Ausgabe 12
Gesellschaft

Der kollektive Zorn

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 22.06.2011
Der Protest gegen Stuttgart 21 lebt, die Gegner sind zurück. Voller Zorn haben sie Zäune am Südflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs eingerissen. Damit haben sie eine Grenze überschritten, die bisher tabu war. Für den Bahnchef Rüdiger Grube bedeutet das höchste Gefahr.

Es schien so gut zu laufen für Bahnchef Rüdiger Grube. Der Wechsel vom Charming Boy zum Rambo war vollzogen, das Gesicht passte zur Sprache, die Tat zur Absicht: Stuttgart 21 bauen. Um jeden Preis. Schnell sollte es nun gehen. Kein Baustopp mehr, es sei denn zu Steuerzahlerkosten, die mal kurz aus der Luft gegriffen waren, und dann noch fix einen Stresstest, dessen Ergebnis er offenbar kennt: alles positiv. So hat er die Landesregierung vor sich her getrieben, die in einer Falle hockte, die sie sich selbst gebaut hat.

Was soll Winfried Kretschmann sagen, wenn Heiner Geißler am 14. Juli verkündet, dass der Tiefbahnhof alles kann, was er bei seiner Schlichtung gefordert hat? Dass er den Zahlen nicht traut, die Bahn wieder mal getrickst hat, die Projektgegner wieder mal über den Tisch gezogen wurden? Oder erinnert sich noch jemand daran, dass der Stresstest öffentlich von Regierung und Volk diskutiert werden sollte? Nein, solche Sätze wird Kretschmann nicht über die Lippen bringen. In seiner neuen Rolle als staatstragender Landesvater schon gar nicht. Er war es schließlich, der stets auf den Stresstest gesetzt hat. "Warten wir ab, was er bringt", so lautete seine ständige Rede.

Was soll Winfried Hermann, sein Verkehrsminister, sagen? Wieder in die Rolle des ewigen Widerständlers schlüpfen und erklären, dass Grube ihn am Nasenring durch die Manege führen wollte? Nichts gehalten hat, was er versprochen hat? Transparenz, Augenhöhe. Er könnte dann auch noch politisch argumentieren und sagen, dass er ein abgekartetes Spiel vermutet, zwischen Bahnchef und Kanzlerin, die einen weiteren Ausstieg, nach dem Atom, verhindern und die grün-rote Landesregierung ins Wanken bringen will. Und er könnte spekulieren, dass die Bahn ihr Projekt jetzt mit aller Macht durchdrücken will – weil sie den Protest für erledigt hält. Hermann könnte das alles erzählen und hätte damit nur seinen Ruf gefestigt, ein holzköpfiger Verweigerer zu sein, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat und bestenfalls als tragischer Held enden kann.

Seit Montag, den 20. Juni 2011, liegen die Dinge anders. Was viele nicht mehr geglaubt haben: die Bewegung lebt, die Gegner sind zurück. Bemerkenswert ist weniger die Zahl derer, die sich in den Pfingstferien (die Lehrer fehlen noch) am Hauptbahnhof versammelt haben. Aufschlussreicher sind Form und Inhalt des Protests, der weit von der Gewalt entfernt war, wie sie nun beschrieben wird. Aber wer miterlebt hat, wie Rentner aus den Reifen der Lastwagen am Südflügel die Luft ablassen, wie weißhaarige Frauen auf T-Trägern Transparente hochhalten, wie Jugendliche auf das Dach des Grundwassermanagements steigen, der weiß, was die Stunde geschlagen hat. Im kollektiven Zorn haben Teile der Bürgergesellschaft eine Grenze überschritten, die sie bisher gewahrt hat. Die umgekippten Zäune am Südflügel sind dafür das Symbol.

Das muss man nicht gutheißen, insbesondere im Hinblick auf den verletzten Polizisten. Nicht mehr zu rechtfertigen ist es, wenn es stimmt, was die Polizei sagt, nämlich dass der Beamte schwer verletzt ist. Aber man kann es erklären. Was sich hier Bahn gebrochen hat, schien vergessen, verdrängt oder verschüttet. Es schien weg nach der Schlichtung, weg nach dem Start der neuen Regierung, in die große Hoffnungen gesetzt wurden, auch zerrieben zwischen den Fronten von Aktionsbündnis und Parkschützern. Aber es schien nur so. Die Wut über die Arroganz der Macht, sei sie personifiziert durch Grube, Ramsauer, Merkel, einst Mappus oder Schuster, ist geblieben, hat sich tief in das Gedächtnis eingegraben. Rüdiger Grube, der frühere Daimler-Manager, hat diese Wut wieder hervorgeholt – mit seinem Vorwurf an die Grünen, sie betrieben "Volksverdummung". Jetzt wehrt sich das "verdummte" Volk.


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8 Kommentare verfügbar

  • mmschl
    am 22.06.2011
    Sehr geehrter Herr Freudenreich,

    mit der Überschrift Ihres Artikels, "Der kollektive Zorn",
    mag ich mich nicht anfreunden. Sie haben, als ein Mann
    der Sprache, natürlich bewusst diese Überschrift gewählt.
    Das geschilderte Ereignis interpretiere ich jedoch anders.
    Ich darf Sie in diesem Zusammenhang an Georg Schramm erinnern.
    Er zitiert Papst Gregor den Grossen, aus dem 6. Jahrhundert:
    Die Vernunft kann sich mit grösserer Wucht dem Bösen entgegenstellen,
    wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.

    Die Gegner, besser, die Befürworter einer sinnvollen Lösung,
    waren schon immer da gewesen. Die Leute, die sich am Montag
    zum GWM-Areal aufmachten, waren zuvor Teilnehmer der Demo
    gewesen. Von den allermeisten Mitgehern möchte ich nicht reden,
    sie hatten sich höchstens den unschuldigen Schauer eines unerlaubten
    Tuns versprochen. Das ungezügelte Tun einer kleinen Gruppe hat
    sicher den meisten einen bitteren Beigeschmack nachgeliefert.

    Sollen das die Gegner sein, die wieder zurück sind ?

    Noch ein Zitat von Georg Schramm: Die Wut ist die unbeherrschte,
    zügellose Schwester des Zorns!

    Für den Bahnchef läuft es jetzt besser. Ebenso für die Politiker, die
    das Maulen nicht verlernen können.

    Mit freundlichen Grüssen
    MM
  • Hofrichter
    am 22.06.2011
    Zum "Blutbad" vom Montag am Grundwasser-Management" (welch ein verlogener Name, "Management" klingt so flüssig, quasi "ohne Probleme" suggerierend): ehrlich wäre: Grundwasser-entnahme- und Abpumpstation".

    Ich war bei der Montagsdemo und bin im Zug mit zum Grundwassder-"Management" ca. 10 Minuten im Abstand von der Demospitze am Bauzaun eingetroffen.
    Zunächst ist diese jämmerliche Verdrehung der Demonstrantenzahlen durch die Polizei mal wieder anzuklagen: seit Anfang der 70er Jahre halbiert man die Teilnehmerzahl der Anti-Obrigkeits-Demonstrationen in ganz Deutschland immer präzise um die Hälfte, das ist langsam schon langweilig (...).

    Zur Sache: In Obertürkheim haben wir als Lausbuben oftmals 2 bis 3 "Kanonenschläge" zusammengebunden: das hat dann so geknallt wie am Montagabend.
    Ich schätze, dass an Silvester in Stuttgart die selbe Dezibel-Zahl wie bei dem "Sprengsatz" am Bauzaun ca. 1000 mal zu hören/beklagen ist.
    Ich stand ca. 10 Meter von der "Explosion" entfernt. Ich sah keinen verletzten, sich vor Schmerz wegen des "Knall-Traumas" windenden Polizisten, noch mehr: in der Nähe des Knalls war überhaupt kein Polizist gewesen…
    (...).

    Das einzig politisch gute Resultat dieses "Schuss vor den Bug"-Montags: ich freue mich schon darauf, wie die DB (leider wieder mit indirekten Steuergeldern) diese 17 km lange blaue Rohrschlange, kreuz und quer durchs "Städtle", schützen will…
  • CultureVulture
    am 22.06.2011
    Vielen Dank für den Artikel! Nun fragt man sich angesichts der Presse zu diesem 20.6.: Wie entsteht eigentlich eine dpa-Meldung? Wer verfasst sie? Wer kontrolliert ihren Wahrheitsgehalt?
  • hajomueller
    am 22.06.2011
    Kein Böller war Ausgangspunkt für das Einreißen des Bauzauns. Der Böller wurde viel später gezündet. Warum sollen dort acht Polizisten, trotz ihrer schützenden Helme, ein Knalltrauma erlitten haben, während die näherstehenden Demonstranten schadlos blieben? Auch die Rangelei mit dem Polizisten in Zivil, mit Pistole unter der Lederjacke, blieb ohne Folgen. Der Beamte saß anschließend seelenruhig im Polizeiauto und telefonierte.
  • Wissenslust
    am 22.06.2011
    Ein verletzter Polizist? Sollte es sich um den mit einer Pistole bewaffneten "agent provocateur" handeln, der (...) mittlerweile quietschvergnügt im Internet zu sehen ist, wie er nach "seinem Einsatz" telefoniert, dann sollte diese Falschaussage auch rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen! Es wäre nicht das erste Gerücht dieser Form, das die Gegner von S21 kriminalisieren soll.
    Ich hoffe wenigstens in diesem Fall auf Beweise, Fakten und Klarstellung bzw. eine Gegendarstellung und Richtigstellung, wenn es soweit ist!
    Allein die Aussage "Wir müssen mit Gewalt rechnen" seitens des neuen Polizeipräsidenten Züfle, lässt tief blicken. So bereitet man verbal Einsätze vor und legitimiert diese, die sich von den bisherigen deutlich unterscheiden werden. Natürlich mit freundlicher Unterstützung des neuen Innenministers Gall, der sich von seinem Vorgänger im Vorgehen kaum zu unterscheiden scheint. So viel zum Thema der neuen Kommunikation bzw. des Hinhörens beim Bürger. Ich habe Herrn Gall noch nie auf einer Demo gesehen. Vielleicht sollte er sich selbst mal ein Bild vor Ort machen. Aber das könnte das Feindbild der "grauen Masse" des gewalttätigen Bürgers aufbrechen.
  • Laktatwert
    am 22.06.2011
    Bilder sagen mehr als Worte

    Der "zusammengeschlagene" Zivilbeamte:

    http://www.youtube.com/watch?v=H8dNzYPCaac&feature=player_embedded

    hier beim wohlbehaltenen telefonieren

    http://www.twitvid.com/AYW3K

    Der Böller samt "Knalltrauma" der Beamten:

    http://www.youtube.com/watch?v=19K-jOr9fJg&feature=player_embedded#t=0m40s


    Wenn die liebe Presse (Kontext nehme ich vorerst mal aus) den Eindruck der Gleichschaltung nicht immer wieder durch nachbeten von Presseerklärungen bestätigen würde, dann würde sie wieder etwas glaubwürdiger werden im Zeitalter der in Nordafrika gefeierten modernen Medien und Vernetzungen.

    Grüsse
  • Sofi21
    am 22.06.2011
    Allen wirklich Verletzten gute Besserung. Den anderen einen weniger gefahrgeneigten Beruf.

    Was nicht verhindert wurde, mußte so kommen. Die es verhindern konnten, hatten kein Interesse am Stadtfrieden.
    Was an den Berichten stimmt ist noch zu klären, transparent und unverzüglich.
    Einen vermeintlich durch Nebelkerzenlächeln und Schlichtung mit Stresstestnachtisch beruhigten
    Widerstand wird man erst wirklich beruhigen können, wenn die Fakten Einzug halten in die Gehirnwindungen der Ignoranten, MöchtenichtmitdenSchmuddelkinderspielern.
    Ex-Automanager, die schon einmal ihr Unvermögen gezeigt haben, sollten nicht für ein Unternehmen der Allgemeinheit eingesetzt werden. Welche Kremien tragen hier die Verantwortung ? Keiner wars und Niemand hats gesehn. Na dann bis zur nächsten Runde im Spiel um das goldene Kalb.
    Tragisch nur, dass der Mensch sich treu bleibt im Versagen und nichts daraus gelernt hat.
  • planb_
    am 22.06.2011
    Herr Freudenreich, ich verneige mich.
    Danke für den präzisen Kommentar!

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