Ausgabe 222
Editorial

Solidarität – trotz alledem

Von unserer Redaktion
Datum: 01.07.2015

Kontext wirft sich für die "Stuttgarter Zeitung" und die "Stuttgarter Nachrichten" in die Bresche. Das mag auf den ersten Blick erstaunlich sein. Ist es aber nicht. In einer Zeit, in der immer mehr Redaktionen geschleift, JournalistInnnen auf die Straße gesetzt werden und die Verlegerprofite das Maß aller Dinge sind, muss dagegengehalten werden. Aus Prinzip. Darin sind wir uns mit fast 100 Unterzeichnern, darunter viele Prominente aus Stadt, Land und Bund, einig. Sie alle wollen Pressevielfalt und unterstützen deshalb den Kontext-Aufruf "David kämpft für Goliath". Wir wünschen uns, dass es – wegen der Bedeutung des Themas – noch mehr werden. Zur Aktion geht es unter diesem Link.

Wir wissen aber auch, dass sich viele LeserInnen schwer damit tun, mit Zeitungen solidarisch zu sein, mit denen sie wenig bis nichts mehr verbindet. Und das sind nicht nur Gegner von Stuttgart 21. Ihr Vertrauen in die Qualität der Blätter ist erschüttert, wenn überhaupt noch vorhanden, und die Frage, ob man das doppelt haben muss, deshalb verständlich. Aber alle und alles in die Tonne stopfen? S 21 in den "Nachrichten" und in der "Zeitung" – alles eins? Nein.

Nehmen wir die Stuttgarter Ausgaben vom gestrigen Dienstag, den 30. Juni. Im Leitartikel der StN schreibt Wolfgang Molitor, was alle schreiben: Die griechische Regierung ist unerträglich dreist, Alexis Tsipras und seine "Mitzocker von der blasierten Linken" haben jedes Vertrauen verspielt, Griechen raus. In der StZ stellt Michael Heller die Frage, was wohl gewesen wäre, wenn die Troika in Deutschland die Rente mit 67 gefordert hätte? Wenn sie mit Hartz IV gedroht hätte? Ein Aufschrei der Empörung. Die Reformen müssten aus dem Land selbst kommen, folgert der StZ-Wirtschaftschef, und das ist im neoliberalen Strom der Leitartikler fast schon eine Revolution.

Es gibt sie noch, die Unterschiede, und es gibt sie noch, die Aufrechten. Auch im Möhringer Pressehaus. Auch sie gilt es mit dem Aufruf zu stützen, um zu sichern, was für die Demokratie unerlässlich ist: die andere Meinung.

Die Liste der Unterzeichner reicht von Leni Breymaier (Verdi) über Peter Friedrich (SPD-Minister) und Landtagsvizepräsidentin Brigitte Lösch (Grüne) bis zu Schriftsteller Heinrich Steinfest und hätte auch den grünen Oberbürgermeister Fritz Kuhn einschließen sollen. Aber der mochte lieber alleine gehen und seiner Sorge per eigener Pressemitteilung Ausdruck verleihen. Selbstverständlich ist auch der eben 60 Gewordene für Medien- und Meinungsvielfalt. Es muss ja nicht unbedingt ein "Tatort" oder ein Bürgerbegehren sein.

Presse, Freiheit, Karikatur, Kostas

Wir freuen uns immer wieder über seine Karikaturen in Kontext. Denn Kostas Koufogiorgos übersetzt politische Fehlleistungen und gesellschaftliche Abgründe gekonnt in Bilder, die zum Schreien komisch sind – und manchmal schlicht zum Heulen. Der Mann, der 2008 aus Griechenland nach Deutschland kam, versteht sich nicht nur als Zeichner, sondern auch als politischer Journalist. Seine Karikaturen finden sich ebenso in "Cicero", der taz oder dem "Spiegel". Kein Wunder, dass er auch als Experte auf Podien gefragt ist. Etwa am kommenden Sonntag (5. Juli) in der Staatsgalerie Stuttgart zum Thema "Was darf Satire?". Um 14 Uhr diskutiert der 43-Jährige mit den Kunstgeschichtlern Hans-Martin Kaulbach und Hendrik Ziegler anlässlich der Ausstellung "Karikatur, Presse, Freiheit". Der Eintritt ist frei.


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