Alles eine Frage des Blickwinkels – und der Bildbearbeitung. Foto: Joachim E. Röttgers

Alles eine Frage des Blickwinkels – und der Bildbearbeitung. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 318
Politik

Schöner Scheitern mit der Bahn

Von Oliver Stenzel
Datum: 03.05.2017
Man kann der Deutschen Bahn ein gewisses Gespür für Timing und Humor nicht absprechen. Denn sechs Tage nach der S-21-Lenkungskreissitzung ist Bahnaufsichtsratschef Utz-Hellmuth Felcht in Stuttgart zu Gast. Und spricht, kein Scherz, über "Innovatorisches Scheitern als Regelfall".

Bei aller professionellen Nüchternheit – angesichts dieser Paarung von Titel und Referent tanzen die Assoziation Polka im Kopf. Bahnaufsichtsratschef Felcht wird seine Ausführungen zum Scheitern im Rahmen eines Workshops zum Besten geben, veranstaltet vom Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung. Felchts Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender der Bahn AG sei für die Wahl aber nicht entscheidend gewesen, versichern die Veranstalter.

Man habe auch nicht speziell nach einem Vertreter der Deutschen Bahn gesucht. Der Ankündigungstext ist allerdings inspirierend: So scheine "der Misserfolg (...) nach wie vor ein hochgradig tabuisiertes Thema zu sein", heißt es da, und weiter: "Eine Gesellschaft, die Innovationsanstrengungen dringend benötigt, sollte angesichts des damit notwendigerweise immer verbundenen Risikos des Scheiterns eine neue 'Kultur des Scheiterns' entwickeln. Eine Kultur, die das Scheitern als im Innovationsprozess letztlich unvermeidbar anerkennt, ja als wertvoll und produktiv zu begreifen lernt und auf dieser Basis auch gewillt ist, über Scheitern zu sprechen."

In Schlingensiefs Bahnen: die Bahn

"Scheitern als Chance" könnte man das zusammenfassen, ein Prinzip, das Kulturmenschen natürlich aus der Kunst kennen. Der viel zu früh verstorbene Multikünstler Christoph Schlingensiefs hatte es zum Slogan seiner zur Bundestagswahl 1998 angetretenen Partei "Chance 2000" gemacht. Das wirft Fragen auf.

Auf dieser Uhr ergibt der Zeitplan der Bahn plötzlich Sinn.
Mit solchen Uhren macht auch der S-21-Zeitplan plötzlich Sinn.

Die Bahn, so oft beschimpft ob ihres fortwährenden Scheiterns, Züge pünktlich ankommen und Toiletten in diesen Zügen funktionieren zu lassen, Bahnstrecken fertig zu bauen (Rheintalbahn), zu elektrifizieren (Südbahn), funktionierende Bahnhöfe zu erhalten und die neuen, voraussichtlich schlechter funktionierenden im selbstgesetzten Zeit- und Kostenplan fertig zu bauen (Stichwort Stuttgart 21), ist diese viel gescholtene Bahn womöglich ein einziges großes Kunstprojekt?

Manches würde sich dadurch zu kosmischer Harmonie fügen. Durch die jedem Bahnkunden geläufige Erfahrung des Wartens oder zu spät Ankommens entspinnen sich Gespräche, angeregte Kommunikation zwischen Menschen, die sonst nur gelangweilt auf ihre Smartphones starren würden. Und durch die Planung einer ganz offensichtlich eklatant unterdimensionierten Tunnelstation bringt sie Menschen auf die Straße, die gemeinsam heißen Blutes protestieren, trillern, kreativ werden, anstatt sinnentleert in ihren Fernsehsesseln zu vegetieren. Die Bahn schafft Massenperformances. Gegen die ist die aktuelle Documenta ein müder Witz.

Fröhliches Tagträumen

Stopp! Aufwachen!

Noch viel abgefahrenere Träume wurden am vergangenen Freitag auf der Pressekonferenz des S-21-Lenkungskreises präsentiert. Etwa die Bauzeit von S 21 betreffend. Das Projekt läge momentan immer noch zwei Jahre hinter dem Zeitplan, erklärten Verkehrsminister Winfried Hermann und der neue Bahn-Technikvorstand Ronald Pofalla übereinstimmend, was eine Fertigstellung 2023 statt 2021 bedeuten würde. Allerdings gäbe es noch zu prüfende Optionen, um ein Jahr einzusparen.

Dass schon die Fertigstellung Ende 2023 extrem unwahrscheinlich ist, weil der verfluchte Nesenbachdüker viel später als geplant fertig sein wird, hatte Kontext bereits vor einem Monat in Erinnerung gerufen. So unwahrscheinlich, dass wir die Hoffnungen von Fritz Kuhn dämpfen müssen. Der Stuttgarter Oberbürgermeister hatte nämlich von der Bahn eine Klärung gefordert, wann das Projekt denn nun fertig werde und ob das eine Jahr Verzögerung gehalten werden könne. Und zwar noch im Laufe dieses Jahres. Das sei nämlich wichtig für die Anschlussplanung, schließlich solle 2027 in Stuttgart und Region eine IBA stattfinden. Worauf wir für die Playlist des grünen OB einen Song der Monkees von 1967 empfehlen: "Daydream Believer".


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