Ausgabe 446
Kolumne

Ça ira oder Revolution rückwärts

Von Peter Grohmann
Datum: 16.10.2019

Ah! Ça ira! Mensch, das waren noch Zeiten! Spartakus, du fehlst! Sklavenaufstände in Rom, in den Südstaaten, der Aufstand der Bauern im Stuttgarter Osten, die Glorreiche Revolution in England, Märzrevolution, Oktoberrevolution, Novemberrevolution, Konterrevolution – nur im Dezember war immer Weihnachten. Aber dazwischen der Arbeiteraufstand in der DDR, Volksaufstand der Ungarn, der Prager Frühling, die Nelkenrevolution, die Waschmittelrevolution in der Bundesrepublik, Solidarność – und jetzt das! Piss! Meine Omi Glimbzsch aus Zittau und ihre Vor-Vor-Vorfahren haben für Gerechtigkeit gekämpft, für Rederecht, Pressefreiheit, für Margarine aufs Bot! Sie haben Kinderarbeit verboten und den Achtstundentag durchgesetzt und dafür gesorgt, dass die Aristokraten nicht mehr an den Laternen hängen mussten. Licht für alle, selbst für Hartz-IV-Empfänger und die Wählerinnen von Olaf Scholz.

Pech gehabt. Die große europäische Koalition von heute pfeift auf die Errungenschaften der Moderne. Ja, sie bezweifelt, dass der menschliche Verstand der Maßstab aller Dinge ist. Die aufgeklärte Staatsbürgerin wird abgelöst durch den abgeklärten Wahlbürger, der freiwillig eine Rolle rückwärts macht. Wo seine Vorfahren in den frühen Fünfzigern die Grenzbäume niederrissen, beteiligt er sich heute an Spähtrupps und macht arme Schweine ausfindig, die illegal ins Wunderland wollen und am Hungertuch nagen. Statt Toleranz die Herrschaft der Orthodoxen, der kinderlieben Pfaffen wie in Polen, ultrarechts und antisemitisch. O Maria hilf! Statt Aufklärung eine glaubensfrohe Kirchenherrschaft mit eigener Regierung. Konkret hatte die PiS seit 2015 ihre absolute Mehrheit genutzt, um unter der Glücksklee-Botschaft "Guter Wandel" (dobra zmiana) Polen radikal umzukrempeln – die Justiz zuerst. Ob Polen oder Ungarn, England oder die Türkei: Wir schunkeln – und Europa wackelt.

Was Merkel oder Maas, die EU-Kommission oder der Europäische Gerichtshof sagen, ist eher nebensächlich: Die WählerInnen haben ja ihre Regierung demokratisch abgesegnet – sie kassieren Kindergeld, glauben wieder an Fegefeuer, Hölle, den Nationalstaat und dass die Juden an ziemlich allem Schuld sind. Mehr Polizeiautos vor Synagogen – das war's dann. Aber wen's tröstet: Die Vernunft ist die Grundlage aller Erkenntnisse und der Maßstab des menschlichen Handelns. Wir rufen den Sprinter zurück.


Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter. Alle Wettern-Videos gibt es hier zum Nachgucken.


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