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Briefe aus der Hauptstadt

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In Siegfried Lenz' "Deutschstunde" muss ein junger Strafgefangener kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einen Aufsatz über "Die Freuden der Pflicht" schreiben. Christian Schwochow hat den Roman, der in ein norddeutsches Dorf zur Nazi-Zeit zurückführt, beeindruckend adaptiert.

Dieser Mann macht Dienst nach Vorschrift, dieser Mann ist zum Fürchten! Denn Dienst nach Vorschrift, das bedeutet für Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) eben nicht, in augenzudrückender Laxheit die ihm zugewiesene Arbeit zu unterlaufen. Es heißt für den schmallippigen Wachtmeister des norddeutschen Kaffs Rugbüll vielmehr, alle erteilten Anweisungen buchstabengetreu und penibel durchzuführen. Er versteht sich dabei freilich nur als ausführendes Organ, persönlich, so versichert er, habe er damit nichts zu tun. "Ich habe das nur zu überbringen", sagt Jens deshalb zu seinem Freund, dem Künstler Max Nansen (Tobias Moretti), als er dienstlich wird und das vom Naziregime verordnete Malverbot aushändigt. Aber er lässt keinen Zweifel daran, dass er Nansen nun überwachen und jeden Verstoß gegen die Anordnung melden wird.

Die ersten Szenen von Christian Schwochows Film "Deutschstunde" aber sind in der Zeit schon weiter, sie spielen nach dem Krieg in einer Strafanstalt für schwer erziehbare Jugendliche, in der Siggi Jepsen (Tom Gronau) einsitzt, Sohn des Wachtmeisters Jens. "Die Freuden der Pflicht", so steht es kreidegeschrieben an der Schiefertafel eines Klassenzimmers. Siggi starrt auf diese Wörter, er rammt sich sein Schreibwerkzeug in die zitternde Hand, bis sie blutet, doch er bringt zu diesem Thema kein Wort aufs Papier und liefert nach der Stunde leere Blätter ab. Aber nicht, weil er dazu nichts zu sagen hätte. Sondern weil es ihn aufwühlt, weil er so viel dazu weiß, dass er nun, in einer Einzelzelle, wie manisch zu schreiben beginnt. Heft für Heft. Bis Siggi seine Geschichte, die der Film auch aus seiner Sicht in Rückblenden inszeniert, nicht nur erzählt hat, sondern sie vielleicht auch losgeworden ist. Damals war der elfjährige Siggi (Levi Eisenblätter) von seinem Vater für Spitzeldienste verpflichtet worden – und gleichzeitig wurde er von Max Nansen zum Malen angeleitet. Ein Junge in einem Loyalitätskonflikt, der ihn traumatisiert und schier zerreißt.

Ein Lehrstück in deutscher Geschichte

Endlich darüber sprechen, endlich darüber schreiben! Siegfried Lenz' Roman "Deutschstunde", erschienen 1968 und drei Jahre später von Peter Beauvais als Fernseh-Zweiteiler verfilmt, wurde nicht nur ein überwältigender Erfolg, sondern auch zu dem, was der Autor schon in seinem Titel andeutet: zu einem didaktisch-therapeutischen Lehrstück in deutscher Historie. Bei Lenz bringen allerdings nicht wild gewordene und aus dem Nichts kommende Nazischurken Unglück über ein ganzes Land, er zeigt in seiner zum ländlichen Mikrokosmos verdichteten Geschichte vielmehr, wie da Menschen und Strukturen schon lange bereitstehen, um ebenso skrupulös wie skrupellos all das zu erfüllen und auszuführen, was der Nationalsozialismus verlangt. Tatsächlich ist der Wachtmeister Jens Ole Jepsen kein fanatischer Faschist. Aber er ist ein autoritärer Charakter, mit dem sich gut (Hitler-)Staat machen lässt.

Der Regisseur hat bei diesem Film, so wie schon bei "Novemberkind" (2008), "Die Unsichtbare" (2011) oder "Bornholmer Straße" (2014), mit seiner Mutter zusammengearbeitet, der Drehbuchschreiberin Heide Schwochow. Sie haben sich bei manchen Handlungssträngen und Protagonisten Freiheiten herausgenommen, Jens' Frau Gudrun (Sonja Richter) etwa wollte Heide Schwochow nicht als so "abartig böse Figur" wie im Roman stehen lassen. Das größere Problem aber war der Maler Max Nansen, ein bei Lenz unverkennbar an den Expressionisten Emil Nolde erinnernder Charakter. Nolde hatte unter den Nazis zwar kein Mal-, aber ein Ausstellungsverbot, seine Bilder galten als entartet. Nach dem Krieg wurde er deshalb, wohl auch von Siegfried Lenz, als Verfolgter des Regimes gesehen, auch wenn es Gerüchte gab, dass der Maler trotz allem Hitler-Anhänger und Antisemit war. In diesem Frühjahr wurde durch die Ausstellung "Emil Nolde. Eine deutsche Legende" aus den Gerüchten endgültig Gewissheit.

Christian und Heide Schwochow wissen natürlich von dem Fall, der unter anderem dazu führte, dass Angela Merkel im Kanzleramt zwei Nolde-Gemälde abhängen ließ. Ob einer ihrer Vorgänger, der mit Lenz befreundete Helmut Schmidt, dies auch getan oder auf der Unterscheidung zwischen Künstler und Werk bestanden hätte? Genau solche Fragen will diese Neuverfilmung eben nicht auslösen. Die Schwochows wollen den Fall Nolde zwar nicht verdrängen, sie bestehen nur darauf, dass ihr Max Jansen nicht mit Nolde zu verwechseln ist. Die Distanz geht dabei so weit, dass auch die Gemälde im Film sich von Nolde emanzipieren. "Wir haben für Nansen einen ganz eigenen Stil entwickelt", so der Regisseur, "zeigen Gemälde aus verschiedenen Phasen seines Schaffens sowie einen Übergang vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit".

Ganz ohne exzessive Hakenkreuzzeigerei

Doch zurück zu diesem spannenden, konzentrierten und wuchtigen Film, der es verdient hat, als ein vom Fall Nolde unabhängiges Werk gesehen zu werden. Diese klar komponierten, auch schönen, aber nie pittoresken Bilder vom flachen Land und vom Meer, vom Schlick und vom Watt, von Dünen und von Dämmen, auf denen der Wachtmeister Jens und sein Sohn radeln, etwa wenn wieder mal ein Brief "aus der Hauptstadt" zu überbringen ist. Und diese Interieurs, die wie gemalt wirken, aber nicht in der schreienden Buntheit des Expressionismus, sondern in gedeckt-gedämpften Farben. Eine norddeutsche Kargheit ist hier zu spüren, nicht nur beim Land, sondern auch bei den Leuten, die sich alle kennen. Der große Schrecken zieht sich zusammen in einem kleinen Dorf. Wobei der Film ganz ohne jene exzessive Hakenkreuz-Vorzeigerei auskommt, mit der schlechtere Regisseure die Nazi-Zeit zu erfassen glauben. Deshalb reicht "Deutschstunde" auch über diese Zeit hinaus.

Wie eine Dorfgemeinschaft, wie eine Familie zerbricht, das führt der Film mit einem exzellenten Ensemble vor. Johanna Wokalek ist als still in sich hinein leidende Frau zu sehen, die ihre Sängerinnenkarriere zugunsten ihres Mannes Max aufgegeben hat. Maria-Victoria Dragus spielt Siggis ältere Schwester Hilke, die es aus dem beklemmenden Elternhaus herausgeschafft hat, nun aber wieder eingefangen zu werden droht. Und Louis Hofmann, mit der Serie "Dark" zum Star geworden, hat sich als Siggis älterer Bruder dem Krieg durch Selbstverstümmelung entzogen und irrt nun schwer verletzt herum. Soll Siggi seinen Vater alarmieren, oder sollte er den Bruder doch lieber zu Max bringen? In der Tragödie des Siggi Jepsen verbirgt sich auch ein Klassen- und Konkurrenzkampf. Wenn die dämmrig-engen Räume des Wachtmeisters Jens kontrastiert werden mit dem großen Salon des Malers Max, wenn sogar die Frisuren der beiden Männer gegeneinander anzutreten scheinen – streng gescheitelt die eine, künstlerisch verwuschelt die andere –, dann schwingt dabei der Neid des Kleinbürgers auf den freigeistigen Bohemien mit. Und beide Männer sehen sich ja nicht nur als Väter, sondern auch als Vorbilder für Siggi.

Ein fürchterliches Vorbild, was Jens betrifft. Auch und gerade deshalb, weil der exzellente Ulrich Noethen diesen Mann nicht als eindimensionale Scheißkerl-Charge vorstellt, sondern als einen, der Siggi auf seine Weise liebt ("Ich mach aus Dir was Brauchbares") und sogar über dessen Kopf streichelt, während er ihn schlägt. "Runter mit den Hosen!", so hat Jens vorher befohlen, und spätestens diese ritualisierte Prügelsequenz erinnert an einen anderen Film und einen anderen autoritären Charakter, nämlich an Michael Hanekes "Das weiße Band" (2009) und an den von Burghart Klaußner verkörperten protestantischen Pastor. Dieser ebenfalls in einem norddeutschen Dorf angesiedelte Film, den Haneke im Untertitel "Eine deutsche Kindergeschichte" nennt, spielt kurz vor dem Ersten Weltkrieg, er weist sozusagen auf die Nazi-Zeit voraus.

Schwochows "Deutschstunde" erzählt nun genau von dieser Zeit, aber sie hört mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht auf. Das ist das ganz Große, Bittere und Verstörende an diesem Film: Dass er uns nicht in Ruhe lässt, dass Jens nach einer Internierungszeit zurückkehrt ("Ja, da bin ich wieder!"), dass er nach einem kurzen und brutalen Machtkampf mit Siggi wieder das Kommando übernimmt, dass sowieso und ganz selbstverständlich wieder alle Polizisten-, Gestapo- und sonstigen Angestelltengesichter wieder auftauchen und alles einfach weitergeht. So als wäre nie etwas gewesen. Jawohl, die Pflicht ruft, und sie freuen sich! Und an dieser Stelle muss man wieder an jenen Satz erinnern, den Hans Filbinger, Jurist, NSDAP-Mitglied, Todesstrafebeantrager und später baden-württembergischer Ministerpräsident im Jahr 1978 gesagt hat: "Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein!" Er hatte also Lenz' Deutschstunde entweder geschwänzt oder nicht verstanden. Oder einfach ignoriert, weil er ja selber so gut Bescheid wusste über die Freuden der Pflicht.


Christian Schwochows "Deutschstunde" ist ab Donnerstag, 3. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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