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Chaos auf Schienen

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Warten und Frieren auf Bahnsteigen. Seit Monaten fahren Regionalzüge im Südwesten ihren Plänen hinterher oder fallen gar ganz aus. Weil Loks und Lokführer schwächeln oder Waggons sich nicht kuppeln lassen. Aber man muss sich nicht alles gefallen lassen.

Das Thermometer sank rapide unter Null zwischen den Jahren. Doch trotz eisigen Winterwetters waren viele Menschen auf den Bahnhöfen unterwegs. Schließlich war Silvester, und in den Städten des Landes sollten die Feten zum Jahreswechsel steigen. Doch die Züge, die die Menschen zum Feiern bringen sollten, fuhren nicht.

Etwa im Filstal: Nur Minuten vor der fahrplanmäßigen Abfahrt verkündeten die Lautsprecher auf den Bahnsteigen, dass die Regionalbahn RB 19268, die sich um 18.38 Uhr von Ulm auf den Weg nach Stuttgart hätte machen sollen, ausfällt. Es blieb nicht die einzige Hiobsdurchsage. Auch der nächste Regionalzug (RB 19272 ab Geislingen 20.29 Uhr, an Stuttgart 21:40 Uhr) fuhr nicht. Zurück blieben bibbernde Bahnreisende, die nicht weiterwussten. Ratschläge, wie sie an ihr Ziel kommen sollte? Dazu schwiegen die Flüstertüten der Deutschen Bahn (DB).

Das Bahnelend von Silvester hat eine Vorgeschichte. Ende September war der Große Verkehrsvertrag des Landes mit der DB ausgelaufen. Er hatte dem Staatskonzern sechzehn Jahre lang sprudelnde Einnahmen im Schienennahverkehr beschert. Erst Winfried Hermann brachte die Quellen zum Versiegen: Der grüne Verkehrsminister teilte das Regionalzugnetz in Lose, staffelte Vertragslaufzeiten und änderte so die Ausschreibung, damit neben dem bisherigen Platzhirsch DB Regio auch kleinere Eisenbahnunternehmen wettbewerbsfähige Angebote unterbreiten konnten. Prompt verlor die Bahntochter die lukrativen Stuttgarter Nahverkehrsnetze an die private Konkurrenz.

Im Sommer 2019 sollen die holländische Abellio die Regionalverkehre von Stuttgart nach Bruchsal, Heilbronn und Tübingen übernehmen. Zeitgleich wird das britische Unternehmen Go Ahead Rems- und Filsbahn bedienen. Doch bis dahin darf die Deutsche Bahn weiterfahren. Denn DB Regio gewann die Ausschreibungen aller Übergangsverkehre, seit Oktober managt das Unternehmen den landesweiten Nahverkehr. Und seitdem regiert das Chaos: Viele der Regionalzüge kommen verspätet ans Ziel – wenn sie überhaupt fahren.

328 Züge fallen aus – so viel wie nie

Mitte Oktober gab es den ersten Negativrekord. In der Kalenderwoche 42 fielen landesweit 246 Züge aus. Doch es kam noch schlimmer: In der ersten Januarwoche schossen die Ausfälle auf 328 Züge hoch. Was einer Ausfallquote von 3,1 Prozent entspricht. "So viele Ausfälle hat es hierzulande noch nie gegeben", kritisiert Matthias Lieb. Dabei sage die Quote bei weitem nicht alles, so der Landesvorsitzende des Verkehrsclub Deutschland (VCD). Etwa über die Zahl der Betroffenen. Vor allem auf der Franken- und Remsbahn warteten Berufspendler oft vergebens auf ihren Zug, so Lieb. "Wenn in der Hauptverkehrszeit so etwas passiert, dann trifft es auf einen Schlag 300 bis 400 Fahrgäste", beschreibt er das Ausmaß des Desasters. Leidtragende sind auch Schüler. Mehrfach fielen in Sigmaringer Schulen Unterrichtsstunden aus, weil Kinder und Jugendliche an den Bahnhöfen im Kreis vergeblich auf den morgendlichen Regionalexpress aus Albstadt warteten.

Nicht nur deshalb sind viele Bahnreisende frustriert. Wenn die Regionalzüge fahren, dann sind sie oft verspätet unterwegs. Die Filsbahn erweist sich auch in dieser Hinsicht als Problemstrecke. Zwischen Stuttgart und Ulm war in der ersten Kalenderwoche des neuen Jahres mehr als jeder vierte Zug unpünktlich. Nur 72,6 Prozent der Bahnen fuhren nach Fahrplan. Nicht viel besser lief es auf der Frankenbahn nach Heilbronn sowie auf der Südbahn zum Bodensee, wo nur 79 Prozent der Züge "just in time" verkehrten. Zum Vergleich: Bundesweit fuhr die DB Regio im Jahr 2016 eine Pünktlichkeit von 94,8 Prozent ein. Die Verspätungsquote wäre allerdings viel höher, würde die Bahn nicht mit einem großzügigen Puffer rechnen. Züge, die bis 5 Minuten und 59 Sekunden hinter Fahrplan ankommen, gelten nach ihrer Lesart noch als pünktlich.

Schnell drängt sich der Verdacht auf, dass es die DB Regio vor allem auf den Strecken nicht so genau nimmt, die in einigen Monaten von der privaten Konkurrenz übernommen werden. Ganz nach dem Motto: nach mir die Sintflut. Tatsächlich liegt die Mehrzahl der Ausfälle im eigenen Verantwortungsbereich des Unternehmens, wie die bahninterne Statistik zur Betriebsqualität zeigt. "Schäden an Fahrzeugen" legten die Züge am häufigsten still.

Die "Silberlinge" wurden überhastet ersetzt

"Bis zum 30. September waren Züge im Einsatz, die funktioniert haben", sagt VCD-Vorsitzender Lieb. Aus politischen Gründen habe man die alten "Silberlinge"-Nahverkehrszüge, die teilweise seit 50 Jahren durchs Land rollten, überhastet durch gebrauchte Doppelstockwagen, so genannte DoStos, ersetzt, kritisiert er. Die seien zwar nur rund halb so alt, aber in weitaus schlechterem Zustand als das bisherige Wagenmaterial. "Es bringt nichts, wenn ich leichter in Doppelstockwagen einsteigen kann, deren Türen aber defekt sind", nennt er ein Beispiel.

Tatsächlich musste DB Regio Dutzende "DoStos" in anderen Bundesländern zusammenklauben und nach Baden-Württemberg überführen, um die mit dem Land vertraglich vereinbarte Modernisierung des Fuhrparks erfüllen zu können. Offenbar wurde dabei übersehen, dass sich die verschiedenen Waggon-Baureihen nicht immer koppeln lassen. "Es gab Kompatibilitätsprobleme", bestätigt ein Bahnsprecher, dass unterschiedliche Technik die Züge ausbremste.

Doch nicht nur dies sorgte für Ausfälle. Ähnlich oft fehlte es am Personal. "Im Januar hatten wir einen Peak bei den Krankmeldungen", begründet ein Bahnsprecher die hohe Ausfallquote zu Jahresbeginn. Logistikprobleme verschärften die Situation zusätzlich. Loks und Wagen standen nicht am richtigen Ort bereit. Hinter den Kulissen ist von schweren Managementfehlern bei DB Regio die Rede. Denn weit weniger oft bremsten "Dritte" die Regionalzüge aus, worunter Personenunfälle und defekte Infrastruktur fallen. Für kaputte Signale und Weichen ist mit DB Netz jedoch auch eine Bahntochter verantwortlich.

Pleiten, Pech und Pannen passierten zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt, nämlich mitten in der winterlichen Feinstaubsaison. "Autofahrer sollen wegen Feinstaubalarm auf Busse und Bahnen umsteigen. Und DB Regio zeigt, dass der Umstieg nicht funktioniert", kritisiert VCD-Chef Lieb.

Die Bahn muss beim Verkehrsminister antanzen

Auch aus diesem Grund ließ das Desaster im Verkehrsministerium die Alarmglocken läuten. Empört bestellte Winfried Hermann Anfang Dezember die DB-Regio-Manager zum Rapport ein. Wöchentlich müssen sie seither über Ursachen und Abhilfe bei Ausfällen und Verspätungen berichten. Daneben gibt es einen heißen Draht zwischen Bahn und Beamten. Man telefoniere fast täglich miteinander, heißt es aus dem Ministerium. Nach Kontext-Informationen intervenierte Hermann mehrfach direkt bei Bahn-Chef Rüdiger Grube und drängte auf Verbesserungen.

Das schärfste Schwert schwingt er bislang jedoch noch nicht: DB Regio kassierte noch keine offizielle Abmahnung. "Das würde den Konflikt verschärfen und Gespräche erschweren", begründet Ministeriumssprecher Edgar Neumann die Zurückhaltung. Derartige Sanktionen hätten weitreichende Folgen. Nach zweimaliger Abmahnung könnte das Land die Nahverkehrsverträge einseitig kündigen, DB Regio zur Leistungserbringung zwangsverpflichten und gefahrene Zugkilometer nach eigenem Ermessen vergüten. Experten warnen allerdings, dass sich DB Regio juristisch dagegen wehren könnte. Und der Nahverkehr völlig zum Erliegen käme.

Ohnehin muss die Bahn schon so bluten. Fällt ein Zug aus, zahlt das Land nicht. Im vergangenen Jahr kostete dies DB Regio über zwei Millionen Euro an Einnahmen. Hinzu kommen Strafzahlungen bei Verspätungen. Macht summa summarum fünf Millionen Euro im Jahr 2016.

Alles wird besser: Die Bahn schafft eine Taskforce

Die DB Regio reagierte – vollmundig mit einer "Taskforce Qualitätsstabilisierung BW". Die interne Eingreifftruppe soll in fünf Schwerpunktbereichen für Verbesserungen sorgen. So wurden etwa zusätzliche Loks geleast, Werkstattpersonal aus Ostdeutschland herbeibeordert, Boni für fleißige Mitarbeiter versprochen und eine neue Planungssoftware eingesetzt. Nicht zu vergessen eine neue Charmeoffensive. Über 2000 Stammkunden mit Jahresabonnement auf der Rems- und der Frankenbahn bekommen einen Monatsbetrag in Form eines Reisegutscheins erstattet, als Entschuldigung für Verspätungen und Ausfälle. Zuvor hatten zahlreiche Fahrgäste und die Bürgerinitiative "BI 780 Frankenbahn" gegen das Bahnchaos protestiert.

Der VCD begrüßte die Geste der Bahn. Sie geht dem Verkehrsclub jedoch nicht weit genug. Per Unterschriftenaktion fordert er für alle betroffenen Pendler Entschädigungen nach österreichischem Vorbild. In der Alpenrepublik erhalten Dauernutzer im öffentlichen Verkehr am Jahresende einen Nachlass in Höhe von zehn Prozent, wenn die Pünktlichkeit im Jahresschnitt unter den mit dem Betreiber vereinbarten Zielwert liegt.

Inzwischen deutet die aktuelle Betriebsstatistik an, dass die Nahverkehrszüge wieder zuverlässiger rollen. "Verbesserungen sind zuletzt eingetreten. Aber sie sind noch weit weg von dem, was wir uns vorstellen", betont Ministeriumssprecher Neumann. Natürlich sei nicht immer die Bahn schuld, wenn es Ausfälle und Verspätungen gebe, räumt er ein, in harten Wintern wie diesem könnten auch Weichen einfrieren. Doch DB Regio habe selbst gravierende Fehler gemacht, bekräftigt er. Das sieht auch der VCD-Vorsitzende so. "Wer sich an der Ausschreibung von Verkehrsverträgen beteiligt, weiß, was auf ihn zukommt", sagt Matthias Lieb.

Der Fahrgast hat auch Rechte

Die DB Regio Baden-Württemberg fährt jede Woche mit rund 10 500 Zügen durchschnittlich 700 000 Kilometer. Verspätete Züge oder Ausfälle brauchen Fahrgäste nicht schicksalhaft hinnehmen. Ein Beispiel: Nutzer des Nahverkehrs dürfen bei einer zu erwartenden Verspätung von mindestens 20 Minuten am Zielbahnhof ohne Aufpreis in höherwertige, nicht reservierungspflichtige Züge wie IC oder EC umsteigen. Oder: Verspätet sich ein Zug so stark, dass ein Bahnreisender sein Ziel erst am Morgen des Folgetags erreichen würde, müssen ihm die Kosten für Taxifahrt oder Hotelübernachtung erstattet werden. Details der Fahrgastrechte finden sich hier. Zur Unterschriftenaktion des VCD Ba-Wü zur Erstattungsregelung für Pendler nach österreichischem Modell geht es hier.


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14 Kommentare verfügbar

  • by-the-way
    am 30.01.2017
    Antworten
    @ Schwabe 28.01. 14.35 Uhr

    Danke!
    Ebenfalls meine volle Zustimmung zu Ihrem Kommentar.

    Diese Unternehmen "Deutsche Bahn AG" musss endlich für die täglich angerichteten Schäden an Zeitverlusten für ihre Kunden in Regress genommen werden.
    Und zwar gnadenlos zum Stundensatz, der nicht…
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