Paketpostamt trifft Hochkultur: die neue Interimsspielstätte der Stuttgarter Oper hat spröden Charme und Potenzial.

Ausgabe 347
Politik

Runter vom Ross

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 22.11.2017
Die Eckensee-Variante ist vom Tisch. Das alte Paketpostamt wird zum Interimsspielplatz der Oper. Gut so, meint unser Autor. Es schadet dem Stuttgarter Staatstheater nicht, sich vom hohen Ross zu steigen.

Bis zuletzt hatten die Hochkultur-Kapitäne gewarnt: Eine drohende "Beschädigung der großen Marken Oper Stuttgart und Stuttgarter Ballett" sah der geschäftsführende Intendant der Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks, vor einem Jahr noch heraufdämmern, sollte die Oper während der Sanierung mehr als zwei Meter vom Stadtzentrum wegziehen müssen. Tänzer könnten nach Paris, London oder New York abwandern, raunte er. Einbußen in Millionenhöhe würden auf das Haus zukommen, sollte dem Publikum der Weg zu weit sein.

Obwohl die Stadt die Idee, den Interimsbau über dem Eckensee, mitten im Oberen Schlossgarten zu errichten (Kontext berichtete), bereits abgelehnt hatte, machten Hendriks und Opernintendant Jossi Wieler hinter den Kulissen weiter Druck. Im Juli brachten sie alle Gemeinderatsfraktionen bis auf die Grünen und SÖS-Linke-Plus dazu, einen erneuten Prüfauftrag zu unterstützen, immer mit Schützenhilfe des Vereins Aufbruch Stuttgart (Kontext berichtete auch), in dem sie selbst Mitglied sind. Zuletzt fuhr der Architekt Arno Lederer in einem Zeitungsbeitrag erneut schwere Geschütze auf.

Zu viel der militärischen Rhetorik? Lederer selbst sprach in seinem Beitrag von Heckenschützen, raunte von Tabus, an die man nicht rühren dürfe und hielt seine eigene Meinung, das denkmalgeschützte Katharinenstift solle der Oper Platz machen, für die reine Vernunft, die sich bedauerlicherweise nicht durchsetzen könne. Ausgerechnet Lederer! Der ansonsten für eine humane Architektur steht, wie am Hospitalhof zu besichtigen, der zu Recht eine fehlende Gesamtkonzeption in der Stuttgarter Stadtplanung beklagt.

Sinneswandel der Hochkultur-Kapitäne

Keine zehn Tage später hört sich alles ganz anders an. "Die Intendanz der Württembergischen Staatstheater ist zu der Auffassung gelangt, dass das ehemalige Paketpostamt in der Ehmannstraße eine faszinierende und urbane Interimsspielstätte für die Oper Stuttgart und das Stuttgarter Ballett werden könnte", teilen die Staatstheater mit. "Nachdrücklich" empfehlen sie den Standort Ehmannstraße. Plötzlich ist das Paketpostamt nicht mehr ganz weit draußen, sondern, wie Tamas Detrich, der designierte Ballett-Intendant festhält: "Dieser Ort befindet sich in unmittelbarer Nähe der Innenstadt und würde, wenn eine angemessene Infrastruktur vorhanden ist, sehr viel Potential bieten."

Während sich Wieler zuletzt noch für die Eckensee-Oper verkämpft hatte, meint nun sein Nachfolger Victor Schoner, an der Ehmannstraße "würden wir das Interims-Areal für uns und unser Publikum erschließen und dort einen neuen Treffpunkt und Veranstaltungsort schaffen. Die Oper könnte so zu einer neuen, größeren Vorstellung von Innenstadt beitragen."

Last not least Hendriks: "Mit einigen klugen Ertüchtigungsmaßnahmen der Infrastruktur und der Zuwege, schaffen wir in unmittelbarer Nähe zum Rosensteinquartier ein vorübergehendes Performing Arts Center, das den Stuttgartern Lust auf neue Entdeckungen in diesem Stadtteil machen wird. Es wäre eine sehr gute Entscheidung, die der gerade in Berlin gekürten Kulturstadt des Jahres 2017 zur Ehre gereicht!" Hendriks bezieht sich auf ein Ranking unter den deutschen Städten, das die Berenberg Bank und das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut im September vorgestellt hatten.

Wie kommt es zu diesem Sinneswandel? Im September noch hatte Hendriks "den Ernst und die Tiefe der Entwürfe" von Architekturstudenten gelobt, denen Peter Cheret im Sommersemester die Aufgabe gestellt hatte, einen Interimsbau zu entwerfen: in der Stadtmitte. Doch auch das Stadtplanungsamt hatte gearbeitet. Eine Reihe perspektivischer Darstellungen führen die wahren Dimensionen vor Augen: Die Ausweich-Oper hätte höher sein müssen als jeder andere Bau rund um den Schlossgarten; aus der einen Richtung hätte sie den Blick auf das Neue Schloss komplett verstellt, während sie vom Schlossplatz kommend fast die gesamte Breite des Schlossgartens blockiert hätte.

Tatsächlich liegt das ehemalige Paketpostamt keineswegs am Rand der Welt. Hinter und oberhalb der Bahnlinie nach Bad Cannstatt, mag es zwar vom Schlossgarten aus unerreichbar erscheinen. Doch in Realität ist es von der Stadtbahnhaltestelle Mineralbäder in maximal zehn Minuten zu Fuß zu erreichen. Und kaum länger ist der Fußweg vom Nordbahnhof, ebenfalls durch den Park. Keineswegs länger als in der Stadtmitte, müsste er lediglich ein wenig ausgeschildert und beleuchtet werden. Parkplätze sind ohnehin ausreichend vorhanden, und das frühere Bahnpostamt ist groß genug, um keinerlei Wünsche offen zu lassen.

Der spröde Charme der Verladerampen ist Chance für Erneuerungen

Lust auf neue Entdeckungen: Das würde der Oper in der Tat gut tun. In diesem Punkt war sie schon einmal weiter. Vor mehr als zehn Jahren gab es im Cannstatter Römerkastell das Forum Neues Musiktheater, eine weltweit einzigartige Experimentierstätte. Doch das Land war zu geizig, diesen nun wirklich etwas abgelegenen und doch immer gut besuchten Ort am Leben zu erhalten. In zehn "Zeitopern" verließ das Ensemble in den folgenden Jahren sein altehrwürdiges Gebäude, um an Orten wie dem Autohaus Schwabengarage oder unter der Paulinenbrücke Musiktheater-Vorstellungen zu geben. Das ist nun alles eine Weile her, und der Elan ist versiegt, auch mangels Unterstützung.

Das Bahnpostamt, wo einst Gastarbeiter und Aushilfskräfte im Dreischichtsystem Pakete aufs Band warfen, ist für Entdeckungen genau der richtige Ort. Der spröde Charme der Verladerampen, die unmittelbare Nähe zum Park und zum künftigen Rosensteinquartier bieten viele Anregungen, sich mit der heutigen Welt auseinanderzusetzen und darüber nachzudenken, wie über die Repertoirepflege hinaus in die Zukunft gedacht werden kann.

Zum Glück scheinen Victor Schoner und Tamas Detrich, die im kommenden Jahr Jossi Wieler und Reid Anderson als Opern- und Ballettintendant ablösen, dies erkannt zu haben. Ein bisschen Bewegung tut gut, und es steht zu hoffen, dass auch in das Programm der Oper und des Balletts wieder mehr Bewegung kommt. Die großen Opern der Vergangenheit werden auch weiterhin Opernfans glücklich machen. Aber es braucht auch Reibung, den Bezug zur Gegenwart, wenn die Oper nicht zum Hochkultur-Konsumtempel verkommen soll.


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6 Kommentare verfügbar

  • Norbert Schwarz
    am 06.12.2017
    Ich kann mich da nur noch wundern was in Stuttgart für selbsternannte Wahrsager unterwegs sind. Zum Thema gibt es zwei Seiten, wie reagieren die "Konsumenten" auf die doch massiven Veränderungen die im Zuge der Sanierung anstehen und wie übersteht der Betrieb mit über 1000 Mitarbeitern diese Zeit. Es ist die Aufgabe aller Verantwortlichen diese Herausforderung so vernünftig wie möglich anzugehen. Dabei kann man es nie allen recht machen, es werden also Kompromisse gesucht. Dies ist oft ein zähflüssiger Prozess, siehe als Beispiel die aktuelle politische Lage. Hier mit Unterstellungen zu arbeiten und einzelne Handelnde zu diskreditieren ist wenig zielführend. Da es auch um viel Geld geht haben die Verantwortlichen sich viel Zeit genommen und versucht alle Positionen ausführlich zu durchleuchten und zu bewerten um den größten gemeinsamen Nutzen für alle zu finden. Da sind viele Schleifen gedreht worden und sicherlich auch manche Vorstellung über Bord geworfen worden. Es ging ja dabei nicht nur um die Aufführungsseite, sondern auch um den gesamten Background mit über 1000 MA. Das dies auf dem Eckensee in Gesamtheit nicht lösbar ist war wohl allen Verantwortlichen klar - die finale und wohl einzig richtige Lösung zeigt dies auf.
    Was mir als eifrigem Besucher der Oper aber auch am Herzen liegt ist die Verunglimpfung der Oper zum "Hochkultur-Konsumtempel". Was heißt überhaupt Hochkultur, gibt es da auch Niedrig- und Mittelkultur? Und kann Kultur überhaupt konsumiert werden? Der Verfasser reklamiert fehlende Reibung, den Bezug zur Gegenwart. Ich gehe davon aus, dass der Verfasser schon lange nicht mehr in der Oper war, sonst würde er Opern wie Medea, Hänsel und Gretel, Tod in Venedig, Jakob Lenz, Jenufa. Schaum der Tage, Wozzek, La Juive oder Salome mit ihren sozialkritischen oder Gegenwartsbezügen kennen. Es gibt noch mehr davon so wie natürlich auch die großen Opern der Vergangenheit!
    Es gibt nicht nur eine Wahrheit!
  • Gisela Heinzmann
    am 28.11.2017
    Vor langer Zeit wurde einmal vorgeschlagen, das Forum in Ludwigsburg als Interimsspielstätte zu nutzen. Dieser Vorschlag wurde aber alsbald in der Versenkung zum Verschwinden gebracht. Warum eigentlich? Klar, die Produktionen müssten den Gegebenheiten angepasst werden. Aber beide Städte könnten gewinnen und eine Menge Geld nicht ausgeben, das dann woanders nicht fehlt.
  • Andreas Wetzel
    am 26.11.2017
    Die „Anti-Wieler-Polemik“ dieses Artikels kann ich so nicht unwidersprochen stehen lassen. Ausgerechnet die Oper Stuttgart als „Hochkultur-Konsumtempel“ zu bezeichnen, ist ja wohl mehr als abwägig (was heißt eigentlich „Hochkultur“? Das hört sich so, als wenn nur FDP-Wähler in die Oper gehen würden!). Ich kann dem Autor nur unterstellen, dass er die Arbeit von Jossi Wieler, Sergio Morabito und dem ganzen Haus nur aus der Ferne beobachtet hat. Vielleicht sollte er dann doch mal öfters dort auftauchen. Dann wäre ihm nicht entgangen, dass die Oper Stuttgart immer den Anspruch hatte, mit Ihren Produktionen einen Bezug zur Gegenwart herzustellen. Und dass ihnen das oft gelingt, beweisen entsprechende Auszeichnungen („Opernhaus des Jahres“, „Der Faust“, und viele Anderen mehr) der Kritiker im In- und Ausland. Von den ganzen anderen Aktivitäten (Sitzkissen-, Lunchkonzert, Junge Oper, dutzende Begleitveranstaltungen wie z.B. die rund um das Thema Kiril Serebrenikov und den aktuellen Zuständen in Russland etc.) mal ganz abgesehen.
    Produktionen wie „Salome“, „Parsifal“, „Jakob Lenz“, „Wunderzaichen“ oder aktuell „Hänsel und Gretel“ (ohne den Regisseur halb fertiggestellt) sind alles Andere als „Hochkultur-Konsum“. Auch die noch ausstehenden Produktionen „Der Gefangene/Das Gehege“ bzw. die Uraufführung von Hosokavas „Erdbeben.Träume“ (streift das Thema Fukushima!) würde ich jetzt kaum als Mainstream bezeichnen. Packendes, gegenwärtiges Musiktheater hängt nur wenig davon ab, in welchem Gemäuer es stattfindet. Ein ehemaliges Fabrikgelände ist nicht automatisch der Garant für hochklassiges Theater!
    Ohne gute Opernpartituren, ohne gute Regie- und Bühnenkonzeptionen mit einer entsprechenden Dramaturgie und Dirgenten und Sängerdarsteller, die das alles umsetzen können, nützt auch eine alte Fabrikhalle nix. Und packende (und vorallem prägende!) Opernabende hatten und haben wir in Stuttgart in Hülle und Fülle, nicht zuletzt auch dank Jossi Wieler, der in der Oper lediglich der künstlerischen Bereich verantwortet. Ihn auf ein „hohes Ross“ zu setzen, vom dem er jetzt absteigen muss, ist absurd!
    Nächsten Sonntag gibt`s „Medea“ in der Inszenierung von Peter Konwitschny. Auch da darf man keinen exklusiven Abend für ein saturiertes Großbürgertum erwarten! Kann ich dem Autor nur empfehlen!
  • Schwa be
    am 23.11.2017
    Den Architekten Arno Lederer hatte ich stets als besonnen in guter Erinnerung. Doch die hier im Artikel wiedergegebenen Aussagen von ihm hinsichtlich Interimsbau (Abbruch des denkmalgeschützte Katharinenstifts) halte ich für unverantwortlich/katastrophal und lassen mich fassungslos zurück. Ich gehe davon aus, dass dies von zu viel Nähe zum Vereins "Aufbruch Stuttgart" unter der "Führung" von Wieland Backes kommt (für mich ein astreiner, mit dem Label der Gemeinnützigkeit getarnter Lobbyverein) und/oder von der Aussicht auf lukrative/repräsentative Aufträge.
    • Horst Ruch
      am 23.11.2017
      ...glücklicherweise hat sich Wieland Backes eingebracht um die verkorkste Stadtplanung Stuttgarts seinen Bewohnern oder die es werden wollen vorzuzeigen.
      Daß er dabei Lederer als Berater hat, ist ihm nun wirklich nicht anzukreiden. Gibt es doch seit den 70er Jahren ausführliche Beurteilingskriterien zu den fehlgeplanten innerstädtischen Autobahnen.....und, und, und....Besonders delikat, an Stuttgarts "Kultur"-Meile ist Europas größtes, sanierungsbedürftiges 3- Sparten Haus angesiedelt. Was für manchen Zeitgenossen die "Hoch"-Kultur gerade in finanzieller Hinsicht zur Neid-Kultur umtransformiert wird. Höchstens aus ganz linker Sicht könnte man den "Aufbruch Stuttgart" als "Lobby"Verein bezeichnen, was allerdings auf die meisten Vereine zutreffen würde.
      Leider hat sich Lederer in seinem Artikel zu weit ausgelehnt, und der Eindruck ist entstanden, daß er sich um ein neues Super-Projekt bewerben will. Doch abgehakt, Lederers Rundumschlag hat die Gemüter zum Nachdenken angeregt.
      Nicht abgehakt sind allerdings die (verschwiegenen) überdimensionale Kosten zur
      unausgegorenen Wunschliste der "Interims"-Nutzer. Aus 1200 Plätzen werden 1400. Aus einer gemeinsamen Spielstätte für Oper und Balett werden plötzlich zwei. Aus einem Zuschauerprovisorium wird plötzlich ein ganzes Theaterhaus mit Werkstätten und Kulissenlager und ...
      Insofern hatte vielleicht Lederer doch recht, als er für ein neues Opernhaus plädierte. Für die eigentliche Sanierung fast 500 Mio bereitzustellen und dann für ein Provisorium nochmal 100 Mio - wenns reicht- das ist mehr als Angeberei. Zumal die anderen "Aufbruch"-Themen damit garnicht aufgelistet und aufbereitet sind.
  • Horst Ruch
    am 22.11.2017
    .....natürlich schadet es niemanden vom hohen Roß herabzusteigen, aber den Abstieg bittteschön im bescheidenen Rahmen. Ein zunächst für Flüchtlingsunterkunft bereitgehaltener Behördenbau auf teuerstem Grundstück, bietet sich für andere Nutzung besser an, als Leerstand. Die zuletzt geäußerten Lobrededen der neuen Führungsmannschaft der Staatstheater zum "provisorischen" Opern und Baletthaus wurde ohnpe konkrete Kostenschätzung entschieden. Es wurde so um die 70 Mio gemunkelt. Mit den Wunschvorstellungen wird diese ganz schön happig ausfallen und sicherlich nicht unter 100 Mio machbar sein. Dabei ist das taktisch verschwiegene "Unvorhergesehene" noch nicht mit eingerechnet. Weltstädte wie Paris oder Genf kamen mit 6 bzw 10 Mio für deren Interimslösung aus... Der kleine Unterschied: beide Städte liegen nicht im Herzen Europas.

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