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Kacke an der Backe

Die Scheiße der Anderen

Kacke an der Backe: Die Scheiße der Anderen
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Ein Starchoreograf schmiert einer Tanzkritikerin Dackelkacke an die Backe, und der Empörungszug fährt mit Vollgas über die ganze Welt. Gratismut angesichts der kritikwürdigen Zustände im Opernbetrieb, meint unsere Kolumnistin.

Ja, okay: Der Ballettdirektor der Staatsoper Hannover hat eine Ballett-Kritikerin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit Dackelkot beschmiert. Klarer Fall: Ekelhaft. Grund: Verletztes Künstlerego. Kritikerin und Yoga-Lehrerin Wiebke Hüster hatte ein Stück von Marco Goecke als "Blamage und Frechheit" beschrieben, von der man ihrer Ansicht nach "abwechselnd irre und von Langeweile umgebracht" würde. Schon giftig. Aber auch ein bisschen witzig. Wenn's eben so war! Mein Gott. Ich sag's gleich ehrlich, wie's ist: Ich musste über die Rezension lachen, und leider musste ich auch lachen, als ich die erste Schlagzeile zum bisher skurrilsten Kulturskandal des Jahres gelesen hatte, und oute mich damit jetzt schon als Demokratiefeindin; denn folgt man den unzähligen Medienberichten und Kommentaren auf der Dauerempörungsmaschine Twitter zum Dackelkot-Eklat, soll er genau das gewesen sein: ein antidemokratischer Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie.

Kaum war der absurde Vorfall im Wandelgang der Oper bei der Ballettpremiere von Goeckes "Glaube – Liebe – Hoffnung" in Hannover an die Öffentlichkeit gedrungen, wurde er aufs Allerschärfste mit maximaler Empörungsstufe verurteilt. In Windeseile waren sich vom FAZ-Feuilleton über Landtagspolitiker von CDU und FDP in Baden-Württemberg oder die Vereinigung der amerikanischen Theaterkritiker (ATCA) bis hin zum Deutschen Journalisten-Verband Niedersachsen alle einig: Dackelkot auf der rechten Backe einer Tanzkritikerin verreiben, weil die laut Goecke seit 20 Jahren Scheiße ("Nach 20 Jahren diese Scheisse lesen war das Maas voll!!" [sic]) über ihn schreiben würde, ist nicht weniger als eine "schreckliche Verletzung", ein "Einschüchterungsversuch gegenüber unserer freien, kritischen Kunstbetrachtung", ja eine "Attacke auf die Pressefreiheit".

Unter "Angriff auf die Pressefreiheit" machte es alsbald auch fast niemand mehr auf Twitter. Einige Feministinnen sahen im Kacke-Dramolett um Goecke und Hüster ein Hassverbrechen speziell gegen Frauen. Sogar der "Deutschlandfunk" (DLF) schwurbelte sich die Nummer zu einem Angriff gegen die Demokratie an sich zusammen und stellte sie damit auf eine Stufe mit den ständigen körperlichen Angriffen von Reichsbürgern, Querdenkern und anderen Rechten auf Journalist:innen "auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt". Egal ob Kotschmiererei auf Edelfederbacken oder gewalttätige Übergriffe gegen Pressemitglieder: Zu einer Demokratie gehöre "nicht nur die Vereinbarung, dass das Gewaltmonopol beim Staat liegt", weiß Stefan Koldehoff im DLF. Zur Demokratie gehöre auch "die Fähigkeit, sachliche Kritik zu äußern und zu ertragen – und die Verständigung auf verbindliche friedliche Umgangsformen".

Wirklich niemand hält Goeckes Aktion für gelungen

Es hätte in der Berichterstattung und dem einheitlichen virtue signalling – also der gratismutigen, bequemen Zurschaustellung moralischer Werte vom Sofa aus – um den Fall Goecke wirklich nur noch ein Hitler- oder Putin-Vergleich gefehlt, dann hätten die Empörten dem Ballettdirektor wirklich jedes Gegenwartsmalum in die Schuhe geschoben. Wie gut, dass sich alle einig waren, dass die Wurst von Goeckes altem Dackel Gustav in die Mülltonne und nicht in irgendein Gesicht gehört.

Im Ernst: Nicht einmal die "Bild"-Zeitung ist auf die Idee gekommen, aus dem Ekeltheater von Hannover irgendeine Goecke-Verteidigungs-Story zu drehen! Selbst dem Inbegriff medialer Scheiße war klar, dass auch "Bild"-Leser:innen kein Verständnis für Goeckes Assi-Aktion haben. Viel zu weit weg sind er und Hüster von der Themenwelt des "Bild"-Universums, als dass sich beim Publikum irgendwelche monetarisierbaren Animositäten entwickeln könnten, weshalb sich die komplette "Bild"-Berichterstattung zum Fall durchgängig auch auf voyeuristischem (statt hetzerischem) Niveau mit Sympathien für das Opfer bewegte. Allen, aber auch wirklich allen war klar: "Kot und Spiele" (ZDF) gehen gar nicht.

Und sie haben natürlich recht! Ich bin auch Journalistin und rezensiere manchmal irgendeinen Dreck. Und ich hätte auch keinen Bock, von irgendeinem Ballett-Weirdo Hundekacke ins Gesicht gerieben zu bekommen. Auch weil ich ihm dann eine knallen müsste und dann wahrscheinlich selbst eine Anzeige wegen Körperverletzung an der Backe hätte. Und ja, richtig: Die Zeiten für Journalist:innen angesichts steigender Übergriffe von rechtsverdrehten, aufgehetzten "besorgten Bürgern" sind keine besonders lustigen.

Trotzdem hat mich dieser ganze wohlfeile Gratismut zahlreicher Medien angeekelt. Die Kot-Attacke von Hannover war kein Angriff auf die Pressefreiheit und auch kein Angriff auf die Demokratie. Sie war ein singulärer Totalaussetzer eines sonderbaren Künstlers mit fragilem Ego, von dem man im Kunstbetrieb schon lange wusste, dass er einen an der Waffel hat. Soll ja gut für die Kunst sein. Aber eben weniger für den Umgang mit der Außenwelt. Trotzdem machte man ihn zum Direktor. Und jetzt empört man sich, dass ein seltsamer "Ausnahmekünstler" mit Anpassungsschwierigkeiten und Angsterkrankung in staatstragender Position ausnahmslos sonderbare Dinge tut. Schon bisschen faul.

Und die strukturellen Probleme jucken keine Sau

Wo waren sie denn, die großen Theaterkenner? Die kulturell bewanderten Bescheidwisserinnen? Die moralisch integren Menschenfreunde in Medien, Politik und auf Twitter? Als zum Beispiel Mikhail Agrest, dem Musikdirektor des Stuttgarter Balletts, fristlos gekündigt wurde, weil er zu schnell für den Geschmack des Stuttgarter Ballett-Fürsten und Schattenintendanten Reid Anderson dirigiert hatte und diesen mit einer "Mamma-Mia-Geste" beleidigt haben soll? Das war mal ein Skandal, aber hallo – über den kaum jemand ausführlicher berichten wollte. Ein bodenloser Skandal, der die patriarchalen Machtstrukturen des Theaterbetriebs zu Tage förderte, innerhalb derer ein Ballettdirektor schalten und walten konnte, wie er wollte: 25 Tänzerinnen und Tänzer aus einer Laune heraus aus der Kompanie schmeißen? Why not. Einer Primaballerina am Tag der Premiere mitteilen, dass sie ihre monatelang einstudierte Rolle nicht tanzen werde? Alles gut. Einen Dirigenten aus dem Orchestergraben "feuern", obwohl man gar keine offizielle Position mehr innehat, aber eben mit dem Millionen-Erben des großen Choreografen John Cranko, Dieter Gräfe, zusammen ist und den Daumen auf dem Schicksal des Stuttgarter Balletts hat? Klar.

Da niemand riskieren wollte, dass ein schlecht gelaunter Anderson Stuttgart die Gratis-Lizenzen für Cranko-Stücke entzieht, wurde an allen Ecken und Enden gekuscht. Abgesehen vom Agrest-Gate in Stuttgart ist es nach dem Hashtag "metoo" auch überhaupt kein Geheimnis mehr, dass die gesamte Tanzwelt in allen möglichen Ländern von Strukturen durchseucht ist, die dysfunktionalen Familienstrukturen ähneln, in denen sexuelle Übergriffe und andere Formen von psychischem und körperlichem Missbrauch stattfinden und begünstigt werden. Doch statt strukturelle Probleme anzuprangern, interessieren sich viele Medien oft nur für Skandale, bei denen jeder Twitterclown dann im Circle Jerk der Berufsempörten anderen Twitterclowns auf die Schulter klopfen kann. Kein einziges Mal habe ich Goeckes Aktion als Aufhänger für tieferliegende, strukturelle Probleme mit Rassismus, Sexismus, Machtmissbrauch und anderen Formen von Gewalt im Tanzbetrieb gesehen. Wo sind denn eigentlich die Gleichstellungsbeauftragten in der Szene? Nach über einer Woche interessiert sich niemand der Empörungsintendanten mehr für Ballett.

So auch in Baden-Württemberg. Eine Woche lang glich die Intensität der Anspannung, mit der über die Zukunft des renommierten Dackelkacke-Schmierers diskutiert wurde, einer Papstwahl (Was passiert nun? Lässt ihn Tanzgott Eric Gauthier fallen oder nicht? Wie reagiert das Stuttgarter Ballett? Weißer Rauch? Schwarzer Rauch?). Am Stuttgarter Theaterhaus, wo Goecke seit 2019 als "Artist in Residence" bei der Tanzkompanie Gauthier Dance firmiert, wurde nun vorsorglich ein fünfminütiger Kurzfilm gecancelt, der im Rahmen einer Aufführung im März hätte gezeigt werden sollen. Die CDU-Landtagsfraktion missbrauchte den Fall für populistische Steuergeld-Diskussionen. Und am Mannheimer Nationaltheater hat man sich noch nicht entschieden, ob man eine geplante Goecke-Choreografie im April absagen will oder nicht. Noch eine weitere Woche, und Gustavs Tatwaffe wandert in die gedankliche Asservaten-Kammer für Skandale.

Dabei hätte der ganze Kacke-Zirkus wunderbar genutzt werden können, um wichtige Diskussionen über missbräuchliche Machtstrukturen im Opern- und Theaterkosmos zu starten. Eine Welt, deren Scheiße erst dann thematisiert wird, wenn es mal wieder zu spät ist. Eine Welt, in der Männer wie Reid Anderson oder Marco Goecke Führungspositionen in staatlichen Unternehmen bekommen und auch dann noch gottgleich in ihnen agieren können, wenn sie sich als Versager erwiesen haben. So wie der aktuelle Stuttgarter Ballettintendant Tamas Detrich. Im Falle Göcke zeigte sich auch Detrich öffentlichkeitswirksam entsetzt. Als Schattenintendant Anderson ("You will do, what I tell you!") hingegen Musikdirektor Agrest rausmobben wollte, obwohl Anderson offiziell gar nichts mehr zu melden hatte, machte der eigentliche Tanzchef Detrich keine großen Backen und kuschte vor dem Patriarchen. Das ist nicht strafrechtlich relevant. Hat mit Demokratie aber genauso wenig zu tun wie Hundescheiße auf der Backe einer Tanzkritikerin.


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5 Kommentare verfügbar

  • Antje
    am 16.04.2023
    Antworten
    Hut ab ! Ein treffender Artikel !!
    Und endlich auch mit Verweis auf die katastrophalen Zustände an anderen Spielstätten, das wird meist vergessen!
    Dran bleiben!
    Es wird sicher auch weiter Verfehlungen im Schattenreich der Staatstheater Stuttgart geben, die aufgedeckt werden müssen. Die…
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