Kernkraft ist gottgewollt, meinte Franz Josef Strauß. Seit 50 Jahren dampft das AKW in Gundremmingen. Foto: Joachim E. Röttgers

Kernkraft ist gottgewollt, meinte Franz Josef Strauß. Seit 50 Jahren dampft das AKW in Gundremmingen. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 315
Politik

Mit Gott zum Atomschrott

Von Oliver Stenzel
Datum: 12.04.2017
Fessenheim, Obrigheim, Neckarwestheim: Jetzt werden nach und nach Atomkraftwerke abgeschaltet und abgebaut. Vor 50 Jahren begann in Deutschland die kommerzielle Nutzung der Kernkraft. Sie ist nicht nur ein Sicherheitsrisiko, sondern ökonomischer Irrsinn, wie das Beispiel Gundremmingen zeigt.

190 Milliarden. Die Zahl muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Hundertneunzig Milliarden Euro betragen die staatlichen Förderungen, die die Atomenergie in Deutschland zwischen 1970 und 2014 bezogen hat, von Finanzhilfen über Steuervergünstigungen bis hin zu begünstigenden Rahmenbedingungen. So lautet das Ergebnis einer 2015 veröffentlichten Studie des Vereins Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS). Und das sind nur die Fördergelder, die direkt mit der Stromerzeugung zu tun haben. Rechnet man noch Ausgaben wie etwa den Rückbau und die Stilllegung der ostdeutschen Kernkraftwerke oder die Sanierung der Uranabbaugebiete in der ehemaligen DDR hinzu, käme man auf rund 30 Milliarden mehr. Und die Folgekosten für Endlagerung sind in dieser Rechnung noch gar nicht enthalten.

Ein Großteil dieser gigantischen finanziellen Förderung wurde nie auf den Strompreis umgelegt. Im Gegensatz zu den erneuerbaren Energien, bei denen die EEG-Förderung explizit im Strompreis ausgewiesen ist. Würde man all diese Kosten auf den tatsächlich erzeugten Strom, auf einen Förderwert je Kilowattstunde umrechnen, käme man für die Zeit von 1970 bis 2014 für Atomenergie auf durchschnittlich 3,9 Cent pro Kilowattstunde. Und in der Anschubphase Anfang der 1970-er Jahre kam die Atomkraft sogar auf aberwitzige Werte von bis zu 70 Cent pro Kilowattstunde.

Euphorie in den 1950ern: das Atom als Retter der Menschheit

Die AutorInnen der FÖS-Studie folgern daraus: "Hätten die AKW-Betreiber in der Aufbauphase auch nur einen relevanten Teil der Kosten selbst tragen müssen, wäre diese Technologie nie eingeführt worden." Ins gleiche Horn stößt der an der Universität Birmingham lehrende Umwelt- und Technikhistoriker Frank Uekötter: "Nach 75 Jahren Nuklearentwicklung gibt es weltweit kein einziges Atomkraftwerk, das am freien Markt eine Chance hätte."

Eingeführt wurde die Atomenergie trotzdem. Vor genau 50 Jahren begann ihre kommerzielle Nutzung in Deutschland, im bayerischen Atomkraftwerk Gundremmingen an der Donau, nur wenige Kilometer von der baden-württembergischen Grenze entfernt. Am 12. April 1967 speiste dessen Block A erstmals Strom ins Netz.

Die friedliche Nutzung der Kernenergie erschien Mitte der 1950er Jahre als Verheißung. "Das böse militärische Atom, das die Menschheit mit der Vernichtung bedroht, wird zum Retter der Menschheit. Das war damals die Stimmung", erinnert der Bielefelder Historiker Joachim Radkau an die Euphorie jener Tage.

Ort politischer Prügelei: Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Foto: Thomas Kniess/Wikimedia, CC BY-SA 3.0
Ort politischer Prügelei: Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Foto: Thomas Kniess/Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Damit sich ihre Hoffnungen materialisierten, "hatten Regierungen Milliarden investiert, die klügsten Köpfe in die einschlägige Forschung gelenkt und ganze Bürokratien zur Förderung der Atomkraft geschaffen", so Uekötter. Eigens wurde in der Bundesrepublik 1955 ein Atomministerium geschaffen, aus dem sich das heutige Bildungs- und Forschungsministerium entwickeln sollte. Erster Atomminister war ab 1955 Franz Josef Strauß (CSU), der im Juli 1956 einen Gesetzentwurf vorlegte, aus dem 1960 das erste deutsche Atomgesetz wurde. Da war Strauß schon längst wieder woanders. Aber in Sachen Atom sollte er noch oft politische Schützen- und, in Wackersdorf, Prügelhilfe leisten.

Gundremmingen: ohne Zuschüsse keine Baubeschlüsse

Irgendwann war das staatlich gepäppelte atomare Projekt dann "too big to fail". Für die Politik sei es nicht mehr möglich gewesen, ohne Gesichtsverlust aus der Sache wieder heraus zu kommen, so Uekötter. Dies hätten auch die zunächst zögerlichen Energiekonzerne erkannt; sie konnten sich daher "bequem zurücklehnen und schauen, wie groß die Morgengabe werden würde."

Sie sollte üppig werden. Im Falle Gundremmingens waren es etwa großzügige finanzielle Unterstützungen durch die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom). Die Befreiung von direkten Steuern und Zöllen, die das Kraftwerk durch den Status als "gemeinsames Werk" im Sinne des Euratomvertrags erhielt, sowie zusätzlich etwa 30 Millionen D-Mark aus dem USA/Euratomprogramm. Ohne dies wären die Baubeschlüsse für Block A, mutmaßt der Historiker Radkau, kaum zustande gekommen.

Beispielhaft sollte Gundremmingen A auch im Hinblick auf Sicherheits- und ökonomische Risiken der Kernkraft werden. 1975 wurden zwei Arbeiter bei einem Unfall mit heißem radioaktivem Dampf tödlich verbrüht. Und 1977 folgte eine Havarie. Nach einer Schnellabschaltung wurde zu viel Wasser in den Reaktor gepresst, was nicht nur der bis heute schwerste nukleare Störfall in der Geschichte der Bundesrepublik war, sondern im Ergebnis auch ein wirtschaftlicher Totalschaden. Block A ging nie mehr in Betrieb, Reparatur und Modernisierung wären zu teuer gewesen - und die neuen Blöcke B und C waren ohnehin schon seit 1976 im Bau.

Franz Josef Strauß: Atomkraft gottgewollt

Sie wurden 1984 fertig gestellt. Wieder einmal half der politische Wille, der in Bayern durch Ministerpräsident Franz Josef Strauß besonders vehement vertreten wurde, "in den 1980er Jahren der sichtbarste Vorkämpfer der Atomkraft", so Uekötter. Im März 1986, in der Hochphase der Proteste um den Bau der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf (WAA), der heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Atomkraftgegnern und Staatsmacht in der Geschichte der Bundesrepublik, erklärte Strauß die Atomkraft in einem Brief an den Nürnberger Kreisdekan gar zum religiösen Gebot: "Ein gläubiger und verantwortungsbewusster Christ kann mit guten Gründen der Überzeugung sein, dass auch ein Kraftwerk ein Teil des göttlichen Auftrags ist."

Etwas irdischer orientiert war offenbar Rudolf von Bennigsen-Foerder, Manager des Energiekonzerns VEBA, des größten Anteilseigners der zukünftigen WAA-Betreibergesellschaft. Er verkündete 1989 den Ausstieg aus Wackersdorf und machte lieber einen Vertrag mit der schon bestehenden französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague. Dass Franz Josef Strauß da schon ein halbes Jahr tot war, mag den Ausstieg erleichtert haben. Am 31. Mai 1989 wurden die Bauarbeiten eingestellt, zehn Milliarden D-Mark hatten sie da schon verschlungen, drei Menschen waren während der Proteste ums Leben gekommen. Heute ist auf dem Gelände ein Industriepark.

Hier gehen 2022 die Lichter aus: AKW Neckarwestheim. Foto: Joachim E. Röttgers
Hier gehen 2022 die Lichter aus: AKW Neckarwestheim. Foto: Joachim E. Röttgers

Warum aber sind – angesichts der zweifelhaften Wirtschaftlichkeit – die Energiekonzerne nicht schon längst komplett aus der Atomkraft ausgestiegen? Ganz einfach: Atomkraftwerke sind zwar teuer im Bau und im Abriss, aber billig im Betrieb. Daher gehe es, so Uekötter, der Atomlobby darum, "die Investitionen vergangener Jahrzehnte nach Möglichkeit auszureizen." Und noch ein bisschen billiger ist der Betrieb seit Anfang 2017 in Deutschland dadurch, dass der Bundestag vergangenen September die Brennelementesteuer nicht verlängerte. Die sich daraus ergebenden Zusatzgewinne für die AKW-Betreiber schätzt das FÖS auf insgesamt 2,9 bis 4,4 Milliarden Euro. Seither lohne sich der Betrieb von Atomkraftwerken, die ansonsten wegen fehlender Wirtschaftlichkeit früher vom Netz gegangen wären, wieder mehr, kritisiert etwa die Initiative "Ausgestrahlt."

Bau und Abriss teuer, Betrieb billig

Und so laufen in Gundremmingen noch Block B (bis Ende 2017) und C (bis Ende 2021). Es sind die letzten deutschen Siedewasserreaktoren. Trotz möglicherweise fehlender Erdbebensicherheit, die kürzlich ein von den Grünen-Fraktionen in Bundestag und bayrischem Landtag in Auftrag gegebenes Gutachten den Reaktor-Dinosauriern attestierte. Neckarwestheim 2 wird spätestens Ende 2022 vom Netz gehen und damit neben Isar 2 und Emsland zu den letzten ausgeschalteten Kernkraftwerken Deutschlands zählen.

Ob Fessenheim, das älteste noch in Betrieb befindliche französische Kernkraftwerk, 2019 tatsächlich abgeschaltet wird, ist allerdings noch nicht gesagt. Denn einerseits ist der Abschalttermin daran gekoppelt, dass ein neuer Reaktor im nordfranzösischen Flamanville ans Netz geht, was aktuell für 2019 geplant ist. Und andererseits hängt das auch vom Ausgang der Präsidentschaftswahlen ab. Kandidat Emmanuel Macron ist für die Abschaltung, als "absurde Stilllegung" bezeichnete sie dagegen Front-National-Kandidatin Marine Le Pen.

Greenpeaceaktion 2014 für die Abschaltung von Frankreichs ältestem Atomkraftwerk. Foto: Daniel Müller/Greenpeace

Mag im Gegensatz zu Frankreich in Deutschland immerhin schon das Ende der Nutzung der Atomkraft feststehen, der vielleicht schwierigste, auf jeden Fall langwierigste Teil kommt ja erst noch: Wohin mit dem Strahlenmüll und wie ihn eine Million Jahre unter Verschluss halten? Am 23. März 2017 hat der Bundestag das Gesetz für die Suche nach einem deutschen Endlager für hoch radioaktiven Atommüll beschlossen. Bis 2031 soll ein Standort gefunden sein, 14 Jahre also noch, und nicht wenige Experten halten diesen Zeitraum für zu knapp.

Vor der Endlagerung steht der jahrzehntelange Rückbau der Kraftwerke. Der wird mittlerweile teils auch als Medienevent inszeniert wie jüngst am 10. April beim Rückbaustart von Neckarwestheim 1, wo der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) selbst symbolisch einen Bolzen löste. Wie kritisch schon diese Phase sein kann, zeigen die Proteste von Bürgerinitiativen, die "Billig-Abriss" mit vermeidbar hoher Freisetzung von Radioaktivität kritisieren.


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