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Stuttgart 21 und die Zeitpläne

So sicher wie Weihnachten

Stuttgart 21 und die Zeitpläne: So sicher wie Weihnachten
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Datum:

Überraschung? Nicht wirklich. Mal wieder ist die Inbetriebnahme von Stuttgart 21 verschoben worden, mit Dezember 2026 wird's nichts. Anders ist diesmal nur, dass noch kein neuer Termin genannt wird. Eine kleine Chronik früherer Hoffnungen und Prognosen.

Ein Song der schwedischen Rockband The Hives heißt "Hate to say I told you so", frei übersetzt, "Ich hab's dir doch gesagt". Könnte ein Motto für die Kritiker:innen von Stuttgart 21 sein. Denn wieder einmal haben sich ihre Vorhersagen bestätigt: Das Großprojekt ist mittlerweile nicht nur fast dreimal so teuer wie bei Baubeginn prognostiziert, es verzögert sich ob seiner Komplexität auch schon wieder. Die geplante Eröffnung im Dezember 2026, die ohnehin nur eine Teileröffnung gewesen wäre, wurde am 19. November auf unbestimmte Zeit verschoben. Diesmal sollen es Probleme beim sogenannten Digitalen Knoten Stuttgart sein, also bei der Ausstattung mit dem Sicherungs- und Leitsystem ETCS. Zuletzt hatten Vertreter der Bahn immer wieder betont, dafür gebe es "keine Blaupause", die DB betrete hier "absolutes Neuland". Das klingt angesichts der Pünktlichkeits- und Zuverlässigkeitsperformance der Bahn in etwa so, als plane Albanien seine erste Marsmission für 2030. Aber nichts gegen Albanien und nichts gegen den Mars! Ein Rückblick auf das, was seit 31 Jahren immer wieder angekündigt wird.
 

18. April 1994: Bahnchef Heinz Dürr, Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel, Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann, Landesverkehrsminister Hermann Schaufler und Stuttgarts Oberbürgermeister Manfred Rommel (alle CDU) stellen das Projekt Stuttgart 21 vor, noch ohne konkreten Zeitplan. Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann würde am liebsten noch vor der Jahrtausendwende anfangen zu bauen.
"Es wäre verlogen, jetzt bereits eine zeitliche Dimension zu nennen." Manfred Rommel, Stuttgarter OB

16. Januar 1995: Eine Machbarkeitsstudie zu Stuttgart 21 wird präsentiert, die zum Ergebnis kommt, das Projekt sei “technisch machbar”. Ein Baubeginn könne sechs Jahre nach Start der Projektvorbereitung erfolgen, wird darin erläutert, als Gesamtbauzeit werden 7,5 Jahre kalkuliert, plus anschließend ein Probebetrieb von “5 bis 6 Monaten”. Weitere Untersuchungen sollen im Rahmen eines "Vorprojekts" erfolgen.

7. November 1995: Bahn, Bund, Land und Stadt unterzeichnen eine Rahmenvereinbarung, in der auch die Finanzierung des auf 4,893 Milliarden D-Mark (2,502 Milliarden Euro) veranschlagten Projekts festgelegt wird. In der Rahmenvereinbarung selbst ist kein genauer Zeitplan festgeschrieben, doch in den kurz zuvor präsentierten Ergebnissen des Vorprojekts ist erstmals ein Ablaufplan dargestellt, sofern eine Entscheidung für S 21 im Herbst 1995 erfolgt: Baustart Anfang 2001, Inbetriebnahme 2008.

Juli 1999: Bahnchef Johannes Ludewig legt Stuttgart 21 auf Eis.
"Ich habe damals abgelehnt, dieses Projekt durchzuführen zu Lasten der anderen Projekte in Deutschland, die aus meiner Sicht genauso wichtig waren, vor allem die Erhaltung des Bestandsnetzes." Johannes Ludewig, 2010 im Rückblick.

15. Juli 1999: Im baden-württembergischen Landtag ist Stuttgart 21 Debattenthema.
"Alles spricht für eine Realisierung des Gesamtprojekts (…). Über die Bauzeit von 2001 bis 2008 würde allein das Bahnprojekt Stuttgart 21 ca. 4.200 Arbeitsplätze in der Bauwirtschaft sichern." Erwin Teufel (CDU), baden-württembergischer Ministerpräsident.

März 2001: Stuttgart 21 wird wiederbelebt: Der Bund und die Projektpartner einigen sich auf eine Vorfinanzierung. Das Land Baden-Württemberg, Stadt und Region Stuttgart tragen jeweils 50 Millionen Mark, Bund und Bahn statt bislang 60 nun 120 Millionen Mark. Daraufhin genehmigt der DB-Aufsichtsrat am 14. März 2001 das Projekt. Damit ist der Weg für die Einreichung der Planfeststellungsunterlagen geebnet. Als neuer Zeitrahmen wird nun ein Baubeginn 2005 und eine früheste Inbetriebnahme 2013 genannt.

Juli 2001: DB und Projektpartner schließen eine Rahmenvereinbarung, die die Vereinbarung von 1995 ergänzt. Die CDU-Landesregierung sagt zu, einen milliardenschweren Nahverkehrsvertrag ohne Ausschreibung an die Bahn zu vergeben. Dies sei für Bahnchef Rüdiger Grube der Hauptgrund gewesen, an S 21 festzuhalten, behauptete im Juni 2018 vor dem Verkehrsausschuss des Bundestages Thilo Sarrazin, der 2001 DB-Netzvorstand war. Im Juli 2003 wird dieser "Große Verkehrsvertrag" unterzeichnet, das Land vergibt jährlich 49 Millionen Zugkilometer zu stark überhöhten Preisen an die Bahn. Wie stark die Bahn profitierte, bestimmen 2015 zwei vom Landesverkehrsministerium in Auftrag gegebene Gutachten: Beide kommen für die Laufzeit von 2003 bis 2016 auf eine "Überkompensation" zwischen 700 Millionen und 1,25 Milliarden Euro.

Juli 2001: "2006 werden wir mit dem Bau beginnen, im Jahr 2013 wird der neue Hauptbahnhof in Betrieb gehen." Reimar Baur, Geschäftsführer der DB Projekt GmbH.

Oktober 2001: Beginn des Planfeststellungsverfahrens für den Planfeststellungsabschnitt (PFA) 1.1., "Talquerung mit Hauptbahnhof". Bis August 2002 werden Anträge für sechs weitere Abschnitte eingereicht. Der erste Planfeststellungsbeschluss (PFA 1.1.) erfolgt im Januar 2005, der letzte, für den Abstellbahnhof Untertürkheim, im Dezember 2021. PFA 1.3b für die Anbindung der Gäubahn kann wegen gravierender planerischer Mängel nie planfestgestellt werden. Mittlerweile ist die alte Planung durch den Pfaffensteigtunnel ersetzt, der aber nicht mehr zum Projekt Stuttgart 21 gehört, sondern ein Extra-Projekt der DB und des Bundes ist. Der Planfeststellungsbeschluss für ihn steht noch aus, die DB rechnet aktuell mit Dezember 2025.

Dezember 2001: Die Stadt Stuttgart kauft der Bahn für 459 Millionen Euro die Grundstücke des Gleisvorfelds am Hauptbahnhof ab.
"Wir treten in Vorleistung für den geplanten Bau des unterirdischen Bahnhofes." Wolfgang Schuster (CDU), Stuttgarter OB.

Februar 2005: Das Eisenbahn-Bundesamt erteilt die Baugenehmigung für PFA 1.1., die Umwandlung des Kopfbahnhofs in einen Tiefbahnhof.
"Ich rechne mit einem Baustart im kommenden Jahr." Stefan Mappus (CDU), Landesverkehrsminister.

19. Juli 2007: Memorandum of Understanding: Bund, Bahn, Land und Stadt verständigen sich auf eine gemeinsame Finanzierung von S 21. Eine bindende Vereinbarung steht aber noch aus.

2. April 2009: Finanzierungsvereinbarung: Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) und Bahn-Vorstand Stefan Garber unterzeichnen den Finanzierungsvertrag für Stuttgart 21. Kalkuliert wird mit 3,076 Milliarden Euro Kosten, plus einem Risikotopf von 1,45 Milliarden, zusammen also rund 4,52 Milliarden Euro.
"Die Vertragsparteien sind sich einig, dass die Neubaustrecke Wendlingen–Ulm zeitgleich mit dem Projekt (Stuttgart 21, d. Red.) bis spätestens Dezember 2019 in Betrieb genommen werden soll." Finanzierungsvertrag Stuttgart 21.

2. Februar 2010: Symbolischer Baustart von S 21. Bahnchef Rüdiger Grube, Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), Ministerpräsident Günther Oettinger und Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (beide CDU) lassen, begleitet von Protesten, im Kopfbahnhof den ersten Prellbock entfernen. Als Fertigstellungstermin ist nach wie vor 2019 geplant.
"2019 wird große Begeisterung herrschen (…) die junge Generation wird uns einmal Danke sagen". Rüdiger Grube, Bahnchef.
"Heute ist ein großer Tag für den Süden. Andere Länder beneiden uns um dieses Projekt." Günther Oettinger (CDU), Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

23. März 2012: Die Bahn gibt bekannt, dass sich die Inbetriebnahme auf Dezember 2020 verschiebt.

Januar 2013: Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) gibt eine Prognose ab: Stuttgart 21 werde frühestens 2025 fertiggestellt.

15. Februar 2013: Die Bahn verschiebt die Inbetriebnahme auf Dezember 2021.

23. Juli 2013: Nach der S-21-Lenkungskreissitzung sagt Bahn-Infrastrukturchef Volker Kefer, die Wahrscheinlichkeit, dass das Projekt erst 2022 fertig werde, betrage 80 Prozent. Und 40 Prozent, dass der Tiefbahnhof erst 2023 in Betrieb genommen werde. Aber: "Wir wollen den Termin 2021 halten."

17. September 2013: Die "Stuttgarter Zeitung" schreibt, der Tiefbahnhof werde erst 2022 fertiggestellt, ein Jahr später als geplant, gestützt auf interne Bahnunterlagen. S-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich dementiert und droht der StZ mit rechtlichen Schritten, die bald darauf folgen.

Oktober 2013: Die Unterlassungsklage des S-21-Kommunikationsbüros gegen die StZ wird vor dem Landgericht Stuttgart verhandelt: In seinem Urteil vom 4. November untersagt das Gericht der Zeitung, die Aussage zu wiederholen, dass S 21 und die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm erst Ende 2022 in Betrieb genommen werden könnten. Die StZ legt Berufung ein und obsiegt: Am 9. April 2014 wird die Unterlassungsklage zurückgenommen.

23. März 2017: Der neue Bahnchef Richard Lutz gibt ein Bekenntnis zu Stuttgart 21 ab. Offiziell spricht die DB immer noch von Inbetriebnahme im Dezember 2021.
"Ich bin finster entschlossen, dieses Projekt zu Ende zu führen, und zwar zu einem guten Ende. Wir werden es machen, im Rahmen der Kosten und im Rahmen der Terminpläne, die wir vereinbart haben." Richard Lutz, Bahnchef.

28. April 2017: Bei der S-21-Lenkungskreissitzung will Stuttgarts OB Fritz Kuhn (Grüne) genervt von Bahn-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla wissen, wann Stuttgart 21 tatsächlich fertig wird: "Ob 2022, 2023 oder wann auch immer".

26. Januar 2018: Bei der DB-Aufsichtsratssitzung wird angekündigt, dass Stuttgart erst im Dezember 2025 fertig werden soll.

11. Juni 2024: Nach der S-21-Lenkungskreissitzung nennt DB-Infrastrukturvorstand Berthold Huber Dezember 2026 als neuen Termin für die Inbetriebnahme von Stuttgart 21.
"Ich bleibe bei meinem Spruch: Einstweilen wird der Bahnhof 2026 in Betrieb gehen. Einstweilen." Winfried Hermann (Grüne), Landesverkehrsminister.

18. Juli 2025: Bei einem Sonder-Lenkungskreis gibt Bahn-Infrastrukturvorstand Berthold Huber bekannt, dass im Dezember 2026 nur eine Teil-Inbetriebnahme von S 21 erfolgen soll: Durch den Tiefbahnhof laufen sollen zwar der gesamte Fernverkehr, aber nur die Hälfte des Regionalverkehrs. Die Sonder-Lenkungskreis war anberaumt wegen der Unzufriedenheit des Landes mit dem Umgang der Bahn mit Streckensperrungen und Zugausfällen im Rahmen des Großprojekts.

19. November 2025: Bahn-Chefin Evelyn Palla teilt dem Bahn-Aufsichtsrat und den Projektpartnern mit, dass Stuttgart 21 nicht im Dezember 2026 eröffnet werden könne. Ein neuer Termin könne voraussichtlich erst Mitte kommenden Jahres genannt werden. Grund seien, so berichtet der "Spiegel", vor allem technische Probleme mit dem Digitalen Knoten Stuttgart, also der Umstellung auf das digitale Leit- und Sicherungssystem ETCS. Ursprünglich kam dies vom französischen Konzern Thales, doch dessen Transportsparte ging Ende 2023 an das japanische Unternehmen Hitachi, und mit dem neuen Lieferanten sei die Zusammenarbeit nicht immer leicht, betonten Bahn-Vertreter in den vergangenen Jahren mehrfach.

"Noch vor einem Monat hat uns die Bahn den Eröffnungstermin im nächsten Jahr bestätigt. Diese Zusagen waren offensichtlich windig und falsch. Wir fühlen uns getäuscht." Winfried Hermann (Grüne), Landesverkehrsminister.

"Die Verschiebung von Stuttgart 21 kommt inzwischen fast schon so sicher wie Weihnachten". Matthias Gastel (Grüne), Bundestagsabgeordneter aus Nürtingen.

"Die deutsche Bahn muss jetzt endlich reinen Tisch machen und sagen, was sie realisieren kann und was sie nicht realisieren kann. Ich fordere (…) die unverzügliche Einberufung eines Sonder-Lenkungskreises für Stuttgart 21 unter dem Vorsitz der neuen DB-Vorstandsvorsitzenden und (…) des Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg." Frank Nopper (CDU), Stuttgarter Oberbürgermeister.

"Die Bahn schiebt die Schuld mal wieder auf andere und auf windige Umstände. Das ist ein billiges Schwarzer-Peter-Spiel! Die Gründe liegen vielmehr in strukturellen Funktionsdefiziten des Tiefbahnhofs, die allen, die es wissen wollten, (…) längst hätten bekannt sein können." Martin Pogunkte, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21.

"Von Anfang an war klar: Das Milliardenprojekt Stuttgart 21 ist vor allem ein Prestigeprojekt (…). Bahn-Chefin Palla muss nun die Reißleine ziehen und den geplanten Abbau der oberen Gleisflächen stoppen." Luigi Pantisano (Linke), Bundestagsabgeordneter aus Stuttgart.

"Auf Stuttgart 21 ist und bleibt nur Verlass in dem Sinne, dass es immer teurer wird, immer länger dauert und einfach nicht funktioniert." Johanna Tiarks, Sprecherin der Fraktion Linke-SÖS-Plus im Gemeinderat Stuttgart.

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6 Kommentare verfügbar

  • Wes
    at
    Reply
    Nicht die Bahn ist für das Chaos, den Vandalismus, den Dreck, den Zeitplan und die Kosten verantwortlich. Verantwortlich sind die Politiker, Mappus, Merkel, Schuster, Hermann, Kretschmann. Ich soll jemanden wählen der mir falsche Fakten erzählt und die Verantwortung abschiebt? Abschreiben und…
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