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Klimakrise

Wissen, aber nicht handeln

Klimakrise: Wissen, aber nicht handeln
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Was tun, wenn Empfehlungen auf Basis gesicherten Expertenwissens mit dem Alltag einer demokratischen Mehrheit kollidieren? Philosoph Michael Weingarten erörtert das Dilemma am Beispiel des scheiternden Klimaschutzes.

Selten waren sich Wissenschaftler der verschiedensten naturwissenschaftlichen Disziplinen so schnell einig wie in der Diagnose und Erklärung des Klimawandels. Das relativ stabile Klima, das sich vor 12.000 Jahren herausgebildet hat und den Menschen erlaubte, sesshaft zu werden und Landwirtschaft zu betreiben, verändert sich durch die "Nebenwirkungen" menschlicher Tätigkeiten, insbesondere die exponentiell steigende Freisetzung von Treibhausgasen, so gravierend und so schnell, dass das Überleben der Menschheit insgesamt in Frage steht. Nur noch einige wenige Jahrzehnte, so die Prognose, verbleiben der Menschheit, um durch Umstellung der energetischen Basis des bisherigen Produktionssystems und der mit diesem verbundenen Lebensform zumindest die gravierendsten Folgen abzumildern.

Seit 40 Jahren wissen wir das alles. Denn die wissenschaftlichen Experten haben sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Kommunikationsmitteln sehr schnell und auf den unterschiedlichsten Ebenen an die (Welt-)Öffentlichkeit, an die nationalen und internationalen politischen Akteure und Institutionen gewandt, um in dramatischen und aufrüttelnden Appellen zu einem anderen Handeln aufzufordern. Einem Handeln, das der drohenden Klimakatastrophe adäquat ist und die bereits stattfindende Erderwärmung doch noch global auf durchschnittlich zwei Grad über der Temperatur des vorindustriellen Zeitalters beschränken kann. Mit der Verabschiedung der Klima-Rahmen-Konvention 1992, die im selben Jahr in Rio de Janeiro von den meisten Staaten auch unterschrieben wurde, wurden dann ja ebenfalls sehr schnell weltweit verbindliche Zielsetzungen festgeschrieben, die eine Reduktion der Treibhausgas-Emission hin zu einer Klima-Neutralität bis 2050 beinhalten. Aber in den Fortschreibungen dieser Konvention mit ihren verbindlichen Handlungsvorschriften auf den Klimakonferenzen 1997 in Kyoto, 2009 in Kopenhagen und 2015 in Paris wurden die Vereinbarungen immer weiter aufgeweicht, abgeschwächt und zu bloßen Absichtserklärungen heruntergestuft. Mit dem Effekt, dass trotz verbindlicher Reduktionsvorgaben und im Widerspruch zu den volltönenden Absichtserklärungen die Emission von Treibhausgasen weiterhin weltweit zunimmt.

Dieses Versagen nun damit zu erklären, dass eben kapitalistische Interessen die Durchsetzung der Klimavereinbarungen verhindern, also erst der Kapitalismus abgeschafft werden müsse, um dann, in einem zweiten Schritt, das Klima retten zu können, ist nicht nur zu simpel, sondern schlichtweg falsch. Nicht nur, weil uns so viel Zeit gar nicht mehr zur Verfügung steht, sondern schon allein aus dem Grund, dass völlig unklar ist, welche klimaschonende technisch-energetische Basis dann an die Stelle des bisherigen industriellen Systems treten könnte.

"Die Menschheit" handelt nicht homogen

Aber auch die Adressierung der Handlungsaufforderung an "die Menschheit", wie sie von naturwissenschaftlicher Seite immer noch vorgenommen wird, ist nicht zielführend. Denn es gibt keinen kollektiven Akteur, der in diesem Sinne homogen und einstimmig handeln könnte – "die Menschheit" besteht eben aus der Pluralität, der Heterogenität der vielen einzelnen Menschen mit ihren verschiedenen Traditionen, Interessen, Wünschen und Vorstellungen eines guten Lebens. Schaut man sich die Modellierungen der Klimawissenschaft genauer an, dann wird sehr schnell deutlich, dass mit dem kollektiven Akteur Menschheit nur die biologische Art des Homo sapiens sapiens und deren Stoffwechsel mit anderen biotischen und abiotischen Systemen gemeint ist.

Überspitzt formuliert: In naturwissenschaftlicher Perspektive sind die Folgen der Stoffwechselprozesse von anaeroben Bakterien vor 2,4 Milliarden Jahren durchaus vergleichbar mit den Folgen der Stoffwechselprozesse des Menschen heute. Anaerobe Bakterien setzten über ihren Stoffwechsel Sauerstoff frei, dieser reicherte sich in der damaligen Atmosphäre an, veränderte das Klima – und die anaeroben Bakterien mussten sich, da die mit Sauerstoff angereicherte Atmosphäre für sie giftig war, von der Erdoberfläche zurückziehen. Der Mensch setzt über seinen Stoffwechsel Treibhausgase frei, diese reichern sich in der Atmosphäre, in den Meeren und so weiter an, verändern das Klima – und das Leben des Menschen ist dann an der Erdoberfläche nicht mehr so möglich wie es ihm im Holozän, also den letzten 12.000 Jahren, möglich war.

Selbstverständlich besteht ein doch gravierender Unterschied: Weder wussten noch konnten die anaeroben Bakterien wissen, welche für sie katastrophalen Folgen aus der Freisetzung von Sauerstoff in Folge ihres Stoffwechsels entstehen. Und sie konnten ihren Stoffwechsel auch nicht anders gestalten. Für sie also galt das von den meisten Politikern und Politikerinnen bis heute beschworene TINA-Prinzip: There is no alternative. Wir Menschen dagegen wissen um die für uns katastrophalen Folgen unseres Stoffwechsels; und wir wissen auch, wie und wo wir nach Alternativen für die Ausgestaltung unserer Stoffwechselprozesse zu suchen haben und diese dann in unsere Wirklichkeit umsetzen, also unserem Wissen entsprechend handeln. Dass wir Menschen klug und eben keine Bakterien sind, zeigt sich genau darin, dass für uns und unser Handeln das TINA-Prinzip prinzipiell nicht gilt.

Das Montreal-Abkommen, das 1987 beschlossen und 1989 in Kraft gesetzt wurde, ist ein Beispiel dafür, wie Wissen schnell in eine weltweit geltende und auch greifende Regelung umgesetzt werden kann: 1974 wurde erstmals vor der die Ozonschicht zerstörenden Wirkung der Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) gewarnt. Bis dahin galten FCKW nach allen seit den 1930er-Jahren zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Kriterien als äußerst harmlose, daher bedenkenlos verwendbare Chemikalien. 1985 wurde mit der Entdeckung des "Ozonlochs" empirisch der Nachweis der eben nicht harmlosen Wirkung geführt. Und schon zwei beziehungsweise vier Jahre später erfolgte das Verbot. Dies die eine, positive Seite.

Haupttriebkräfte für das Montreal-Abkommen und das Verbot ozonzerstörender Chemikalien waren die USA zusammen mit der amerikanischen chemischen Industrie. Gerade letztere hat sich in diesem Fall völlig anders verhalten als gut zwanzig Jahre zuvor in dem Fall der Bemühungen um ein Verbot von DDT, einem in der Landwirtschaft viel verwendeten, aber für viele Tiere und die Menschen äußerst gefährlichen Insektizid. Rachel Carson, die in ihrem mittlerweile als Klassiker des Umweltschutzes geltenden Buch "Silent Spring" (1962) die Gefährlichkeit von DDT nachgewiesen hat, wurde von der chemischen Industrie der "unamerikanischen Umtriebe" beschuldigt und unter Kommunismus-Verdacht gestellt. Der Grund für das völlig andere Verhalten der chemischen Industrie im Fall von FCKW ist aber nicht ein irgendwie in der Zwischenzeit entstandenes Umweltbewusstsein dieser Industrie, sondern der letztlich triviale Sachverhalt, dass die amerikanische chemische Industrie über ein funktionales Äquivalent verfügte, sie sich also einen Wettbewerbsvorteil verschaffen konnte, wenn sie ihren Ersatzstoff in Kühlschränken und als Treibmittel für Spraydosen anstelle von FCKW verwendet – dies ist die andere Seite, die im Zusammenhang der Durchsetzung des Montreal-Abkommens bedacht werden muss. Wenn funktionale Äquivalente schon vorhanden sind, dann sind Regulative, Verbote eben einfacher und schneller zu erreichen und durchzusetzen.

Für fossile Brennstoffe gibt es Alternativen

Den "Normalfall" des Wissens, aber des nicht dem Wissen entsprechenden Handelns, zeigt exemplarisch die weltweite Weigerung. aus der Verwendung fossiler Brennstoffe auszusteigen, obwohl deren Verwendung nach einhelliger Aussage der Erdsystemwissenschaft die Hauptursache der globalen Erwärmung und der mit dieser verbundenen Klimaänderung ist. Zwar stehen auch hier etwa mit Windkrafträdern oder Solaranlagen funktionale technische Äquivalente zur Verfügung, aber die ausschließliche Fokussierung auf unmittelbare Interessen in der Gegenwart ("Arbeitsplätze", "Standortvorteile", ja, auch Gewinninteressen) blockieren ein politisches und wirtschaftliches Handeln, dessen Vorteile sich erst in der Zukunft, wenn durch die Verwendung erneuerbarer Energien die Klimakatastrophe wirklich verhindert wird, auszahlen werden – nicht aber am Wahltag oder beim Ausweis der vierteljährlichen Unternehmensbilanzen.

Aber die Suche nach funktionalen Äquivalenten zu bisherigen, in ihrer Schädlichkeit erkannten Technologien hat ihre eigenen Tücken. So wird ja nicht nur jetzt im Zusammenhang der Corona-Pandemie politisch der verstärkte Ausbau digitaler Techniken gefordert. Sondern auch aus der Perspektive der Klimawissenschaft wird diese Technologie zusammen mit der Umstellung von Verbrennungsmotoren auf Elektromobilität durchaus positiv gesehen. Aber: Um die Rohstoffe, die seltenen Erden, die zur Produktion digitaler Geräte benötigt werden, wird ein zunehmend blutiger und brutaler Krieg geführt mit allein im Kongo bislang über sechs Millionen Toten. Und die Entsorgung dieser Geräte mit ihren umweltschädlichen, auch für Menschen giftigen Substanzen ist mindestens ebenso unklar und umstritten wie im Fall der Entsorgung des nuklearen "Restmülls". Und schließlich: Die Klima-Belastung allein durch den Frankfurter Internet-Serverknoten ist mittlerweile höher als die Klima-Belastung durch den Frankfurter Flughafen im Normalbetrieb.

Die Eingriffstiefe technischer und insgesamt gesellschaftlicher Entwicklungen in ökologische, erdsystemrelevante Zusammenhänge und die Folgen dieser Eingriffe haben sich also insgesamt in den letzten Jahrzehnten so verändert, dass sie ohne Expertenwissen, ohne wissenschaftliche Kenntnisse gar nicht mehr adäquat zu erfassen und zu beurteilen sind; sie entziehen sich unserer Sinnlichkeit, unseren Alltagserfahrungen und unserem lebenspraktischen Wissen. Und nicht nur das: Die Folgen dieser Eingriffe sind nicht mehr lokal, regional oder nationalstaatlich begrenzt und begrenzbar, sondern sie wirken sich global aus. Gerade das waren ja schon Einwände, die in den 1970er-Jahren von den Bürgerinitiativen gegen Atomkraftwerke vorgetragen wurden. Und der Protest der Bürger und Bürgerinnen fand Unterstützung von Wissenschaftlern, sodass den Experten der Kraftwerkslobby und der politischen Institutionen "Gegen-Experten" entgegengestellt werden konnten. Die Gründung von eigenen wissenschaftlichen Organisationen und Institutionen, die die Anliegen von Bürgerinitiativen in dieser Hinsicht unterstützen sollen, ist somit zwingend; und die Gründung des Öko-Instituts in Freiburg 1977 folgte genau dieser Logik, den Bürgerinitiativen einen Pool von Wissenschaftlern unterstützend zur Seite zu stellen.

Jeder Notstand birgt Gefahren

Das heutige Bündnis von Klima-AktivistInnen wie Fridays for Future, Wissenschaftlern und renommierten wissenschaftlichen Institutionen hat also einerseits schon eine längere Tradition, stellt aber andererseits eine qualitative Veränderung dieses Verhältnisses dar: Nicht nur sind der Gegenseite, den Wirtschaftsverbänden und politischen Repräsentanten, die ihre Positionen stützenden Experten abhandengekommen. Sondern die Klima-AktivistInnen in ihrer Abhängigkeit von ausschließlich naturwissenschaftlichem Wissen über das Klima sind genauso wenig wie die Klima- und Erdsystemwissenschaftler bisher in der Lage, dieses Wissen in begründetes soziales und politisches Wissen und entsprechend fundierte Handlungsprogramme übertragen zu können. So setzen Naturwissenschaftler wie Paul Crutzen für den Fall des Versagens der politischen Institutionen auf Technologien wie das Binden von CO2 in der Atmosphäre durch Schwefel. Diese aber haben hochriskante Nebenfolgen für ökologische wie maritime Systeme, etwa wenn Schwefel in die Meere abregnet, mit der Folge, dass diese versauern.

Viele AktivistInnen träumen dagegen von einem harmonischen Gleichgewicht zwischen Natur und Menschen, dass es nach allem naturwissenschaftlichen Wissen nie gegeben hat und auch nicht geben kann; die Naturbilder der Wissenschaften und der Bewegungsaktivisten fallen hier, ohne dass dies in dem Bündnis thematisiert würde, völlig unvereinbar auseinander.

Schließlich: Wenn es als Erfolg angesehen wird, dass Städte den "Klima-Notstand" ausrufen, dann wird sowohl von Naturwissenschaftlern wie auch von BewegungsakteurInnen übersehen, dass das Ausrufen des Notstands auf Notstands-Gesetze verweist und den Ausnahmezustand – als Außer-Kraft-Setzen demokratischer politischer Verfahren zu Gunsten autoritärer und diktatorischer Maßnahmen – rechtfertigt. Souverän ist, so Carl Schmitt, wer über den Ausnahmezustand entscheidet und diesen dann auch durchsetzt; ob dies ein politischer "Führer" ist oder ein Expertengremium, macht keinen wirklichen politischen Unterschied. Die Kontroversen um die Maßnahmen und deren Rechtfertigungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sollten uns doch nachdenklich machen, ob das Spielen mit dem Gedanken des Notstands zwar weder ökologisch noch klimatisch negative Folgen hat, sehr wohl aber politische und soziale, die unser Gemeinwesen in seinen Grundlagen zerstören können.

Hans Jonas hat in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" (1979) sehr wohl die Idee durchgespielt, dass Diktaturen viel besser als Demokratien in der Lage sind, umweltpolitisch notwendige Maßnahmen durchzusetzen – er ist aber von dieser Idee schnell zurückgezuckt. Das jetzt zu lösende Problem ist dadurch aber deutlich markiert: Wie nämlich naturwissenschaftliche Erkenntnisse, an deren Umsetzung die Zukunft der Menschheit hängt, sozial und politisch aufgegriffen und in entsprechende Handlungen umgesetzt werden können bei Beachtung der Pluralität der Menschen, ihrer Erwartungen, Hoffnungen und Zielsetzungen. Die politischen und die Sozialwissenschaften jedenfalls haben bisher vor dieser Aufgabe fast vollständig versagt.


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3 Kommentare verfügbar

  • Irene Kamm, Bürger*innenrat Klima Stuttgart
    am 31.10.2020
    Antworten
    Stuttgart kann mehr in Sachen Klimaschutz! Die Initiative "Bürger*innenrat Klima Stuttgart" sammelt Unterschriften für einen Einwohner*innenantrag an den Gemeinderat Stuttgart. Damit will sie erreichen, dass ein…
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