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Skifahren und Klimakatastrophe

Selbst Profis sind besorgt

Skifahren und Klimakatastrophe: Selbst Profis sind besorgt
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Die Skisaison auf dem Feldberg, die keine war, ist quasi zu Ende. Auch in den Alpen kommen Touristiker:innen ins Schwitzen, weil Schnee, wenn er überhaupt gefallen ist, schon wieder schmilzt. Und selbst Wintersport-Profis schwant, dass es nicht weitergehen kann wie bisher.

Weiße Kunstschneebänder, hart wie Beton, in sonst über Wochen grüne Höhenlagen. Viele schwere Unfälle. Vom "Todesrekord", schreibt der Schweizer "Blick" und dazu eine Geschichte, die für Höhen und Tiefen in jenen Regionen steht, die vom Winter abhängig sind: Der 24-jährige Abfahrtsläufer Julian Schütter rast auf der Kitzbühler Streif mit sensationellen Zwischenzeiten einem ersten großen Erfolg entgegen, muss die Fahrt aber abrechen, weil der vor ihm gestürzte Kollege verletzt auf der Strecke liegt. Im Wiederholungslauf ist Schütter chancenlos, einen Tag später reißt er sich das Kreuzband, jetzt kann er – vorübergehend auf Krücken – verstärkt seiner zweiten Leidenschaft nachgehen: Klima retten.

Einen Brand-Brief an den Internationalen Skiverband FIS haben inzwischen 400 Athlet:innen unterschrieben, darunter die US-Amerikanerin Mikaela Shiffrin, die beste Skifahrerin aller Zeiten. Die Sportler:innen fordern unter anderem eine ernsthafte Nachhaltigkeitsstrategie ohne "Greenwashing" für ihren Sport. Schütter, der Klimademos mitorganisiert, bei Fridays for Future aktiv ist und Verständnis für die "Letzte Generation" äußert, würde "tatsächlich ernsthaft überlegen, ob ich weitermache", wenn er nach weiteren Aktionen erkennen müsse, nichts zu bewirken.

"Wie kaum eine andere Sportart leidet der Skisport unter der Klimaveränderung", schreibt der Schwäbische Skiverband (SSV) in einer erfreulich schonungslosen Analyse der Lage. Wegen der Klimaerwärmung müsse immer mehr Schnee künstlich produziert werden. Das benötige Energie, und deren Verbrauch führe "angesichts der Diskussionen um Energieeinsparung zu einer Stigmatisierung". Erste Weichen sind neu gestellt. Mit Philipp Zofer hat der SSV einen Vizepräsidenten für Nachhaltigkeit. Unterzeichnet ist die "N!-Charta Sport", eine freiwillige Selbstverpflichtung, die das baden-württembergische Umweltministerium in der vergangenen Legislaturperiode mit den Sportvereinen und -fachverbänden ausverhandelt hat. Sie soll den "unkomplizierten Einstieg in den Umstieg" ermöglichen, so der damalige grüne Minister Franz Untersteller, über viele Jahre hinweg selbst ein begeisterter Skifahrer.

Unter anderem ist ein neues Mobilitätsverhalten vereinbart. "Weil zumindest in weiten Teilen Baden-Württembergs Skisport nicht direkt vor der Haustüre ausgeübt werden kann, entfallen zwischen 75 und 85 Prozent des CO2-Ausstoßes auf die An- und Abreise", weiß Zofer. Also werden Fahrgemeinschaften gebildet. Die Charta verlangt, auf Flugreisen zu verzichten oder die wenigen notwendigen zu kompensieren. Im Übrigen sollten Bahn und Bus genutzt werden, sofern vorhanden. Insgesamt zwölf Leitsätze sind formuliert, an Nummer sechs zum Beispiel lässt sich ablesen, wie schwer es werden dürfte, den hehren Anspruch mit Leben zu füllen: "Wir (…) widmen uns Fragen des Umwelt- und Naturschutzes und fördern die biologische Vielfalt."

Skifahren bringt Geld in die Region

Das wollen andere auch, sehen sich aber auf Grund der wirtschaftlichen Bedeutung des Wintersports multiplen Herausforderungen gegenüber. "In der Schweiz befördern rund 1.800 Bergbahnen insgesamt 280 Millionen Fahrgäste pro Jahr und erwirtschaften 800 bis 900 Millionen Franken", heißt es in einem Positionspapier des WWF, der sich schon 2011 für einen Stopp des "großen Wettrüstens" im Wintersport ausgesprochen hatte. Inzwischen sind etliche Bündnisse gegründet worden. Viele Orte werben mit Neuerungen, mit Solarkraftwerken zur Beschneiung der Pisten, mit der Leistungsfähigkeit ihres ÖPNV oder ihren Traditionen. So ist Zermatt seit eh und je weitestgehend autofrei und von außen nur mit dem Zug zu erreichen.

"Die Natur ist der Arbeitgeber jeder Bergbahn", wirbt St. Moritz. Der Nobelort versteht sich als Pionier der Nachhaltigkeit und will schon bald die Schneekanonen nur noch mit wiederverwendetem Wasser speisen. Nach WWF-Zahlen werden durchschnittlich pro Hektar Kunstschnee rund 4,7 Millionen Liter Wasser benötigt. Der Betrieb der Schneekanonen im Alpenraum entspricht dem Jahresverbrauch von 130.000 Vier-Personen-Haushalten.

Im benachbarten Tirol hängen jeder dritte Euro und jeder vierte Vollzeitarbeitsplatz an der Tourismus- und Freizeitwirtschaft. Fast drei Millionen Wintergäste sorgen für Prosperität und pro Urlaubswoche für durchschnittlich 231 Kilogramm CO2-Ausstoß. Laut der Uni Innsbruck ist dabei speziell das Skifahren für rund 42 Kilogramm verantwortlich. Nach dem An- und Abreiseverkehr schlägt die Art der Beheizung des Quartiers zu Buche. Andrea Fischer allerdings, Glaziologin am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung, macht in einem Interview zugleich auf die Schäden anderen Freizeitverhaltens aufmerksam: "Wenn Menschen nicht Skifahren, machen sie nicht nichts." Einer der größten Stromfresser heiße Netflix. Und die Beschneiung von 20 Hektar, so hat der Verband der deutschen Seilbahnbetreiber errechnet, produziere nicht mehr CO2 als ein einziger Flug von Frankfurt nach Mallorca und zurück.

Auf dem Feldberg tut sich der Tourismus schwer

Der Feldberg, Baden-Württembergs höchster Berg, startete mit neun Grad plus in die Faschingsferienwoche, aus dem Kerngebiet werden vier bis zwölf Zentimeter Schnee gemeldet. Viel kann also nicht mehr schmelzen bei diesen Temperaturen. Der Slogan ist neu ("Durchatmen – Momente genießen"), die Erwartungen waren groß, gelockt wurde mit Frühbucher-Rabatten und 58 Liften in den 26 Gebieten der Region. Zum Jahreswechsel gab es drei Wochen gar keinen Betrieb. Derzeit ist nur ein Bruchteil der insgesamt mehr als 70 Pistenkilometer befahrbar. "Das sonnige Wetter bereitet Freude, aber hinterlässt leider Spuren", so die aktuelle Online-Info. In den nicht beschneiten und sonnigen Pistenbereichen komme es durch Schneemangel zu Einschränkungen. Jetzt sind die Ticketpreise verbilligt worden.

Die längerfristige Reaktion gehorcht ebenso noch nicht unbedingt den Gesetzen der Nachhaltigkeit. Gemeinsam schlagen der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg (LNV), der Badische Landesverein für Naturkunde und Naturschutz (BLNN), der BUND, der NABU, die Naturfreunde und der Schwarzwaldverein Alarm, weil unter vielem anderem eine weitere Seilbahn mit 10-er Sesseln entstehen soll. U ein Speicherbecken, in das das Wasser für die Schneekanonen, gezapft zum größten Teil im Menzenschwander Tal und im oberen Wiesental, auf den Berg gepumpt wird.

"Der Tourismus ist ein wichtiges wirtschaftliches Standbein der Region", anerkennen die Verbände. "Unstrittig sind die Bedürfnisse der Hochschwarzwaldgemeinden nach Einkommen und Arbeitsmöglichkeiten im Tourismus." Eine Trendumkehr aber sei unabdingbar, nicht zuletzt, weil für die Pläne rund 40 Millionen Euro investiert werden müssten – nach ohnehin schon 25 Millionen Euro in den vergangenen zwanzig Jahren, wie Geograph:innen an der Uni Freiburg errechnet haben. Das berühmt-berüchtigte achtstöckige Parkhaus mit 1.200 Plätzen am Hotel Feldberger Hof ist weit über den Schwarzwald hinaus Sinnbild der Fehlentwicklung, auch weil gerade individuell anreisende Tagesgäste die CO2-Bilanz besonders in Schieflage bringen.

Ablasshandel löst das Problem nicht

"Die Fortsetzung der jetzigen massiven Verrummelung, der Landschafts- und Umweltzerstörung am Feldberg mit Schneekanonen, immer neuen Liften, Großparkhaus und Eingriffen in Naturschutzgebiete kann so nicht weitergehen", wettert Axel Mayer, früher Geschäftsführer beim BUND Südlicher Oberrhein. Schneearme Winter, die den Skibetrieb jahrelang verhindern könnten, seien jederzeit möglich, "und wenn es zu warm ist, hilft selbst die künstliche Beschneiung nicht". Investitionen seien deshalb eine Hochrisikoanlage. Immerhin ergibt eine Anfrage im Wirtschaftsministerium, dass im Rahmen der Tourismusförderung kein Ansatz zur finanziellen Unterstützung von Skiliften bestehe.

Vor allem in Mittellagen hat ein Zauberargument ausgedient, das bisher gern von klimapolitisch aktiven Regionen, auch zu Werbezwecken, gerne vorgetragen wurde: die Kompensation des CO2-Ausstoßes durch Mitfinanzierung von Umweltschutz- oder Aufforstungsprojekten. Es ist aber absurd, an den wenigen kalten Wintertagen energie- und ressourcenintensiv jenen Kunstschnee zu schneien, der an den warmen rasch wieder wegtaut. Ski-Wettkämpfe wie Bezirks- oder Landesmeisterschaften werden durch Ausgleichszahlungen treibhausgasneutral gerechnet. "Eine dauerhafte Lösung ist dieser 'Ablasshandel' jedoch nicht", schreibt der Schwäbische Skiverband. Die Zielrichtung müsse die Reduzierung, besser noch die Vermeidung von CO2-Ausstoß sein.

Im Internationalen Skiverband wird derweil darüber gestritten, wie sinnvoll es ist, zwei Mal pro Wintersaison nach Amerika zu fliegen. Der komplette Zirkus war schon im Dezember in Übersee, Anfang März müssen die Männer für drei Rennen noch einmal nach Aspen und an den Lake Tahoe - wieviel Kohlendioxid damit in die Luft geblasen wird, spielt keine Rolle. Kontraproduktiv nennt das die österreichische Präsidentin Roswitha Stadlober, selber einst eine Siegläuferin. Über Klimaschutz brauche unter solchen Umständen nicht mehr geredet zu werden.

Die Profis rund um Julian Schütter wollen ihrer Vorbildfunktion gerecht werden und ausdrücklich nicht gegen, sondern fürs Skifahren kämpfen. Das mache solchen Spaß, dass er noch in 40 Jahren im Tiefschnee wedeln wolle, schreibt der Aktivist. Aber der Klimawandel stehe dem im Weg. Deshalb wollen die Unterzeichner:innen andere inspirieren, denn schließlich könne jeder aktiv werden und den Einfluss auf das eigene Umfeld nutzen, "egal, wo und wie groß der Radius ist". Zum Beispiel der von Tagestouris, die auf den Feldberg wollen. Von Freiburg fahren die S-Bahn und im Anschluss der Bus staufrei ins Skigebiet, macht hin und zurück knapp zwölf Euro und ein deutlich besseres Gewissen.


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2 Kommentare verfügbar

  • Thomas Albrecht
    am 24.02.2023
    Antworten
    Skitouren im Allgäu per ÖPNV: im Prinzip eine tolle Idee. Aber dazu müssten die Züge am Wochenende früh fahren, z.B. so wie unter der Woche und wenn man nicht gerade aus Stuttgart losfährt, ist man darauf angewiesen. dass die Anschlüsse auch klappen, sonst steht man im Winter irgendwo eine…
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