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"Europa ist meine Zukunft"

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Griechenland ist pleite, zum Grexit gesellte sich jüngst der Brexit, in Österreich koalieren Demokraten mit Rechtspopulisten und am Bodensee dürfen Leser des "Südkuriers" Flüchtlinge öffentlich als "afrikanische Sozialtouristen" betiteln. Über viel von alledem ist in dieser Ausgabe zu lesen. Sieht so eine vereinte Staatengemeinschaft aus? Ist das Europa? Für junge Menschen wie unseren Autor ist es das nicht. Aber ein Leben ohne Europa, schreibt er, wäre wie ein Haus ohne Strom.

Die Krisenmeldungen zu Europa reißen nicht ab. Nicht erst seit Tagen oder Wochen – eigentlich schon seit einigen Jahren. Es ist in diesen Tagen nicht einfach, das Bild eines stark leuchtenden Europas zu zeichnen. Als überzeugter Europäer ist dies jedoch für mich ein Grund mehr, es dennoch zu tun. Und zu beschreiben, was Europa für mich persönlich bedeutet:

Als junger Mensch ist Europa für mich etwas völlig Normales und Alltägliches. Ich habe ein Leben ohne ein geeintes Europa nie kennengelernt. Ein Leben ohne Europa ist daher ebenso schwer vorstellbar wie ein Leben ohne Elektrizität. Fällt der Strom für kurze Zeit aus, ist das abenteuerlich. Bleibt der Strom für alle Zeit aus, wird aus einem kurzen Abenteuer das vollständige Chaos. Kein Licht, keine Kommunikation, keine funktionierende Infrastruktur. Fällt Europa aus, erscheint dies für einen kurzen Moment ebenfalls abenteuerlich und verkraftbar. Zerbricht Europa für alle Zeit, verlieren wir jeglichen Halt und Zusammenhalt. Keine grenzenlose Bewegungsfreiheit, kein politischer Austausch, keine freier Warenverkehr, kein funktionierendes Wirtschafts- und Finanzsystem, kein universitärer Austausch, kein sicher gewährleisteter Frieden. Deshalb ist Europa meine Zukunft.

Als studierter Historiker ist für mich Europa ein Projekt des Friedens. Ein Projekt der Aussöhnung, des Vergebens und des Schaffens von Vertrauen. Wenn ein Kontinent, der sich seit seiner Existenz immer und immer wieder im Krieg mit sich selbst befand und darüber hinaus diesen Krieg sowie das damit verbundene Leid der Zerstörung in viele andere Teile der Welt getragen hat, es schafft, einen dauerhaften Zustand von Frieden herzustellen, ist das allein Grund genug dafür, jeden Tag erneut für Europa einzustehen. Ein solcher Weg, auf dem immer wieder neues Vertrauen geschaffen und gegenseitige Solidarität ausgeübt werden muss, ist ein breit angelegter Lern- und Lehrprozess. Die Vergangenheit hat bewiesen, dass sich dieser Weg lohnt. Deshalb ist Europa meine Zukunft.

Als Fußballfan ist für mich Europa Nervenkitzel und Fußballkunst auf höchstem Niveau. Wenn im Herbst die Fußball-Champions League beginnt und die besten Fußballspieler der Welt unter der Woche abends gegeneinander antreten, dann sind die Stadien bis unter das Dach gefüllt. Auf den Zuschauertribünen treffen Sprechchöre und Fanchoreografien unterschiedlichster Art aufeinander. Auf dem Platz geben die Spieler, ganz egal, woher sie kommen, als Mannschaft alles für den Sieg. Im Fußballtempel und vor den Fernsehgeräten kommen Menschen verschiedenster Herkunft zusammen, um ihr Team gemeinsam anzutreiben. Auch ihnen ist egal, ob jener Spieler, der das entscheidende Tor schießt, Franzose, Deutscher, Muslim oder Christ ist. Deshalb ist Europa meine Zukunft.

Für einen Menschen, der im ärmsten Land Südamerikas gelebt hat, ist Europa ein Privileg. Den Wohlstand, den wir uns in Europa aufgebaut haben, lernt man vielleicht erst dann besonders zu schätzen, wenn man ihn nicht mehr hat. Armut ist in Südamerika keine Ausnahme, sondern die Regel. Die medizinische Versorgung ist nicht flächendeckend gewährleistet. Soziale Sicherungssysteme sind meist nicht vorhanden. Kinderarbeit ist in Südamerika keine Seltenheit. Eine gute Bildung ist oft den Privilegierten vorbehalten. Uneingeschränkte Reisefreiheit besteht nicht. Selbst wenn es sie geben würde, wäre das Reisen überallhin nicht möglich, denn oft fehlt die dazu notwendige Infrastruktur. Ich habe das Leben hier schätzen gelernt, deshalb ist Europa meine Zukunft.

Als Sozialdemokrat ist für mich Europa in aller erster Linie ein solidarisches Miteinander und das Ausüben von Verantwortung. Dies ist in der aktuellen Zeit vielleicht mehr Wunsch als Realität. Der Solidaritätsgedanke bezieht sich dabei zum einen auf die Solidarität innerhalb Europas und bedeutet gegenseitige Unterstützung, wenn die soziale Not am größten ist. In den vergangenen Jahrzehnten wurde dieser Sinn für Gemeinschaft oft unter Beweis gestellt. In der jetzigen Griechenlandkrise bleiben wir diesen Solidaritätsgedanken schuldig. Dabei sollte die erlernte europäische Solidarität eigentlich sogar noch ausgeweitet werden. Sie sollte auch jenen gelten, die nicht hier leben. Jenen, die Ausbeutung durch Europa erfahren haben und jetzt Zuflucht und Schutz in Europa suchen. In der Vergangenheit haben wir gelernt, dass die Probleme und Herausforderungen nur in gemeinsamer Verantwortung zu lösen sind, deshalb ist Europa meine Zukunft.

Deshalb ist Europa unsere Zukunft.

Markus Herrera Torrez ist 27 Jahre alt, SPD-Stadtrat in Lauffen am Neckar und Mitglied des Vorstands der Landes-SPD. Drei Jahre lang war er Vorsitzender der Jusos Baden-Württemberg. Herrera Torrez hat einen Teil seiner Kindheit in Bolivien in Südamerika gelebt.


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13 Kommentare verfügbar

  • Ralf Kiefer
    am 06.07.2015
    Antworten
    Es gibt sie wirklich noch, die unabhängige Berichterstattung, siehe Nachdenkseiten oder Telepolis :-)

    "Untergang in Würde"
    http://www.heise.de/tp/artikel/45/45360/1.html
    Daraus ziemlich treffend:
    "Besonders hervorstechen Sozialdemokraten, die sich in ihrem Reflex gegen links besonders…
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