Zwei Jahre gibt's die Montagsdemo hier schon, am 26. November 2012. Foto: Joachim E. Röttgers

Zwei Jahre gibt's die Montagsdemo hier schon, am 26. November 2012. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 444
Gesellschaft

Zehn Jahre nicht nur Bahnhof

Von Oliver Stenzel (Interviews)
Datum: 02.10.2019
Am 26. Oktober 2009 fand in Stuttgart die erste Montagsdemo gegen Stuttgart 21 statt. Im Theaterhaus wird kommende Woche das Zehnjährige gefeiert. Wie begannen die Demos, was waren die Höhe- und Wendepunkte, was haben sie gebracht? Wir haben einige der Aktiven der allerersten Stunden befragt.

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Helga Stöhr-Strauch, Miterfinderin der Montagsdemos. Moderierte auf vielen Demos gegen S 21. Verließ Stuttgart im Mai 2018 mit ihrem Mann und wohnt seitdem in Brandenburg.

Wie sind Sie zu Ihrer ersten Montagsdemo gekommen?

Die Montagsdemos begannen im Oktober 2009 durch Fortführung des "Parkwatching" im Sommer 2009. Fünf Leute versammelten sich am 26. Oktober an unterschiedlichen Stellen: Drei am Bahnhof, zwei am Rathaus. Ich hatte den Vorschlag einer Demo eine Woche zuvor in die Runde des "Aktiventreffs" – man traf sich regelmäßig beim BUND – geworfen. Bis zur 100. Montagsdemo bin ich regelmäßig mit kleinen Aussetzern wegen Krankheit zur Montagsdemo gegangen, danach noch ganz gelegentlich.

Welche Montagsdemo haben Sie besonders in Erinnerung?

Als Urban Priol bei der 50. plötzlich mit Georg Schramm auftauchte. Schramm war gar nicht eingeplant, aber es gab zuvor Gerüchte, dass er Priol begleitet.

Zeitweise waren bei Montagsdemos Zehntausende Menschen auf der Straße. Eine Zeitlang schien es, als könnte der Protest das Projekt stoppen. Wann war für Sie der Wendepunkt, ab dem es in eine andere Richtung ging?

Nach der Volksabstimmung im November 2011, die zwar unfair war, aber gemäß der Verabredung verbindlich. Vor allem war ich persönlich entsetzt, wie viele Stuttgarter gegen den Ausstieg aus der Finanzierungsvereinbarung gestimmt hatten. Da war mir klar: Hier in dieser Stadt trifft Bequemlichkeit auf den fruchtbaren Boden der Rattenfänger. Einen anderen ganz persönlichen Knick bekam meine Wahrnehmung am „Schwarzen Donnerstag“, als roboterhaft auftretendes Polizeivolk alte Menschen und Kinder attackierte. Da dachte ich zum ersten Mal: Das hier ist nicht mehr meine Stadt.

Rückblickend nach zehn Jahren: Was haben die Montagsdemos für Stuttgart gebracht und was haben Sie persönlich aus ihnen gelernt?

Die Stuttgarter Streit- und Demokratiekultur wurde nachhaltig gestärkt. Freundschaften wiederbelebt, neue Freundschaften geschlossen. Stuttgart ist noch selbstbewusster geworden, und zwar aus dem Bewusstsein heraus: Wir haben das Standing, unsere Meinung zu sagen und zu begründen. Das ist ein großer Erfolg für die Stadt. Für mich selbst? Nach dem Kotzen der Pferde kann mich nur noch wenig erschüttern. Nein, ernsthaft: Wo so viele Menschen sehenden Auges in die Katastrophe rennen – siehe Volkabstimmung –, ist alles möglich. Mich erschüttert es auch nicht, dass in meinem neuen Zuhause Brandenburg so viele Menschen die AfD wählen. Während in Stuttgart die Dummheit aus einem Zuviel an Wohlstand genährt wird, ist es hier der Mangel an Wohlstand, der die Dummheit generiert. Menschen reagieren und agieren in der Regel aus einem Reflex, sind nicht zum Nachdenken zu bewegen und hinterher meist auch nicht schlauer. Das ist schade, aber nicht zu ändern.

Würden Sie es heute genauso machen, nochmals mit dem Demonstrieren beginnen?

Im Westen ja. Hier im Osten nicht. Demos haben hier einen sehr schlechten Ruf.

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Ulrich Stübler, Miterfinder der Montagsdemos. Der Grafikdesigner gestaltete unter anderem das durchgestrichene Stuttgart-21-Ortschild, den "Oben bleiben"-Button und das "Umstieg 21"-Logo.

Wie sind Sie zu Ihrer ersten Montagsdemo gekommen?

Per Mundpropaganda. Es lag halt in der Luft.

Gehen Sie noch regelmäßig auf Montagsdemos?

Bis heute habe ich vielleicht bei zehn oder 15 gefehlt – da musste dann schon Lungenentzündung, Beerdigung, ein Date oder ähnliches im Spiel sein.

Welche Montagsdemo haben Sie besonders in Erinnerung?

Vielleicht die Dunkel-Demo im November oder Dezember 2009, als die Oberen meinten, sie könnten durch das Abschalten der Beleuchtung am Nordflügel die Demo abschalten. Die Stimmung war umso intensiver.

Zeitweise waren bei Montagsdemos Zehntausende Menschen auf der Straße. Eine Zeitlang schien es, als könnte der Protest das Projekt stoppen. Wann war für Sie der Wendepunkt, ab dem es in eine andere Richtung ging?

Der bewährte, von Kommunikations-Beratern vorgegebene Weg mit Pseudo-Volksabstimmung, Faktencheck und Schlichtung hat leider vielfach Wirkung gezeigt. Und mit den Grünen an der Regierung haben sich viele unnötigerweise "aufgehoben" gefühlt und viel Luft aus dem Kessel gelassen.

Rückblickend nach zehn Jahren: Was haben die Montagsdemos für Stuttgart gebracht und was haben Sie persönlich aus ihnen gelernt?

Die Montagsdemos haben im Laufe der Zeit ihr Blickfeld erweitert und dazu beigetragen, nicht nur Bahnhof zu verstehen, sondern größere Zusammenhänge zu betrachten und auch medienmäßig „zwischen den Zeilen zu lesen“. Anfänglicher, von unten organisierter ziviler Ungehorsam hat sich leider aus Rücksicht vor dem braven Bürger und durch juristische Sanktionen ausgeschlichen, anstatt dass er geschult und intensiviert wurde.

Würden Sie es heute genauso machen, nochmals mit dem Demonstrieren beginnen?

Keine Frage: Wo kämen wir hin, wenn so viel organisierter und dreist weiterverfolgter Betrug zu Lasten der Zukunft nicht vor Ort bekämpft würde? Auch wenn es hier und global massenhaft gewichtige andere Themen gibt.

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Barbara Drescher, Miterfinderin der Montagsdemos.

Wie sind Sie zu Ihrer ersten Montagsdemo gekommen?

Helga Stöhr-Strauch hatte bei den regelmäßigen Treffen von Aktiven, die in den Räumen des BUND in der Rotebühlstraße abgehalten wurden, die Idee, dass man, wenn die Tage kürzer werden, mit Laternen auf die Straße gehen sollte. Also wurden gemeinschaftlich Laternen gebastelt mit den Logos der Bewegung.

Gehen Sie noch regelmäßig auf Montagsdemos?

Ja, regelmäßig. In zehn Jahren kommen da bei mir mindestens 400 bis 450 Demos zusammen.

Welche Montagsdemo haben Sie besonders in Erinnerung?

Da gibt es mehrere. Zum Beispiel, als nach dem 30. September 2010 so viele Künstler und andere Leute aus sozialen Bewegungen zu uns kamen, um uns aufzurichten und Kraft zu geben. Nach der verlorenen Volkabstimmung 2011 war Paul Schobel, der Betriebsseelsorger, mit einer Trostrede bei uns. Er hat uns wirklich beigestanden, uns versucht, neuen Mut zu geben. Schön war auch der Auftritt des ehemaligen Vorstands der Schweizerischen Bundesbahnen SBB, Benedikt Weibel, der schlicht und klar sagte, dass die Bahn in der Schweiz nur so gut sein könne, weil die Schweiz keine Automobilindustrie hat.

Zeitweise waren bei Montagsdemos Zehntausende Menschen auf der Straße. Eine Zeitlang schien es, als könnte der Protest das Projekt stoppen. Wann war für Sie der Wendepunkt, ab dem es in eine andere Richtung ging?

Das waren mehrere Ereignisse, die die meisten von uns einfach nicht glauben konnten: dass der Nordflügel und der Südflügel des Bahnhofs wirklich abgerissen werden, der Park in wesentlichen Teilen vernichtet wird. Irgendwann, als die Zerstörungen als Vorbereitung zum Bau alle stattgefunden hatten, hat es uns gedämmert, dass das wirklich eine unendliche Geschichte werden wird. Und die Aufgabe für uns jetzt eher darin bestehen wird, als einzige den Verlauf der Baumaßnahmen "kritisch zu begleiten". Zur 350. Montagsdemo gab es von Uli Stübler gestaltete Einladungskarten, auf denen stand: zum 350. Mal - Der wahre Bahnaufsichtsrat.

Rückblickend nach zehn Jahren: Was haben die Montagsdemos für Stuttgart gebracht und was haben Sie persönlich aus ihnen gelernt?

Ich habe gelernt, dass unsere parlamentarische Demokratie nur dazu dient, die Interessen des Kapitals durchzudrücken. Wie es so oft schon früher in Flugblättern linker Organisationen stand: Sie sind Marionetten das Kapitals. Vor zehn Jahren konnte ich so gar nicht glauben, dass derartige Parolen stimmen. Auch bin ich eine aus der Generation, die glaubte, dass man durch den „Marsch durch die Institutionen" Staatshandeln mitgestalten könnte. Am Ende haben sich die Marschierenden alle selbst verändert und sind angepasster Teil der Institutionen geworden. Persönlich brauche ich den Gedankenaustausch und die Grundsatzüberlegungen von Fachleuten wie Verkehrsplanern und Eisenbahnsachverständigen, die auf den Demos immer wieder sprechen. Wir haben alle viel gelernt über guten Eisenbahnverkehr und Verkehrsplanung allgemein.

Würden Sie es heute genauso machen, nochmals mit dem Demonstrieren beginnen?

Mit dem Schwung von damals schon! Nun sind die meisten von uns etwas müder und auch resignierter geworden. Aber im Prinzip sehe ich es schon so wie auch bei den Schülern von Fridays for Future: Das Leben und die Aktion sind die bessere Schule – und auch nicht so langweilig!!!

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Gerhard Pfeifer, Regionalgeschäftsführer des BUND in Stuttgart, erstmals bei der zweiten Montagsdemo (2. November 2009) dabei. Bereits seit Mitte der 1990er Kritiker von S 21.

Wie sind Sie zu Ihrer ersten Montagsdemo gekommen?

Gangolf Stocker, mit dem ich damals im Aktionsbündnis gegen S 21 eng zusammen arbeitete, bat mich, ob der BUND nicht einen Infostand machen könnte. Die Teilnehmerzahl war mit etwa 50 Leuten noch recht überschaubar, wuchs aber in den Folgewochen rasant.

Nachdem ich auf rund 150 Demos war, davon fast alle in den Anfangsjahren, gehe ich mittlerweile auf keine Montagsdemo mehr. Weil ich der Meinung bin, dass damit keine politische Wirkung mehr auf den Projektverlauf zu erzielen ist.

Welche Montagsdemo haben Sie besonders in Erinnerung?

Anfang 2010 hat Bahnchef Grube auf der damals noch recht provisorischen Bühne am Nordflügel des Hauptbahnhofs geredet. Er lobte das Projekt in den höchsten Tönen. Am Ende seiner Amtszeit hat er mehrfach eingeräumt, es wäre besser gewesen, das Projekt nie begonnen zu haben.

Zeitweise waren bei Montagsdemos Zehntausende Menschen auf der Straße. Eine Zeitlang schien es, als könnte der Protest das Projekt stoppen. Wann war für Sie der Wendepunkt, ab dem es in eine andere Richtung ging?

Im Prinzip war nach der Volksabstimmung im November 2011 die Messe gelesen. Vor allem, weil auch in Stuttgart – trotz der Demos – die Mehrheit der Bürger für das Projekt stimmten. Die Hoffnung, dass der Bahn das Geld ausgehen könnte, hat sich nie erfüllt. Erst recht nicht mit den jüngsten, neuen Zusagen der Bundesregierung an die Bahn – von 2020 bis 2030 gibt es 106 Milliarden Euro Staatshilfen. Die Bahn wird mit diesen Mitteln die Finanzlöcher bei S 21 in Höhe von vier bis fünf Milliarden Euro stopfen.

Rückblickend nach zehn Jahren: Was haben die Montagsdemos für Stuttgart gebracht und was haben Sie persönlich aus ihnen gelernt?

Die Montagsdemos und vor allem die S-21-Schlichtung haben die Gesellschaft bundesweit politisiert und das Thema Bürgerbeteiligung vorangebracht. Die Politik konnte sich nicht mehr länger in ihren Elfenbein-Parlamenten verbergen. Persönlich war das eine sehr spannende und aufregende Zeit. Rückblickend kommen mir Zweifel, ob wir mit den vielen Demos nicht überdosiert haben und dadurch die Fronten erst recht verhärtet haben.

Würden Sie es heute genauso machen, nochmals mit dem Demonstrieren beginnen?

Demonstrationen sind für den BUND eine wichtige Aktionsform. Deshalb beteiligten wir uns zum Beispiel bei den aktuellen Fridays-for-Future-Protesten.

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Gangolf Stocker, als Mitgründer des Vereins "Leben in Stuttgart – kein Stuttgart 21" im Jahr 1995 Urgestein des Protests gegen S 21. Erstmals bei der zweiten Montagsdemo (2. November 2009) dabei, später Versammlungsleiter der Montagsdemos und anderer Demos gegen das Projekt (bis März 2011).

Wie sind Sie zu Ihrer ersten Montagsdemo gekommen?

Es ging ein Gerücht, dass sich drei oder vier Leute getroffen hätten zwischen Rathaus und Bahnhof, und ich wollte beim zweiten Mal gucken, wer das ist. Da waren es aber schon dreißig, im Hauptbahnhof. Ein älterer Polizist wollte mich zum Versammlungsleiter machen. Habe ich dankend abgelehnt.

Gehen Sie noch regelmäßig auf Montagsdemos?

Ich war bei circa 90 bis 100 Demos Versammlungsleiter, dann war abzuschätzen, dass die Verantwortlichen das Ding durchziehen werden. Zielrichtung und Adressat waren also nicht mehr die organisierten S-21-Verbrecher, weil sich die Akteure (bis heute) so fest an das Projekt gebunden hatten, dass eine Korrektur oder gar ein Aufgeben nicht mehr möglich war. Eine Kapitulation vor dem Protest? Niemals. Nach der Volksabstimmung meinte Ministerpräsident Kretschmann, es gäbe halt auch das Recht des Volkes auf einen schlechten Bahnhof. Uns hat bei der Volksabstimmung vor allem das Ergebnis in Stuttgart das Genick gebrochen.

Welche Montagsdemo haben Sie besonders in Erinnerung?

Wir, die Organisatoren der Montagdemos, legten ja besonderen Wert auf die Vielfalt, Fantasie der TeilnehmerInnen, auf die Ideen, auf die Kultur des Protestes. Und ich glaube, es gab nie wieder ein solches Protestniveau in Stuttgart.

Zeitweise waren bei Montagsdemos Zehntausende Menschen auf der Straße. Eine Zeitlang schien es, als könnte der Protest das Projekt stoppen. Wann war für Sie der Wendepunkt, ab dem es in eine andere Richtung ging?

Die Montagsdemos änderten ihren Charakter von einer Protestveranstaltung zu einer Trotzveranstaltung, zur Beweisführung, wie lange man durchhalten kann. Ehrenhaft, aber nutzlos. Mehr nach innen als nach außen gerichtet.

Rückblickend nach zehn Jahren: Was haben die Montagsdemos für Stuttgart gebracht und was haben Sie persönlich aus ihnen gelernt?

Schwierige Frage. Ich habe eine Menge gelernt, aber das führt jetzt zu weit.

Würden Sie es heute genauso machen, nochmals mit dem Demonstrieren beginnen?

Wenn ich es könnte, ja.

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Timo Kabel, erstmals bei der dritten Montagsdemo (9.11.2009) dabei. Der Landschaftsgärtner wurde in den Anfangsjahren auf Demos als Fahnenschwenker mit der grünen "K 21"-Fahne bekannt.

Wie sind Sie zu Ihrer ersten Montagsdemo gekommen?

Aufmerksam wurde ich durch die Kommentarspalten in den Onlineausgaben der StZ und StN – damals gab es dort noch die Möglichkeit, zu kommentieren. Jemand schrieb, dass er sich an einem Montag gegen 18 Uhr am Bahnhof hinstellen würde, als Mahnwache oder so. Eine Woche später stand dann in der Kommentarspalte, dass man zu viert gewesen sei, eine Woche später war von zehn oder 20 die Rede. Da dachte ich, schau ich mir das doch mal an, wer sich da so trifft.

Gehen Sie noch regelmäßig auf Montagsdemos?

Bei vielleicht 20 bis 25 Demos war ich nicht dabei, wenn ich im Urlaub oder richtig krank war. Ansonsten bei Wind und Wetter, Schnee, Eis und Hitze.

Welche Montagsdemo haben Sie besonders in Erinnerung?

Am Pfingstmontag 2010 sollte die Demo eigentlich ausfallen. Ich dachte mir, kommt nicht in Frage, und schrieb auf der Parkschützerseite: "Man könnte sich doch ganz ungezwungen am Hbf-Nordausgang treffen und über dieses und jenes reden." Als ich mit dem Fahrrad dort vorfuhr, kam gleich ein Polizist auf mich zu und fragte mich, ob ich Timo Kabel sei. Er sagte: "Sie haben auf der Parkschützer-Seite zu einer Demo aufgerufen, ohne diese anzumelden." Er nahm meine Daten auf. Ich habe nie wieder was darüber gehört. Und die 100. Montagsdemo – ein StZ-Redakteur wollte mich als den Protagonisten mit der Fahne treffen und etwas schreiben. Es gab eine ganze Seite.

Zeitweise waren bei Montagsdemos Zehntausende Menschen auf der Straße. Eine Zeitlang schien es, als könnte der Protest das Projekt stoppen. Wann war für Sie der Wendepunkt, ab dem es in eine andere Richtung ging?

Ehrlich gesagt war das mit dem Abrissbeginn des Nordflügels im August 2010. Es gab da Stimmen, die sagten, "das kann man wieder aufbauen", aber es war mir bewusst, dass hier ein "Plan" durchgesetzt werden sollte. Spätestens mit dem Roden der Bäume im Februar 2012 schmolzen meine Hoffnungen, das Ding aktiv zu stoppen. Und mit dem miserablen Ergebnis der Volksabstimmung, den unfairen Methoden der Pro-S-21-Bagage und der zunehmenden Bautätigkeit wurde für mich zum Motto, "Salz in der Suppe, Stachel im Fleisch" zu sein. Der soziale Zusammenhalt und das Treffen mit Gleichgesinnten waren für mich ein Grund, weiterhin zu den Montagsdemos zu gehen.

Rückblickend nach zehn Jahren: Was haben die Montagsdemos für Stuttgart gebracht und was haben Sie persönlich aus ihnen gelernt?

Siehe Antwort oben.

Würden Sie es heute genauso machen, nochmals mit dem Demonstrieren beginnen?

Auf alle Fälle. Man hätte manches vielleicht anders machen können, die Montagsdemo vielleicht in andere Stadtteile oder auch in die Region tragen sollen, bei der sogenannten Schlichtung absagen sollen ... Aber im Nachhinein ist man immer um Erfahrungen reicher.

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Guntrun Müller-Enßlin, Theologin, Pfarrerin, SÖS-Stadträtin im Stuttgarter Gemeinderat. Erstmals bei der dritten Montagsdemo (9.11.2009) dabei. Initiatorin der Gruppe "TheologInnen gegen Stuttgart 21".

Wie sind Sie zu Ihrer ersten Montagsdemo gekommen?

Ruth Gisela Evers aus meiner Gemeinde hatte mich auf die Demos gegen S 21 aufmerksam gemacht. Wir waren vielleicht 200 Leute, Gangolf Stocker hat mit Megaphon gesprochen, alles war improvisiert. Ich hatte mich über das Projekt informiert und erfahren, dass für das „neue Herz Europas“ 300 alte Schlossgartenbäume fallen sollten. Ab da war ich dabei.

Gehen Sie noch regelmäßig auf Montagsdemos?

Ich war bei unzähligen Montagsdemos, aber heute kann ich aus Zeitgründen nicht mehr regelmäßig hingehen. Doch ich bin froh über all jene, die das tun und damit zeigen, dass die Flamme des Widerstands gegen das dümmste Großprojekt seit dem Turmbau zu Babel keineswegs erloschen ist.

Welche Montagsdemo haben Sie besonders in Erinnerung?

Da fällt mir natürlich die Demo ein, bei der ich meine erste Rede hielt – am 22. Februar 2010, am Vorabend des Geburtstags meines Sohnes. Meine eindrucksvollste Montagsdemo jedoch war eine Freitagsdemo – diejenige, die am 1. Oktober 2010 unter dem Eindruck der Ereignisse am „Schwarzen Donnerstag“ stattfand. Über 100 000 Menschen standen im Schlossgarten dicht an dicht. Ich habe an dem Abend auf der Bühne gesprochen, es war dunkel und wegen der Scheinwerfer konnte ich die Menge nicht sehen, nur hören – den unbeschreiblichen Jubel, als ich sagte: "Hut ab vor unserer Jugend, die sich den Einsatzkräften in den Weg gestellt hat.“ Noch heute kommen mir die Tränen, wenn ich daran denke!

Zeitweise waren bei Montagsdemos Zehntausende Menschen auf der Straße. Eine Zeitlang schien es, als könnte der Protest das Projekt stoppen. Wann war für Sie der Wendepunkt, ab dem es in eine andere Richtung ging?

Es war das Schmierentheater der Demokratiesimulation in drei Akten: „Schlichtung“, Stresstest und Volksabstimmung.

Rückblickend nach zehn Jahren: Was haben die Montagsdemos für Stuttgart gebracht und was haben Sie persönlich aus ihnen gelernt?

Ein Widerstands-Netzwerk von unschätzbarem Wert ist entstanden. Ich habe erfahren: Wir sind viele, die auf der gleichen Seite für Menschlichkeit und eine lebenswerte Zukunft streiten. Gleichzeitig ist mir klar geworden: Nicht die Politik, sondern die Wirtschaftskonzerne haben in unserer Gesellschaft die Macht und das Sagen.

Würden Sie es heute genauso machen, nochmals mit dem Demonstrieren beginnen?

Ja, ja und ja.

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Hannes Rockenbauch, Stadtrat von SÖS im Stuttgarter Gemeinderat, Architekt. Neben Gangolf Stocker schon früh einer der prägenden Köpfe des Protests gegen S 21. Erstmals bei der zweiten Montagsdemo (2.11.2009) dabei.

Wie sind Sie zu Ihrer ersten Montagsdemo gekommen?

Eines Tages berichtete mir Gangolf Stocker, dass einige Aktivisten ihn zu dem Vorhaben einer Art Montagsmahnwache am Nordflügel angesprochen hätten. Er hätte ihnen gesagt, sie sollen es einfach machen. Zur zweiten Mahnwache sind wir dann gemeinsam hin, um zu schauen was da los ist. Wir waren da vielleicht 20 bis 30 Leute und ein paar Kerzen. Ab da war ich bis zur 100. Montagsdemo immer dabei.

Gehen Sie noch regelmäßig auf Montagsdemos?

Seit der Geburt meiner Kinder bin ich deutlich seltener auf Demos und Veranstaltungen. Etwa einmal im Monat schaue ich noch auf den Montagsdemos vorbei und bin jedes Mal begeistert von der Stimmung und den guten politischen Gesprächen, die man dort führen kann.

Welche Montagsdemo haben Sie besonders in Erinnerung?

Ich glaube, ab der vierten Montagsdemo hatte Gangolf die Demos angemeldet und wir hatten auch eine Art Bühne und zwei Lautsprecherboxen. Irgendwann durfte ich montags moderieren. Als sich meine Aufregung gelegt hatte, war das für mich immer ein Heidenspaß. Dass ich dabei oft das Who Is Who der derzeitige Spitzengrünen anmoderiert habe, beschäftigt mich noch heute. Hätte ich doch nur vorher ihrer Wankelmütigkeit und ihr Duckmäusertum vor den Verhältnissen des Status quo erkannt. Wohl nie vergessen werde ich die 36. Montagsdemo. Nicht nur, weil trotz Wolkenbruchs die Leute blieben, sondern weil sich aus der Demo heraus auch die Besetzung des Nordflügels ergab und ich plötzlich zum Bahnhofsbesetzer und laut „Bild“-Zeitung zum „Randale-Stadtrat“ wurde. 

Zeitweise waren bei Montagsdemos Zehntausende Menschen auf der Straße. Eine Zeitlang schien es, als könnte der Protest das Projekt stoppen. Wann war für Sie der Wendepunkt, ab dem es in eine andere Richtung ging?

Den Einbruch der Massenmobilisierung, die wir mit den Montagsdemos begonnen hatten, erkläre ich mir bis heute aus der Dreierkombination von Faktencheck, Landtagswahl und Volksabstimmung. Der Faktencheck Ende 2010 hat die Emotionen aus dem Widerstand genommen. Die Landtagswahlen haben die Grünen bis zur Unkenntlichkeit eingebunden und damit einen wichtigen Teil der Bewegung lahmgelegt. Und schließlich hat die sogenannte „Volksabstimmung“ aus uns allen Verlierer gemacht. Dass sich unser Widerstand trotz dieser Erfahrungen bis heute so lebendig hält, ist großartig!

Rückblickend nach zehn Jahren: Was haben die Montagsdemos für Stuttgart gebracht und was haben Sie persönlich aus ihnen gelernt?

Dank der Montagsdemos sind die StuttgarterInnen in Bewegung gekommen und viele sind es bis heute noch. Dass Stuttgart heute eine der demofreundlichsten Landeshauptstädte ist, erkläre ich mit dem Aufbruch, der 2009 am Hauptbahnhof begann. Persönlich wäre ich heute ohne diese Demos ein anderer Mensch, ärmer an wichtigen Begegnungen und prägenden Erlebnissen.

Würden Sie es heute genauso machen, nochmals mit dem Demonstrieren beginnen?

Ja, unbedingt!!!

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Matthias von Herrmann, Sprecher der Parkschützer, erstmals bei der fünften Montagsdemo (23.11.2009) dabei. Als Teil des Demo-Teams seit Dezember 2011 Mitorganisator der Montagsdemos.

Wie sind Sie zu Ihrer ersten Montagsdemo gekommen?

Vor der vierten Montagsdemo am 16. November 2009 sah ich am unteren Ende der Treppe am Mittelausgang des Hauptbahnhofs mit Kreide geschrieben: "Montagsdemo gegen Stuttgart 21" und einen Pfeil. Ich bin nicht hingegangen, denn ich kam gerade von der Arbeit, musste noch Sachen in der Stadt besorgen, und es schüttete wie aus Kübeln. Nächste Woche dann ...

Gehen Sie noch regelmäßig auf Montagsdemos?

Bis August 2016 war ich bei fast allen Montagsdemos, oft genug ja auch als Redner oder Moderator. Seit unsere Tochter auf der Welt ist, bin ich quasi gar nicht mehr dort, das Kind geht einfach vor.

Welche Montagsdemo haben Sie besonders in Erinnerung?

Die Regenbogen-Demo im Sommer 2010 bot ein phantastisches Bild, als tausende Schirme den Platz vor dem Nordflügel bunt färbten und ein Regenbogen genau über dem Bonatzbau zum Ende der Demo sehr intensiv aufleuchtete. Dann die Demo, an deren Ende der Nordflügel besetzt wurde und ich im strömenden Regen klatschnass dem ZDF ein Interview gab.

Zeitweise waren bei Montagsdemos Zehntausende Menschen auf der Straße. Eine Zeitlang schien es, als könnte der Protest das Projekt stoppen. Wann war für Sie der Wendepunkt, ab dem es in eine andere Richtung ging?

Das war, als CDU und Grüne nach dem "Schwarzen Donnerstag" vorschlugen, eine Schlichtung durchzuführen. Da entglitt uns plötzlich die Sache, und das war ja auch das Ziel der Geißler-Show. Niemand aus der Politik oder von der Bahn hatte je ein ehrliches Interesse an einer guten Lösung für die Stadt und für den Schienenverkehr im Südwesten. Denen ging es nur darum, die Meinungsführerschaft wieder zu erlangen und das Projekt weiterzuführen – auch mit Hilfe von Fake News und Lügen zur Leistungsfähigkeit von S 21, zur Finanzierung oder zum Brandschutz.

Rückblickend nach zehn Jahren: Was haben die Montagsdemos für Stuttgart gebracht und was haben Sie persönlich aus ihnen gelernt?

Sehr viele Stuttgarter wurden politisiert. Auch wenn viele resigniert haben, weil die Politik so dermaßen arrogant und ignorant das Projekt durchdrückt, ist doch im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements ein großes Netzwerk entstanden, das sich nun auch in anderen Zusammenhängen engagiert, sei es beim Hotel Silber, beim Radentscheid, bei SÖS oder zum Thema Mietenwahnsinn. Ich habe gelernt, dass in vielen Menschen die Bereitschaft zu außergewöhnlichem Engagement für eine gute Sache steckt.

Würden Sie es heute genauso machen, nochmals mit dem Demonstrieren beginnen?

Ich bin zwar nicht der Initiator der Montagsdemos, aber klar wäre ich wieder von Anfang an dabei, um Mitbürger für eine ökologische oder soziale Verbesserung zu mobilisieren. Es gibt so viele Gründe, auf die Straße zu gehen für eine bessere Welt.


Info:

"Ihr kriegt uns nicht los – wir euch schon! 10 Jahre Montagsdemos gegen Stuttgart 21", Dienstag, 8. Oktober, 19.30 Uhr, Theaterhaus Stuttgart (Siemensstraße 11, 70469 Stuttgart). Mit Max Uthoff, Christine Prayon, Uta Köbernick, Timo Brunke, Gadjo Trio u.a. Der Vorverkauf hat bereits begonnen, Karten (17 Euro) unter www.theaterhaus.com oder Telefon 0711 4020720.


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15 Kommentare verfügbar

  • Blender
    am 08.10.2019
    Was bei den Tief-Schräg-Haupthaltestellen (alias: S21) Kosten noch fehlt sind die Folgekosten. Die Frage nachmder Haltbarkeit von Kelchstützen beantwortet gerade Ludwigshafen. Deren Hochstraßenkelchstützen von 1959 können leider nicht saniert werden, weil die Statik nicht DIN Konform errichtet wurde und deshalb die Statiker keine belastbaren Berechnungen machen können.
    Der SWR berichtet: Wegen zahlreicher Schäden ist die wichtige Verkehrsachse seit Ende August teilweise gesperrt. Zuletzt wurden an der sogenannten Pilzkonstruktion weitere gravierende Rissveränderungen festgestellt. Die Hochstraße stammt aus dem Jahr 1959. Derzeit analysieren Brückenspezialisten, inwieweit die Statik der auf pilzförmigen Stützen ruhenden Hochstraße geschwächt ist."
    In 60 Jahren muss also auch das Dach von S21 abgerissen werden. Gut dass die Bahn das Dach und damit diesen Kosten-Posten der Stadt Stuttgart schenken wird, da kann Stuttgart schon mal anfangen Rücklagen zu bilden. Bitte Demonstriert weiter, auch jetzt lohnt sich der Ausstieg noch. Ein herzliches Dankeschön an alle die jemals auf einer S21-Montagsdemo waren.
  • Martina Auer
    am 05.10.2019
    Was mich am meisten stört bei "Stuttgart 21" ist die kriminelle Energie, die da von interessierter Seite incl. ihrer Lakaien und Gesinnungsgenossen (z.B. die im Gemeinderat oder im Regionalparlament, aber auch im sog. "Pressehaus") hineingesteckt wurde.

    Fast noch mehr stört mich aber, dass das für die Drahtzieher in Stuttgart und in Berlin bis heute gänzlich folgenlos blieb (außer für das eine oder andere Bauernopfer). Die sitzen heute in ihrer Villa, draußen im Grünen, zählen ihr hart erlogenes Geld und lachen sich einen Ast.

    Apropos Grün, bevor ichs vergesse: Der Opportunismus der sogenannten "Grünen" (d.h. von Kretschmann, denn der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf, und mit Kretschmann begann es ja) war und ist bis heute unerträglich.

    Ich schäme mich für diese Stadt und für ihre vielen satten, unmündigen, desinteressierten, verblödeten, eben typisch schwäbischen Mitbürger. Was will man da erwarten?
    • Jue.So Jürgen Sojka
      am 06.10.2019
      @Martina Auer,
      wie zutreffend die Feststellungen wie auch so manch Aussage dazu.

      „…meisten stört bei "Stuttgart 21" ist die kriminelle Energie, …“ – was nicht zu verwundern braucht, ist doch die kriminelle Energie hinübergerettet worden aus der Weimarer Republik in die nachfolgenden Jahre! Das sich Hinwegsetzen über die Verfassung in Kontinuität bis heute!!!

      "Gestern standen wir noch am Abgrund. Heute sind wir einen Schritt weiter!" – Aus Studentenkreisen in der 1. Hälfte der 1960er Jahre.

      Geschichte der Sektion Bayerland http://www.alpenverein-bayerland.de/module_requirements/geschichte/die_aera_fritz_schmitt/pdf/007-127%20Geschichte%20der%20Sektion%20Bayerland.pdf 110 Seiten, 63,5 MB Auszug von Seite 14:
      Entnazifizierung
      … Am 5.3.1946 erhielten die Deutschen das Mandat, sich selber von ihrer Vergangenheit zu befreien - mit dem „Gesetz Nr. 104 zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“, dem „Befreiungsgesetz“. Die Durchführung wurde sog. Spruchkammern, die mit Deutschen besetzt waren, übertragen.
      … Im August 1946 gab es für die Jahrgänge ab 1919 eine Jugendamnestie, etwas später die Weihnachtsamnestie für Kriegsbeschädigte.
  • Verena Saisl
    am 05.10.2019
    Möchte man herausbekommen, warum ausgerechnet Stuttgart diesen Bahnhof (aka "systemisches, mafiaähnliches Von-Unten-nach-Oben-Verteil-Drecksprojekt") letztlich und als Erster bekommt (und nicht München oder FFaM), muss man deutlicher- und ehrlicherweise sagen (und die Wortmeldungen in den Interviews oben zeigen, dass Einige es bis heute nicht begriffen haben, resp., begreifen wollen), dass ein notwendiger Protest gegen solche Mafiaumtriebe ein Sich-Anlegen mit eben diesem System bedeutet; man nennt es auch den real existierenden Kapitalismus.

    Als am 1. Oktober 2010 die Demo-Zähler bei irgendwas über 120.000 auf Grund der einbrechenden Dunkelheit mit dem Zählen aufhören mussten, schwante dem Kapital und seinen Lakaien wohl, dass da womöglich noch die "Aurora" am Neckarufer vor Anker gehen könnte oder so was Ähnliches, ginge das so weiter.

    Gottlob ist das noch mal gut gegangen und dieser Protest hat sich unterm Strich und letztlich doch kaufen lassen. Zwar nicht vom "ehrlichen Kaufmann" Grube, dafür aber vom dem unmöglichen CDU-Ideologen und Demagogen Geißler. Die Kretschmänner und die Palmers, diese Kapitalismus-Anstreicher mit den grünen Pinseln, werden's ihm auf ewig danken (falls noch jemand wissen will, wie das geht: Kapitalismus grün anstreichen. So wie mit S21, Leute! -Achtung Protestierende überall: Von Stuttgart lernen heißt verlieren lernen!).
  • Waldemar Grytz
    am 03.10.2019
    Wäre im Nachhinein auch mal (z.B. vor dem Hintergrund der Gelbwesten in Frankreich) ein Nachdenken über die erklärte Gewaltlosigkeit der Bewegung angesagt? Nicht so einfach, wenn die Gegenseite schon Kastanien zu Pflastersteinen umdeutet, die kurzzeitige Besetzung des blauen Röhrenlagers zum Landfriedensbruch, aber who knows, was 10-tausende in der Innenstadt so alles an Drohkulisse hätten aufbauen können.
  • Real Ist
    am 02.10.2019
    Angenommen, man hätte auf die Skeptiker gehört und Geißler als Schlichter mangels Neutralität abgelehnt und einen tatsächlich unabhängigen und neutralen Schlichter gefunden, der sich dann zwangsweise gegen den Weiterbau ausgesprochen hätte, wäre die Geschichte komplett anders verlaufen, die Menschenmassen wären weiterhin zu den Demos gekommen, die Grünen hätten sich bei der VA wesentlich mehr anstrengen müssen, der Protest hätte die Kraft gehabt, die VA nur in Stuttgart durchzusetzen und hätte letztendlich locker gewonnen und den Murks gestoppt.

    Die Entscheider (Aktionsbündnis, Stocker) des S21 Protests werden es nicht gern hören, aber sie sind der Grund des Scheiterns, weil sie in ihrer naiven Gutgläubigkeit Geißler vertrauten, selbst nach dem Schlichterspruch sprachen einige vom Sieg, weil der schlaue Geißler ihrer Meinung nach das Projekt durch die Hintertür stoppte, indem er unerfüllbare Forderungen stellte und die Projektpartner aufgeben müssten.

    Über einen Schlichter hätte man diskutieren und abstimmen müssen, stattdessen hat man sich von Politikern überrumpeln lassen, da haben Falken mit Tauben verhandelt.
    • Marla
      am 03.10.2019
      @Real: Schlichtung/Faktencheck....
      Da ist m.E. der Hund begraben..... Denn damit wurde die mächtige Bewegung an die Leine gelegt! (Und selbsternannte WiderstandsVIPs waren so glücklich ins Fernsehen zu kommen, dass sie vor eitler Glücksseligkeit die ArsenTränken nicht wahrnahmen!)

      Geschichte: System21!
      Über 25 Jahre, quasi #Widerstandssilberhochzeit, könnten mit Anekdoten gefüllt werden!

      Schon lange VOR 94 waren viele gegen S21! Sie fuhren bewusst Bahn, sie verteidigten Bahn, sie waren -wie ich- einen der vielen unerkannten ehrenamtlichen Mitstreiter der Bahn!

      Schon lange vor 94 wurde das Finanzmodell BRD kritisiert! (Auch der BRD Kapitalismus war am Straucheln! Denn das MCKinsey Modell hatte zu einer Wut- und Verachtungslaweine eingeladen! "Mitarbeiter freisetzen".... Wie P.A. sage ich: DIE (KohlsLambsdorffStrauss, incl Neue Heimat und Flick) haben angefangen!)
      Kohls Gürtel enger schnallen war ein Angriff auf die menschlich/kulturellen Errungenschaften (bes 'weibliche' Bereiche waren betroffen, während Steuerhinterziehung Kavaliersdelikte waren!)
      Viele fragten warum Unis freiwillig ihre staatl. Unabhängigkeit aufgaben und breitbeinig auf den Schössen der Unternehmen Platz nahmen...
      Viele waren komplett verdattert von den sogenannten urban Gebildeten, die heute noch 'Ami go home' sagte und morgen nicht schnell genug in den ThinkTank unterkommen konnten.....
      '94 kamen dann zum fassungslosen Erschrecken von Vielen noch andere Greultaten von rotgrünlinken dazu! (Neben vielem Anderen werden ich Grünen nicht den Bahnausverkauf verzeihen!)

      Da könnte ich noch seitenlang weiter aufzählen...

      S21 war und ist Symptomträger unseres entarteten Wirtschaftssystems! Eines entarteten Politikastensystems, eines aus der Art geschlagenen Institutionenwesens!
      (An alle Saubermänner: 'entartet' gab es schon vor 33 und heißt: komplett aus der Art geschlagen, komplett aus der Verankerung gerissen!)

      Nein! Es ging um Häar und Gschäar und um die Schattenmächte!
      Wir -der Souverän- hatten in all den Jahren friedlich, demokratisch, mitarbeitend Fragen gestellt, stirnrunzelnd Unklarheiten festgestellt!
      Nur weder Schattenmächte noch die direkten Ansprechpartner hatte Antworten geliefert!
      Nicht wir hätten in ehrenamtlichen selbst bezahlten Überstunden liefern müssen, sondern die die S21 wollten und die die S21 fiskalisch und politisch verantworteten!

      Mein Reden schon immer: glaubt irgendjmd, Zetsche und co würden eine Marketingkonzept bestellen und wenn sie es nicht gut fänden, dann zuhause, abends eigene Ideen basteln und sich dann mit Marketingfirma auf eine Geisslerei einlassen?

      Wir waren 94-09 Bettvorleger, dann wurden wir zum Tiger und ab Geissler wieder zum diesmal bedauernswerten Bettvorleger.
  • Paul Sander
    am 02.10.2019
    Die Frage wann, und ob, die Bewegung gescheitert ist, ist müssig. Stuttgart 21 war zu Beginn der Montagsdemos schon kaum noch zu stoppen. Schon damals gab es nur noch zwei realistische Ausstiegsszenarien: Entweder die Wirtschaftlichkeit von S21 fällt unter 0, oder einer der Projektpartner steigt aus. Der Protest hätte (leider) vor der Unterzeichnung der finalen Finanzierungsvereinbarung 2009, und den finanziellen Zusagen des Landes im Jahre 2007 die Wirkung von 2010/11 entfalten müssen. Da hätte eine deutlich höhere Chance bestanden das Projekt zu verhindern.
    • Marla
      am 03.10.2019
      @Paul Sander... Das Schöne am Älter-werden: man kann Erfahrungen sammeln!
      Und meine sagt: meistens geht es, wenn es vom Fussvolk kommt, um ein Kampf zwischen David und Goliathen! (Mehrzahl!) und diese spielen dann über Bande, bzw mit Fussvolk wie im blinde Kuh Kinderspiel!
      Wenn Goliathe etwas wollen, burschenschafterisch zusammen stehen.... und dann noch komplett organisierte Verantwortungslosigkeit einbauen.... Dann hat Fussvolk keine Chance!
      (Der vorauseilende Gehorsam der Institutionen beim Zusammenspiel S21 hat mich komplett aus den Latschen gekippt! Dagegen hatten wir nie, weder laut noch leise, eine Chance!)

      Ab den 80ern war klar: die Erde ist verteilt.... Nun ging es massivst an den Raubbau ins Innere! Tafelsilber, den Feudalen blutig und mühsam wieder abgetrotzt, musste nun den Gierigen übertragen werden.

      Es geht weder um gute Verkehrpolitik, noch um gute Entwicklungspolitik, geschweige denn um "Wohnen für Arme" (würg).... Es geht um besitzen, noch mehr besitzen, alles besitzen, es geht um kontrollieren, überwachen, ermächtigen!

      Gestern mit Kaiser, Königen und Päpsten, dann mit Diktatoren und heute mit Demokraten!
  • Meisel Peter W.
    am 02.10.2019
    Was sind schon 10 Jahre? Die Zerstörung der Stadt Troja hat länger gedauert. Das Ziel eine Stadt zu zerstören beginnt mit der Gier. Hier ist es wohl Bauerwartungsland auf dem freiwerdenden Gleisgelände! Das hat die Stadt Stuttgart in Cannes auf der Immobilien Messe MIPIM bewiesen. Es setzt die Zerstörung einer Stadt voraus?

    Die "Volksabstimmung" war für Stuttgart das Trojanische Pferd vor dem die Trojaner gewarnt waren. Damals hat ganz BW über ihre Hauptstadt abgestimmt. Vor dem Ergebnis hatte Laocoon gewarnt. Diesen Umstand wird der Künstler Peter Lenk vom Bodensee in einem Denkmal für diese groteske Entgleisung festhalten.
    Mit einem schwäbischen Laocoon nutzt er die griechische Mythologie und zeigt die verantwortungslose Fahrt ins Desaster (Winfried Hermann 2011).

    Ich bin dabei dieses Denkmal der Stadt zur Erinnerung zu schenken. Spendenkonto BFS IBAN DE 04 1605 0000 3527 0081 06
    Details unter lenk-in-stuttgart.de

    Mich hat das Thema ebenfalls seit 10 Jahren nicht mehr losgelassen. Meine Vision nenne ich die Schwäbische Ilias 3300 Jahre nach TROJA:
    Bau Erwartungsland mit Grabturm im Stutengarten
    file:///Users/petermeisel/Desktop/S21%20Ilias%20Bauerwartung.png
  • Marla
    am 02.10.2019
    Am 26. war also die erste Montagsdemo..?....
    gefeiert wird (was Unglück bringen soll) weit vorher!
    Warum eigentlich?
    (Meine VT-These: man will den 30.09.enteignen/entemotionalisieren/entpolitisieren/entkriminalisieren (Polizeieinsatz war rechtswidrig), den Einsatz der Jugendlichen ausradieren und m.E. Grünkonforme Geschichtsrevision betreiben... Das neue Polizeigesetz spricht Bände)

    Montagsdemos waren nie der Renner!
    Sondern die Freitags- und Samstagsdemos und die 24*7 Tage Aufenthalte am Nordflügel und im Park..... UND die große Wandzeitung, der Bauzaun!

    Warum 'feiert' eine Bewegung, die an den Hauptzielen 'versagt' hat, nicht die Dinge die stark waren?

    Die VHS unter freiem Himmel? Wo ohne Lehrer/Referenten querfeldein, intergenerativ und klassenübergreifend diskutiert wurde, stunden- tagelang?
    (Montagsdemos stehen für Frontalunterricht, wo oben die VIPs den Unties die Welt erklären, mit abgetrennten Bereichen für die Medien(auch wenn sie Sch...berichten) und Sonderzugängen für Auserwählte....

    Montags hatte ich jahrelang keine Zeit, bzw nur ab und an, weil in Deutschland wie anderswo die Zeit zwischen 18 und 20 Uhr Familienzeit ist.
    17- 19 Uhr ist immer die Zeit, die Leute erübrigen, die kinderlos, gerad im Büro Feierabend machen und Freilauf haben, um anschließend so ab 20 Uhr noch inneKneipe oder so zu gehen!
  • Real Ist
    am 02.10.2019
    Nach dem schwarzen Donnerstag wurde ein neutraler Schlichter gesucht, Grüne und CDU haben sich überraschend schnell auf Geißler (CDU und Schwarz/Grün Befürworter) geeinigt, Gangolf Stocker und die Mehrheit des Protests waren überraschenderweise damit einverstanden, sie vertrauten Geißler, weil er Mitglied bei Attac war, warnende Stimmen wurden ignoriert und als notorische Meckerer abqualifiziert, nennenswerte Diskussionen über die Neutralität Geißlers fanden nicht statt.

    Ein bis dahin listiger Protest, der sich eigentlich kein X für ein U vormachen ließ, ist auf einen verlogenen billigen Trick und Lügenbolde reingefallen, das war das Todesurteil für unseren Bahnhof, der Volksentscheid war nur noch allerbilligstes Schauspiel.
    • Helga Stöhr-Strauch
      am 02.10.2019
      "Das Todesurteil für 'unseren' Bahnhof" war keineswegs das, was als "Schlichtung" tituliert wurde und für jeden Interessierten die Möglichkeit bot, die Pros und Kontras für oder gegen den Tiefbahnhof abzuwägen. Die Schlichtung war ein wirksames Mittel, damit sich die interessierte und intelligente Öffentlichkeit ein Bild machen konnte über die Argumente und Beweggründe für oder gegen S 21.
      Sollte man den Begriff "Todesurteil" in einem Projekt wirklich wählen wollen, das mit allen Mitteln durchgezogen werden sollte, so sei auf den Stellenwert der SPD verwiesen, die 2011 ihre verlogene Allianz mit den Grünen eingegangen ist. Es war die damals noch nicht völlig abgestürzte SPD, die mit dem verqueren Wortlaut zur Volksabstimmung S 21 vorantrieb. Es war Nils Schmid mit seinem Bekenntnis, "Benzin im Blut zu haben".
      Es ist blauäugig zu glauben, dass dieser Protest in Stuttgart verantwortlich für den Verlauf des Projekts gewesen sein könnte. Der Stuttgarter Protest war richtig, stark und beeindruckend. Er war die Blaupause für die Proteste im Hambacher Forst und für Fridays for Future. Schön ist, dass zumindest in Hambach momentan eine Denkpause eingetreten ist.
    • Marla
      am 02.10.2019
      @Real Ist.... Todesurteil, mmh
      Aber ja, das Zusammensitzen mit Geissler war der Sargnagel! Denn mit ihm wurden die 1000 Gründe gg S21 zu sein, auf knapp 10 vertunnelt, bzw vertechnisiert!
      Gleichzeitig wurde mit dieser öffentlichkeitswirksamen Pseudo Aufklärungsrunde wirksam demonstriert (und demontiert), dass Daten, Fakten, Wissen nichts, rein gar nichts mehr mit Taten, Konsequenzen, Tun und Handeln gemein hat!
      Wir wissen heute: es war eine geniale PR Veranstaltung und gleichzeitig Karrierehyper für Geissler, für LpB, für die VIPs und sogenannte Experten a la Brettschneider und für die Proler!

      Und noch etwas anderes wurde deutlich: (es erinnerte mich stark an die Umweltschutzbewegung der 80er): wenn Machteliten aus Politik, Medien, Wissenschaft, Kultur u.u. ein Ziel anvisiert haben, dann hält sie nix davon ab, dieses koste es was es wolle zu verfolgen!

      Es hat auf jedenfall dazu beigetragen Demokratie zu schaden! Wenn ich heute StadtGrüne oder LandGrüne lamentieren höre könnte ich k...!
      (Und warum sowenige die AfD Erfolge in BW mal mit den Demokratiedefiziten in BW vergleichen... ist schon a la Merkel dagegenseinistleicht als mal zu reflektieren, oder?)

      @Pfeifer: sich für fff engagieren und nicht sehen was für Klima-, Finanz-, Bildungsschäden S21 auslöst, so viel Demenz muss man erst mal haben! (Aber jetzt gehört man ja auch zur Elite, gell?)

      @meins: eine der wichtigsten Erfahrungen: niemals Alpha Menschen soweit hoch kommen lassen und allen instututionellen Vertreter allerhöchsten Mitmarschier Positionen erlauben.... niemals AB Funktionär- und BestimmPosten!
      (Bei den Grünen und GrünenNahen super zu beobachten: erst rissen sie Bewegung an sich, dominierten sie und dann als Pöstchen winkten, verrieten sie sie!)

      Mich hat es -wieder einmal- von einer MUTBürgerin zu einer ScheißegalBürgerin gemacht!
      Wieso, dachte ich mal, laufe ich mit Jutebeutelchen rum, während DualesSystem plus Politik Plastikvermüllung explodieren lässt?
    • Marla
      am 06.10.2019
      @Helga Stöhr-Strauch.... Seit Schröder/Fischer wundert es mich, dass die Schandtaten (Rentendebakel, Reichenförderung, Expertokratie, Armenbespitzelung, Kriegseintritt, etc) ausschliesslich der SPD angekreidet werden! Mittlerweile frage ich mich: wem nützt das?

      Die kleinen Grünen sind so klein, dass sie an den Tischen nicht mal hochgucken können?

      Nein, nicht die dusselige SPD hat quer geschossen: viel schlimmer sind und waren die Grünen! Warum wollten sie eine VArce? (Weil sie sich feige 'das Volk will es so?' zurückziehen konnten?) Warum haben sie nicht für Klartext plädiert (Schuster hatte den Mumm!) Und wie bedeutsam ihnen sowohl Faktencheckabmachungen, Filderdialüg als auch VArcebehauptungen sind, konnte man danach sehen! (Und die vielen Anpassungbestrebungen mit Gelderwerb kommen aus dem Hause Grün!
      (Land und Stadt -Grüne verbiegen sich, dass einem nur schlecht wird!)

      Sorry, aus einer Hoffnungsparteiung ist eine der gefährlichsten Parteiwerdungen geworden!
      (Ich weiß ernsthaft nicht, wer schlimmer ist: Grüne oder jetzt-AfD...?!
      Von den Untaten her sind Grüne weit vorn! 40 Jahre Grüne ist keine Erfolgsgeschichte!)

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