KONTEXT:Wochenzeitung
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Arschkracher zum Abheben

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Kontext hilft ja, wo's geht. Wenn die "Stuttgarter Zeitung" meint, sie müsste eines ihrer wenigen Aushängeschilder abhängen, dann hängen wir's wieder auf: Ruprecht Skasa-Weiß. Der Sprachkünstler des Feuilletons und Erfinder wunderbarer Weihnachtsrätsel ist jetzt in Kontext zu lesen, weil ihn der Chefredakteur nicht mehr haben will. Zu viele Gedanken stören, lange Texte sind von gestern, und wenn einer Freude am Formulieren hat, dann lenkt das alles vom Wesentlichen ab. Vom schnellen Klick. So werden aus kniffligen Weihnachtsrätseln dann schnell hin gezimmerte Kinderrätsel, in deren Fragen bereits die Antworten stecken.

Manchmal würde man schon gerne wissen, was in solchen Köpfen vor sich geht. Ob's die pure Angst ist vor dem Untergang, der nur auf dem Boulevard aufzuhalten ist? Oder die Hoffnung, im Seichten nicht ertrinken zu können? Sicher scheint nur, dass das Alte abgeschüttelt werden muss, wie Staub auf dem grauen Anzug. Digital first, Masse statt Klasse, Lalülalü rund um die Uhr, bloß keine Pause. Ja, das Alte ist Skasa-Weiß. Aber ist es deswegen schlecht fürs Neue?

Wie jedes Jahr, so schrieb ein enttäuschter Vater an die Leserbriefredaktion der StZ, habe auch die Generation der Kinder (Digital Natives) auf die Skasa-Geschichten gewartet, um "nach einiger Anstrengung das Lösungswort zu ermitteln". Es könnte also sein, dass nicht nur das angestammte Publikum im Durchschnittsalter von 62 Jahren liest und zahlt, sondern auch die Jungen lesen und später zahlen. Sogar Texte, die Trump-Längen übersteigen. Ganz nebenbei: Dass dabei ein Autor abserviert wird, der die Zeitung über Jahrzehnte geschmückt und sich eine große Fangemeinde erschrieben hat, bleibt solchen Chef-Zipfeln vorbehalten, die das Herzeigen ihrer Konterfeis in der Zeitung für Journalismus halten.

Eigentlich ist es doch ganz einfach, was eine Zeitung leisten soll. Informieren, klar, orientieren auch, aber vielleicht auch zusammenhalten. Auch dazu gibt es einen Brief an die StZ-Chefredaktion, in dem Dr. Wolfgang R. schreibt, seine Familie habe wie jedes Jahr "voller Vorfreude" auf das große Rätsel gewartet. Es sei ein "Bestandteil der weihnachtlichen Tradition", wobei sie ihre Freude nicht nur aus dem Knobeln ziehen würde, sondern auch aus der Sprachgewalt des Herrn Skasa-Weiß.

Jetzt hoffen wir einfach, dass die Freude am Rätseln auch an Ostern einkehren möge. Und wenn Sie dabei ganz viel Glück haben, dürfen Sie mit dem Rätselmeister ins Stuttgarter Sternerestaurant Wielandshöhe. Dort wartet Patron Vincent Klink, um Sie zu bewirten. Skasa-Weiß sei für ihn verehrungswürdig, sagt der Häuptling am Herd, und Grund genug, "nicht nur ein Fürzchen" zu spendieren, sondern einen "Arschkracher zum gemeinsamen Abheben".


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2 Kommentare verfügbar

  • Peter Hermann
    am 28.03.2018
    Antworten
    ... solche Chefzipfel, die das Herzeigen ihres Konterfeis für Journalismus halten...
    Eine treffendere Analyse der deutschen Presselandschaft hab ich schon lang nicht mehr gelesen. Hat mir den ganzen Tag verschönt.
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