Da schau rein: Zum öffentlichen Stadtraum hin hat der Neubau sogar ein Fenster. Fotos: Jens Volle

Da schau rein: Zum öffentlichen Stadtraum hin hat der Neubau sogar ein Fenster. Fotos: Jens Volle

Ausgabe 407
Debatte

Die da draußen sind verdächtig!

Von Rupert Koppold
Datum: 16.01.2019
Der Neubau der John Cranko Schule für Ballett schottet sich mit viel Beton ab von seiner Umgebung. Jetzt soll auch noch ein geplanter Gehweg auf dem Nachbargrundstück gestrichen werden. Weil überall perverse Spanner lauern könnten.

Das Böse ist immer und überall! Jawohl, es könnte sich sogar einfinden an einem scheinbar so harmlosen Ort wie dem Neubau der John Cranko Schule. Genauer gesagt: Das Böse könnte sich dort versammeln auf einem öffentlichen Gehweg, der laut Bebauungsplan an der noch nicht fertiggestellten Ballettschule vorbei und hinunter ins Stadtzentrum führen soll. Denn von diesem Weg aus, so die Schule, seien die Proberäume einsehbar, und sie schließt daraus: freier Blick für Pädophile und Voyeure! "Wir sind es den Eltern schuldig, dass wir alles tun, um Risiken zu minimieren", sagt Marc-Oliver Hendriks, der als Intendant des Stuttgarter Staatstheaters auch Hausherr der Cranko Schule ist. Letztere erklärt, dass schon ein einziger Fall – was auch immer dieses Wort genau bezeichnen soll – zuviel wäre.

Deshalb müssten Experten, so Hendriks, eine Gefahrenanalyse zur Prävention von Missbrauch erstellen. Erst danach könne man über den Verlauf des Gehwegs diskutieren. Hendriks weiß in dieser Causa das Land auf seiner Seite, das den Neubau mitfinanziert. Nur der Bezirksbeirat Mitte und dessen grüne Chefin Veronika Kienzle ("Das klingt ja so, als könnte jeder ein Spanner sein!") beharren auf dem gültigen Bebauungsplan. Und Klaus Wenk (CDU) hat unter dem Titel "Hochkultur bremst Fußgänger" sogar einen Antrag zum Erhalt dieses Gehwegs gestellt, der vom Bezirksbeirat inzwischen in verschärfter Form angenommen wurde, und dazu erklärt: "Ich kann doch nicht jedem etwas Böses unterstellen." Ja, warum denn nicht? Die John Cranko Schule jedenfalls kann und tut es wohl mit ihrem Pauschalverdacht.

Das Ballett: grazil, fast schwerelos. Dieser Klotz: brutal, stumpf und erdrückend.
Das Ballett: grazil, fast schwerelos. Dieser Klotz: brutal, stumpf und erdrückend.

Alles bloß ein Schmunzelstück aus Stuttgart-Krähwinkel? Oder ist dieser Disput nicht doch symptomatisch für eine ganze Gesellschaft, die sich nicht mehr als ein Ganzes denken will? Schauen wir mal diesen von Stadt und Land mit Steuergeldern (und einer Spende von Porsche) finanzierten und immer teurer gewordenen Neubau an, der sich nach vielen Verzögerungen seiner Vollendung, nein, doch lieber: seiner Fertigstellung nähert. Oben an der Werastraße das Internat: ein nüchtern-nichtssagender Zweckbau, wie er seit Jahren überall entsteht. Nach unten, Richtung Innenstadt, dann gestaffelt die Proberäume: große, kantige Klötze, die sich zur Schützenstraße hinunterwürfeln. Dort endet der Bau, der sich nicht an den Hang schmiegt, sondern in diesen hineinwuchtet, in einer Fassade mit dem Haupteingang, dort sollte er also seine repräsentative und, wie die Wikipedia für so eine Fassade vermerkt, "dem öffentlichen Stadtraum zugewandte Seite" vorstellen. Dieser Bau aber signalisiert mit seiner Seite sofort: Mit Öffentlichkeit will ich nichts zu tun haben!

Wir-sind-drinnen-ihr-bleibt-draußen-Architektur

Diese obsessiv mit rechten Winkeln arbeitende, alles Runde brüsk abweisende Architektur des Münchner Büros Burger Rudacs ist aus Sichtbeton, also aus einem Material, das protzig-trotzig seine eigene Undurchdringlichkeit ausstellt. Wer vor dieser Fassade steht (und von dort aus das zurückgesetzte oberste Stockwerk nicht sehen kann), der steht vor einer riesigen grauen Wand mit einer schmalen Öffnung unten links und einer langgestreckten, niederen Querluke als Eingang. Und oben rechts, tatsächlich, ein Fenster. Wenn aber Fenster, wie es unter Architekten heißt, die Augen eines Hauses sind, dann ist die John Cranko Schule in ihrem Schauteil einäugig. Nein, dieser Bau hat wirklich nichts mehr zu tun mit jenen öffentlichen – und von der Öffentlichkeit finanzierten – Gebäuden, die durch ihr transparentes Außen die Überprüfbarkeit ihrer inneren Funktionen abbilden und dabei auch ein Gefühl von bürgerlich-demokratischer Teilhabe vermitteln, einen Das-gehört-auch-uns-Besitzerstolz. Dies ist vielmehr eine sich abschottende Wir-sind-drinnen-ihr-bleibt-draußen-Architektur, sie kommt aus einer ganz anderen Tradition, nämlich jener der Burgen und Bunker.

Der Neubau schmiegt sich an den Hang wie ein Reibeisen an Schleifpapier. Fotos: Jens Volle
Der Neubau schmiegt sich an den Hang wie ein Reibeisen an Schleifpapier.

Ist das nicht maßlos übertriebene Kritik? Nun, lassen wir auch andere Stimmen zu Wort kommen, zum Beispiel solche von Experten. Das Deutsche Architektur Forum etwa hat sich schon lange mit dem Neubau der John Cranko Schule befasst, die große Mehrheit äußert sich negativ. Exemplarisch: 

"Hat eher den Charme eines Weltkriegsbunkers." (jack000, 2013) 
"Hangverschandelung." (Silesia, 2015) 
"Der Brutalismus ist zurück! (...) Vor allem im Herbst und Winter wird der blanke Beton richtig übel wirken, die Proportionen sind einfach grotesk." (Regent, 2017)
"Jetzt kann man wohl nur noch auf begabte Sprayer hoffen." (Max BGF, 2018)

In seiner Besprechung von Richard Sennetts neuem Buch "Die offene Stadt" fasst Frank Dietschreit das Plädoyer des Soziologen so zusammen: "Wir brauchen die 'offene Stadt', weil immer mehr Menschen verschiedener Hautfarbe und Religionen mit verschiedenen Erwartungen und Fähigkeiten in die Städte ziehen; nicht Ausgrenzung, Abschottung, Reglementierung werden uns weiterbringen, sondern gestaltete Vielfalt, geordnetes Chaos, permanente Veränderung, soziale Durchlässigkeit." Sennett fordert deshalb "durchlässige Membrane" für die Stadtgesellschaft und sogar neue Öffnungen in alten Mauern. Man sehe sich dagegen bloß jene Betonmauer an, die sich an der Schützenstraße bis zum übernächsten Nachbargrundstück zieht und dort direkt an eine Garage anschließt.

Dem Hausherrn ist der Neubau noch nicht abgeschottet genug.
Dem Hausherrn ist der Neubau noch nicht abgeschottet genug.

Es ist natürlich paradox, dass der inzwischen 52,5 Millionen Euro teure Bau, dem alles Leichte und Luftige fehlt, ausgerechnet Ausbildungsstätte fürs Ballett wird. Diese grobklotzige Architektur mag man sich nicht getanzt vorstellen! Aber diese Wehrburg gegen alles Externe hat einen Wettbewerb gegen lichtere und zugänglichere Gebäude gewonnen, sie ist also wohl genau das, was sich die John Cranko Schule und das übergeordnete Staatstheater gewünscht haben. Wer übrigens bei diesem Staatstheater anruft und wissen will, wie es um die Diskussion zur Gehwegführung steht, erfährt in redundant herumeiernden Sätzen nur, dass derzeit "vertiefte Gespräche" mit der Stadt stattfänden, und hört dabei in fünf Minuten fünf Mal das Wort "Schutzpflicht".

Die Ballettschüler und -schülerinnen, die bei Proben "in den Abendstunden" (?) oft "körperbetonte Posen" (Marc-Oliver Hendriks) einnähmen, müssten nämlich besonders geschützt werden, und zwar vor den oben erwähnten voyeuristischen Blicken und vor pädophilem Missbrauch. Mit diesem Argument versucht Hendriks, der für eine Interimsoper schon mal den Eckensee in Beschlag nehmen und überbauen wollte, den Anspruch der John Cranko Schule auf das öffentliche und als parkähnliches Gelände konzipierte Nachbargrundstück auszudehnen. Von konkreten Missbrauchsfällen in ähnlichen Situationen ist allerdings nicht die Rede, formuliert wird nur ein allgemeines Misstrauen. Wäre dieser Generalverdacht begründet, würde er wohl allgemeine Grundlage für Schutzmaßnahmen, dann müssten also auch Sport- und Spielplätze, Schwimmbäder und Strände, Eislaufhallen und letztlich, zumindest im kleiderarmen Sommer, der komplette öffentliche Raum blickdicht gemacht werden.

Ballett bleibt eine Domäne der Bessergestellten

Was für ein Menschenbild wird Kindern und Jugendlichen mit einem solch geradezu hysterischen Szenario und einem solch infamen Generalverdacht eigentlich vermittelt? Eben dieses: Dass die anderen da draußen gefährlich sind und man sie deshalb ausgrenzen muss. Die Cranko Schule und die Ballett-Eleven dagegen werden von Hendriks und Co. in scheinbarer Vor- und Fürsorge als potenzielle Opfer gesehen! Zitieren wir an dieser Stelle auch den Philosophen Robert Pfaller, der in seinem Buch "Erwachsenensprache" schreibt: "Indem die scheinbar um die Schwachen besorgte, aber gerade dabei doch immer nur die Stärksten bereichernde neoliberale Politik an die Schwäche und Empfindlichkeit der Bevölkerungen appelliert, zerstört sie die Selbstwahrnehmung der Menschen als mündige Bürgerinnen und Bürger; zugleich etabliert sie die Wahrnehmung des jeweils anderen ausschließlich als Bedrohung ..." Und Pfaller weiter: "Dem neoliberalen Interesse an der Privatisierung und einer verstärkten polizeilichen Überwachung des öffentlichen Raumes kommt dabei ein heimlicher, radikaler ,Kulturpuritanismus' zu Hilfe."

Pfaller führt das Problem an anderer Stelle auch als eines der Schichten und Klassen aus. Was nun das Ballett betrifft, darf man wohl behaupten, dass es kein proletarischer Zeitvertreib ist, sondern laut "Psychologie Magazin" eine "Domäne der Bessergestellten". Der aus der Arbeiterklasse stammende Titelheld des Films "Billy Elliott" war und ist die große Ausnahme. Es geht im Streit um die John Cranko Schule eben auch um die Privilegien der wohlhabenden Mittelschicht, die sich 520 Euro im Monat für einen Internatsplatz leisten kann. Zugespitzt ausgedrückt: es geht um das Erstellen von Angstszenarien, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Und dies in einer Gesellschaft, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine brutale Umverteilung von unten nach oben erlebt hat und deshalb zu zerreißen droht. Die Möglichkeit der John Cranko Schule, die Fenster der Probenräume von innen zu schützen, sie also mit Jalousien oder einseitig transparenten Folien zu versehen, hat Hendriks übrigens mit der Begründung abgelehnt, dass sich die Schule dann ja "einhegen" müsste. "Den Ausblick auf den Park für sich alleine zu haben", so die Bezirksvorsteherin Kienzle, "ist natürlich verlockender".

Die schönste Seite ist auch nicht so hübsch.
Mit 33 an der Zahl kompensiert die Rückseite das Fenster-Defizit der Front.

Dieser Text richtet sich nicht gegen das Ballett an sich. Der Autor bestreitet nicht, dass gerade die Spitzenaufführungen der hiesigen Kompanie ihren Anhängern ästhetischen Hochgenuss bereiten. Er weiß auch, mit wie viel Enthusiasmus und Freude Kinder und Jugendliche oft ans Werk gehen. Und er ist einverstanden mit den Zeilen der Journalistin Wiebke Hüster, die in der FAZ geschrieben hat: "Der beste, eigentlich der einzige Grund, einen kleinen Menschen zum Tanzen anzuhalten, ist jene tiefe Befriedigung, die aus ihm resultiert, jenes überschäumende Vergnügen, das dem Ausübenden dieser Praxis erwächst. (...) Es ist die Erfahrung, sich souverän durch Raum und Zeit zu bewegen, im Einklang mit dem eigenen Körper, dem Geist, erfüllt vom seelischen Einschwingen in Musik, in eine ästhetische Struktur, eine ganze Welt aus Farben, Klängen, Gerüchen, Ideen, Aufregungen."

Und doch gibt es da auch die andere Seite, die Katja Engler in einem Artikel der "Welt" über das Internat des Hamburg Balletts so beschreibt: "Fast alles müssen diese jungen Menschen den extremen Anforderungen des Balletts unterwerfen. Außerschulische Freundschaften können sie nur selten pflegen, denn an ihrem einzigen freien Tag hängen sie meist einfach herum, um sich zu erholen. Ihr Essverhalten wird kontrolliert, und wenn sie sich im Internat verlieben, können sie allerhöchstens Händchen halten, mehr ist strengstens verboten..." Eva-Elisabeth Fischer zieht in der "Süddeutschen" eine Art Fazit: "Tanzen an sich ist ein hartes Brot. Ballett ist das härteste. Das schmecken schon die Kleinen, die mit acht Jahren an der Stange stehen. Leistung ist alles, will man weiterkommen in einer Kunst, die wie keine andere den Körper und damit die Seele angreift."

Der Generalverdacht ist infam

Könnte es also sein, dass die alltäglichen Gefahren für Ballett-Schüler und -Schülerinnen nicht draußen zu finden sind, sondern eher im Inneren einer solchen Institution? Das Fachportal "tanznetz.de" berichtet im Januar 2018 von einer "grundsätzliche(n) Kritik an der in vielen Kontexten noch immer sehr patriarchalisch strukturierten Hierarchie in der Ballettwelt, die Machtmissbrauch gerade auch in sexueller Hinsicht möglich mache".

Was den Missbrauch von Auszubildenden betrifft, gab es in Stuttgart Mitte der neunziger Jahre im Eiskunstlauftraining, das dem des Balletts nicht unähnlich sein dürfte, einen berühmt-berüchtigten Fall. Er ereignete sich in einer Eislaufhalle auf der Waldau. Sie ist von außen einsehbar, ja, man kann heute durch große Glasscheiben hindurch die Übungen beobachten. Der Täter aber kam nicht von außen, es war der Trainer Karel Fajfr, der unter anderem von zwei Nachwuchsläuferinnen beschuldigt und wegen "sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen" auch verurteilt wurde.

Sollte man also nicht, bevor alle an der John Cranko Schule vorbeigehenden Bürger misstrauisch beäugt werden, erst mal eine Gefahrenanalyse für deren Inneres erstellen? Nein, es wäre ebenfalls infam, nun im Gegenzug die Ausbilder der Cranko Schule unter Generalverdacht zu stellen. Aber ein bisschen Einblick in eine solche Institution, gerade wenn sie sich so einzuschließen versucht, wäre wohl wünschenswert.

So sah die Visualisierung aus (Stadt Stuttgart).
In der Realität fehlen bislang Weg und Park.
In der Realität fehlen bislang Weg und Park.

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