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Die Kastanie bleibt in der Tasche

Die Kastanie bleibt in der Tasche
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 Fotos: Julian Rettig 

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Kein grünes Gesicht unter den Gästen, kein rotes, schwarz sowieso nicht – als hätten sie Angst davor, angesteckt zu werden. Von den Stuttgart-21-Gegnern, die so Vieles in Unordnung gebracht haben, unter anderem die Rituale der Parteien. Im Stuttgarter Theaterhaus haben sie das Zehnjährige ihrer Montagsdemos gefeiert, ganz unverkniffen und mit all denen, die aus dem Protest eine höchst respektable Bewegung gemacht haben.

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Heute schreiben sogar die beiden Stuttgarter Zwillings-Blätter (StZN), dass dieser Protest nachvollziehbar war, weil doch in Sachen Stuttgart 21 einiges hätte besser laufen können. Insbesondere die Kommunikation mit dem Bürger, der bisweilen befürchten musste, von S-21-Sprecher Dietrich & Co. hinter die Fichte geführt zu werden. Aber Schwamm drüber, jetzt sei Zeit, Brücken zu bauen und Gräben zuzuschütten, verlangte jüngst Jan Sellner, der Lokalchef der Einheitszeitung. Das ist gut, weil so mehr Bautätigkeit und -grund entstehe, was die Stadt, wie man allenthalben liest, dringend braucht. Nebst dem nötigen Frieden.

Auf dieser Brücke könnten dann grüne Spitzenpolitiker wie Baubürgermeister Peter Pätzold (wo ist eigentlich Werner Wölfle?) von ihrer Parallelgesellschaft zurück zur Bewegung finden, der sie einst nahestanden: dem Widerstand gegen die tiefgelegte Haltestelle. Oder Fritz Kuhn könnte endlich mit Peter Lenk über sein S-21-Denkmal sprechen. Und sie müssten nicht mehr schaudernd zurückzucken, wenn sie nur die Chiffre "S 21" hören, als würden sie allein bei der Erwähnung die Krätze kriegen. Eine schöne Einübung wäre die Revue im Theaterhaus am vergangenen Dienstag gewesen, die so nichts von dem hatte, was Parteimenschen ihrem jeweiligen Feind vorwerfen: böse zu sein. Aber war ja keiner da. Chance verpasst.

Nehmen wir nur Joe Bauer, den Stadtflaneur und Impresario des Abends, der bei aller Bruddelei ein feiner und ordentlicher Mensch ist. Er geht zum Beispiel aufs Einwohnermeldeamt, wenn ihm der Pass abhanden gekommen ist, trifft dort auf Walter Sittler, der auch einen Pass braucht (man beachte die Akzeptanz staatsbürgerlicher Pflichten), und verpflichtet den Schauspieler noch an Ort und Stelle als Grüßgottaugust für die Montagsdemo-Revue. Dortselbst wird Bauer das "alternative Volksfest" ausrufen, sich leicht enttäuscht über den Mangel an Lederhosen und Dirndl zeigen, und betonen, es gäbe überhaupt keinen Grund, den Humor zu verlieren. Trotz Wachstumswahn, Immobilienhaien und, neuerdings verstärkt, den neuen Nazis. Die Pflastersteine liegen bereit, frische Kastanien unter den Sitzen: Wir greifen wieder an.

Da lacht der rappelvolle Saal, weil es neun Jahre her ist, dass der damalige Innenminister Heribert Rech am 30. September 2010, dem Schwarzen Donnerstag im Schlossgarten, Pflastersteine auf seine Polizisten fliegen sah. Manch einer soll heute noch eine Kastanie in der Tasche haben. Das legendäre Interview mit Marietta Slomka, nochmals heraus gekramt, könnte die Heiterkeit noch steigern.

Bruhnkes Chronologie sollte Schulstoff werden

Der Performance-Poet Timo Brunke hat all diese Daten auf die Bühne gebracht, mit vier Einsätzen, weil es doch so viele sind, und so kunstvoll zusammen gedichtet, dass die Chronologie des S-21-Protests zum Pflichtstoff in der Oberstufe werden könnte, verordnet von Kultusministerin Susanne Eisenmann von der CDU (auf Video nachzuschauen hier).

Wie heiter, um nicht zu sagen entrückt, Christine Prayon inzwischen die Lage betrachtet, ist in Kontext bereits dokumentiert. Da ist keine Bitterkeit zu spüren, kein Schmerz in der Niederlage, stattdessen Aufbruch, Fortschritt  und Zukunft. Ab auf den Mars, mit Winfried Kretschmann an der Spitze und dem Motto: Mission oben bleiben.

Etwas mehr dem Vergangenen verhaftet ist noch Volker Lösch. Der wort- und phonstarke Regisseur schickt den grünen Ministerpräsidenten nicht auf den roten Planeten, sondern auf die Bühne, zusammen mit all den Berühmtheiten, die das Jahrhundertprojekt ermöglicht haben: dürrgrubemehdornoettingerschusterschwarzemambateufelwissmannusw. Alles schwarze Gestalten, fröhlich ins Publikum winkend, besonders Günther Oettinger. Es ist dann, wie man beruhigt feststellt, doch nur Löschs furioser Bürgerchor.

Bei so viel Furor ist es gut, eine zurückhaltende Stimme zu haben. Ja, die gibt es auch in diesen Kreisen. Sie gehört Uta Köbernick, die durch den Abend  führt, als wäre sie hier zuhaus, was nur insoweit der Fall ist, als sie im Thema drin ist. Unvergessen beim Publikum ihr Auftritt in der "Anstalt" vom ZDF ("Haltet durch. Denn ihr habt noch nichts erreicht"). Ansonsten ist die Kabarettistin "scheinintegrierte Deutsche" in der Schweiz, wie sie selbst sagt. Aber wer weiß, vielleicht wird man bei den Eidgenossen so. So demütig im Wirkungsgrad, wenn das Zögern das Handeln bestimmt, der Stillstand tobt, die Freude beängstigend ist. Chapeau auf jeden Fall, Frau Köbernick, so eine Gratwanderung zwischen Ernst und Frohsinn muss man erst mal hinkriegen.

Das ist die Sache mit dem Lachen, welches im Halse stecken bleibt, weil das Heulen dagegen drückt. "Anstalt"-Frontmann Max Uthoff, der mit einer artistischen Monty-Python-Hommage auf die Bühne kommt (die Vorlage hier), ruft diesen Gemütszustand hervor, wenn er sagt, das letzte Mal, dass man hier im Südwesten Schwierigkeiten hatte, "etwas Unerfreuliches unter die Erde zu bringen", sei die Beerdigung von Hans Filbinger gewesen. Aber der Münchner Kabarettist sagt auch noch etwas Anderes. Man möge nicht am Schmerz zerbrechen. "Locker bleiben", empfiehlt er den Tausend im Theaterhaus, "dem Feind den Frust nicht gönnen". An diesem Abend hat’s geklappt.

Nur eines hat nicht geklappt. Walter Sittler vergisst Gangolf Stocker zu erwähnen, als er die Liste für die zu Ehrenden abarbeitet.  Er habe den Namen schlicht überlesen, bekennt der Schauspieler, das tue ihm "unendlich leid". Er bitte um Entschuldigung. Der schwer kranke Vater des Protests ist zuhause geblieben.

 

Das Video des kompletten Abends gibt’s hier. Für jene, die nur einzelne Beiträge anschauen wollen, hat Blogger Alexander Schäfer alle Programmpunkte des Abends mit Links aufgelistet.


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46 Kommentare verfügbar

  • Real Ist
    am 05.11.2019
    Antworten
    Die Couch Potetoes bleiben weiterhin auf dem Sofa sitzen.

    Angelika Linckh`s gestrige Rede auf der Montagsdemo war eine wunderbare Bestätigung für Unbelehrbarkeit und Besserwisserei, Kritik ehemaliger Mitstreiter, die sie ironisch als besonders klug abqualifizierte, hat sie kurzer Hand als Quatsch…
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