Siegerpose: Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück beim Charity-Fight gegen Box-Profi Francois Botha in Kapstadt. Foto: Porsche

Siegerpose: Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück beim Charity-Fight gegen Box-Profi Francois Botha in Kapstadt. Foto: Porsche

Ausgabe 315
Gesellschaft

Uwe rettet die Welt

Von Fritz Schwab
Datum: 12.04.2017
Für Uwe Hück ist das Leben ein Kampf. Am besten auf offener Bühne, wo sich der Porsche-Betriebsratschef wahlweise als Arbeiterführer, Sozialarbeiter oder Boxer in Szene setzen kann. Wie zuletzt in Südafrika, wo der Zwei-Zentner-Mann weiter an seiner Legende strickt.

Vor "dicken Brieftaschen" hat er nach eigener Einschätzung "keinen Respekt". Aber es schmeichelt ihm dann doch, wenn der Multimilliardär, Porsche-Aufsichtsratsvorsitzende und Haupteigentümer des Sportwagenbauers Wolfgang "Wopo" Porsche bei einer Sitzung vor zwei Wochen der versammelten Runde verkündet, dass man jetzt zum Ende kommen müsse, weil der Uwe Hück sonst seinen Flieger nach Afrika verpasse.

Reiseziel Kapstadt, Südafrika. Es war dem kleinen Uwe vor 54 Jahren sicher nicht in die Wiege gelegt, eines Tages als Repräsentant einer Automarke in die große, weite Welt zu reisen. Der als Waisenkind im Kinderheim bei Pforzheim aufgewachsene Junge hatte allerdings schnell gemerkt, dass zwei Dinge einen weit nach oben bringen können: Physische Kraft und eine freche Gosch. 

Hück erzählt die Geschichte heute folgendermaßen: Mit acht Jahren habe er die Bibel für sich entdeckt und den lieben Gott gebeten: Bitte mach mich stark, damit ich anderen helfen kann. Im Kinderheim probte er erstmals erfolgreich den Aufstand, "damit die Wurst aufs Brot kommt". Es reichte dann mit Anfang 20 zum zweimaligen Europameistertitel im Thaiboxen und zu der noch viel wertvolleren Erfahrung, dass man sich im Leben nicht bescheißen lassen darf. Sein erster Titel brachte ihm 1500 Mark ein, sein Manager habe aber 20 000 eingesackt.

Leitwolf Hück (mit Megafon) bei einer IG Metall-Veranstaltung bei Porsche im April 2016.
Leitwolf Hück (mit Megafon) bei einer IG Metall-Veranstaltung bei Porsche im April 2016. Foto: Joachim E. Röttgers

Das nötige Geld zur Titelverteidigung wollte er bei Porsche in Zuffenhausen verdienen. Der gelernte Lackierer kassierte erst eine Absage, beschwerte sich aber persönlich über den negativen Bescheid und muss dabei so viel Eindruck hinterlassen haben, dass er den Job doch noch bekam. Später gab er einem schikanierenden Vorarbeiter – "Halt die Gosch, sonschd kommsch' zum Bosch" – wirkungsvoll Kontra, indem er ihn am Kittel packte und drohte: "Noch ein Wort und wir gehen beide zum Bosch." Damit war der Karriereweg zum Arbeitnehmervertreter bereitet: Vertrauensmann, Betriebsrat, Betriebsratsvorsitzender. 

Psychologisch betrachtet war Wiedeking der Papa

Irgendwann wurde Hück die Welt zwischen Pforzheim und Zuffenhausen zu klein. Hobbypsychologisch betrachtet pflegte Hück mit dem damaligen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking eine Art Ersatzvater-Sohn-Beziehung. Bis hin zur Gestik soll Hück den schwergewichtigen Westfalen imitiert haben, erinnern sich enge Porsche-Mitarbeiter. Das Gespann plante den ganz großen Coup. Wiedeking machte sich daran, mit dem Zwerg Porsche den Riesen Volkswagen zu übernehmen. Hück wähnte sich schon in der Rolle des größten Arbeiterführers der Republik. Das Ende ist bekannt. Wiedeking wurde mit einer Millionenabfindung in die Wüste geschickt und Hück blieb der Betriebsratsvorsitzende und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Porsche AG, der hochprofitablen Tochter des Volkswagen-Konzerns. Vorläufiger Höhepunkt in der Vita: Verleihung des Bundesverdienstkreuzes vor wenigen Wochen.

Das Knopfloch im Revers bleibt bei seinem Auftritt in Kapstadt ordensleer. Hück ist schlau genug, seinen Kritikern nicht den Stoff zu liefern, mit dem sie ihn am Zeug flicken könnten. Wohlgesetzte Worte kommen auch so zur Begrüßung. Der südafrikanische Porsche-Generalimporteur Toby Venter preist ihn als den Mann, der für 600 000 Menschen bei Volkswagen Verantwortung trage. In Wolfsburg sehen das seine Gewerkschaftskollegen sicherlich etwas differenzierter. Sei's drum, der offizielle Anlass für Hücks Erscheinen ist die feierliche Einweihung eines Ausbildungsprojekts für Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen. 24 junge Frauen und Männer aus den Armenvierteln von Kapstadt starten in wenigen Wochen eine Lehre als Service-Mechatroniker und können anschließend in einer Niederlassung von VW, Audi oder Porsche einen heißbegehrten Job in der Werkstatt antreten. 

In Kapstadt staunen die Lehrlinge über Hücks Weisheiten

Als ranghöchster Vertreter von Porsche sitzt Hück nun auf einem weißen Sofa und plaudert mit der Moderatorin, eine Art Anne Will vom Kap der Guten Hoffnung, über Luxusautos und die Riesenchance für die jungen Menschen aus den Townships. Dazu gehört, dass sich das Publikum die Klassiker unter den Hück'schen Lebensweisheiten anhören darf. An die Lehrlinge adressiert, lässt Hück seine Lieblingssentenz vom Stapel: "Das Trikot schwitzt nicht von allein." Der Gesichtsausdruck der jungen Männer und Frauen lässt darauf schließen, dass sie mit derlei Sprüchen wenig anfangen können. Leben heißt für sie überleben.

Spender zum Anfassen: Hück in einer Zuffenhausener Schule, Januar 2014. Foto: Joachim E. Röttgers
Spender zum Anfassen: Hück in einer Zuffenhausener Schule, Januar 2014. Foto: Joachim E. Röttgers

Der biographische Hintergrund der jungen Menschen aus den Townships vor den Toren der glitzernden, multikulturellen City von Kapstadt wäre mit "prekär" geradezu schmeichelhaft beschrieben. Entsprechend fallen die Auswahlkriterien für die Aufnahme in das Lehrlingsprogramm auf. So muss das Familieneinkommen weit unter dem südafrikanischen Durchschnitt liegen, wenn es in der Familie überhaupt ein regelmäßiges Einkommen geben sollte. Denn häufig fehlt der Vater in den meist kinderreichen Haushalten und fällt als materieller Versorger aus, was in den patriarchalisch geprägten Strukturen unweigerlich zu Armut führt.

Umso mehr verkörpert die 17 Jahre alte Allison Petersen eine ungewöhnliche Berufsstarterin. Als junge Frau eine technische Ausbildung zu absolvieren, ist in Südafrika bereits erstaunlich. Für ein Mädchen aus einem Township gleicht es einer Sensation. "Ich bin immer noch auf eine positive Art geschockt, dass ich diese Chance bekommen habe. Jetzt möchte ich auch andere Mädchen ermutigen, einen solchen Beruf zu ergreifen", sagt Petersen. Steilvorlage für Hück: "Ihr müsst schaffen, schaffen, schaffen! Ok?!" Und weil die Antwort der schüchternen Jungs und Mädchen zu zaghaft ausfällt, wird Hück etwas lauter: "OK?" Und erst beim dritten "OK???", das bereits etwas Dieter-Bohlen-artiges an sich hat, antworten ihm die jungen Leute aus dem Township laut genug.

Womöglich schafft das SPD-Mitglied noch den Schulz-Effekt

So richtig laut wird es aber erst, als die Moderatorin die südafrikanische Boxer-Legende Francois Botha – Kampfname "The White Buffalo" – auf die Bühne bittet. Mit dem wird sich Hück am nächsten Abend einen Schaukampf liefern. Nicht ganz zufällig fallen die Eröffnung des Ausbildungszentrums und der Schaukampf zeitlich fast zusammen. Hück legt aber Wert darauf, dass der Fight eine Angelegenheit seiner eigenen, privaten Stiftung sei. Der Erlös soll in die Renovierung von mehreren Boxschulen in den Townships von Kapstadt fließen. "Blaue Flecke für soziale Zwecke", nennt Hück seinen nun nach Südafrika exportierten Ganzkörpereinsatz.

Lass mal drücken: Genosse Hück und Ex-Kanzler Gerhard Schröder.
Lass mal drücken: Genosse Hück und Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Foto: Joachim E. Röttgers

Und natürlich darf an einem solchen glamourösen Abend Nelson Mandela nicht fehlen. "Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern", wird die 2013 verstorbene Ikone des Landes zitiert. Beim anschließenden Umtrunk mit Pils und Rotwein bekräftigt Hück seinen Vorsatz, gegen den ehemaligen Schwergewichts-Champion Botha gewinnen zu wollen, "auch wenn der zehn Kilo mehr auf die Waage bringt". Das soll nach richtig ernsthaftem Boxen klingen, und ein wenig die Tatsache überspielen, dass hier zwei Mitfünfziger zu Gange sind.

Für Hück kein Alter, um wehmütig zurückzuschauen. Die Heldensaga des Waisenkindes ist noch nicht zu Ende erzählt. Da kann noch allerhand kommen, womöglich auch in der Politik. Als "Geheimwaffe der Genossen" wurde der IG-Metaller schon vor zehn Jahren tituliert. Noch hat sie nicht gezündet. Das langjährige SPD-Mitglied wartet auf seine Chance, vielleicht gibt es auch für Uwe Hück einen Schulz-Effekt. Den Kampf in Kapstadt hat Hück übrigens klar gegen Botha verloren.


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