Auch die Geschwister Kim (Park So-Dam, links, und Woo-sik Choi) haben WLAN. Filmausschnitte: Koch Film

Auch die Geschwister Kim (Park So-Dam, links, und Woo-sik Choi) haben WLAN. Fotos: Koch Film

Ausgabe 446
Kultur

Sauberer Klassenkampf

Von Rupert Koppold
Datum: 16.10.2019
In Bong Joon-hos virtuosem Film "Parasite" schleicht sich die arme Familie Kim in die Villa der reichen Familie Park ein. Das ist spannend, das ist komisch, das ist auch mal brutal. Und aufklärerisch ist es außerdem – gerade so als hätte Brecht an dem brillanten Drehbuch mitgeschrieben.

Klassenkampf macht verdammt viel Spaß! Nun ja, vielleicht nicht allen Beteiligten, aber sicher den Zuschauern von Bong Joon-hos Film "Parasite". Zuerst hängen wir mit Familie Kim im dämmrigen Souterrain fest, wo der Blick von Vater, Mutter, Sohn und Tochter auf eine verwahrloste Gasse, nein, eben nicht fällt, sondern hochsteigt. So dass die Kims den herantorkelnden Besoffenen gerade noch davon abhalten können, schon wieder ans Fenster zu pinkeln. Oder sie dieses Fenster dann öffnen, weil die städtischen Ungezieferbekämpfer anrücken und Vater Kim (Kang-Ho Song) den Sprühnebel als kostenlose Ausrottungshilfe durch die verwanzten Kammern ziehen lässt. Da drinnen und da unten falten die Kims in Heimarbeit Pizza-Kartons und der Sohn (Woo-sik Choi) und die Tochter (Park So-Dam) kriechen auch mal mit ihren Smartphones bis ins enge Klo, um den unverschlüsselten WLAN-Zugang des Nachbarn zu erhaschen. Nein, aufgeben will diese Prekariatsfamilie nicht!

Und dann bietet sich für den Kim-Sohn die Chance: Ein Freund schanzt ihm den Job als Englisch-Nachhilfelehrer für die Tochter (Jung Ziso) der reichen Park-Familie zu. Das nötige Universitätszertifikat dafür hat ihm seine Schwester am Computer gefälscht, es sei aber sowieso bloß eine vorgezogene Urkunde, so der aufstiegswillige Kim-Sohn, der sich nun Kevin nennt. Der Schwester erschleicht Kevin auch eine Anstellung, sie kommt als Kunsttherapeutin für den jungen Park-Sohn ins Haus – den entsprechenden Jargon googelt sie – und hört nun auf den Namen Jessica. Dann müssen die beiden noch ein bisschen intrigieren und denunzieren, und schon ist Vater Kim der Chauffeur von Vater Park (Sun-kyun Lee), einem Geschäftsmann, und Mutter Kim (Chang Hyae Jin) hat die alte Haushälterin ersetzt.

Bert Brecht lässt grüßen

Eine feindliche Übernahme? Zunächst scheint diese Okkupation, bei der die Kims ihre Familienbande verheimlichen, auch freundliche und quasi therapeutische Züge zu haben. Die Kims sind zwar Hochstapler, aber sie bringen zumindest ihre Vitalität in die Villa mit, in dieses vorher so leere und aufgeräumte Schaustück aus Beton und Glas, in diesen Sarkophag der Reichen, in dem die Parks eher neben- als miteinander leben. Der Vater ist sowieso kaum zu sehen, der Sohn sondert sich ab in seinem Kinderzimmerwigwam oder schießt mit Gummipfeilen um sich, die Tochter ist verknallt in ihren neuen Nachhilfelehrer Kevin – und ohne sich das einzugestehen, ist dies auch die immer besorgte Mutter (Cho Yeo-jeong), die im falschen Leben alles richtig machen will. "Sie ist reich, aber trotzdem nett", sagt Vater Kim über Frau Park. "Sie ist nett, weil sie reich ist!", korrigiert ihn seine Frau.

Nicht nur bei solchen Sätzen hat man das Gefühl, dass Bert Brecht am brillanten Drehbuch mitgeschrieben hat. Auch wenn wir als Zuschauer die Perspektive der Kims einnehmen, auch wenn wir uns quasi mit ihnen Zugang zu den Parks verschaffen und einen Heidenspaß dabei haben, wird die hundertprozentige Identifikation immer schwerer. Keine Sentimentalitäten bitte, bedeutet uns der Regisseur Bong Joon-ho. Die Armen sind bei ihm nämlich nicht schon deshalb die besseren Menschen, weil sie arm sind. Zwar zeigt er die Kims und die Parks zunächst als Gegenstücke und inszeniert die beiden Familien als komplementäre, kontrastierende und korrigierende Spiegelbilder, aber er hält diesen Spiegel am Ende eben nicht nur den Reichen vor. Denn auch hier ist dieser Film, ohne ihn direkt zu zitieren, wieder beim kapitalismuskritischen Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Der Südkoreaner Bong Joon-ho hat in seinem düsteren Thriller "Memories of Murder" (2003) auf die erstickende Zeit der Militärdiktatur zurückgeblickt. Er hat in "The Host" (2006) von einer Unterschichtsfamilie erzählt, die im Kampf gegen ein durch US-Genversuche erzeugtes Monster zusammenwächst. Und er hat in dem dystopischen Science-Fiction-Drama "Snowpiercer" (2013) eine Klassengesellschaft zur Explosion gebracht. In all seinen Filmen agieren die Charaktere in einem klar gezeichneten sozialen Umfeld, und durch fast alle Filme zieht sich auch ein schwarzer und manchmal sehr physischer, sprich: gewalttätiger Humor. Was in "Parasite" als Einschleich-Komödie beginnt – und neben Brecht auch ein bisschen an Molière ("Tartuffe") erinnert –, das ändert in der zweiten Hälfte seinen Ton, wird rabiat, brutal, morbide. Und bleibt trotzdem komisch.

Auch lustig: Das glamouröse Cannes feiert Systemkritik

Aber nun wird es für diesen Text schwierig. Der Regisseur, der sein immenses Talent nicht gegen Individuen richtet, sondern gegen ein System, hat sich nämlich mit einer Bitte an alle Kritiker gewandt: "Wenn Sie eine Rezension über diesen Film schreiben, verzichten Sie bitte so weit wie möglich darauf, zu verraten, wie die Geschichte sich entfaltet, nachdem der Bruder und die Schwester beginnen, als Nachhilfelehrer zu arbeiten ... Ihre Rücksicht darauf wird ein wunderbares Geschenk an das Publikum und das Filmteam sein, das diesen Film möglich gemacht hat." Also gut, dann müssen wir uns mit ein paar Andeutungen begnügen. Mit dem Bild der Familie Kim etwa, welche die Abwesenheit der Parks zum sofafläzenden Saufen und Fressen nutzt. Mit dem Ton, der zu hören ist, wenn ein Kopf auf Beton aufschlägt. Und mit dieser seltsamen dunklen Aussparung in der Wand und zwischen kostbarem Porzellan in leuchtenden Vitrinen, mit diesem schwarzen Loch also, hinter dem ... Nein, mehr darf nicht gesagt werden.

Deshalb noch einmal kurz zurück. Zurück zu jener Sequenz, in welcher der große Regen einsetzt. Was die Park-Villa unbeschadet übersteht, nimmt für die tiefergelegenen Armenviertel apokalyptische Ausmaße an. Alles überschwemmt von reißender brauner Brühe, natürlich auch das Souterrain der Kims. Und danach fliegen die heimlichen Eindringlinge bei den Parks fast auf, weil ihnen die müffelnde Behausung in die Kleider gekrochen ist. "Sie riechen alle gleich!", verkündet der schnüffelnde Park-Sohn. Für seinen Vater aber ist das nichts Besonderes, es sind eben die Ausdünstungen der anderen, also derer da unten. Was er, seinen Chauffeur betreffend, so formuliert: "Er riecht wie die Leute in der U-Bahn!" Dieser Film, in dem nicht sicher ist, wer eigentlich die Parasiten sind, hat in Cannes die Goldene Palme gewonnen. Die Kims in Cannes, dem Hort des Reichtums, des Glamours und des roten Teppichs! Jawohl, so soll es sein.


Bong Joon-hos "Parasite" ist ab Donnerstag, 17. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

0 Kommentare verfügbar

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:







Ausgabe 450 / Wir schweigen nicht / Peter Bahn / vor 7 Stunden 44 Minuten
Kann man auch per PayPal spenden?








Ausgabe 450 / Wir schweigen nicht / Nick Rudnick / vor 1 Tag 3 Stunden
Auf hoher See und vor Gericht ...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!