und auf dem Silbertablett präsentieren, weshalb Kapitalismus und Neoliberalismus menschenfeindliche Systeme sind.

Dennoch jauchzen große Teile der Gesellschaft lüstern unter ihren Geißeln, und Liberale hätten am liebsten, dass irgendeine unsichtbare Fantasy-Hand des Marktes alles lenkt. Weniger Staat – mehr Freiheit für die Einzelnen. Unternehmergeist als conditio humana des modernen Menschen. Dieses Märchen wird auch in Deutschland seit Generationen weitererzählt und spiegelt sich im "rich people simping" wider: der Glaube daran, dass Innovation – also das, was Musks "Unternehmergeist" unterstellt wird – von genialen Unternehmern und Unternehmen ausgehe. Genie-Kult trifft auf neoliberalen Mythos trifft auf autoritären Charakter. Dass private Investoren jedoch immer erst dann an etwas interessiert sind, wenn es durch öffentliche Gelder an staatlichen oder staatlich unterstützen Institutionen wie Schulen, Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen bereits erforscht, entwickelt und in seiner Funktionsweise erprobt wurde, wird ausgeblendet. Egal ob Pharmaindustrie, Internetgedöns oder Energiesektor: Grundlagen werden durch öffentliche Gelder geschaffen – Unternehmen machen auf Kosten Dritter Produkte daraus.

Und weil das Märchen vom genialen Unternehmergeist der Superreichen so gut ankommt, übernehmen die "billionaire simps" die Dümmste aller Reiche-Leute-Erzählungen gleich mit, während sie in steuerfinanzierten Einrichtungen lesen lernen, studieren, hartzen und ihre Helden auf steuerfinanzierten Autobahnen geile Karren durchdrücken, Gründer-Zuschüsse abgreifen oder gleich am Cum-exen sind: "Steuern sind Raub!"

Ja, liebe kulturmarxistische Wokie-Elite: Steuern sind Raub an genialen Superreichen, get over it im Namen der Demokratie! Sie habe ihren öffentlich geförderten Reichtum schließlich selbst ergaunert und ausgebeutet und schulden der Öffentlichkeit daher ein feuchten Fuzzi! Klarer Fall. Von Selbstsuggestion zur Vermeidung von unangenehmen Gedanken, die nicht nur ausschließlich die Vermehrung des privaten Vermögens betreffen, haha. Am besten privatisiert man einfach alles restlos durch und überlässt das Schicksal der gesamten Menschheit einem einzigen Superreichen mit viel Geld. Einfach alles: Bildung, Medien, Gesundheitswesen, Polizei, Justiz, Bibliotheken, Kunst, Kultur, den Weltraum, das Meer – und wer braucht schon politische Wahlen, wenn man eh keine Steuern mehr zahlen braucht?

Hach, es könnte so einfach sein in einer Welt mit einem genialen Führer, der das meiste Geld und die größte Macht hat. Ein gottgleicher Space-Jesus, der es nur gut mit den Menschen und ihrer individuellen Freiheit meint. Einen, in dem jeder simp die bittere Erkenntnis der Bedeutungslosigkeit seiner eigenen Existenz wie Valium auflösen und sich im Windschatten des mächtigsten Furzes der Welt selbst überhöhen kann. Jemand, der einem die Ketten vergoldet. Ich mein', was soll schon schiefgehen mit einem, der aktuell Leute von Twitter cancelt, die sich über ihn lustig machen, ohne dass sie das Wort "PARODIE" gut erkenntlich im Twitter-Namen vermerkt haben?


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


8 Kommentare verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    vor 2 Wochen
    Antworten
    Hinterher trotteln, jenen Akteuren, die sich WELTWEIT dadurch einen Namen machen, dass von ihnen überzähliges Geld für strafbares Handeln wirksam ausgegeben wird; strafbar gegen Völker-Recht und Menschen-Recht [1]!!!

    Dennoch ist nicht hilfreich, und schon gar nicht zielführend, sich einer…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:




Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 2 Tagen 23 Stunden
Sehr interessant!


Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!