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Solidarische Unternehmensberatung

Von Pilzen lernen

Solidarische Unternehmensberatung: Von Pilzen lernen
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Sie bilden unterirdische Netzwerke und verbinden sich mit den Feinwurzeln der Bäume: Für den Wirtschaftssoziologen Timo Wans liefern Pilze das Modell für eine solidarische Ökonomie. Im Kunstverein Neuhausen stellt er am morgigen Donnerstag seine Erfahrungen vor.

"Blob" heißt die Ausstellung im Kunstverein Neuhausen. Klingt nach Comic-Lautmalerei, ist aber der Titel eines amerikanischen Horrorfilms aus dem Jahr 1958, von dem es darüber hinaus noch zwei Remakes gibt: Eine schleimige Masse aus dem All bedroht die Menschheit. Wie bei solchen Machwerken üblich, muss am Ende die Armee eingreifen. Nach dem Film ist auch ein Schleimpilz, Physarum polycephalum, benannt.

Pilze, zu denen der Schleimpilz übrigens nicht gehört, sind faszinierende Lebewesen: nicht Pflanze, nicht Tier. Die Biologie hat hier bedeutende Fortschritte gemacht und viel Neues zutage gefördert. Das interessiert auch Künstler:innen. "Parasiten, Symbionten und andere nichtmenschliche Akteure", lautet der Untertitel der Ausstellung, werden nicht länger als Bedrohung angesehen. Eher als kleine Helfer. Auf das Zusammenspiel kommt es an. Das Myzel, was die Gesamtheit aller Fäden eines Pilzes bezeichnet, entwickelt sich geradezu zum Modell einer ökologischen Wende.

Der Wirtschaftssoziologe Timo Wans und die Betriebswirtschaftlerin Michaela Hausdorf haben vor sechs Jahren ein Netzwerk gegründet, das sie Myzelium nennen. Dazu wird Wans am morgigen Donnerstag im Rahmen der Ausstellung einen Vortrag halten. Myzelium ist eine Art Unternehmensberatung, die aber nicht auf Profitmaximierung ausgerichtet ist, sondern darauf, ihre Partner – Akteure des Wandels hin zu einem gemeinsamen, solidarischen Wirtschaften – überlebensfähiger zu machen.

Ein untergründiges Netzwerk gegen die profitorientierte Ökonomie, an dem bisher um die dreißig Unternehmen beteiligt sind. Und jeden Monat werden es mehr. Unverpacktläden wie b:OHNE (= besser OHNE) in Waiblingen, der Designerladen Poppinski in Esslingen, der Mode und Schmuck der Gründerinnen verkauft sowie Keramik, Lederwaren, Möbel, Kerzen und anderes bis hin zu Kaffee und Gin, oder die Brauerei Singhbräu aus Weilheim.

Trüffelanbau als solidarisches Kunstprojekt

Wans stammt aus Neuhausen und lebt dort. Das ist aber nicht der Grund, warum er im Kunstverein auftritt. Die Künstlerin Linda Weiß hat zu ihm Kontakt aufgenommen, als sie von Myzelium gehört hat. Sie züchtet Trüffel. Anfang April hat sie auf dem Gelände des Kunstvereins Hainbuchen und Haselnüsse gesetzt und das Wurzelwerk mit Sporen aus einer professionellen Trüffelzucht geimpft. Fünf bis sechs Jahre kann es dauern, bis sich die unterirdischen Fruchtkörper bilden.

"Wie willst du das wirtschaftlich angehen?", fragte Wans, als sie ihm von ihrem Projekt erzählte. "Was ist das Organisationsmodell?" Weiß will die Trüffel nicht teuer verkaufen, sondern gemeinsam mit anderen züchten. Als künstlerisches Projekt. Anfangs, vor allem bei trockenem Wetter, müssen die Bäume und das unterirdische Myzel gegossen werden: alle paar Tage, mindestens einmal die Woche. Im Winter nicht. Erst nach ungefähr drei Jahren trägt sich das System selbst.

Wenn sich Weiß und Wans beim Treffen im Kunstverein in Neuhausen angeregt unterhalten, fällt es nicht immer ganz leicht, zu folgen. Reden sie nun von Trüffeln oder von Pilzen im Allgemeinen? Der Pilz, also das Myzel, ist auf den Baum angewiesen, erklärt Wans, weil er Zucker braucht, den er nicht selbst, durch Photosynthese, herstellen kann. Schadet das den Bäumen? Im Gegenteil: Der Pilz versorgt umgekehrt den Baum mit Wasser und Nährstoffen wie Phosphaten und Nitraten. Pilznamen wie Birkenröhrling oder Lärchentrichterling zeigen an, dass sich Bäume mit bestimmten Pilzen "gut verstehen". Trüffel etwa mit der Hainbuche oder der Haselnuss.

Mykorrhiza nennt sich dieses symbiotische Miteinander, bei dem sich die Feinwurzeln der Bäume eng mit dem Myzel der Pilze verbinden. Gilt das für alle Pilze? "Nein", ruft Wans aus, und Weiß ergänzt: "Die Krause Glucke zum Beispiel, ein beliebter Speisepilz, ist bei den Förstern weniger beliebt, weil das Myzel in die Kiefernstämme eindringt, die dann anfangen zu faulen." Wenn aber Pilz und Baum passen, sei die Mykorrhiza der Grund, warum alte Mischwälder so viel resilienter, so viel hitze- und krisenbeständiger sind als Neupflanzungen, erläutert Wans.

Was macht eigentlich ein Wirtschaftssoziologe? "Wir machen etwas, was Ökonomen nicht machen", antwortet Wans: "Wir reden mit den Leuten." Denn jede ökonomische Aktivität wird von Menschen betrieben. Die Ökonomen dagegen haben ihre Begriffe und Theorien, nach denen sie alles beurteilen. Die Ökonomen kennen nur Zahlen. Ein Unternehmen muss Gewinn abwerfen. Ist die Bilanz nicht ausgeglichen, droht Insolvenz.

Geht doch: ein richtiges Leben im Falschen

Auch gemeinschaftlich betriebene Unternehmen, denen es nicht in erster Linie ums Geld geht, müssen sehen, wie sie über die Runden kommen. Menschen, die in solchen Betrieben arbeiten, haben Ziele, die ihnen wichtiger sind als ein hohes Einkommen. Doch mit Idealismus allein ist es nicht getan. Wie kann man im kapitalistischen Wirtschaftssystem überleben, ohne dessen Regeln zu übernehmen? Gibt es etwa doch, anders als der Philosoph Theodor W. Adorno meinte, ein richtiges Leben im falschen?

Ja, das gibt es, und das muss es geben, weil der große Befreiungsschlag der Weltrevolution, wie ihn Karl Marx erträumte, ausgeblieben ist. Und noch nicht einmal zu Ende gedacht war. Alles auf einmal zu ändern, ist kaum möglich. Irgendwo aber muss man anfangen. Doch zugleich bedroht die kapitalistische Wirtschaftsweise neue, andere Ansätze, indem sie sie sich einverleibt. Im Prozess der Konzentration des Kapitals, wie ihn Marx beschrieben hat, sitzen die Großen immer am längeren Hebel.

Bio-, Design- oder Handwerksläden sind ein gutes Beispiel für ein anderes Konzept. Niemals können sie in der Preisgestaltung den Discountern Paroli bieten: Weder Aldi und Lidl im Lebensmittelbereich noch auf dem Gebiet der Mode den Labels, die Arbeiter:innen in Bangladesch in einsturzgefährdeten Fabriken zu Billiglöhnen beschäftigen. Wie können sie trotzdem überleben, ohne bei den geringsten Schwankungen des Markts in die Insolvenz zu rutschen?

Wans orientiert sich am Modell der solidarischen Landwirtschaft (Solawi). Dabei entrichten die Konsumenten den Produzenten der Lebensmittel einen monatlichen Beitrag und schlagen so der kapitalistischen Marktlogik ein Schnippchen. Die Landwirt:innen werden dabei nicht reich, haben aber Planungssicherheit. Wans hat selbst einmal in Trier eine Solawi gegründet, weil es das an seinem früheren Studienort noch nicht gab. Anders als in Berlin, wo er nach dem Studium im Büro der grünen Bundestagsabgeordneten Corinna Rüffer gearbeitet hatte.

Solawi für alle

"Anderthalb Jahre später stand ich in einem Garten", erzählt Wans, "und fragte mich: Warum übertragen wir dieses Modell nicht auf andere Bereiche?" In seiner Masterarbeit hat er die Grundlagen dafür erarbeitet und dabei auch die Mitglieder der Gemeinschaft Schloss Tempelhof befragt. "Einer für alle, alle für einen?" lautet der Titel: "Eine qualitative Studie zur Solidarität in der Solidarischen Ökonomie."

Wie überträgt man die Prinzipien der Solidarischen Landwirtschaft auf andere Bereiche? Wans nennt das Franzwerk, ein Co-Working-Space im Französischen Viertel in Tübingen: Die Nutzer:innen mieten nicht jede:r für sich einen Raum, sondern entrichten einen Solidarbeitrag, der alles trägt, einschließlich Café, sodass nicht die Gefahr besteht, dass bei wechselnder Auslastung das Ganze in Schieflage gerät.

Myzelium arbeitet viel mit Bioläden, die vor einer ungewissen Zukunft stehen. "Es gibt eine Kaufzurückhaltung", erklärt Wans, wegen der steigenden Lebenshaltungskosten. "Wir reden mit der Stammkundschaft", beschreibt er sein Vorgehen. Was erwarten die Kund:innen von ihrem Laden? Was sind sie bereit, dafür zu geben? Drei bis fünf Monate brauche Myzelium, um ein solidarisches Geschäftsmodell aufzubauen, sagt Wans.

Monatliche Beiträge halten so einen Laden am Leben. Wer mehr verdient, zahlt mehr. "Wichtig ist Kostentransparenz", hebt Wans hervor. Früher habe es Formen der Gemeinwirtschaft, der Allmende, der Commons überall auf der Welt gegeben. Und heute? "Wir sind nicht mehr geübt darin, Verantwortung zu übernehmen." Genau dazu will Myzelium die Menschen einladen, und vernetzt Kunden und Anbieter zu einer Solidargemeinschaft – eine gemeinschaftliche Wirtschaftsform, die der kapitalistischen Profitlogik entzogen ist, ganz nach dem Vorbild der Pilze: Das Myzel hilft den Bäumen, das Wasser im Boden zu halten, sie vor Trockenheit zu bewahren und es versorgt sie mit Nährstoffen. Was aber ist für Myzelium der Zucker? "Natürlich Geld", erwidert Wans, und beeilt sich, hinzuzufügen, sie seien allesamt Weltverbesserer:innen, die auch nicht mehr verdienen als die Mitarbeiter:innen von Bioläden.

Nach dem Prinzip, Menschen zu finden, die sich für etwas einsetzen und Verantwortung übernehmen, ist Timo Wans gerade dabei, Carsharing nach Neuhausen zu holen. Davon will er in seinem morgigen Vortrag berichten sowie über seine Zusammenarbeit mit einem Orchester. Denn auch den Kulturbereich, davon ist Wans überzeugt, könnte eine Gemeinschaftsbildung nach den Prinzipien der solidarischen Landwirtschaft stärken.


Der Vortrag von Timo Wans findet statt am Donnerstag, 4. Juli um 18.30 Uhr. Eine Woche später, am 11. Juli um 19 Uhr, spricht der Architekt Dirk Hebel, Professor am Karlsruher Institut für Technologie und Spezialist für Baustoffe aus Pilzmyzel, zum Thema "Die Stadt als Rohstofflager". Der Kunstverein Neuhausen befindet sich in der Rupert-Mayer-Straße 68 B in Neuhausen auf den Fildern; die Ausstellung ist samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

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1 Kommentar verfügbar

  • Achim
    vor 6 Tagen
    Antworten
    Sehr schöner Artikel, vielen Dank.
    Auch der Vortrag von Dirk Hebel war inspirierend.
    Die Gespräche danach am leckeren Buffet interessant.
    Die Ausstellung ist noch bis 14. Juli zu sehen!
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