Der Krempel muss weg, die alte Brauerei soll bald in neuem Glanz erstrahlen. Foto: Rudi Schönfeld

Der Krempel muss weg, die alte Brauerei soll bald in neuem Glanz erstrahlen. Foto: Rudi Schönfeld

Ausgabe 328
Wirtschaft

Genossen genießen

Von Rudi Schönfeld
Datum: 12.07.2017
Zuerst war der Bahnhof, jetzt kommt eine ehemalige Brauerei – im oberschwäbischen Leutkirch wird altes Gemäuer nicht abgerissen, sondern saniert. Und wieder soll es über eine Genossenschaft gelingen.

Einst Brauerei, dann Käselager, später Bettenfabrik und zuletzt Bibliothek eines leidenschaftlichen Büchersammlers. Das Backsteingebäude von 1890, mitten im Dorfkern des Leutkircher Ortsteils Urlau gelegen, wurde über die Jahre höchst unterschiedlich genutzt. Doch seit geraumer Zeit steht es leer. Jetzt soll neues Leben einziehen, mit einer Allgäuer Genussmanufaktur. Das dafür notwendige Kapital soll eine Genossenschaft aufbringen, die möglichst viele TeilhaberInnen haben soll.

Christian Skrodzki (50), Geschäftsführer einer Werbeagentur in Leutkirch und Immobilienunternehmer, weiß, wie man über die Rechtsform der Genossenschaft Geld sammelt und marode historische Gebäude in Schmuckstücke mit wirtschaftlichem Nutzwert verwandelt. Als er vor Jahren mit der Idee an die Öffentlichkeit ging, den denkmalgeschützten, aber verfallenden Leutkircher Bahnhof aufzumöbeln und aus ihm einen Bürgerbahnhof zu machen, war er noch als Spinner verlacht worden. Doch nachdem innerhalb weniger Monate mehr als 650 BürgerInnen Anteile für über 1,1 Millionen Euro gezeichnet hatten und das ehrgeizige Projekt aufs Gleis gesetzt werden konnte, war der Spott in hohen Respekt umgeschlagen. Der Leutkircher Bürgerbahnhof ist seit seiner Einweihung im Jahr 2012 vielfach ausgezeichnet worden; das Modell hat bundesweit Nachahmer gefunden und die Genossinnen und Genossen durften sich zum Beispiel 2015 über eine Dividende von drei Prozent freuen.

Genossenschaftsinitiator Christian Skrodzki. Foto: privat
Genossenschaftsinitiator Christian Skrodzki. Foto: privat

Den sogenannten Wutbürgern, die seinerzeit gegen Stuttgart 21 demonstrierten, setzte Skrodzki den Begriff der Leutkircher Mutbürger entgegen. Und Mut macht ihm für das Gelingen eines zweiten Projekts nach dem Genossenschaftsmodell auch die neue Erfahrung, dass sich, kaum war die Idee von der Genussmanufaktur in der Welt, zahlreiche Interessenten meldeten und Anteile zeichnen wollten. Nach gut drei Monaten liegt die Zahl der potenziellen neuen GenossInnen schon bei 455, Anteile im Wert von mehr als 800 000 Euro haben sie schon reserviert.

Je nachdem, wie das alte Gemäuer ausgestattet werden soll, rechnet Skrodzki mit einer Investitionssumme zwischen 900 000 und 1,3 Millionen Euro, die von der Genossenschaft aufgebracht werden müsste, um mit dem Umbau starten zu können. Leutkirch als Mitmachstadt. Dieser neue Begriff, meint der Initiator, sei durchaus angebracht, auch wenn – wie schon beim Bahnhof – nicht nur Leutkircher mitmachen, sondern die Anteilzeichner aus dem näheren und weiteren Umkreis, ja sogar aus Hamburg, Berlin und aus Australien kommen.

In der rund 700 Einwohner zählenden Ortschaft Urlau gibt es schon lange keine Einkaufsmöglichkeit mehr. Lange Zeit war auch der "Hirsch", ein Gasthof, der etwa so alt ist wie das Brauereigebäude, geschlossen. Skrodzki hat ihn vor einigen Jahren restauriert und mit einem Kompagnon zu einem florierenden Hotel-Restaurant gemacht. Wenn nun die Genussmanufaktur eingerichtet würde, hätten die Urlauer auch wieder einen Dorfladen. Und den Touristen, die sich vom Ende des nächsten Jahres an im neu entstehenden Ferienpark Allgäu aufhalten werden, würde eine zusätzliche Attraktion geboten. Center Parcs, ein Tochterunternehmen des französisch-niederländischen Spezialisten für Familientourismus Pierre & Vacances, investiert derzeit in einem 184 Hektar großen Waldgebiet nahe Urlau rund 350 Millionen Euro für ein komplettes Feriendorf mit 1000 Häusern und tropischem Erlebnisbad, Restaurants, Einkaufszentrum und diversen Unterhaltungsmöglichkeiten.

Werke von Otl Aicher wären auch zu besichtigen

Skrodzki schwebt im Untergeschoss der Einbau einer kleinen Brauerei vor, ergänzt durch Brennerei, Bäckerei und Dorfladen. Darin sollen nur regionale Produkte angeboten werden. Darüber und unterm Dach könnten Kunsthandwerker einziehen, etwa ein Goldschmied, ein Korbmacher, ein Ofenbauer oder ein Seifensieder. Einen Schatz der besonderen Art stellen die rund 40 000 Bücher aus fast allen Gebieten der Literatur dar, die der verstorbene letzte Mieter in der alten Brauerei, der ehemalige Reporter der längst verblichenen Illustrierten "Quick", Bernhard Wette, über die Jahre zusammengetragen hat. Diese Bibliothek soll in irgendeiner Form erhalten bleiben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, verspricht Skrodzki. Zumal sich unter den Beständen auch zahlreiche Werke und Entwürfe aus dem Nachlass des berühmten Designers Otl Aicher und seiner Frau Inge Aicher-Scholl befinden, die unweit von Urlau lebten.

Und was haben die GenossInnen davon? Dass es den meisten von ihnen nicht um die Rendite geht, habe sich bereits beim Bürgerbahnhof gezeigt, sagt Skrodzki. Es sei ihnen vielmehr daran gelegen, ein Stück Heimat zu erhalten und wiederzubeleben. Vielen sei es auch wichtig gewesen, gemeinsam mit anderen BürgerInnen etwas für die Öffentlichkeit vor Ort zu bewegen. Eben mitzumachen.


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