Im Münstertal tobt ein Konflikt zwischen Windkraftgegnern und -befürwortern. Foto: Jens Volle

Im Münstertal tobt ein Konflikt zwischen Windkraftgegnern und -befürwortern. Foto: Jens Volle

Ausgabe 352
Politik

Windiger Widerstand

Von Jürgen Lessat
Datum: 27.12.2017
In der Schwarzwaldgemeinde Münstertal gibt es Streit. Über den Bau von Windkraftanlagen. Wie fast überall, wo Rotoren sauberen Strom produzieren sollen, prallen auch hier Interessen von Atomlobby und Umweltschützern aufeinander.

Im März 2011, kurz nach der Atomkatastrophe von Fukushima, hatten noch 80 Prozent der Münstertaler Einwohner "Ja" zu Rotoren auf dem Gemeindegebiet gesagt. Zuletzt sank die Zustimmung auf 52 Prozent. Windkraftgegner hatten mit Erfolg Stimmung gegen die Anlagen gemacht, die angeblich Mensch, Tier und Natur gefährden. Eine Mehrheit sprach sich bei der jüngsten Befragung im September sogar gegen ein Bürgerenergie-Projekt auf dem Höhenzug Breitnauer Kopf aus. Doch der Gemeinderat folgte dem Votum nicht: mit einer Stimme Mehrheit beschloss das Gremium, die Option für die klimafreundliche Stromgewinnung durch engagierte Bürger zu belassen.

Weil CDU-geführte Landesregierungen lange lieber auf Atomstrom setzten, ist Baden-Württemberg in Sachen Windkraft bis heute Entwicklungsland. Aber noch nie wurden so viele Windräder im Südwesten neu in Betrieb genommen, wie im Jahr 2017: Rund 135 Rotoren werden es wohl bis zum 31. Dezember sein. Zum Stichtag 30. September 2017 drehten sich im Südschwarzwald, auf der Alb und im Hohenlohischen insgesamt 642 Windräder mit einer installierten Leistung von 1269 Megawatt. Das entspricht etwa der Leistung des Atommeilers Neckarwestheim II (1400 Megawatt), der Ende 2022 als einer der letzten Kernreaktoren in Deutschland abgeschaltet wird.

Plakate pro Windkraft in Münstertal

Stramm gegen den Wind

Ausgabe 343, 25.10.2017
Von Jürgen Lessat

Im idyllischen Münstertal im Schwarzwald wird mit Haken und Ösen gegen die Windkraft gekämpft. In der Region sitzen ein Tunnelbauer, ein russischer Honorarkonsul und ein Ex-Stasi-Offizier. Die setzen eher auf Atom und Öl.

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Doch der Windkraftausbau zu Land droht hier wie bundesweit in den nächsten beiden Jahren zu kollabieren. Denn ab 2018 greift die Ausbaubremse für Windkraft, die von der alten schwarz-roten Koalition beschlossen wurde. Der Neubau von Windrädern ist dann bundesweit auf 2900 Megawatt pro Jahr gedeckelt, inbegriffen auch der Austausch alter Rotoren gegen leistungsstärkere Windräder. Zudem wird seit 2016 über Ausschreibungen ermittelt, wer neue Windräder bauen darf. Zum Zuge kommt dabei der preisgünstigste Bieter. Im Nachteil sind Projektierer, die in südlichen Regionen Anlagen planen, deren Erträge geringer und deren Kosten höher sind durch Topografie und schwächeren Wind.

In den bisherigen drei Ausschreibungsrunden erhielten vor allem Projekte in Norddeutschland Zuschläge, während die Südländer Bayern und Baden-Württemberg leer ausgingen. Zudem sind die meisten der bezuschlagten Windparks bislang nicht genehmigt und Experten warnen, dass viele der Projekte erst gar nicht realisiert werden - und wenn, dann nicht vor dem Jahr 2020. Erst für die Ausschreibungen im Jahr 2018 ist für eine Teilnahme das Vorliegen einer Genehmigung erforderlich.

"Wir werden einen Fadenabriss beim Zubau bekommen, der sich gewaschen hat", sagt der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) und fordert eine Quotenregelung bei den Ausschreibungen zu Gunsten der Südländer. Doch solange es nur eine geschäftsführende Bundesregierung gibt, tut sich nichts und Experten befürchten, dass eine neue GroKo aus Union und SPD nach der Solarenergie auch der Windenergie den Boden entzieht. Damit würde ausgerechnet der preiswertesten Stromquelle Deutschlands das Wasser abgegraben.

Und dies, obwohl die Erneuerbaren Energien in 2017 in Deutschland neue Rekorde brechen. Nach Angaben des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) und des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) haben sie im 2017 über 36 Prozent des Bruttostromverbrauchs in Deutschland gedeckt. Demnach könnten bis Jahresende fast 217 Milliarden Kilowattstunden (Mrd. kWh) Strom aus Sonne, Wind und anderen regenerativen Quellen erzeugt werden. 2016 lag der Anteil der Erneuerbaren mit 188 Milliarden kWh noch bei 31,6 Prozent.


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