Wohnungen der Baugenossenschaft Luginsland in Stuttgart-Untertürkheim. Foto: Joachim E. Röttgers

Wohnungen der Baugenossenschaft Luginsland in Stuttgart-Untertürkheim. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 365
Zeitgeschehen

Besser gemeinsam

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 28.03.2018
Die Idee ist gut. Doch sie schützt nicht vor Missbrauch. Als Friedrich Wilhelm Raiffeisen die Genossenschaften ins Leben rief, wollte er damit Armut und (Wohnungs-)Not mildern. Doch seit ihre Gemeinnützigkeit aufgehoben wurde, sind bei den Baugenossenschaften krasse Fehlentwicklungen zu beobachten.

Der Name Raiffeisen dürfte so ziemlich Jedem schon einmal begegnet sein. Zum 200. Geburtstag des Namenspatrons hunderter von Banken, Genossenschaften und Verbände mangelt es nicht an verklärenden Darstellungen zum Leben und Wirken Friedrich Wilhelm Raiffeisens. Der "Weltverbesserer aus dem Westerwald" – so der Titel einer SWR-Fernsehdokumentation – gilt mit Hermann Schulze-Delitzsch als Begründer des Genossenschaftsgedankens, der vor zwei Jahren zum immateriellen Weltkulturerbe der Menschheit geadelt wurde.

Sein Geburtshaus in Hamm an der Sieg ist als Deutsches Raiffeisen-Museum eine Pilgerstätte für Menschen aus aller Welt. Sein Vater, aus der Gegend von Schwäbisch Hall stammend, hatte dort in eine Schultheißenfamilie eingeheiratet. Seine Erziehung bestimmte der Pfarrer Georg Wilhelm Heinrich Seippel. Raiffeisens Biograf Michael Klein, selbst Pfarrer, nennt ihn einen "Bankier der Barmherzigkeit". Eine ältere Vita ist überschrieben: "Ein Mann bezwingt die Not".

Friedrich Wilhelm Raiffeisen (um 1870). Künstler unbekant
Friedrich Wilhelm Raiffeisen (um 1870). Unbekanter Künstler

Ein Mann? Eher eine Idee. Eine Genossenschaft ist der Definition nach ein Zusammenschluss von Personen, die ihre beschränkten Ressourcen zusammenlegen, um gemeinsam zu wirtschaften. Solche Vereinigungen im gegenseitigen Interesse gab es schon lange vor Raiffeisen, und zwar nicht allein in Europa. Das gesamte Handwerk war bis ins 19. Jahrhundert in Berufsvereinigungen organisiert, die auch als Solidargemeinschaften funktionierten. Erst nach Aufhebung des Zunftzwangs war es damit vorbei. Was die Genossenschaften eigentlich kennzeichnet, ist, dass sie innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems, das auf privatem Gewinnstreben beruht, ein anderes Modell realisieren. Als Hermann Schulze-Delitzsch 1849 im Haus eines Schuhmachers in seiner Heimatstadt Delitzsch eine erste gewerbliche Genossenschaft gründete, stellte er nur wieder her, was dort 1910 mit der Einführung der Gewerbefreiheit verloren gegangen war.

Kampf gegen Wucherzinsen

1846/47 war es infolge von Vulkanausbrüchen in Südostasien überall zu Missernten gekommen. Schulze-Delitzsch engagierte sich in einem Hilfskomitee und zog als linksliberaler Abgeordneter in die Preußische Nationalversammlung ein. Aus demselben Grund rief damals auch Raiffeisen, nacheinander Bürgermeister mehrerer kleiner Gemeinden, Hilfsvereine ins Leben, indem er die besser gestellten Bürger dazu aufrief, den ärmeren zu günstigen Konditionen Kredite zu gewähren. Denn die ländliche Bevölkerung des Westerwalds litt auch am Kreditwucher. Einer der zu diesem Zweck gegründeten Vereine, der Heddesdorfer Darlehenskassenverein, gilt als erste moderne Genossenschaftsbank.

Schulze-Delitzsch und Raiffeisen waren nicht allein. In Eilenburg nahe Delitzsch gründete der ebenfalls linksliberale Arzt Anton Bernhardi einen Krankenunterstützungsverein, eine Kreditgenossenschaft und eine kurzlebige erste Konsumgenossenschaft. Als eigentlicher Begründer der Konsumgenossenschaften in Deutschland gilt jedoch der jüdische Bankier Eduard Pfeiffer aus Stuttgart. 1863 gründete er den Consum- und Ersparnisverein, der mit seinen verschiedenen Einrichtungen von der Teigwarenfabrik bis zur Kaffeerösterei in den 1920er-Jahren die halbe Stadt versorgte. In der 1932 erbauten Großbäckerei des Vereins in der Friedhofstraße befindet sich heute eine Moschee. 1866 rief Pfeiffer den Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen ins Leben, der von 1891 an die ersten Arbeitersiedlungen der Stadt errichtete. In Berlin hatte der konservative Reformer Victor Aimé Huber, der auf seinen weiten Reisen das Elend der Arbeiter von Manchester kennengelernt hatte, bereits ab 1849 im Stadtteil Prenzlauer Berg eine Genossenschaftssiedlung erbaut.

Gedenkstein am Eduard-Pfeiffer-Platz. Foto: Joachim E. Röttgers
Eduard-Pfeiffer-Platz im Stuttgarter Osten. Foto: Joachim E. Röttgers

Konservative, linksliberale, christliche und jüdische Reformer standen am Beginn des modernen Genossenschaftswesens, das sich, auch von England ausgehend, immer weiter ausbreitete. Grundlage des Genossenschaftsrechts ist bis heute das von Schulze-Delitzsch ausgearbeitete Gesetz, das in Preußen 1868 in Kraft trat. Eine Genossenschaft ist ein Zusammenschluss von Personen, die gemeinsam wirtschaftliche Aktivitäten betreiben. Sie verfolgt bestimmte, in einer Satzung festgehaltene Ziele und muss sich einer jährlichen Prüfung durch einen Genossenschaftsverband unterziehen. Die Mitglieder sind Anteilseigner und stimmberechtigte Mitglieder, je nachdem aber zugleich Nutzer, Lieferant oder Mieter.

Aus den Kreditvereinen gingen die Genossenschaftsbanken hervor, aus Raiffeisens Bemühungen, die Not der Landbevölkerung zu lindern, die landwirtschaftlichen Genossenschaften. Schulze-Delitzschs Schuster- und Tischlerassoziationen, die den Handwerkern ermöglichten, durch gemeinsamen Einkauf und Vertrieb mit der Industrie Schritt zu halten, wurden zum Vorbild für die gewerblichen Genossenschaften. Aus einer von Pfeiffer einberufenen Versammlung ging der Verband deutscher Consumvereine hervor.

Von der Wohltätigkeit zur Arbeiterselbsthilfe

Waren die Wohnungsbaugenossenschaften anfangs von wohltätigen Bürgern ins Leben gerufen worden, so griffen Arbeiter später zunehmend zur Selbsthilfe. Als Daimler-Arbeiter 1911 die Baugenossenschaft Luginsland gründeten, stießen sie allerdings auf große Schwierigkeiten, bezahlbares Bauland zu finden und blieben auf finanzielle Unterstützung des Unternehmens angewiesen. 1918 gab es in Deutschland 1800 Wohnbaugenossenschaften. Innerhalb von zehn Jahren stieg die Zahl auf 4000.

Die krisengeschüttelte Weimarer Republik war die große Stunde der Genossenschaften. Die Konsumgenossenschaften schlossen sich gegen die Attacken des Einzelhandels zu Verbänden zusammen und wurden immer stärker. Dies war den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge, die sie "bis aufs Messer" bekämpften, wie der nationalsozialistische Wirtschaftsminister Thüringens, Willy Marschler, bereits 1932 verkündete. Bis zum Kriegsende hatten die Nazis ihr Werk vollbracht: Die Konsumgenossenschaften waren zerschlagen – und gründeten sich neu.

Zunehmend unter dem einheitlichen Markennamen Konsum betrieben sie 1960 mehr als 9600 "Verteilungsstellen". Was Repression nicht geschafft hatte, kam mit dem Wohlstand: Die Mitgliederzahlen gingen zurück und damit das Kapital. 1969 zu Coop umfirmiert, wandelten sie sich in Aktiengesellschaften um, die jedoch gegen die Konkurrenz nicht mehr ankamen. Doch auch Rewe und Edeka, die heute größten Lebensmittelhändler, sind aus Genossenschaften hervorgegangen. Edeka, 1898 in Berlin gegründet, schrieb sich anfangs E.d.K. – Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler. Rewe hat 1927 in Köln und nach dem Zweiten Weltkrieg erneut ganz klein angefangen. Die Genossen sind in beiden Fällen die selbständigen Betreiber der Lebensmittelmärkte.

Kunst vor der Stuttgarter Sparda-Bank. Foto Joachim E. Röttgers
Kunst vor der Stuttgarter Sparda-Bank. Foto Joachim E. Röttgers

Die Genossenschaften sind ein Erfolgsmodell. Tausende gibt es allein in Deutschland, ein Vielfaches weltweit. Die Genossenschaftsbanken etwa leisten einen wichtigen Beitrag zur Versorgung der Privatkunden in der Fläche. Dazu gehören neben den Volks- und Raiffeisenbanken auch die Sparda-Banken. Sie sind hervorgegangen aus einem Spar- und Kreditverein für Bahnbeamte in Karlsruhe, ähnlich wie die PSD-Banken für Postbeamte. Aus der Finanzkrise 2008 sind die Genossenschaftsbanken besser hervorgegangen als andere Kreditinstitute. Doch der Erfolg hat auch Schattenseiten. Wie andere Banken investieren sie ihr Geld in der Regel nach dem Prinzip der größtmöglichen Rendite. So baut etwa die RVI, die Immobiliengesellschaft der Raiffeisen- und Volksbanken Saarbrückens, derzeit im größten Baugebiet Esslingens, der Weststadt, fast ausschließlich teure Kleinwohnungen: lukrativ für die Anleger, weniger gut für die Mieter.

Ökobank: kein Geld in Rüstung

"Kein Geld in die Rüstung, kein Geld in die Atomenergie, kein Geld in die Apartheid": Dies waren die Grundsätze der Ökobank bei ihrer Gründung vor 30 Jahren. Sie arbeitete als erste Universalbank nach ethischen Grundsätzen, wurde aber von den anderen Banken, auch den Volks- und Raiffeisenbanken, geschnitten. 2003 musste sie kapitulieren und wurde von der GLS-Bank übernommen, einer ebenfalls genossenschaftlich organisierten, sozial und ökologisch orientierten Bank, die bereits 1974 in Bochum von Anthroposophen gegründet worden war. Ihre zweite Niederlassung eröffnete sie 1982 in Stuttgart, aber erst seit der Übernahme der Ökobank bietet sie auch Girokonten an.

Bei den Baugenossenschaften sind, seit 1990 die Gemeinnützigkeit aufgehoben wurde, manchmal krasse Fehlentwicklungen zu bemerken – weshalb Politiker wie Jan Kuhnert und Andrej Holm eine neue Gemeinnützigkeit fordern. Über die inzwischen abgerissenen Botnanger Häuser des Bau- und Wohnungvereins (BWV), des früheren Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen, oder die Vorhaben der Flüwo in Degerloch und der Baugenossenschaft Zuffenhausen, an ihren Stammsitzen gut erhaltene Häuser abzureißen, um höhere Renditen zu erzielen, hat Kontext wiederholt berichtet. Manche Vorstände gliedern Teilbereiche in eigenständige Gesellschaften aus, um sie der Kontrolle der Mitglieder zu entziehen. Die Bezirksbaugenossenschaft Altwürttemberg in Kornwestheim hat vor einigen Jahren gezeigt, wie sich darauf antworten lässt: Sie setzte ihre Vorstände ab und verklagte sie auf Schadenersatz.

Auch heute gründen sich ständig neue Genossenschaften. Der Erfolg der erneuerbaren Energien ist ohne sie überhaupt nicht zu denken. Aber Genossenschaften gründen sich auch aus anderen Gründen: etwa um Flüchtlingen menschenwürdigen Wohnraum anzubieten, einen Bahnhof zu übernehmen oder einen Dorfladen zu betreiben. Die Genossenschaft ist ein Erfolgsmodell. Aber die Rechtsform Genossenschaft bietet weder eine Garantie gegen Fehlentwicklungen, noch ist sie das einzig mögliche Modell. Die hohen formalen Anforderungen und die Kosten für die jährliche Prüfung können für manche Gründer ein Hindernis sein, sagt der Stuttgarter Anwalt Bernhard Ludwig. Je nach Ausgangslage tut es auch ein Verein.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!