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Filz im Schwarzwald

Bollenhut und Windkraft-Bashing

Filz im Schwarzwald: Bollenhut und Windkraft-Bashing
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Im Schwarzwald ticken die Kuckucksuhren noch anders. Während die Ampel-Sondierer in Berlin den schnellen Ausbau der Windkraft wollen, wird am Schluchsee Front gemacht. Hauptdarsteller auf einem Geheimtreffen ist der Tunnelbohrer Martin Herrenknecht.

Über der Einladung prangt fett "Save the Date": Am 29. Oktober 2021 ab 15 Uhr wird Martin Herrenknecht im Kurhaus Schluchsee auftreten. Wie zuletzt Anfang des Monats in einem "Handelsblatt"-Interview wird der König der Tunnelbohrmaschinen dort Tacheles reden. "Schützt den Schwarzwald! Stoppt den grünen Windkraft-Wahnsinn!" ist sein Vortrag überschrieben, was Schlimmes befürchten lässt, die Faktentreue des 79-jährigen Firmenpatriarchen und CDU-Mitglieds betreffend.

Herzlich lädt die Hochschwarzwald Tourismus GmbH gemeinsam mit einem Verein namens Landschafts- und Naturschutzinitiative, kurz LANA, zu Herrenknechts Auftritt ein. Im Anschluss an die "Keynote" des rastlosen Unternehmers aus dem badischen Schwanau sollen "ausgewählte Teilnehmer über alternative Lösungswege zum Ausbau von erneuerbaren Energiequellen im Schwarzwald" diskutieren. "Wir würden uns freuen, wenn Sie sich diesen Termin vormerken", grüßt Magister Thorsten Rudolph, seines Zeichens Geschäftsführer der Tourismusgesellschaft mit beschränkter Haftung, in der zwanzig Gemeinden rund um den "Höchsten" – wie der Feldberg im PR-Sprech heißt – ihre Marketingaktivitäten bündeln.

Merkwürdig nur: Im offiziellen Internet-Portal hochschwarzwald.de findet der Windkraft-Vortrag des Hansdampf-in-allen-Tunneln nicht statt. Die Veranstaltungsseite listet "Highlights" wie das Oktoberfest bei der Badischen Staatsbrauerei Rothaus oder die Sonderausstellung Holzräderuhren im Klostermuseum St. Märgen auf. Selbst eine detaillierte Online-Suche liefert "leider keine Ergebnisse". Herrenknecht ist offenbar in geheimer Mission im Schwarzwald unterwegs. Selbst die Presse, von Tourismuschef Rudolph häufig mit Meldungen und Terminen gefüttert, soll außen vor bleiben. Kontext erfuhr nur durch einen Informanten vom geplanten Windenergie-Bashing.

Eine Erklärung für die Geheimnistuerei ergibt sich aus einem weiteren Einladungsschreiben, das der LANA-Verein am vergangenen Freitag (15. Oktober 2021) wiederum an einen exklusiven Kreis verschickte. Das Herrenknecht-Event ist "nicht öffentlich" und nur für Gastronomen, Hoteliers und Vermietern von Ferienwohnen im Hochschwarzwald zugänglich, heißt es darin.

"Die Pläne der derzeitigen Landesregierung in Stuttgart sehen die Errichtung von mehr als 1.000 industriellen Windkraftwerken vor. Dazu wird der Staatswald freigegeben. Dies bedeutet für den Tourismus in unserem weltberühmten Schwarzwald eine einschneidende Änderung des Landschaftsbildes", nennt das Schreiben die Stoßrichtung der Veranstaltung. Man freue sich, mit dem "namhaften Industriellen Dr. Martin Herrenknecht einen Mitstreiter für unsere gemeinsame Sache gefunden" zu haben. Dieser fühle sich "aus uneigennützigen Motiven als bodenständiger Schwarzwälder seit Jahren dem Erhalt unserer einzigartigen Heimat verpflichtet", wird betont.

Dies stimmt so nicht ganz. Denn Ökostrom, der nicht in ausreichender Menge vor Ort in Baden-Württemberg erzeugt wird, muss von Windparks in Norddeutschland "importiert" werden. In den Süden gelangt der Windstrom über Erdkabel, deren Trassenbau Milliarden verschlingt. Im Frühjahr 2017 präsentierte die Herrenknecht AG die weltweit erste Vortriebsmaschine, die Kabelschutzrohre für diese unterirdischen Überlandstromleitungen grabenlos verlegt. Am Bau des milliardenteuren Stromnetzes könnte die Herrenknecht AG kräftig mitverdienen (Kontext berichtete).

Dennoch betont der LANA-Verein, mit der geschlossenen Veranstaltung einen "wichtigen Wissensbaustein in der Planung und Vorgehensweise zur Windkraft in unserem Land" geben zu können. Hoteliers und Gastronomen, die ebenfalls der Meinung seien, dass "Windkraft nicht die geeignete Energieform für den Schwarzwald ist", könnten den Verein darin unterstützen, "andere Formen der regenerativen Energiegewinnung zu forcieren und Windkraft an touristischen Hotspots zu vermeiden", heißt es.

Unter den Gegnern finden sich alte Bekannte

Unterzeichnet ist das Schreiben von den LANA-Funktionären Peter Stoll und Werner Wojtaschek. Für Windparkbetreiber und Klimaschützer sind beide keine Unbekannten. Stoll, der stets ein "Prof. Dr. Dr." vor seinem Namen führt, ist Facharzt für Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie, Plastische und Ästhetische Operationen sowie Fachzahnarzt für Oralchirurgie mit Praxis in Freiburg. Er engagierte sich bereits im LANA-Vorläufer, der "Bürgerinitiative zum Schutz des Hochschwarzwalds". Diese gründeten Windkraftgegnern im Februar 2002 in Oberried bei Freiburg.

Zeitweise firmierte der Vorläufer-Verein unter der Adresse von Stolls Privatklinik, die ihr Domizil im Gut Albrechtenhof östlich von Freiburg in einem Seitental der Dreisam hat. Im Jahr 1987 hatte Stoll das 200 Jahre alte, damals stark verfallene Gehöft im Attental dem Freiherrn Rochus von Schauenburg abgekauft. Mit Unterstützung der Gemeinde Stegen und des Denkmalschutzes restaurierte der Arzt es zu einer Klinik mit zwei voll ausgestatteten OP-Sälen. 2012 erwarb der Chirurg ein weiteres Schwarzwaldhaus am Ende des Attentals, den 1701 erbauten Rothenhof. Nach zweijähriger Restaurierung feierte Stoll im Juni 2014 den Wiederaufbau des denkmalgeschützten Hofes, von dem sich ein fantastischer Ausblick über das Dreisamtal bis zum Feldberg bietet. Laut Medienberichten nutzt der Arzt das Anwesen seither als Wochenend- und Feriendomizil.

Mindestens seit dieser Zeit taucht Stolls Name in Schriftsätzen und auf Flugblättern auf, in denen eine "Sektion nachhaltige und naturverträgliche Energie Dreisamtal" der genannten BI vor Ort Stimmung gegen Windenergie macht. So beklagte die Sektion in einem "Bürgerbrief an die Mitbürger/innen der Gemeinde Stegen", dass die grün geführte Landesregierung Windenergie einseitig forciere, obwohl "seit Langem wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass dieser Teil Deutschlands das windärmste Gebiet ist". Dabei sagen die Daten des Deutschen Wetterdienstes exakt das Gegenteil. Langjährige Windmessungen belegen, dass die Höhenlagen rund um den Feldberg zu den windreichsten Binnenlandgebieten in Deutschland gehören.

Daneben schürte Stoll in dem Brief Ängste vor einem angeblich "dauerhaften Umweltschaden an Landschaft und Artenvielfalt". Dass in Zeiten des Klimawandels von Dürren und Schädlingen die größte Gefahr für den Schwarzwald ausgeht und nicht von klimaschonender Stromerzeugung mit Windrädern, unterschlugen die Briefeschreiber. Mit wahrheitswidrigen und angstschürenden Behauptungen wie diesen gelang es, den Windkraftausbau massiv auszubremsen. Auch aus Eigeninteresse? Ein seit 1997 geplanter Bürgerwindpark auf dem Brombeerkopf oberhalb des Rothenhofs im Attental liegt bis heute auf Eis. Projektinitiator Johannes Drayer hat die jahrelangen Fake-Kampagnen der Windkraftgegner lesenswert dokumentiert.

LANA-Vorstand Werner Wojtaschek gilt als Handlungsreisender in Sachen Windkraftverhinderung. Der ehemalige Geschäftsführer der S-Bahn Hamburg tingelt seit Jahren als vermeintlicher Experte für Rotortechnik von einer Protestveranstaltung zu nächsten. Bei einer amtlichen Erörterung zu einem Windkraftprojekt im Schwarzwald-Baar-Kreis im vergangenen Dezember outete sich der Aktivist zusätzlich als Brandexperte und malte ein bis dato unbekanntes Bedrohungsszenario durch Nano-Partikel aus. Bislang hatten Windkraftgegner immer nur auf Infraschall als Gefahrenquelle für die menschliche Gesundheit verwiesen. Gestützt hatten sie sich unter anderem auf eine Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe aus dem Jahr 2004. In diesem Frühjahr musste die Anstalt allerdings eingestehen, dass die Berechnungen in der Studie eklatante Fehler aufwies, was die Infraschall-Wirkung von Windrotoren massiv verfälschte.

Auch dem Bürgermeister sind Windräder nicht geheuer

Die Vermutung liegt bei Wojtaschek ebenfalls nahe, aus Eigeninteresse den Don Quichote zu geben. Der ehemalige S-Bahn-Manager bekämpft auch einen vom landeseigenen Energieversorger EnBW geplanten Windpark auf dem Ahaberg. Der Standort der drei Windmühlen liegt rund drei Kilometer vom Schluchsee entfernt, wo Wojtaschek seinen Wohnsitz hat. Einig weiß sich der LANA-Funktionär mit Schluchsees Bürgermeister Jürgen Kaiser. Im Sommer kündigte der parteilose Schultes an, gegen einen weiteren, den bereits genehmigten Windpark Häusern zu klagen, dessen zwei Rotoren sich in Sichtweite der Schwarzwaldgemeinde drehen würden. "Die Bevölkerung lebt hier vom Tourismus und die Gäste schätzen gerade die Einmaligkeit und Unberührtheit der Landschaft", begründete Kaiser dem SWR gegenüber den Gang vor den Kadi. Diese Idylle würde durch die Windräder zerstört, der Tourismus einbrechen, glaubt der Bürgermeister, der lieber ein 48-Millionen-Hotelprojekt am Ort entstehen sähe

Damit schließt sich der Widerstandskreis zu Thorsten Rudolph, dem Geschäftsführer der Tourismusgesellschaft Hochschwarzwald, der auch die Gemeinde Schluchsee angehört. Rudolph selbst hatte im November 2016 in der "Badischen Zeitung" eine Anzeige der Tourismus GmbH geschaltet, in der die Windräder als "geplante Zerstörung unseres Landschaftsbildes" und Existenzvernichter gegeißelt wurden. Auch dies basierte eher auf Vorurteilen denn auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. So ist weder aus internationalen und nationalen Studien noch aus seriösen repräsentativen Umfragen ein nennenswert negativer Effekt der Windkraft auf den Tourismus ableitbar. Ist die Windenergie in regional nachhaltige Tourismuskonzepte eingebunden, kann sie sogar positive Effekte auf den Tourismus hervorrufen. In einer Studie nannten 93 Prozent der Befragten Bauwerke als störend im Urlaub, die in keinem Zusammenhang mit der Erzeugung erneuerbarer Energien stehen – wie Hochhäuser oder Industrieanlagen.

Dass dem Tourismusmanager das unberührte Landschaftsbild nicht immer heilig ist, legt ein Bericht von "Brand eins" nahe. In 2018 feierte das Wirtschaftsmagazin Rudolph als Macher, dem es gelungen sei, die öffentliche Wahrnehmung des Schwarzwalds als Heimstatt des Bollenhuts entscheidend zu verändern. Etwa im Jahr 2010 durch die Ansiedlung des Badeparadieses in Titisee-Neustadt. Ohne das Mega-Bad wäre wohl kaum 2016 die "Fundorena" am Feldberg eröffnet worden, lobte das Magazin. Für den Indoor-Spielplatz mit Hochseilgarten, Trampolinen, Eislaufbahn, Fitness-Studio und Reithalle wurde am Rande des Naturschutzgebietes eine 4.000 Quadratmeter große Halle gebaut. Für "Brand eins" eine "Verjüngungskur", ohne die es auch kaum gelungen wäre, internationale Wintersport-Events in den Schwarzwald zu holen. "Keine andere Region weltweit war in der Saison 2017/2018 Gastgeber so vieler Weltcup-Events gewesen wie der Hochschwarzwald", lobt sich Rudolph im "Brand eins"-Porträt selbst.

Unberührte Natur? Von Kontext angefragt zur Zusammenarbeit mit Windkraftgegnern, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, ruderten die Tourismuswerber zurück. Die Hochschwarzwald Tourismus GmbH sei weder Veranstalter noch Mitveranstalter und stelle lediglich die Räumlichkeiten zur Verfügung, antwortet Geschäftsführer Rudolph. Im Übrigen verschließe man sich nicht gegenüber Windkraftanlagen, sofern sie "nicht in touristisch sensiblen" Standorten stünden.


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10 Kommentare verfügbar

  • Josef Tura
    am 21.10.2021
    Antworten
    Es ist schon äußerst bedenklich, daß auch hier solche Leute die mal hinterfragen, wer an Windkraft verdient (cui bono?), was Windkraft wirklich kostet - also inklusive Aufbau, Abbau, Entsorgung etc. - und ob der Aufwand den Ertrag wert ist, daß man mit solchen Fragen automatisch in der Schublade…
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