Wichtige Weichenstellungen hat die Deutschen Bahn in den vergangenen Jahren verpatzt. Fotos: Joachim E. Röttgers

Wichtige Weichenstellungen hat die Deutschen Bahn in den vergangenen Jahren verpatzt. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 364
Wirtschaft

Ab durch die Drehtür

Von Winfried Wolf
Datum: 21.03.2018
Bei der Deutschen Bahn läuft die Drehtür wie geschmiert. Der eine kommt, der andere geht. Ob der Bahnchef Mehdorn, Grube oder Lutz heißt, ist dabei nicht so wichtig. Hauptsache, es sind keine gelernten Eisenbahner. Pünktlich zur DB-Bilanz kommt Kontext mit einer Zusammenfassung des Alternativen Geschäftsberichts.

Einen solchen personellen Kahlschlag gab es in der 24-jährigen Geschichte der Deutschen Bahn AG noch nie. Infrastrukturvorstand Volker Kefer ist weg, Vorstandschef Rüdiger Grube fort, Aufsichtsratschef Utz-Helmuth Felcht hört auf – alles innerhalb von 15 Monaten. Besonders bemerkenswert ist der Abgang von Grube, nicht nur wegen der Abfindung von 2,3 Millionen Euro.

Im Januar 2017 hatte er die Brocken hingeworfen, bereits im Februar war seine neue Firma, die "Rüdiger Grube International Business Leadership GmbH", im Handelsregister Hamburg eingetragen. Im März 2017 wurde bekanntgegeben, dass Grube ab dem 21. Juni 2017 den Aufsichtsratsvorsitz der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) übernimmt, was dann auch so erfolgte. Im Juli schließlich wurde publik, dass Grube als "Chairman" für das deutsche Investmentbanking der Vermögensverwaltungs- und Finanzberatungsgesellschaft Lazard gewonnen wurde.

Beides passt in die Drehtür, die bei der Deutschen Bahn besonders gut funktioniert. Die DB AG stand und steht in engen geschäftlichen Beziehungen zur HHLA, die mit ihrem Tochterunternehmen "Metrans" zu den größten Bahn-Logistikern zählt. Die HHLA-Vorstandsvorsitzende Angela Titzrath äußerte jüngst: "Wir sehen einen intensiveren Austausch von Waren auch innerhalb von Europa, deswegen rechnen wir hier mit mehr Wachstum. Die Bahnlinien sind Lebensadern, die auch Hamburg mit Europa verbinden. Im Dezember werden wir erstmals innerhalb eines Jahres eine Million Containereinheiten auf der Schiene bewegt haben." Managerin Titzrath war von 1991 bis 2012 in verschiedenen Top-Positionen im Daimler-Konzern beschäftigt – also auch in den Jahren, als Grube dort war.

Immer wieder fällt der Name Daimler

Grubes Engagement bei der Investmentbank Lazard fällt auch nicht vom Himmel. In seiner Zeit als Bahnchef hat er mit dem US-Vermögensverwalter gerne Geschäfte gemacht, was die "Süddeutsche Zeitung" zu einem klaren Urteil kommen ließ: "Der Kontakt zwischen Lazard und Grube kam nicht über die Politik, man kennt sich aus Grubes Zeit bei Daimler. Unter den Investmentbankern, von denen sich Daimler (bei der von Grube orchestrierten Übernahme von Chrysler und Mitsubishi – d. Red.) beraten ließ, waren auch zwei Banker, die heute für Lazard arbeiten. Später, als Grube als Bahnchef eine Teilprivatisierung der Töchter Schenker und Arriva prüfen ließ, bekam Lazard den Auftrag. Dem bisschen Geschmäckle wirkt Grube mit dem Hinweis entgegen, dass er weder mit Handel noch mit Hedgefonds zu tun habe. Finanziell gut entschädigt wird er in diesem Job allemal."

Daimler mischt mit.
Daimler mischt mit.

Und weiter mit der Drehtür. Im November 2017 gab die Deutsche Bahn AG bekannt, dass künftig Alexander Doll im Vorstand der Holding "die Geschäftsfelder DB Cargo und DB Schenker verantwortet". Doll war zwischen 2001 und 2009 in führenden Positionen bei der Schweizer Bank UBS tätig. In dieser Zeit fädelte er den Aufkauf des US-Logistikers Bax Global durch die Deutsche Bahn AG ein. Dies war der erste große Einstieg der DB AG im Ausland, der unter dem damaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn erfolgte. Er erwies sich wenige Jahre später als kompletter Fehlschlag. Bax Global wurde zerschlagen, große Teile mussten mit Verlust wieder verkauft werden. Ebenfalls dabei war er beim geplanten Börsengang, aus dem bekanntermaßen nichts wurde.

Im Frühjahr 2009 wechselte Alexander Doll zur Investmentbank Lazard, wo er als "Managing Director of Financial Advisory Business Germany" firmierte. In dieser Funktion organisierte er 2010, also in der Zeit von Grube, den bislang größten Auslandseinkauf der Deutschen Bahn AG: die Übernahme des britischen Bus- und Schienenverkehrsbetreibers Arriva.

Ein Investmentbanker ist Oberlogistiker

Will sagen: Der neue Logistik-Vorstand der Deutschen Bahn AG ist ein Manager, der auf der Seite der Investmentbanker für die Bahnchefs Mehdorn und Grube das Expansionsgeschäft im Ausland organisierte. Diese Global-Player-Strategie ist weitgehend gescheitert, so wie die Daimler-Expansionsstrategie in den Jahren 1998 bis 2005 gescheitert ist, die damals von dem Duo Jürgen Schrempp und Rüdiger Grube orchestriert wurde.

Der neue Grube heißt seit Januar 2017 Richard Lutz. Er ist DB-Vorstands- und Finanzchef in Personalunion und voll des Lobes über seinen neuen Oberlogistiker Doll: "Die aktuellen Trends und Herausforderungen in der Transport- und Logistikindustrie sind ihm bestens vertraut."

Das mag ja stimmen. Und dennoch ist zu fragen, was Doll motiviert hat, zur DB AG zu wechseln. Der 47-Jährige gilt als einer der bekanntesten Investmentbanker Deutschlands, und vertritt aktuell die Großbank Barclays in Deutschland. Der Wechsel zur Popel-Bahn ist wohl mit deutlichen Einkommenseinbußen verbunden. "Doll gilt als Dealmaker", schreibt das Magazin "Finance", und mit "Deals" dürften bei der Bahn in erster Linie neue Versuche einer versteckten Privatisierung gemeint sein – oder die Ausgliederung beispielsweise des Schienengüterverkehrs und der Logistik, also der Güterverkehrs- und Logistiksparten, die Doll demnächst im Vorstand der DB AG zu verantworten hat.

Verblüffend ehrliche Werbung am Stuttgarter Hauptbahnhof.
Netflix-Werbung am Stuttgarter Hauptbahnhof, durchaus treffend.

Man darf sich deshalb nicht täuschen lassen. Die Bahnprivatisierung ist nicht vom Tisch. Es war der damalige Finanzchef Richard Lutz, der am 5. Februar 2011 in der "Börsen-Zeitung" Klartext sprach: "Auf unseren Roadshows im Ausland findet das Schlechtreden der Bahn-Entwicklung nicht statt. Im September [2011] werden wir wieder vier Stationen (mit Roadshows – d. Red.) haben: In Tokio, in Peking, Hongkong und Singapur besuchen wir Staatsfonds und Pensionsfonds. Das machen wir seit 2002. Vor allem in Japan fragen uns die Anleger immer wieder, wann wir endlich an die Börse gehen."

Und nicht vergessen: Mitte 2015 startete Rüdiger Grube den dritten Versuch einer Teilprivatisierung. Als damaliger Verantwortlicher für die DB-Töchter Arriva und Schenker Logistics sollte Richard Lutz den Deal vorbereiten. Der amtierende Bahnboss saß also exakt auf dem Sessel, auf den er jetzt Alexander Doll gehievt hat.

Lutz ist kein wirklicher Eisenbahner

Lutz steht jetzt 14 Monate an der Spitze. Zunächst als Interimsvorsitzender und seit der Aufsichtsratssitzung vom 22. März 2017 als inthronisierter Bahnchef. Die vielfach kolportierte Aussage, nun sei mal ein "Eisenbahner" an der Bahnspitze, stimmt nur insoweit, als er seit 1994 bei dem Unternehmen ist – als Finanzer, als Controller, als Betriebswirtschaftler. Zurecht verweist die FAZ darauf: "Er war nie im Betrieb unterwegs, immer am Schreibtisch, angefangen hat er im Controlling."

Geehrt hat ihn, dass er die ernüchternde Jahresbilanz 2016 ein Jahr später nicht bei seinem Vorgänger abgeladen hat. Weniger überzeugend bei derselben Pressekonferenz war seine Freudsche Fehlleistung auf eine Journalistenfrage zu Stuttgart 21. Er sei "finster entschlossen" zu Ende zu bauen, ließ er wissen. Das größte Projekt der Deutschen Bahn AG wird nicht mit technischen Vorteilen begründet, es bleibt nur noch finstere Entschlossenheit.

Lutz stimmte auch einem typischen Versorgungsauftrag aus der Politik zu: Der langjährige Finanzstaatssekretär Werner Gatzer wurde am 1. Januar 2018 Chef von Station und Service, der Bahnhofstochter der DB AG. Zutreffend wird dies im "Manager Magazin" kommentiert: "Nachgewiesene Kenntnisse im modernen Immobilien- und Dienstleistungsmanagement? Keine. Gatzers neue Aufgabe – mit rund 500 000 Euro Jahressalär doppelt so hoch dotiert wie sein voriges Amt – verdankt er offenbar anderen Voraussetzungen: geleisteten Diensten für die Deutsche Bahn. Als Haushaltsexperte im Finanzministerium war er entscheidend daran beteiligt, der Bahn mehr Geld zuzuschanzen." Gatzer ging durch die Drehtür, als Jamaika drohte. Offensichtlich war dies vorschnell. Jetzt holt der neue Minister Scholz jenen Staatssekretär Gatzer zurück ins Finanzministerium – was die Funktion der Bahn als Versorgungsanstalt noch deutlicher und den Vorgang noch grotesker macht.

Im Übrigen sieht das "Manager Magazin" auch einen neuerlichen Wechsel an oberster Stelle. In Rede steht der Netzwerker Ronald Pofalla. Das Drehbuch dazu lese sich flüssig, berichtet die Zeitschrift: "Pofalla fällt weiter als Aktivposten auf, insbesondere bei seiner alten Chefin Merkel. (…) Das Skript hat nur eine Schwäche: Lutz besitzt einen Vertrag bis 2022 und zeigt bislang keine Amtsmüdigkeit. Dennoch: Bei der DB ist alles möglich."

Der Chef der Schweizer Bahn SBB, Andreas Meyer, wurde Ende 2017 gefragt, wo er den Unterschied zwischen der weitgehend optimal aufgestellten SBB und der DB sehe. Seine Antwort: "Gerade in den obersten Führungsetagen ist die Deutsche Bahn einem viel stärkeren politischen Einfluss ausgesetzt. Politische Diskussionen um die Besetzung von Vorstandsposten, wie es sie in Deutschland gibt, wären bei uns in der Schweiz unvorstellbar."


Der Text ist eine Zusammenfassung des Alternativen Geschäftsberichts der Deutschen Bahn AG. Verfasser sind Winfried Wolf und Bernhard Knierim für das Bündnis "Bahn für alle". Er wird zur Bilanzpressekonferenz der DB am 22. März in Berlin vorgestellt.

Zusammenfassung der Zusammenfassung des Alternativen Geschäftsberichts.
Zusammenfassung der Zusammenfassung.

Am Sonntag, den 25. März, ist Wolf, zusammen mit dem Daimler-Betriebsrat Michael Clauss und Martin Schwarz-Kocher vom IMU Institut, im Clara-Zetkin-Haus in Stuttgart-Sillenbuch. Ihr Thema ist die E-Mobilität. Zeit: 10 – 16 Uhr.


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