Was Rüdiger Grube bei Herrenknecht verdient, verrät er nicht. Sicher ist: Für 30 Tage Arbeit als DB-Chef 2017 hat er 2,3 Millionen Euro gekriegt. Foto: Joachim E. Röttgers

Was Rüdiger Grube bei Herrenknecht verdient, verrät er nicht. Sicher ist: Für 30 Tage Arbeit als DB-Chef 2017 hat er 2,3 Millionen Euro gekriegt. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 365
Wirtschaft

Bohren nach Barem

Von Winfried Wolf
Datum: 28.03.2018
Der Beraterjob bei Herrenknecht hat noch gefehlt, um das Bild komplett zu machen: Ex-Bahnchef Rüdiger Grube ist ein Abzocker. Sagt Winfried Wolf bei der 410. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 in einer persönlich gehaltenen Rede.

Sehr geehrter Herr Dr. Grube, ich wende mich in dieser öffentlichen Form an Sie, da Sie jüngst bezüglich Ihrer Beratertätigkeit für die Firma Herrenknecht mitteilen ließen, dass Sie nicht direkt zu sprechen seien, sondern bei derlei Nachfragen nur noch über Ihre Anwälte mit der Öffentlichkeit kommunizieren wollten.

Wobei ich das mit dem akademischen Grad, den Sie haben, konkretisieren will. Schließlich verlieh Ihnen vor wenigen Monaten die Technische Universität Hamburg (TUHH) die Ehrenprofessur. Nun ist uns dieses Verfahren mit den Professuren ehrenhalber oder "honoris causa", das ja eigentlich auf ein Nazi-Gesetz zurückgeht, hier in Stuttgart ja wohl vertraut.

Schließlich hat Herr Ministerpräsident Winfried Kretschmann solche Ehrenprofessur-Titel auch den S-21-Lautsprechern Wolfgang Schuster als dem ehemaligen Oberbürgermeister und Erwin Teufel als dem ehemaligen Ministerpräsidenten verliehen. Und die grüne baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, die vor Antritt Ihres Amtes einmal sagte, ein solcher Titel sei für die gesamte Forscherszene "geradezu beleidigend", hält bei diesem Thema längst die Klappe.

2 300 000 Euro entsprechen etwa 66 Kilogramm Gold … (Foto: Pixabay)

Sie, Herr Professor Grube, erhielten Ihren neuen akademischen Titel am 2. November 2017 in einer Feierstunde der besagten Hamburger Universität. Der Laudator war – Überraschung! – Hartmut Mehdorn, dessen Büroleiter bei Daimler-DASA Sie Anfang der 1990er Jahre waren. Und dessen Nachfolger Sie 2009 als Bahnchef wurden. Wobei Frau Merkel wiederum Sie als Nachfolger wählte, weil Mehdorn Sie zum eigenen Nachfolger vorgeschlagen hatte.

Der Titel Ihrer Ehrenprofessur-Antrittsrede an der Hamburger TU ist höchst bemerkenswert. Er lautet: "Mission – Mut – Moral. Treiber statt Getriebener". Sie sagten in Ihrer Rede, wir müssten die "Gesellschaft in der wir leben, aktiv gestalten". Und: "Dazu gehört auch, dass wir uns verpflichtet fühlen, jungen Menschen Orientierung, Halt und Werte zu vermitteln." Notwendig sei es (so sagten Sie bei dieser Gelegenheit und auch früher des Öfteren), immer "Offenheit, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit" zu praktizieren.

Die neue Adresse ist ein Sterne-Tempel in Shanghai

Nun haben Sie, Herr Grube, seit Ihrem Weggang bei der Deutschen Bahn AG eine Vielzahl neuer Aktivitäten entwickelt. So wollen Sie ab sofort mit Ihrer Gattin 60 Tage im Jahr in China leben. Und so wie hier einer zwischen Stuttgart und Esslingen pendelt, wollen Sie dann zwischen Shanghai und Hamburg pendeln. Weil doch Ihre Frau Poletto gerade in Shanghai ein Luxus-Sterne-Restaurant mit "15 bis 18 Köchen" eröffnet. Dazu sagten Sie, es sei ein "Wahnsinn, wie die Chinesen auf diese Mischung aus deutscher und italienischer Küche fliegen." Die offizielle Eröffnung soll am 20. April stattfinden. Eingeladen sind unter anderem Manager der Daimler-Niederlassung in China.

… einem Bugatti Chiron … (Foto: Matthew Lamb/Flickr, CC BY-SA 2.0)

Vor allem aber nahmen Sie nach Ihrem Weggang bei der Deutschen Bahn AG drei neue Jobs an. Sie sind erstens Aufsichtsratschef bei der Hamburger Hafen und Logistik AG, der HHLA. Sie sind zweitens Chairman der Investmentbank Lazard in Deutschland. Und Sie sind drittens Berater der Tunnelbaufirma Herrenknecht. Und da würde uns interessieren, wie es mit "Offenheit, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit" aussieht. Beziehungsweise, welche "Orientierung, Halt und Werte" Sie im Zusammenhang mit diesen neuen Jobs "jungen Menschen vermitteln" wollen.

Bezüglich ihres neuen Jobs beim Tunnelbauer aus dem Badischen heißt es, Sie würden Martin Herrenknecht als Firmen-Chef persönlich darin beraten, wie man "bei Gesprächen mit Spitzenpolitikern" auftritt. Genannt wurden die damalige Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD), der damalige und weiter amtierende Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und der EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU).

Nun ist der Tunnelbohrer Herrenknecht einer der Hauptprofiteure von Stuttgart 21. Sie, Herr Grube, haben als Bahnchef Dutzende Aufträge an diese Firma vergeben. Sie verfügen damit über ein enormes Insiderwissen. Sie haben alle Kenntnisse, wie die Deutsche Bahn AG tickt. Sie können die Aufträge identifizieren, die noch zu ergattern sind. Sie wissen, welche neuen Projekte in den Schubladen liegen. Wenn Sie nun, nach Ihrem Weggang bei der Bahn, für Herrenknecht beratend tätig werden, dann kann der Tunnelbau-Konzern von diesem Wissen Gebrauch machen. Was für Herrenknecht enorm profitabel sein kann.

Über Geld spricht der Honorarprofessor nicht

Als dazu seitens des "Spiegel" gefragt wurde, wie hoch Ihr Honorar bei diesem Job sei, lehnten Sie nicht nur eine Antwort ab. Sie drohten auch mit "rechtlichen Schritten". Soviel zum Thema "Offenheit, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit".

Sehr geehrter Herr Grube, ein gutes Jahr nach Ihrem Abgang bei der Deutschen Bahn AG führten Sie ein Gespräch mit einem Journalisten von der Tageszeitung "Die Welt". Sie hatten es da wohl ein bisschen eilig; Sie kamen gerade die Gangway herunter vom Flieger aus Shanghai. Jedenfalls informierten Sie in diesem Zusammenhang die "Welt"-Leserschaft erstaunlich offenherzig, dass Sie lange vor Ihrem Abgang bei der Bahn keinen Bock mehr auf Bahnchef hatten. In dem Artikel heißt es am 19. Februar 2018:

… oder 4600 500-Euro-Scheinen. Foto: Pixabay
… oder 4600 500-Euro-Scheinen. Foto: Pixabay

"Es war der 22. Juli 2016. Grube war damals mit Verkehrsminister Dobrindt auf Bahn-Rundreise, um den riesigen Rangierbahnhof Maschen südlich von Hamburg zu besichtigen. Der Tag war angenehm warm, die Stimmung gut. Bis Dobrindt den Journalisten erzählte, Gewinnmaximierung stehe bei der Bahn nicht mehr im Vordergrund. Wichtiger sei ein verlässlicher und stabiler Schienenverkehr. [...] Grube war stocksauer, zeigte das offen. Der DB-Vorstandschef wusste: Die Bahn AG ist nun nach Plan der Bundesregierung eine Bundesbahn 2.0, ein Staatsunternehmen, das sich von der Politik und von Beamten wieder sagen lassen soll, wo es langgeht." Sie hätten damals, so schlussfolgerte die "Welt", aufgehört "für den Job dort (beim Bahnkonzern) zu brennen".

Die 76 667 Euro pro Tag muss man auch erstmal kriegen

Wirklich aufschlussreich bei dem Vorgang ist: Für Sie als Bahnchef war es eine Horrorvorstellung, dass für die Bahn die Maxime "Zuverlässigkeit und stabiler Schienenverkehr" gelten sollte. Eine recht interessante Frage ist dann, Herr Grube, warum Sie am 30. Januar 2017 bei der entscheidenden Aufsichtsratssitzung darauf bestanden, eine Vertragsverlängerung für drei Jahre zu bekommen? Und warum Sie vom Gleisacker gingen, als man Ihnen nur eine Verlängerung für zwei Jahre angeboten hatte. Oder war das alles gar nicht so gemeint? War dies gar ein vorab einkalkulierter Abgang? Für Letzteres spricht auch die Art Ihres Abgangs.

Sie sind natürlich nicht einfach so aus der Aufsichtsratssitzung hinaus gerannt. Sie veranlassten vorher den Aufsichtsrat, eine "Auflösungsvereinbarung" zu beschließen. Diese wurde dann einstimmig angenommen. In der Folge entschied der Personalausschuss (oder der Präsidialausschuss) des Aufsichtsrats, erneut einstimmig, dass Ihnen für das Jahr 2017 nochmals 2,3 Millionen Euro bezahlt werden.

In diesem Jahr 2017 waren Sie 30 Tage im Amt. Sie kassierten demnach 76 667 Euro pro Tag. Und ergänzend zu den 2,3 Millionen Euro dann noch die Vergütungen für die neuen Jobs bei der HHLA und bei Lazard. Und nicht zu vergessen: Die Vergütungen bei Herrenknecht.

Sehr geehrter Herr Professor honoris causa, Sie haben eine "Mission". Die hat zwar wenig mit "Mut und Moral" zu tun, und nichts mit Orientierung, Halt und Werten. Ihre Mission heißt Raffgier. Wie armselig.

 

Der Text ist eine gekürzte Fassung der Rede, die Winfried Wolf am 26. März auf der 410. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 auf dem Stuttgarter Schlossplatz gehalten hat.


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