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Stuttgarter Ballett

Der Schattenintendant

Stuttgarter Ballett: Der Schattenintendant
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Der Fall des geschassten Musikdirektors Mikhail Agrest wirft dunkle Schatten auf das Stuttgarter Ballett. Mittendrin thront ein Mann, der offensichtlich heuern und feuern kann, wie er will – obwohl er kein Amt hat: Reid Anderson. Aber er hat John Cranko.

Der Hüftschwung. Rockig-komödiantisch. Mit 69. Reid Anderson tanzt durch ein Meer von bunten Luftballons, der Beifall will nicht enden, Ministerpräsident Winfried Kretschmann spricht vom "Stuttgart Ballet miracle" und verleiht die Staufermedaille in Gold. Über der Bühne prangt ein großes Plakat mit zwei Worten: Danke Reid. Es ist Sonntag, der 22. Juli 2018, der offizielle Abschied des Ballett-Intendanten, der das Wunder 22 Jahre lang geleitet hat. Seine Bilanz ist in der Tat beeindruckend: 2.280 Veranstaltungen, 94 Prozent ausverkauft, 2,5 Millionen Besucher. Die Zeitungen schreiben, mit ihm sei auch in Zukunft zu rechnen. Sie sollten recht behalten.

Am Mittwoch, dem 13. Oktober 2021 ist Anderson wieder im Opernhaus. Diesmal sitzt er am Regietisch in der Mitte des Raumes, von wo aus er die Proben zu "Onegin" verfolgt. Für das Ballett ist die Liebesgeschichte nichts Neues, für das Orchester auch nicht, der "Onegin" ist seit mehr als 50 Jahren eine feste Größe im Programm. Neu sind die Umstände, die Beteiligte übereinstimmend so schildern: Die MusikerInnen sind im Stress, Andersons Ausbrüche via Mikophon werden immer lauter, sie müssen immer wieder abbrechen. Der Oberaufseher kommt nach vorne, schimpft über falsche Tempi, und ruft dem Dirigenten im Orchestergraben zu: "You will do, what I tell you".

Das Orchester applaudiert seinem gedemütigten Dirigenten

Der Mann am Pult ist Mikhail Agrest, ein international renommierter Künstler, der schon in der Met in New York, im Covent Garden in London und an der Semperoper in Dresden Triumphe gefeiert hat. Er ist schockiert und sagt, Mamma mia, er habe gedacht, er sei hier, um Musik zu machen. Seine Gemütsverfassung unterstreicht er mit einer Geste – vier Finger biegen sich zum Daumen zurück – die gemeinhin als Geste des Trotzes gedeutet wird, von der Intendanz aber als obszön. Das Orchester spendet Beifall mit klappernden Bogen und scharrenden Füßen– seinem geschätzten Dirigenten. Jetzt sei Anderson endgültig auf der Palme gewesen, berichten Beteiligte, er habe sie beschimpft und völlig konsterniert, aber irgendwie auch befreit, zurück gelassen. Was für eine Selbstherrlichkeit, sagt ein Violinist, er frage sich, ob im Littmann-Bau der Feudalismus zurückgekehrt sei? Namentlich will sich niemand äußern. Zu gefährlich.

Da ist ein Eklat garantiert: Wegen einer solchen Geste soll Reid Anderson der Kragen geplatzt sein. Via GIPHY

Zwei Tage später wird Agrest, ausgestattet mit einem Dreijahresvertrag, in die Chefetage bestellt, wo ihm die fristlose Kündigung ausgesprochen wird. Anwesend Marc-Oliver Hendriks, der geschäftsführende Intendant des Staatstheaters, und Ballett-Direktor Tamas Detrich, der dem Orchester später erklären wird, es sei eine "furchtbar schwere Entscheidung" gewesen. Der Personalrat bestätigt den Vorgang, wartet das für den 17. Januar vorgesehene Verfahren vor dem Bühnenschiedsgericht in Frankfurt ab, Intendanz und Agrest äußern sich nicht.

Aber wie ist das alles möglich, wo Anderson doch gar keine offizielle Position mehr bekleidet? Nun, die Personalpolitik hat er wohl schon immer auf Fürstenart betrieben. Als der Cranko-Schüler 1996 zum Direktor des Stuttgarter Balletts berufen wird, betrachtet er 25 Tänzer und Tänzerinnen als ungeeignet für die Kompanie. Dass er damals neuer Chef wurde, erläutert Anderson so: "Ausschlaggebend war vielleicht, dass ich bereit war, das alles hier sozusagen auszumisten …" Nachzulesen in Angela Reinhardts und Gary Smiths 2017 erschienenen und vom Stuttgarter Ballett herausgegebenen Bio-, respektive Hagiografie "Reid Anderson: Having It – Vom Tänzer zum Intendanten".

Welche Gesten Dirigent Mikhail Agrest sogar noch besser beherrscht, zeigt er hier.

Im Jahr 1998 trifft die Ausmisterei den nächsten Star: Der Intendant teilt der Primaballerina Margaret Illmann am Tag der "Onegin"-Premiere mit, dass sie die wochenlang einstudierte Rolle der Tatjana nicht tanzen werde. Aus künstlerischen Gründen, wie Anderson sagt. Angeblich wird über diesen Rollenrausschmiss gegenseitiges Stillschweigen vereinbart – und Stillschweigen ist eine Paradedisziplin des Stuttgarter Balletts. Illmann aber, Weltstar und Publikumsliebling, stellt in Interviews ihre Sicht des Vorfalls dar. Ihr Vertrag wird deshalb aufgelöst, sie erhält, was nun wohl auch Mikhail Agrest erhalten dürfte, eine hohe Abfindung. Anderson schaltet und waltet, wie er will, und macht im Fall des geschassten Musikdirektors klar, dass er das immer noch kann. Als Schattenintendant.

Cranko-Rechte lassen die Kassen klingeln

Tauchen wir zur Klärung der Frage nach dem Warum von der hehren Tanzkunst in die schnöde Welt des Mammons hinab. Anderson beginnt seine Stuttgarter Karriere 1967 als Tänzer, er lebt bald in einer Wohngemeinschaft auf Schloss Solitude mit dem damaligen Ballett-Intendanten John Cranko und dessen Partner Dieter Gräfe zusammen. Nach Crankos Tod im Jahr 1973 wird Gräfe zum Erben des legendären Choreografen – und Anderson zu Gräfes neuem Partner. Seit nunmehr 52 Jahren sind Anderson und Gräfe ein Paar, seit zwei Jahren, so die Zeitschrift "Tanz" in ihrer neuen Ausgabe, sind die beiden auch verheiratet. Und seit 49 Jahren sammeln sich die Gelder für die Rechte an Crankos Balletten auf Gräfes Konto. Aufgeführt werden sie nicht nur in Hamburg oder Berlin, sondern an den großen Opernhäusern weltweit. Von New York bis Peking.

Wieviel Geld da zusammenkommt? Auch das behalten Gräfe und Anderson für sich. Der "Spiegel" hat 1997 mal was rausgekriegt. "Für das Recht, drei Jahre lang 'Der Widerspenstigen Zähmung' von Cranko spielen zu dürfen", schrieb das Magazin, "verlangen dessen Erben 100.000 Mark, plus fünf Prozent der Einnahmen jeder Vorstellung". Im Jahr 2010 kann es der angesehene Ballettkritiker Horst Koegler, Ex-Redakteur der "Stuttgarter Zeitung", noch immer nicht fassen. Unter der Überschrift "Onegin lässt die Kassen klingeln" schreibt er in seinem Tanzblog "koeglerjournal": "Man versuche sich vorzustellen, was für Ströme von Tantiemen da allein in den 37 Jahren seit Crankos Tod in die Kasse des Alleinerben geflossen sein dürften!" Zu jenem Zeitpunkt hat er alleine von "Romeo und Julia" 600 Aufführungen gezählt, noch getoppt von "Onegin".

Nicht ohne Grund hat der 2012 verstorbene Großkritiker immer wieder angemahnt, dass diese Millionen einer John-Cranko-Stiftung zufließen sollten, die wiederum dem Neubau der Schule zugute kommen könnten. Als Rückzahlung öffentlicher Subventionen sozusagen. Anderson aber erklärte sich zum falschen Ansprechpartner: "Die Tatsache, dass ich privat mit dem Erben John Crankos liiert bin, ändert daran nichts. Was Herr Gräfe mit den ihm zustehenden Einnahmen macht, geht mich als Ballettintendant ebenso wenig wie meine Vorgänger oder meine Nachfolger an."

Tatsächlich tritt Anderson seit Jahren nicht nur als designierter Erbe des inzwischen 82-jährigen Gräfe auf. Sie reisen seit Jahrzehnten als künstlerische Sachwalter der Cranko-Ballette um die Welt, vergeben Aufführungsrechte (oder verweigern sie), schauen bei Proben zu, begutachten Inszenierungen, greifen auch ein bei der Besetzung der Rollen. Margaret Illmann etwa konnte nach ihrem Rauswurf in Stuttgart auch andernorts in keinem Cranko-Ballett mehr tanzen. "Dass sie sich da in guter Gesellschaft weiß", so Koegler 2001, "ist ihr nur ein schwacher Trost – denn die mächtigen Cranko-Erben verweigern nicht nur ihr, sondern auch noch ein paar anderen Stars Auftritte in Cranko-Balletten und drohen offenbar jeder Kompanie mit dem Entzug von Aufführungsrechten, die es wagt, dieser – nennen wir es einmal – sanften Nötigung zu trotzen." In der zitierten Anderson-Biografie liest sich das so: "Seit 1973 verteidigen Crankos Kinder in Stuttgart vehement sein Erbe und arbeiten nach bestem Wissen und Gewissen dafür."

Was Koegler als "sanfte Nötigung" bezeichnet, wäre im Stuttgarter Fall eine Erpressung mit guter Aussicht auf Erfolg. Man stelle sich vor: Die Cranko-Stadt ohne Cranko! Genau: Unvorstellbar! Der Ruf wäre beschädigt. Ob wohl die edlen Spenderinnen Ariane Piëch, Ann-Kathrin Bauknecht, Herzogin Julia von Württemberg noch blieben? Hauptsponsoren wie Porsche? Wo doch für Ballettbegeisterte das Stuttgarter Ensemble das sei, "was für Autofans der Name Porsche ist", sagt Tadeusz Matacz, seit 1999 Direktor der John Cranko Schule.

Die Cranko-Stiftung bleibt eine Black Box

Ach ja, diese Schule! Richtig teuer ist sie geworden, die 60-Millionen-Euro-Kaderschmiede, insbesondere für die SteuerzahlerInnen, die via Land und Stadt den Löwenanteil aufgebracht haben. Zehn Millionen hat noch Porsche beigesteuert. Da fügte es sich trefflich, dass Anderson zur Schlüsselübergabe im September 2020 den edlen Spender gab. Nachdem er 24 Jahre lang "wie ein Tier" hinter dieser Schule her gewesen sei, eröffnete er den Festgästen, könne er nun die geglückte Gründung der John Cranko Stiftung verkünden. Zum Wohl der Schule, der die kompletten Erträge zufließen sollten. Die Lokalpresse sah nicht nur einen "überwältigten" Stiftungsvorstand, sondern auch einen "überraschenden Geldregen" über die ElevInnen herunter kommen, sie vermochte die Niederschlagsmenge aber nicht genauer zu beziffern, weil die graue Eminenz dazu nichts sagen wollte.

Dasselbe gilt auch für die Aufsichtsbehörde der Stiftung, das Stuttgarter Regierungspräsidium. Das Auskunftsbegehren von Kontext wird mit der lapidaren Rückmeldung gekontert, nach § 4 Abs.4 StiftG BW sei die Einsichtnahme in das Stiftungsverzeichnis jedem gestattet, ein entsprechender Auszug ist beigefügt. Daraus sind der Stiftungszweck (Förderung der Ballett-Schule), die Namen der Vorstände (Gräfe, Anderson, Nowogrodzki) sowie das Datum der Rechtsfähigkeit (28. Juli 2020) zu entnehmen. Weitergehende Auskünfte an Dritte könne man leider nicht geben, das Amt bittet um Verständnis.

Eine Black Box bleibt die karitative Einrichtung auch nach ausgiebigem Kontakt mit Vivien Arnold, der Direktorin Kommunikation am Stuttgarter Ballett. Sie ist seit 1996 im Haus. Auf die Frage von Kontext, wie hoch Stiftungskapital und Ausschüttungen sind, schreibt sie: "Wie bei vielen Stiftungen üblich, möchten Herr Anderson und Herr Gräfe die Summe des Stiftungskapitals nicht bekannt geben". Die Ausschüttungen würden sich "von Spielzeit zu Spielzeit ändern", je nachdem wie viele Male welche Cranko-Ballette weltweit getanzt werden. Die Höhe von Tantiemen und Lizenzen seien ihr unbekannt, betont sie, bekannt ist ihr aber, dass Stuttgart als einzige Bühne von den Cranko-Gebühren befreit ist. Die in der Presse genannten Erträge in Millionenhöhe hält sie für "übertrieben", auch leidend durch die Niedrigzinspolitik, langfristig jedoch ausbaubar. Bis 2043, prognostiziert Arnold, werden "vermutlich Gesamteinnahmen in Millionenhöhe geflossen sein".

Solange sind die Cranko-Choreografien noch geschützt, sprich vom Erben Dieter Gräfe nach Gutdünken zu verwalten. Nach seinem Ableben übernimmt Anderson, und erst nach dessen Tod gehen die Rechte komplett in die Stiftung über. Ein "Geldregen" dürfte fürs erste also eher unwahrscheinlich sein, sodass der ergänzende Hinweis der Kommunikationsdirektorin, die Stiftung sei selbstverständlich gemeinnützig und könne Spendenbescheinigungen ausstellen, sinnvoll erscheint. Gerne reicht sie auch die Kontonummer nach, die in der Pressemitteilung vom 19. November 2021, dem offiziellen Start, vergessen wurde. Nicht übersehen wurde das fünfköpfige Kuratorium, in dem sich alte Vertrautee wiedertreffen: Marcia Haydée, Tamas Detrich, Tadeusz Matacz, Yseult Lendvai und Marc-Oliver Hendriks, der den Vorsitz führt. Anfragen von Kontext lässt der geschäftsführende Intendant mit dem Hinweis beantworten, er zöge es vor, es bei den Äußerungen von Frau Arnold zu belassen.

Wir hätten gerne von ihm gewusst, in welchem Jahrhundert er sich und sein Ballett sieht.


Lesetipp dazu: ein Aufsatz von Gisela Sonnenburg, die den Fall Agrest in ihrem Ballett-Journal als erste veröffentlicht und auf telepolis nachgelegt hat: "Verrohung im vornehmen Opernbetrieb".


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7 Kommentare verfügbar

  • A. Reinhardt
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Balletttänzer brauchen für bestimmte Szenen, etwa Hebungen oder auch Gruppentänze, ganz bestimmte Tempi, manch einer dreht schneller und ein anderer langsamer seine Pirouetten. Es ist die Aufgabe eines Ballettdirigenten, nicht nur seine Vorstellungen von Musikinterpretation zu verwirklichen, sondern…
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