Kein Vorbild für den Feldberg: erste Indoor-Skihalle in den Alpen bei Tignes. Foto: dejongarchitects

Kein Vorbild für den Feldberg: erste Indoor-Skihalle in den Alpen bei Tignes. Foto: dejongarchitects

Ausgabe 300
Wirtschaft

Schneekanonen ohne Pulver

Von Jürgen Lessat
Datum: 28.12.2016
Der Bürgermeister der Feldberggemeinde war empört. Von wegen Pleitegeier über Pistengaudi, wie wir schrieben. Auch in Zeiten des Klimawandels rechne sich der Skibetrieb am höchsten Berg des Landes selbstverständlich. Wir haben hingeschaut und nachgerechnet.

25 Millionen Euro hatten Kommunen und Investoren 2015 am Feldberg in einen neuen Lift und ein riesiges Parkhaus mit 1200 Stellplätzen gesteckt. Und dann stand der Skizirkus ausgerechnet im Jubiläumswinter "125 Jahre Skilauf im Schwarzwald" wochenlang still – weil die Temperaturen auf dem 1493 Meter hohen Gipfel zum Jahreswechsel auf nie dagewesene Rekordwerte stiegen. Die Weihnachtsferien, traditionell die umsatzstärksten Tage der Saison, feierten Gäste und Gastgeber im Grünen.

"Letztes Jahr waren wir Anfang Dezember sieben Tage in Betrieb, dann vom 4. Januar bis Ende der Osterferien", resümiert Feldbergs Bürgermeister über die Wintersaison 2015/16. Insgesamt seien die Lifte 102 Tage gelaufen, 330.000 Skifahrer habe man gezählt, rund sechs Millionen Euro Umsatz gemacht. "Das sind 15 Prozent unter dem Schnitt der letzten zehn Jahre", sagt Stefan Wirbser und sieht dennoch keinen Grund für Panik. Um kostendeckend zu wirtschaften, benötige der Liftverbund 80 Skitage. "Somit haben wir auch letztes Jahr einen Gewinn erwirtschaftet", betont der CDU-Mann gegenüber Kontext.

Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Nicht nur, weil sich Wirbser in der Zahl der Betriebstage irren muss – wer nachrechnet kommt auf 98 Tage. Sondern auch, weil in der zurückliegenden Saison die Kalkulation fürs neue Parkhaus nicht aufging. Da die Zahl von 400 000 Skifahrern nicht erreicht wurde, musste die Gemeinde eine "Vertragsstrafe" von rund 140 000 Euro an den Parkhausbesitzer, einen Immobilienfonds des Stuttgarter Bankhauses Ellwanger & Geiger, überweisen.

Dabei liegen die guten alten Zeiten auf dem Feldberg noch gar nicht so lange zurück. Knackig kalt war's im Winter 2008/09: damals liefen die Lifte an 152 Tagen, es kamen 610 000 Ski- und Snowboardfahrer, und in den Kassen des Liftverbunds klingelten 9,2 Millionen Euro. Zum Saisonende am 20. April lagen bei drei Grad plus noch 40 Zentimeter Schnee auf dem Höchsten des Landes.

Diesen Traum in Weiß wird es so nicht mehr geben. "Der Klimawandel schreitet nachweislich auch in Süddeutschland voran", so das Ergebnis eines aktuellen Klima-Monitorings in Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Laut Bericht stiegen in Süddeutschland die Temperaturen zwischen 1931 und 2015 bereits um etwa 1,3 Grad Celsius. Zur Erinnerung: Beim Pariser Klimagipfel im Dezember 2015 hatte Weltgemeinschaft sich dazu verpflichtet, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen.

Dass die Winter im Süden der Republik wärmer werden, lässt sich also nicht leugnen. Und wie sieht es heuer auf dem Feldberg aus? "Wir warten auf Schnee", hieß es Anfang Dezember auf der Homepage der Menzenschwander Hütte. Für Weihnachten und danach erwarten die Wetterfrösche weiter Plusgrade.

Wie also stellen sich Gemeinde und Liftverbund auf den Klimawandel ein? Eine Antwort blieb "Mister Feldberg", wie die "Badische Zeitung" den passionierten Skifahrer und Bürgermeister Wirbser taufte, schuldig. Andere denken da schon weiter: Der französische Skiort Tignes will die erste Indoor-Skianlage in den Alpen bauen – auf 2000 Meter Höhe, 400 Meter lang und für 62 Millionen Euro. "Weil der Grande-Motte-Gletscher bereits 30 Prozent seiner befahrbaren Fläche verloren hat", begründete Tignes Bürgermeister Jean-Christophe Vitale das Vorhaben.

Auf dem Feldberg stirbt die Hoffnung auf weiße Winter erst zuletzt. "Wir gehen wieder in Skibetrieb, sobald es die Schneelage zulässt", bekräftigt Bürgermeister Wirbser. Das Tourismus-Portal "Hochschwarzwald" ist noch optimistischer: Es lädt schon jetzt alle Skifahrer zum Saisonfinale am 23. April 2017 auf den Feldberg ein: "Nach einer überragenden Wintersaison", wie es etwas voreilig heißt.



Gefällt Ihnen dieser Artikel?
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!