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Teurer wohnen

Der gentrifizierte Hochschwarzwald

Teurer wohnen: Der gentrifizierte Hochschwarzwald
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Nicht nur in den großen Städten sind die Preise absurd geworden. Eine Million für ein heimeliges Häuschen? Das geht nun auch im Hochschwarzwald, dem neuen Ziel der Spekulanten. Aber es regt sich Widerstand gegen den Ausverkauf.

Wenn Martin Wißler auf seinem Balkon steht, schaut er auf drei stattliche Häuser. Alle haben sie dieses tief herabgezogene Dach. Das eine gehört einem Saudi, das zweite einem Belgier, das dritte einem Schweizer. Es ist Abend, in keinem brennt Licht, eigentlich ist es wie immer. Nachbarn habe man doch "zom zemmehebe", sagt Wißler in diesem Alemannisch, das so gemütlich klingt. Das sei wichtig, hier oben in Schluchsee. Aber gegenüber braucht man das nicht. Die Eigentümer sind selten da, den arabischen Nachbarn hat er schon lange nicht mehr gesehen. Dessen Haus heißt "Schwarzwald-Mädl", vor der Tür grüßt ein Bollenhut-Mädchen, auf dem Dach thront eines dieser typischen Schwarzwald-Türmchen, dessen Glocke der Erstbesitzer mitgenommen hat. Die Gemeinde zählt 900 Zweitwohnungen bei 2500 EinwohnerInnen.

Wißler hat uns in sein Zuhause eingeladen, um zu erklären, was schief läuft im Hochschwarzwald, jenem Fleckchen Erde um den Feldberg herum, das aufgehört hat, eine Idylle zu sein, wenn es denn je eine war. Es gibt Rothaus-Bier, sein Sohn schafft dort. Der 49-jährige Vater ist Elektroniker im Hauptberuf, Wanderführer im Schwarzwaldverein und aufgeschreckt von einem Projekt, das den Namen "Naturresort Schluchsee" trägt. Entstehen soll eine Viersterne-Location für 48 Millionen Euro, am Waldrand gelegen, mit Blick auf den See, an einem sanften Hang, auf dem ein Milchbauer wirtschaftet. Alternativ könne er doch einen "Streichelzoo" eröffnen, soll es auf der Gemeinde geheißen haben.

Für die Hotelanlage wird mit 299 Betten für junge finanzkräftige Menschen gerechnet, 72 Suiten mit eigenen Saunen, kein Betonklotz, sondern ein "Themendorf" hauptsächlich aus Holz, angelehnt an heimische Knechts- und Wiesenhäuser. Die potenziellen Bauherren, gemeinhin als Investoren bezeichnet, sind Hubertus Wichmann aus Ratingen in Nordrhein-Westfalen, der sich selbst als Destinationsentwickler bezeichnet, und Klaas Odink, Geschäftsführer der Kopare Leisure Development im niederländischen Lutten. Betreiber soll die holländische Firma Landal Green Parks sein, die europaweit 87 Ferienanlagen managt.

Wir schaffen das, sagt der Taxler im Widerstand

Wißler hat noch weitere Aufgeschreckte mitgebracht, die zur Aufklärung einer Bürgerschaft, die bisher sehr ruhig ist, beitragen wollen. Einen Mann vom Arbeitsamt, Stefan Wißler, 59, mit dem anderen Wißler nicht verwandt, und Erwin Modispacher, 62, Taxiunternehmer und Schulbusfahrer vor Ort. Auch diese beiden sind radikaler Umtriebe unverdächtig. "Wir leben in Schluchsee" heißt ihre Bewegung, die 150 Unterschriften der Einheimischen braucht, um in ein Bürgerbegehren gegen das "Naturresort" münden zu können. Locker würden sie das schaffen, sagt der Taxler, der viel rumkommt und weiß, was die Leute wollen: Ruhe. Sie sind ja nicht die deutsche Fußballnationalelf, die aus Schluchsee ein "Schlucksee" gemacht hat. Das war 1982, als der Ort einmal richtig berühmt wurde, weil Beckenbauer und Kameraden mehr gezecht als trainiert haben.

Modispacher ist auch der Mann der Zahlen. Er rechnet vor, dass die benötigte Fläche am "Roten Schachen", wo sie als Kinder Schlitten gefahren sind, dreieinhalb Hektar umfasst, und der Gemeinde rund vier Millionen einbringen könnte, wenn sie 109 Euro pro Quadratmeter ansetzt. Für die klamme Kasse wäre das ein Segen. Die Pro-Kopf-Verschuldung beträgt 1696 Euro. Auch deshalb sei der Bürgermeister dafür, glaubt Wißler.

So einfach sei das auch wieder nicht, sagt Jürgen Kaiser, 50, der Schultes von Schluchsee. Er nimmt sich viel Zeit, um seine Lage und jene der Gemeinde zu erläutern, die eine verzwickte ist. Er braucht beides. Geld und Natur. Aber er ahnt, dass das keine Freunde sind. Ja, er hätte auch lieber einen Familienbetrieb draußen am "Roten Schachen". Die auswärtigen Investoren erscheinen ihm ein wenig unheimlich, ihre aufgerufenen Millionen bewegen sich in einem Bereich, der ihm in zwölf Bürgermeisterjahren noch nicht untergekommen ist. Außerdem sind sie vor zwei Jahren schon einmal gescheitert, im benachbarten Todtnauberg, wo 70 Prozent der BürgerInnen gegen ein ähnlich dimensioniertes Projekt Sturm gelaufen sind. Womöglich haben sie es mit ihrem berühmtesten Hüttenbewohner gehalten, dem Philosophen Martin Heidegger, der "die Stille, die unberührte Natur, die Einfachheit des Bergdorfes" sehr genoss, wie das Gemeindeblatt weiß.

Die Betten von Lech sind ein warnendes Beispiel

Dann dürfte Kaiser auch noch die Pleite des Todtnauberger Viersterne-Hotels "Bergvital" im Kopf haben, das russischen Investoren gehört hat. Richtig erschrocken ist er aber, als er jüngst die Berichte über Lech am Arlberg gelesen hat, wo der Kollege Bürgermeister über "leere und leblose Chalets mit kalten Betten und ohne Angestellte" klagt, über Investorenmodelle, die "außer Kontrolle" geraten seien, über den "Ausverkauf der Heimat" insgesamt. Zwei Jahre lang werden sie in dem mondänen Skiort verboten.

Das hat ihn schon sehr nachdenklich gemacht, den gebürtigen Schluchseer, weil er sich doch "nichts Schöneres" vorstellen kann als seinen Hochschwarzwald. Jetzt sieht er die Vorboten auch bei sich, will die Entscheidung offen lassen. Die dunklen Häuser mit ihren heruntergelassenen Rollläden sind sein "großes Problem". Es sind diese Zweitwohnungen, die er nur mit immer höheren Steuern belegen, aber nicht steuern kann, weil Geld da ist "ohne Ende". Jährliche Steigerungsraten von zehn Prozent sind hier im Immobusiness normal.

Dieser Markt hat sich längst seinem Zugriff entzogen, findet unter der Hand statt, verdeckt und zu Preisen, die Einheimische nicht mehr bezahlen können. Ein heimeliges Holzhäuschen kann da schon mal für eine Million Euro über den Tisch gehen, im Bedarfsfall auch für zehn Tage für 4000 Euro vermietet werden. Die dazu gehörende Wiese kann dann auch noch bebaut werden. Im Amtsblatt "Schluchseer Rundschau" sucht ein Hightech-Unternehmen ein stilvolles Bauernhaus in Alleinlage, ein Stuttgarter Unternehmer Bauland bis 900.000 Euro, ein solventer Pferdefreund Haus mit Weidefläche, "preisl. flexibel bis 1,2 Mio". Wer die Homepage des Rathauses anklickt, wird zu Informationen über zum Kauf angebotene Häuser geleitet – und findet dort eine leere Seite.

Die Schäfers wollen keinen "Disney Black Forest"

In Altglashütten sitzen zwei in einem Holzhaus, das sie 1996 selbst gebaut haben und seitdem auch selbst drin wohnen. Dagmar und Michael Schäfer, die einzigen taz-AbonnentInnen hier oben, sind Mitglied bei den Grünen, beim Nabu und dem Bund, Che Guevara und Edward Snowden grüßen von den Wänden. Auch ihre Biographien sind nicht auf Rebellion angelegt. Er hat Maschinenbau studiert, war Meister bei Drescher Karosseriebau in Hinterzarten, wo sie legendäre Porsche restaurieren. Heute ist er 63 und spricht für den AK Hochschwarzwald im Landesnaturschutzverband (LNV). Sie ist gelernte Lehrerin, 62, und für die regionale Initiative für Artenvielfalt unterwegs. Unter anderem achtet sie darauf, dass Frösche und Kröten in Tunneln heil unter der B 500 durchkommen, um in den traumhaft schönen Windgfällweiher zu gelangen (an dessen Ufer Fürst zu Fürstenberg von Donaueschingen Stellplätze für 115 Wohnmobile errichten wollte, was Gott sei dank und dank Dagmar Schäfer verhindert werden konnte).

Die Schäfers sind sehr friedfertige Menschen, aber nicht so geduldig, um der weiteren "Zerstörung" ihrer Landschaft, wie sie sagen, tatenlos zuzusehen. Sie wollen eine Debatte unter allen Bürgermeistern, Gemeinderäten, Kreisräten und zuständigen Behörden, darüber, wie sie gedenken, einem "Disney Black Forest" entgegenzutreten. Wie sie es verhindern wollen, dass die Region zur "benutzten Kulisse" wird, in die "beziehungslose Fremdkörper" gepackt werden, allein des Profits halber. In ihrem offenen Brief schreiben sie von einem "gigantischen Investitionsdruck", erzeugt durch die riesigen Geldmengen, die im Umlauf sind und nun auch im Hochschwarzwald ihre Anlagen suchen. Zusätzlich befeuert durch Corona, das gelehrt hat, dass die Menschen lieber im eigenen Land Urlaub machen, wenn’s der Sicherheit dient.

Michael Schäfer kennt die Folgen in den Rathäusern. Dort schauen sie in ihre Flächennutzungspläne und denken angestrengt darüber nach, wie sie zu kneten sind, um sie der Nachfrage anzupassen. Er ersticke schier in diesen Akten, sagt der zum Experten Gewordene, der für den Landesnaturschutzverband prüft. In Schluchsee beispielsweise, beim Investorenmodell "Naturresort", Bereich "Roter Schachen", wird aus einer Wohnbaufläche eine Sonderbaufläche "Fremdenverkehr", welche durch eine neuerliche Änderung ausgeglichen werden soll, die sich wenige Steinwürfe weiter nordöstlich ereignen soll. In der 16. punktuellen Flächennutzungsplanänderung vom 20. Juli 2021 wird das Gebiet "Hinterer Giersbühl" herangezogen, das nur einen Nachteil hat: Es ist ein Wald. Der muss also abgeholzt werden, auf einer Fläche von 2,8 Hektar, um die dringend benötigten Wohnungen für einheimische junge Familien bauen zu können.

In Feldberg bahnt sich ein Wandel an

Eine "verrückte Spirale", sagt Schäfer. Lauter Getriebene. Er hat das Mantra "Der Tourismus nützt uns allen" auch als Gemeinderat in Feldberg erlebt, und könnte heute darüber lachen, wenn’s nicht so traurig wäre. Einerseits ist das "Höchste im Schwarzwald" (Eigenwerbung) der Touri-Hotspot in Baden-Württemberg schlechthin, mit 702.000 Übernachtungen 2019, selbst im Coronajahr 2020 noch mit 505.000 dabei. Andererseits ist die 1800-Seelen-Gemeinde Landeserste im Schulden-Ranking: mehr als 6000 Euro pro Kopf.

Bürgermeister Johannes Albrecht, 52, seit zwei Jahren im Amt, von Schäfer als "anständiger Kerl" gelobt, hat ein schweres Erbe angetreten. Sein verstorbener Vorgänger Stefan Wirbser, "Mister Feldberg" von der "Badischen Zeitung" genannt, könnte als Vater der Verrummelung gelten. Allein das Parkhaus mit 1200 Stellplätzen war ein Hammer. 100 Meter lang, 50 Meter breit, 25 Meter hoch, 15 Millionen teuer, finanziert über einen Investorenfond des Stuttgarter Bankhauses Ellwanger & Geiger. Das Autosilo steht seit fünf Jahren, um das Defizit auszugleichen muss die Gemeinde sechsstellige Beträge zuschießen, während ihre Straßen voller Schlaglöcher sind.

Albrecht hänge die Wirbsersche Altlast wie ein "Mühlrad" um den Hals, glaubt Schäfer, was der Beschwerte so nicht ausdrücken würde. Er spricht lieber von einem Sanierungsstau und lokalen Akteuren, die Steuern abführen, wachsen sollen und vernünftige Dinge tun. Bezahlbare Wohnungen bauen für Familien zum Beispiel, für MitarbeiterInnen, die nicht mehr unters Dach gesperrt werden müssen. Langfristig gesehen erscheint ihm das ein stabileres Modell zu sein, die "wahnsinnig starke Marke" Feldberg zu erhalten. Die Spekulanten, die zuhauf in sein Rathaus kommen, braucht er dazu nicht.


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2 Kommentare verfügbar

  • Nico
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Ich empfehle allen MitbürgerInnen, die auf der Sonneseite dieser Welt geboren wurden und
    mehr oder weniger ohne Unterbrechungen dort aufgewachsen sind, längere Aufenthalte in
    den nicht-so-stark-industrialisierten Ländern.

    Und dies nicht auf 1-2-3-4-*Sterne-Niveau. Sondern ganz nah bei den…
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