Freunde der Gemeinschaftsschulen protestieren bei den grün-schwarzen Koalitionsverhandlungen 2017 gegen Gesetzesänderungen. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 365
Debatte

Geduldsfaden gerissen

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 28.03.2018
Ausgerechnet rund um die Märztage, an denen Eltern ihre Kinder landesweit in Gemeinschaftsschulen (GMS) anmelden konnten, machen neue Negativmeldungen die Runde. GegnerInnen der ersten Stunde versuchen das Totenglöcklein zu läuten. Jetzt hält sogar die Kultusministerin dagegen.

"Auf dem Rücken von Eltern und Schülern werden in Baden-Württemberg seit Jahren Glaubenskämpfe in der Bildungspolitik ausgetragen", schreiben die "Stuttgarter Nachrichten". Wie wahr. Die Frage ist nur, in welchem Lager die Fundis sitzen.

Vergeben und vergessen ist jedenfalls, wie viel Geld CDU und FDP in ihren Regierungsjahren versenkt haben mit ihrem krampfhaften Festhalten am dreigliedrigen System. Allein für die sogenannten "Pädagogische Assistenten", mit denen Hauptschulen aufgewertet werden sollten, machte Günther Oettinger (CDU) in der Vergangenheit 26 Millionen Euro locker.

Das war 2007. Schon damals wiesen zahlreiche Studien aus, wie ein längeres gemeinsames Lernen schwächere Kinder stärkt - und ebenfalls die stärkeren. Ein paar Jahre später bescheinigten diverse Studien dem Musterland Baden-Württemberg, dass nirgendwo sonst in der Republik SchülerInnen aus sozial schwachen Familien so geringe Chancen auf einen Aufstieg durch Bildung haben. Stattdessen werden die Reformwilligen bekämpft. Von einem "Feldzug" spricht der frühere Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Und er hat recht.

Kurz vor dem Anmeldetermin verbreiteten Kritiker Behauptungen, Gemeinschaftsschulen würden per se bevorzugt oder gar mit falschen Zahlen gepäppelt. Und in der Tat: GMS-Lehrkräfte haben mit 20 sogenannten Poolstunden die meiste Zeit, Kinder gezielt und individuell zu fördern. Mit genau diesem Konzept ist die neue Schulart aber angetreten. Viele KritikerInnen argumentieren also an der Sache vorbei und unterschlagen zudem, dass die Realschulen bis 2020 aufschließen werden beim Thema Poolstunden.

Auch der Kostenvergleich spricht Bände. Die Werkrealschulen, in die CDU und FDP all ihre Hoffnung setzten, als Eltern ihre Kinder nicht mehr auf Hauptschulen schicken wollten, haben Pro-Kopf-Kosten von 6542 Euro. Gefolgt von Gymnasien mit 6382 Euro. Gleichauf liegen die Gemeinschaftsschulen mit 6373 Euro. Am günstigsten schneiden die Realschulen ab mit nur 4692 Euro. Dieser Betrag wird aber steigen, Stichwort steigende Zahl an Poolstunden.

Zahlen, Daten und Fakten sind das Eine. Das andere ist, das sich mittlerweile sogar CDU-Bildungsministerin Susanne Eisenmann ein in ihrer Partei völlig unübliches Wohlwollen gegenüber der GMS erkennen lässt. In einer Antwort auf eine kleine Anfrage der SPD schrieb sie jüngst: "Leistungsorientiert" sei die neue GMS und trage zugleich mit "ihrer spezifischen Pädagogik in besonderen Maße den unterschiedlichen Begabungen von Kinder und Jugendlichen Rechnung". Hört, Hört. Wenn sich diese Erkenntnisse nur mal großflächig durchsetzen würden in Stadt und Land, bei Konservativen und Liberalen. Stattdessen prägen Abgesänge die öffentliche Meinung.

"Wir sorgen uns sehr um die Schulen", erklärte Norbert Brugger, Bildungsdezernent beim Städtetag, dieser Tage. "Einigen Gemeinschaftsschulen im Land droht offenbar bereits wieder die Schließung", orakeln die "Stuttgarter Nachrichten" über "viele Standorte, insbesondere im ländlichen Raum", an denen es "stottert und stockt". Dabei geht es landesweit nur um die Restrukturierung einer einzigen Schule: in Neckarsulm werden zwei Standorte zusammengelegt, das GMS-Angebot bleibt aber erhalten.

Nach diesen Meldungen ist Ulrike Felger der Geduldsfaden gerissen. "Obwohl es um nicht weniger als die Zukunft von Kindern und Land geht, verkommt das Geschehen zunehmend zur Schmierenkomödie", schreibt die promovierte Wirtschaftsjournalistin und Sprecherin des Elternnetzwerks im "Verein für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg e. V" in einem Offenen Brief. "Angefeuert von angeblich unterirdischem Abschneiden in nationalen und internationalen Vergleichstests scheint jedes Mittel recht, die Welt im Südwesten wieder in ihre gewohnten Bahnen zu lenken", schreibt sie. Und weiter: "Die Hysterie um das vermeintlich miserable Abschneiden unserer Landeskinder ebenso wie der Abgesang auf moderne bildungswissenschaftlich gestützte Lehr- und Lernmethoden werden geschürt von Medien, die zwar dem Volk aufs Maul schauen, das Gespräch mit den am Schulgeschehen Beteiligten allerdings viel zu selten suchen."

Letzteres räumen verschämt sogar KritikerInnen ein. Wenn die ihre Schwellenangst ablegen und doch mal einen Besuch wagen, greift eine seltsame Form der Begeisterung um sich. Nicht einmal konservative Bildungsfachleute sind vor ihr gefeit. Vor Ort, im Angesicht der Stimmung unter den Kindern, den zufriedenen Kollegien und ElternvertreterInnen, ist die Anerkennung groß. Das deckt sich auch mit den Erfahrungen und Eindrücken, die selbst CDU-Fachleute seit vielen Jahren bei Besuchen an Gemeinschaftsschulen in Skandinavien, Frankreich oder Italien gesammelt haben. Wieder daheim sind dann alle Erkenntnisse Schall und Rauch.

Ein Umdenken lässt sich seit Jahren durch nichts und niemanden befördern. Das ist wirklich bemerkenswert. Im Gegenteil wurde die Gemeinschaftsschule von FDP und CDU schon von Beginn an diffamiert. Dabei macht nicht nur Schleswig-Holstein, sondern sogar Sachsen vor, wie's gehen kann, wenn Scheuklappen fallen. Der Freistaat, nicht eben bekannt als gesellschaftspolitischer Innovationsmotor, hat sich beizeiten zur Strukturreform entschieden und schneidet bei Studien und Umfragen mittlerweile äußerst vorteilhaft ab: 68 Prozent der Eltern sind zufrieden mit Gemeinschaftsschulen, Oberschulen und Gymnasien unter einem Dach.


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2 Kommentare verfügbar

  • Leo Löwe
    am 31.03.2018
    Die "konservative" Bildungslandschaft ist durch die Einführung von Gemeinschaftschulen und durch vermehrte Ganztagesangebote im Ländle endlich in Bewegung geraten ...
  • W. Buck
    am 28.03.2018
    Ein dreigliedriges Schulsystem, welches Kapazitäten wie G. Öttinger, S. Mappus oder T. Gönner hervorgebracht hat, kann doch nicht schlecht sein. Oder?

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