Siegerpose: Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück beim Charity-Fight gegen Box-Profi Francois Botha in Kapstadt. Foto: Porsche

Ausgabe 315
Gesellschaft

Uwe rettet die Welt

Von Fritz Schwab
Datum: 12.04.2017
Für Uwe Hück ist das Leben ein Kampf. Am besten auf offener Bühne, wo sich der Porsche-Betriebsratschef wahlweise als Arbeiterführer, Sozialarbeiter oder Boxer in Szene setzen kann. Wie zuletzt in Südafrika, wo der Zwei-Zentner-Mann weiter an seiner Legende strickt.

Vor "dicken Brieftaschen" hat er nach eigener Einschätzung "keinen Respekt". Aber es schmeichelt ihm dann doch, wenn der Multimilliardär, Porsche-Aufsichtsratsvorsitzende und Haupteigentümer des Sportwagenbauers Wolfgang "Wopo" Porsche bei einer Sitzung vor zwei Wochen der versammelten Runde verkündet, dass man jetzt zum Ende kommen müsse, weil der Uwe Hück sonst seinen Flieger nach Afrika verpasse.

Reiseziel Kapstadt, Südafrika. Es war dem kleinen Uwe vor 54 Jahren sicher nicht in die Wiege gelegt, eines Tages als Repräsentant einer Automarke in die große, weite Welt zu reisen. Der als Waisenkind im Kinderheim bei Pforzheim aufgewachsene Junge hatte allerdings schnell gemerkt, dass zwei Dinge einen weit nach oben bringen können: Physische Kraft und eine freche Gosch. 

Hück erzählt die Geschichte heute folgendermaßen: Mit acht Jahren habe er die Bibel für sich entdeckt und den lieben Gott gebeten: Bitte mach mich stark, damit ich anderen helfen kann. Im Kinderheim probte er erstmals erfolgreich den Aufstand, "damit die Wurst aufs Brot kommt". Es reichte dann mit Anfang 20 zum zweimaligen Europameistertitel im Thaiboxen und zu der noch viel wertvolleren Erfahrung, dass man sich im Leben nicht bescheißen lassen darf. Sein erster Titel brachte ihm 1500 Mark ein, sein Manager habe aber 20 000 eingesackt.

Das nötige Geld zur Titelverteidigung wollte er bei Porsche in Zuffenhausen verdienen. Der gelernte Lackierer kassierte erst eine Absage, beschwerte sich aber persönlich über den negativen Bescheid und muss dabei so viel Eindruck hinterlassen haben, dass er den Job doch noch bekam. Später gab er einem schikanierenden Vorarbeiter – "Halt die Gosch, sonschd kommsch' zum Bosch" – wirkungsvoll Kontra, indem er ihn am Kittel packte und drohte: "Noch ein Wort und wir gehen beide zum Bosch." Damit war der Karriereweg zum Arbeitnehmervertreter bereitet: Vertrauensmann, Betriebsrat, Betriebsratsvorsitzender. 

Psychologisch betrachtet war Wiedeking der Papa

Irgendwann wurde Hück die Welt zwischen Pforzheim und Zuffenhausen zu klein. Hobbypsychologisch betrachtet pflegte Hück mit dem damaligen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking eine Art Ersatzvater-Sohn-Beziehung. Bis hin zur Gestik soll Hück den schwergewichtigen Westfalen imitiert haben, erinnern sich enge Porsche-Mitarbeiter. Das Gespann plante den ganz großen Coup. Wiedeking machte sich daran, mit dem Zwerg Porsche den Riesen Volkswagen zu übernehmen. Hück wähnte sich schon in der Rolle des größten Arbeiterführers der Republik. Das Ende ist bekannt. Wiedeking wurde mit einer Millionenabfindung in die Wüste geschickt und Hück blieb der Betriebsratsvorsitzende und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Porsche AG, der hochprofitablen Tochter des Volkswagen-Konzerns. Vorläufiger Höhepunkt in der Vita: Verleihung des Bundesverdienstkreuzes vor wenigen Wochen.

Das Knopfloch im Revers bleibt bei seinem Auftritt in Kapstadt ordensleer. Hück ist schlau genug, seinen Kritikern nicht den Stoff zu liefern, mit dem sie ihn am Zeug flicken könnten. Wohlgesetzte Worte kommen auch so zur Begrüßung. Der südafrikanische Porsche-Generalimporteur Toby Venter preist ihn als den Mann, der für 600 000 Menschen bei Volkswagen Verantwortung trage. In Wolfsburg sehen das seine Gewerkschaftskollegen sicherlich etwas differenzierter. Sei's drum, der offizielle Anlass für Hücks Erscheinen ist die feierliche Einweihung eines Ausbildungsprojekts für Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen. 24 junge Frauen und Männer aus den Armenvierteln von Kapstadt starten in wenigen Wochen eine Lehre als Service-Mechatroniker und können anschließend in einer Niederlassung von VW, Audi oder Porsche einen heißbegehrten Job in der Werkstatt antreten. 

In Kapstadt staunen die Lehrlinge über Hücks Weisheiten

Als ranghöchster Vertreter von Porsche sitzt Hück nun auf einem weißen Sofa und plaudert mit der Moderatorin, eine Art Anne Will vom Kap der Guten Hoffnung, über Luxusautos und die Riesenchance für die jungen Menschen aus den Townships. Dazu gehört, dass sich das Publikum die Klassiker unter den Hück'schen Lebensweisheiten anhören darf. An die Lehrlinge adressiert, lässt Hück seine Lieblingssentenz vom Stapel: "Das Trikot schwitzt nicht von allein." Der Gesichtsausdruck der jungen Männer und Frauen lässt darauf schließen, dass sie mit derlei Sprüchen wenig anfangen können. Leben heißt für sie überleben.

Der biographische Hintergrund der jungen Menschen aus den Townships vor den Toren der glitzernden, multikulturellen City von Kapstadt wäre mit "prekär" geradezu schmeichelhaft beschrieben. Entsprechend fallen die Auswahlkriterien für die Aufnahme in das Lehrlingsprogramm auf. So muss das Familieneinkommen weit unter dem südafrikanischen Durchschnitt liegen, wenn es in der Familie überhaupt ein regelmäßiges Einkommen geben sollte. Denn häufig fehlt der Vater in den meist kinderreichen Haushalten und fällt als materieller Versorger aus, was in den patriarchalisch geprägten Strukturen unweigerlich zu Armut führt.

Umso mehr verkörpert die 17 Jahre alte Allison Petersen eine ungewöhnliche Berufsstarterin. Als junge Frau eine technische Ausbildung zu absolvieren, ist in Südafrika bereits erstaunlich. Für ein Mädchen aus einem Township gleicht es einer Sensation. "Ich bin immer noch auf eine positive Art geschockt, dass ich diese Chance bekommen habe. Jetzt möchte ich auch andere Mädchen ermutigen, einen solchen Beruf zu ergreifen", sagt Petersen. Steilvorlage für Hück: "Ihr müsst schaffen, schaffen, schaffen! Ok?!" Und weil die Antwort der schüchternen Jungs und Mädchen zu zaghaft ausfällt, wird Hück etwas lauter: "OK?" Und erst beim dritten "OK???", das bereits etwas Dieter-Bohlen-artiges an sich hat, antworten ihm die jungen Leute aus dem Township laut genug.

Womöglich schafft das SPD-Mitglied noch den Schulz-Effekt

So richtig laut wird es aber erst, als die Moderatorin die südafrikanische Boxer-Legende Francois Botha – Kampfname "The White Buffalo" – auf die Bühne bittet. Mit dem wird sich Hück am nächsten Abend einen Schaukampf liefern. Nicht ganz zufällig fallen die Eröffnung des Ausbildungszentrums und der Schaukampf zeitlich fast zusammen. Hück legt aber Wert darauf, dass der Fight eine Angelegenheit seiner eigenen, privaten Stiftung sei. Der Erlös soll in die Renovierung von mehreren Boxschulen in den Townships von Kapstadt fließen. "Blaue Flecke für soziale Zwecke", nennt Hück seinen nun nach Südafrika exportierten Ganzkörpereinsatz.

Und natürlich darf an einem solchen glamourösen Abend Nelson Mandela nicht fehlen. "Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern", wird die 2013 verstorbene Ikone des Landes zitiert. Beim anschließenden Umtrunk mit Pils und Rotwein bekräftigt Hück seinen Vorsatz, gegen den ehemaligen Schwergewichts-Champion Botha gewinnen zu wollen, "auch wenn der zehn Kilo mehr auf die Waage bringt". Das soll nach richtig ernsthaftem Boxen klingen, und ein wenig die Tatsache überspielen, dass hier zwei Mitfünfziger zu Gange sind.

Für Hück kein Alter, um wehmütig zurückzuschauen. Die Heldensaga des Waisenkindes ist noch nicht zu Ende erzählt. Da kann noch allerhand kommen, womöglich auch in der Politik. Als "Geheimwaffe der Genossen" wurde der IG-Metaller schon vor zehn Jahren tituliert. Noch hat sie nicht gezündet. Das langjährige SPD-Mitglied wartet auf seine Chance, vielleicht gibt es auch für Uwe Hück einen Schulz-Effekt. Den Kampf in Kapstadt hat Hück übrigens klar gegen Botha verloren.


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10 Kommentare verfügbar

  • Theo Voelkl
    am 19.04.2017
    Ich arbeite jetzt seit 32 jahren bei Porsche als bandarbeiter und lagerarbeiter . in Zuffenhausen sind jetzt über 10 000 beschäftigte ,nur noch knapp über die hälfte gewerbliche .hier schreiben leute wie Gangolf die offensichtlich keine ahnung haben wie sich das bewusstsein bei der arbeiterinnen aristokratie in grossbetrieben entwickelt hat . Uwe ist nunmal gewählt und kann auch nicht wie ein absolutischer herrscher bei 35 betriebsräten in 3 fraktionen an gesetzen und tarifverträgen vorbei entscheiden . ob mensch mit seiner persönlichkeit zurechtkommt ist eine andere frage. aber verglichen mit anderen grossbetrieben gibt es bei uns keine leiharbeiter in der produktion oder logistik. die verpflegung ist in eigenregie und der aller grösste teil des werkschutzes besteht aus porsche mitarbeiterinnen. die leider zum teil fremd vergebenen service dienstleistungen müssen den jeweiligen branchen tarifvertrag zahlen ( der bierautomaten dienstleister wurde dieses jahr deshalb gewechselt und nun ist ne firma dran die NGG tarif zahlt und nen BR hat) , die anderen, wie putzen, mindesten 10 euro 50 . der VW konzern hat das sagen und wer glaubt ein BR vorsitzender könnte durch schreien immer alles anders machen selbst wenn er wollte, lebt in einem linken wolken kuckluksheim. ca. 30% der produktions mitarbeiterinnen hat einen türkischen migrations hintergrund, ich denk die mehrheit hat davon für Erdogen gestimmt. kann sich jemand vorstellen was für stimmungen und konflikte innerhalb der der gewerkschaftlichen kerntruppen herrschen ? für viele ist ein fester arbeitsplatz bei Porsche wie ein 6er im lotto . in meiner abteilung von ca. 50 schaffen jetzt mehr als 10% flüchllinge . mensch kann viel an Uwe aussetzen aber eins muss ich ihm zu gute halten, selbst gegen verschleierten rassismus ist er alergisch . es wär ja schön wenn es es noch einen druck von links innerhalb der firma gäbe , aber es gibt niemand mehr ! ein tribun wird uns nicht retten wenn von unten keine bewegung kommt.
  • M. Stocker
    am 15.04.2017
    @Seltsam

    Uwe Hück ist nicht nur Betriebsrat, er ist auch IGM-Gewerkschafter und hat, sagen wirs mal vorsichtig, ein SPD-Parteibuch.

    Gute Löhne aushandeln? Machen meines Wissens nach die Gewerkschaften und die Arbeitgeberverbände. Gilt das auch für die Zulieferer und die verlängerten Werkbänke? Oder bleibt Hücks Blick nicht eher am eigenen Betriebsgeländezaun hängen? Gilt das auch für die ausgelagerten Firmen? Wachleute, Putzdienste etc. die früher ganz selbstverständlich beim Hersteller angestellt waren und nach IGM-Tarif bezahlt wurden, heute mit schäbigem Mindestlohn, Wohngeld und Hartz-Aufstockerei abgespeist werden?

    Für gute Arbeitsbedingungen kämpfen? Da ist aber noch einige Luft nach oben frei. Bei Leiharbeit, ANÜs etc. Um diese Art der Lohndrückerei loszuwerden, müsste man sich halt mit den eigenen Genossen in Berlin anlegen. Soweit geht der mutige Sozialdemokrat in Kämpferpose dann doch nicht.

    Ein gute Gewinnbeteiligung..? Um den obszönen Selbstbedienungsladen des Managements zu kaschieren? Profitiert davon auch die Zulieferer-Kette, die für die Gewinne maßgeblich mitbluten musste?
    Und was passiert in den mageren Jahren? Da bettelt man den Staat an (oder erpresst ihn gleich), doch was für die notleidende Automobilindustrie zu tun. Durch Abwrackprämien z.B. Und durch die gaaanz überraschende Erkenntnis, dass das, was im Fahrzeugschein steht, nichts wert ist. Also mal ein paar hunderttausend bis Millionen Fahrzeuge alternativlos verschrottet werden müssen.

    Sich um gute Aubildungsplätze kümmern? Löblich, löblich! Wenn nur nicht am Ende der Ausbildungszeit die bange Frage der Übernahme in eine Festanstellung stünde. Trotz ohrenbetäubendem Geschrei der Arbeitgeberverbände nach Fachkräften finden keinesfalls alle Ausgelernten in ihrem Lernberuf eine Stelle.

    Für Integration von Flüchtlingen kämpfen? Ja brav frissts Schoßhündchen aus der Hand der Arbeitgeberverbände. Und beteiligt sich nicht etwa an politischen Initiativen, die das von US- und NATO-Barbarei angerichtete Blutbad und die Zerstörung in den befreiten Gebieten bekämpfen, und damit die Fluchtursachen, sondern fällt auf den Schmuh der Überalterungspanik, der Facharbeiter-Mangel-Panik herein und unterstützt den eiskalten reaktionären Zynismus, aus dem Flüchlingselend die Entstehung einer weiteren industriellen Reservearmee zu schmieden, mit der man die Löhne in Europa in Zukunft noch weiter nach unten drücken kann.

    Nicht zu vergessen: Uwe Hück ist auch Aufsichtsrat. Das hat etwas mit Aufsicht zu tun, wie sich unschwer herleiten lässt. Und gerade darin ist Herr Hück der Totalversager. Natürlich nicht er alleine, alle anderen Aufsichträte auch. Wer die organisierte Umwelt- und Vermögenszerstörungskriminalität des VW-Vorstandes nicht auch nur ansatzweise aufklären will und sich als PR-Schutzschild vor diese Herren stellt, macht sich mitschuldig. Eigentlich müsste sich Hück für die sofortige Suspendierung des VW-Vorstands einsetzen, ohne Gehalt und Boni-Ansprüche versteht sich. Dann würde ich ihm diese Boxkämpfer-Show eher abnehmen.

    So aber bekommt er nur Note 5+.
  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 14.04.2017
    Anarchist, anarchisch oder…? (¹) Die Videos auf arte sind noch 3 Tage abrufbar!

    Nun, Uwe Hück lässt zu wünschen übrig – bereits mit dem Anwenden der aktuell geltenden Gesellschaftsgrundlagen (²)

    Hanna Ahrendt meint: Pflicht zum Ungehorsam (³)


    (¹) arte am Di. 11.04. um 22:05 Uhr Kein Gott, kein Herr! - Eine kleine Geschichte der Anarchie (1/2) http://www.arte.tv/guide/de/047435-001-A/kein-gott-kein-herr-eine-kleine-geschichte-der-anarchie-1-2
    Der Anarchismus brachte die Welt immer wieder ins Wanken, ermöglichte aber auch die ersten sozialen Errungenschaften und beeinflusste die großen Revolutionen des 20. Jahrhunderts. Wo nahm diese Bewegung ihren Anfang, die seit 150 Jahren jeden Herrn und jeden Gott ablehnt? Warum ist der Anarchismus, der eine bessere Welt wollte als die, die sie früher war, noch immer aktuell?
    23:15 Uhr Kein Gott, kein Herr! - Eine kleine Geschichte der Anarchie (2/2) http://www.arte.tv/guide/de/047435-002-A/kein-gott-kein-herr-eine-kleine-geschichte-der-anarchie-2-2

    (²) 13.04.2017 http://www.parkschuetzer.de/statements/195894 SWR Fernsehen betrifft: Harte Arbeit - schlechter Lohn Mi. 12.04.2017 20:15 Uhr – mit Kommentar um 10:38 Uhr speziell zu Uwe Hück und seinem Wirken in unserer Gesellschaft (oder auch nicht Wirken).

    (³) arte Mi. 01. Februar um 22:00 Uhr http://www.arte.tv/guide/de/053331-000-A/hannah-arendt-und-die-pflicht-zum-ungehorsam noch 17 Tage abrufbar
    Hannah Arendt ist eine der einflussreichsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Doch was sagt ihr Werk jungen Leuten von heute, einer Generation, die sich jenseits nationaler oder kontinentaler Beschränkungen bewegt, und die Partei ergreift für ein "Denken ohne Geländer" (Hannah Arendt) der Systeme, Ideologien und Wunschvorstellungen?
  • Seltsam
    am 13.04.2017
    @Stocker
    Was sind denn in Ihren Augen die Aufgaben eines Betriebsratsvorsitzenden ?

    Gute Löhne auszuhandeln ?
    Für gute Arbeitsbedingungen zu kämpfen?
    Eine gute Gewinnbeteiligung für die Belegschaft in erfolgreichen Geschäftsjahren ?
    Oder gar eine Prämie -die vom Staplerfahrer bis zum Ingenieur gleich hoch ist?
    Sich um gute Ausbildungsplätze kümmern?
    Für die Integration von Flüchtlingen kämpfen?

    Wenn das zum Aufgabenspektrum gehört, dann bekommt Hück eine 1*

    Was in den Kontextkommentaten bleibt ist der Neid auf alle erfolgreichen Menschen.
    Schade
  • M. Stocker
    am 13.04.2017
    @Seltsam (Dr.Seltsam?):
    Niemand will soziales Engagement kritisieren, es wäre nur vielleicht nett, wenn sich der Herr Betriebsrat neben seinem Aufsichtsratsmandat und den sonstigen zahlreichen flankierenden PR-Maßnahmen zeitweilig auch seinen Aufgaben widmen würde, für die er eigentlich gewählt wurde, für die generell Betriebräte zuständig sind. Wenn mans ernst nimmt, ist das nämlich ein Fulltime-Job.

    @G.R.
    Er hat was zum Abgasskandal gesagt. Drei Wochen, nachdem die Nachrichten aus den USA unüberhörbar wurden, und oh Wunder, die hiesige Presse sich die Freiheit/Frechheit herausnahm, VW massiv zu kritisieren. Er sagte nämlich sinngemäß, dass man doch jetzt mal wieder aufhören sollte und könnte, auf VW einzudreschen.
    Drei Wochen, in denen weder das Ausmaß des Skandals überhaupt erfassbar war, geschweige denn Verantwortliche ermittelt werden konnten.

    Wäre Herr Hück ein Betriebsrat, und zwar kein inzwischen gelber, dann hätte er selbstverständlich seinen Rand gehalten, bis wenigstens der Umfang des Betrugs klar geworden wäre.

    Und wären unsere Gewerkschaften ein klein wenig heller in der Kapelle, dann würden sie sich in so einem Falle nicht vor die Geschäftsleitung stellen wie Herr Hück das brav macht. Sondern sie würden sich mit den beschissenen und betrogenen Kunden des VW-Konzerns solidarisieren.
    Denn eines ist klar: jeder Cent der in den Kassen des VW-Konzerns und in den Lohntüten der verbliebenen Restarbeiterschaft landet, einschließlich der sinnlos überzogenen, angesichts des Abgasbetruges geradezu obszönen Gehälter fürs Management und auch für die Tantiemen des Herrn Hück wird von den Kunden des VW-Konzerns bezahlt, und von sonst niemand. Von Kunden, die sich von VW mehrfach über den Tisch ziehen lassen müssen.
    Aber so viel wirtschaftliches Denken ist wohl eine Überforderung des Herrn Hück.

    VW hat seine Kunden zweimal betrogen. Der erste Betrug ist offensichtlich, eine Motorsteuerungs-Software, die die Lachplatte des von der Automobilindustrie selbst erfundenen Prüfzyklus erkennt und sich dann 'brav' verhält, d.h. den technischen Murks des Speicherkatalysators so gut wie eben unter Laborbedingungen im Schongang möglich betreibt.
    Der zweite Betrug ist viel gravierender, denn er ist im Gegensatz zur Prüfzykluserkennung nicht durch Aufspielen einer neuen Software behebbar (oder im Falle der hochintelligenten VW-Sparfüchse durch Einbau einer komplett neuen Motorsteuerung, weil die ursprüngliche nicht reprogrammierbar ist. Hat damals den 1.6 l Diesel-Polo statt 16323.-€ dann nur 16317.-€ kosten lassen, das ist für ein 'Low'-Cost-Fahrzeug wohl eine bedeutende Ersparnis, ein wichtiges Entscheidungskriterium für die Kunden. Hey, 6.-€, gibts fast ne Pizza dafür! Wer will sich das entgehen lassen!).

    Es ist die Weigerung der Innovationsfeinde der gesamten Automobilindustrie, die seit mindestens ZEHN Jahren zur Verfügung stehende Technik der selektiven katalytischen Reduktion (SCR, im Volksmund besser bekannt als Harnstoff-Kat) in ausnahmslos alle Dieselfahrzeuge einzubauen.

    Aber das belastet solche Gestalten wie Herrn Hück natürlich nicht. Er wird sich in den Chor der Fahrverbotsbekämpfer und Umweltschutz-Ignoranten der CDU/FDP/SPD/Kretschgünen einreihen, und zusammen mit den Umweltverbänden, die in diesem Fall ebenfalls eine katastrophale Rolle spielen, für den nächsten 'Erneuerungsschub' der Fahrzeugflotte sorgen. Für ca. 1.6 Mio. Fahrzeughalter bedeutet das ja nur die Vernichtung von ein paar Milliarden Privatvermögen. Das stört wohl keinen großen Geist wie Herrn Hück.

    Die Alternative, die die Umwelt, die Gesundheit der Innenstadtbewohner und den Geldbeutel der Kunden gleichzeitig schont, wäre ja auch lästig. Man müsste tatsächlich einen gewissen Aufwand an Ingenieursarbeit betreiben, um die Fahrzeuge so nachzurüsten, dass sie wenigstens das einhalten, was im Fahrzeugschein zugesichert wird, also Erfüllung der Abgasnorm Euro 5 oder 6.
    Vor allem müsste man sich dazu mit der eigenen Geschäftsleitung anlegen, eine Mission Impossible für Herrn Hück (und viele andere Betriebsratsfürsten), er müsste sich mit sich selbst zoffen. Das würde auch bedeuten, dass man seine Nase aus dem in der Autoindustrie notorischen Echoraum der PS-Neurotiker herausstrecken müsste, um ernüchtert festzustellen, dass die meisten Kunden völlig anders ticken als man selbst. Dass Kunden Wert auf Energieeffizienz, Schadstoffarmut, praktischen Nutzen und Langlebigkeit (die Umweltverbände nannten das mal Nachhaltigkeit) legen. Wie langweilig. Diesen Kulturschock halten die geilen Blechbieger, Design-Fetischisten und überflüssige Gadget-Konstrukteure nicht aus.
  • Kornelia
    am 12.04.2017
    Wie sagt man so schön von SPDlern: Genossen der Bosse!

    Und das marktradikal und neofeudal Geniale an Armen ist: so können leistungslose Millionärsgrabscher ihre Neo-Ablässe zelebrieren!
    Es werden Armen konstruiert, gern Kinder (genial als PR goodwashing Label), damit die (a)sozialen, die Abgehängten, ihre gierigen Griffe Recht-fertig-en können!
    (Wiedekind 'nahm' sich 50 000 000, um dann mit 25 000 000 eine Stiftung zu gründen! Geld, was er von den Arbeitenden nahm!
    Schon die Kirchen leeren seit Jahrhunderten: reich wird man nicht durch geben!)

    "Während VW infolge des Abgasskandals und milliardenschwerer Verluste um sein Überleben kämpft, haben sich die Porsche-Eigentümerfamilien Porsche und Piëch eine Dividende von insgesamt mehr als 150 Millionen Euro gesichert. ()
    Damit fließen etwa 300 Millionen Euro an die Familien Porsche und Piëch, ...()
    Hück ist auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender und hat die Dividende mit beschlossen. VW werde in der Zukunft wieder sehr viel Gewinn machen, davon sei er überzeugt. „Wenig auszuschütten, wäre ein Signal, dass wir Zweifel an diesem Invest hätten“. Nun „muss es aufhören, dass auf VW einprügelt wird.“

    http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.porsche-und-die-vw-krise-hueck-verteidigt-die-dividende-bei-der-porsche-holding.1ce5e993-b1bc-4ede-b56f-9c5bffa8ab19.html

    Und ist schon mal jemandem aufgefallen wie ahnungslos der VW Aufsichtsrat und aber vor allen Dingen auch Betriebsrat angesichts der Massenvergasung (Feinstaub/Stickoxide) und Vernichtung von Sozialhilfe (Schulden als Steuerabschreibung, ergo weniger Geld in Schulen und Kitas, etc pp) ist und war?

    http://www.rp-online.de/wirtschaft/unternehmen/stellenabbau-bei-vw-die-zwei-seiten-des-zukunftspakts-aid-1.6406483

    PS:
    Wieso sind VäterMännern offensichtlich ihre Jungs, ihre Autos und ihren Strassen, wichtiger als ihre Kinder und Enkelkinder?
    Ja, auch hier am Gemeinderat in Stuttgart zu erleben!
    Lieber 10 000e Kinder vergiften als ein Auto still legen?!?!
  • Mikail
    am 12.04.2017
    Da drängt sich doch der Eindruck auf, subtile Ironie ist der bisherigen Kommentatoren Sache nicht.
  • G. R.
    am 12.04.2017
    Schon erstaunlich, wie die Medien auf diesen Selbstdarsteller, Märchenerzähler, Opportunist und wahrscheinlich auch Profiteur seiner guten Beziehungen zu Wiedeking und den Porsche-Größen reinfallen. Er ist ein Paradebeispiel dafür, wie man mit "Schaukämpfen", die er ja so liebt und mit "Schweigen", wenn es nötig wäre, zu einer öffentlichen Person wird. Hat er schon irgendwann etwas zu den Abgasmanipulationen gesagt, zu den immer größer und umwelt-schädlicheren Monster-Fahrzeugen von Porsche, zu den ins uferlose steigenden Managergehältern? Legt der "Gerechtigkeitsfanatiker" denn offen, was er so an Lohn und Zusatzzahlungen verdient und wie das Verhältnis zu den einfachen Porsche-Bandarbeitern ist? Fehlanzeige. Um in den Medien präsent zu sein ist es besser seine alten Geschichten von der Bibel und dem Thaiboxen ständig zu wiederholen. Wäre gut, da mal etwas genauer hinzuschauen. Schade, dass Fritz Schwab das nicht gemacht hat.
  • Seltsam
    am 12.04.2017
    @maxi
    Vielleicht auch Respekt gegenüber Menschen die sich sozial engagieren.
    Wievielen sozial schwachen Menschen helfen Sie denn so im Alltag?
    Haben Sie auch eine Stiftung gegründet mit dem Ziel benachteiligten Jugendlichen eine Chance zu geben?
    Wieviel kostbare Freizeit opfern Sie denn für Ihr soziales Engagement ?
  • maxi
    am 12.04.2017
    Komisch, das so ein - im "Ergebnis" - widerlicher Typ (mit SPD-Parteibuch!) hier so anstandslos und unkritisch ausführlich porträtiert wird. -Masochismus? -Idiotie? -Geld gar?..

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