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Medienversagen in der Klimakrise

Nicht auf der Höhe der Zeit

Medienversagen in der Klimakrise: Nicht auf der Höhe der Zeit
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Die Weltklimakonferenz in Glasgow ist womöglich die letzte Chance, um die Erderwärmung auf ein erträgliches Maß zu begrenzen. Derweil offenbaren JournalistInnen in der Berichterstattung über die Energiewende erschreckende Wissenslücken – und verbreiten fatale, längst widerlegte Narrative.

Am 14. Juli kam der große Regen: Innerhalb von 24 Stunden fielen in Teilen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen 100 bis 150 Liter Regen pro Quadratmeter. Die Folge waren Sturzfluten und Überschwemmungen, die mindestens 182 Tote und hunderte Verletzte verursachten und enorme Zerstörungen hinterließen. Allein im Ahrtal verloren mindestens 17.000 Menschen ganz oder teilweise Hab und Gut. Zahlreiche Bahnstrecken, Straßen, Brücken sowie vielerorts auch die Gas-, Strom- und Wasserversorgung wurden zerstört. Der Gesamtschaden der Flutkatastrophe wird auf bis zu 30 Milliarden Euro taxiert.

Milliardenschwere Folgeschäden

Die Flutkatastrophe im Juli und ein Hagelsturm im Frühsommer machen 2021 für die deutschen Versicherer wohl zum Jahr mit den höchsten Naturgefahren-Schäden seit mindestens 50 Jahren. Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), beziffert die "versicherten Unwetterschäden an Häusern, Hausrat, Betrieben und Kraftfahrzeugen" auf rund 11,5 Milliarden Euro. Eine vom GDV beauftragte Analyse von Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) verheißt nichts Gutes. Demnach hat sich in Deutschland die "Zahl der Hitzetage seit den 1950er Jahren verdreifacht", so Asmussen. "Die dynamische Zunahme zeigt, dass der Klimawandel auch in Deutschland deutliche Spuren hinterlässt", sagt er. Dadurch steigen die Gefahren für mehr Hitzetote, Dürren und Waldbrände. Ernteausfälle dürften drastisch zunehmen, weil Böden weiter austrocknen oder mehr Schädlinge Pflanzen zerstören. Zugleich wird es mehr und intensivere Starkregenereignisse geben, weil die aufgeheizte Atmosphäre mehr Feuchtigkeit speichert. "Flutkatastrophen wie jüngst an Ahr und Erft zeigen, mit welcher Wucht uns der Klimawandel treffen und welches Ausmaß er anrichten kann", betont Asmussen.  (jl)

Keine zwei Monate nach den Überschwemmungen übertragen ARD, ZDF sowie die Privatsender RTL/NTV und Sat1/Pro7 die TV-Trielle. Vor einem Millionenpublikum stellen sich die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und ihre Konkurrenten Olaf Scholz (SPD) und Armin Laschet (CDU) den Fragen prominenter TV-ModeratorInnen. Kurz vor der Bundestagswahl löchern Maybrit Illner (ZDF), Pinar Atalay, Peter Kloeppel (beide RTL) und Co. die Studiogäste auch zum Thema Klimaschutz – doch anders als nach der Flutkatastrophe zu erwarten war.

Statt den Politikern auf den Zahn zu fühlen, wie und was sie gegen die Klimakrise zu tun gedenken, skizzieren die Moderationsteams ein seltsames Horrorszenario: in den Untergang führt nicht die Erderwärmung, sondern der Kampf dagegen. "Der Schutz des Klimas wurde in allen Triell-Fragen nur als Kostenfaktor hingestellt, das meistgenannte Wort war 'teuer'", sagt Raphael Thelen vom Netzwerk Klimajournalismus Deutschland. Dahinter stehe das Narrativ: "Klimaschutz bedeutet Verbote und Verzicht und kostet die Bürger Unmengen an Steuergeldern."

Thelens Netzwerk hat die Trielle fachlich analysiert. Das Ergebnis fällt vernichtend aus: kein Moderator und keine Moderatorin habe den Ernst der Lage adäquat dargestellt. "An keiner Stelle wurde nach bereits bestehenden Lösungsmöglichkeiten so gefragt, dass es motivierend und ermutigend auf das Publikum wirkte", lautet die Kritik. "Sämtliche Fragen zum Klimaschutz waren falsch herum gestellt. Denn richtig teuer wird es erst, wenn es keinen Klimaschutz gibt." Dieser Sachverhalt sollte eigentlich zum journalistischen Standardwissen gehören.

Teuer, teuer, teuer?

Bei RTL und NTV liegt der Fokus der Fragen beim Klima-Themenblock im Triell auf Verboten, Kosten, Verzicht und Belastungen für die Bürgerinnen und Bürger. Mehrfach antworten die ModeratorInnen sogar selbst, Peter Kloeppel etwa: "Sprit wird teurer, Heizöl wird teurer, Gas wird teurer."

Bei den Öffentlich-Rechtlichen sieht es ähnlich aus. ARD-Chefredakteur Oliver Köhr an Baerbock: "Die Klimawende wird mindestens so teuer wie die deutsche Einheit." ZDF-Moderatorin Illner ergänzt: "Geschätzt eine Billion." Illner weiter: "Dann müssen Sie (…) sagen, dass es teuer werden wird und dass es um all die Dinge des Lebens – Wohnen, Verkehr, Arbeit – eine Verteuerung geben wird." Danach Köhr an Scholz: "Es wird richtig teuer."

Gleichfalls einseitig läuft es bei Pro7/Sat1. Moderatorin Claudia von Brauchitsch zu Baerbock: "Grüner Klimaschutz bedeutet, Heizen wird teurer. Nach Malle fliegen und Fleisch essen kann man eigentlich auch nur mit schlechtem Gewissen. Autofahren wird auch teurer, weil der CO2-Preis rasant steigt. Irgendwie klingt grünes Leben so ein bisschen anstrengend." Und an den Unions-Kandidaten gewandt: "Was kostet Klimaschutz unter einem Kanzler Laschet?"  (jl)

Beispiele für verkürzte und irreführende Darstellungen hat das Netzwerk in einem offenen Brief an die Intendanten und Chefredaktionen der Sender dokumentiert.

Auch von anderen kassierten Illner & Co. heftige Klatschen. Im "Spiegel" wertete Christian Stöcker, Medienprofessor in Hamburg, die Trielle als "Ausdruck eines flächendeckenden journalistischen Versagens". Die Moderationsteams seien "einfach nicht auf der Höhe der Zeit" gewesen.

Grundkenntnisse fehlen

Tatsächlich scheint das komplexe Thema Klimawandel viele in der Medienbranche fachlich zu überfordern. "Zahlreiche Studien zeigen, dass die breite Masse der Journalisten nur über eine naturwissenschaftliche Grundbildung oder sogar nicht einmal über diese verfügt", nennt der Dresdner Medienwissenschaftler Sven Engesser als Grund für themenspezifische Wissensdefizite. Allerdings sei dies nur ein möglicher Faktor, der die Arbeit der Journalisten zur Klimaforschung präge, erläutert Engesser während eines Vortrags über Einflüsse auf Nachrichtenentscheidungen von Klimajournalisten.

So könne die redaktionelle Linie eines Medienhauses auf den Umgang mit dem Komplex abfärben, erwähnt er. Daneben werde die Berichterstattung auch durch persönliche Meinungen und Einstellungen beeinflusst. "Kognitive Frames bestimmen, wie über das Thema geschrieben wird", so Engesser.

Beispiele dafür finden sich weltweit. "In den USA ist es natürlich Fox News, die da hervorstechen. Erst recht in der Ära Trump", kommentiert der Medienwissenschaftler. Unter den amerikanischen Zeitungen habe etwa das "Wallstreet Journal" lange eine Art Speerspitze bei der Wissenschaftskritik gebildet. "Wahrscheinlich wegen einer gewissen Wirtschaftsfreundlichkeit", vermutet er. Die "New York Times" oder die "Washington Post" berichteten dagegen vorwiegend wissenschaftsfreundlich.

Laut Engesser sticht unter den deutschen Wissenschaftsjournalisten Axel Bojanowski heraus, der von 2010 bis 2019 in der Wissenschaftsredaktion von "Spiegel Online" arbeitete. Zum Oktober 2019 wechselte er für drei Monate als Chefredakteur zum Stuttgarter Konradin-Verlag, wo er "Bild der Wissenschaft" und "Natur" leitete. Seit August 2020 ist er Chefreporter Wissenschaft beim konservativen Springer-Medium "Welt". Während Bojanowskis Zeit beim "Spiegel" sei die Klimaberichterstattung des Hamburger Magazins sehr schwer zu verorten gewesen, formuliert es Engesser noch recht vage.

Deutlicher ist die Kritik an Bojanowski im Netz. "Seine Behauptungen zum Klimawandel sind nachweislich falsch", sagt etwa Stefan Holzheu vom Zentrum für Ökologie und Umweltforschung an der Uni Bayreuth. Zudem sei der Chefreporter auf Twitter reihenweise am Blockieren, wo Unzulänglichkeiten in seinen Artikeln moniert werden. Der Anfang Mai erschienene Artikel "Die unterschätze Macht der grünen Lobby" von Bojanoswski bildete im Vorfeld der Bundestagswahl den Auftakt zu einer Kampagne der Springer-Medien "Welt" und "Bild" gegen Greta Thunberg und deren Klimaschutzbewegung Fridays for Future.

Nicht einmal die AKW-Betreiber wollen noch Kernkraft

Aktuell rühren Bojanowski und konservative Medien die Werbetrommel für eine Wiederbelebung der Atomkraft. Vor der Weltklimakonferenz in Glasgow, die am Sonntag beginnt, werden die Meiler zu Klimarettern stilisiert. Am 13. Oktober veröffentlichte "Welt online" einen offenen Brief, überschrieben mit "Liebes Deutschland, bitte lass die Kernkraftwerke am Netz".

Unter den zwei Dutzend Unterschriften aus aller Welt sind auch Vertreter des hiesigen Atomkraft-Lobbyvereins Nuklearia. Der genießt zwar in Fachkreisen keine wissenschaftliche Reputation, wird von konservativen Medien aber oft als Kronzeuge für die Technologie präsentiert.

Wenige Tage darauf warnte Bojanowski in der "Welt", dass sich Deutschland mit "raus aus der klimaschonenden Kernkraft, rein in klimaschädliches Erdgas" auf einen "riskanten Sonderweg" begebe. Das Land mache sich abhängig von Putin, zahle hohe Energiepreise und produziere am Ende noch mehr Treibhausgase. "Eine kleine Chance für die Kernkraft gibt es noch, aber wieder traut sich niemand, darüber zu sprechen", forderte auch er längere Laufzeiten.

Zeitgleich sprangen Klimaskeptiker auf den Zug auf. Die Vereine "Vernunftkraft" und "Energievernunft Mitteldeutschland" warfen der Bundesregierung in einem Positionspapier einen "Irrweg in der Klima- und Energiepolitik" vor und machen das an hohen Energiekosten fest: "Die aktuelle Entwicklung der Gas- und Strompreise ist besorgniserregend und ein Alarmsignal." Die Deutsche Presseagentur (dpa), zu deren Kundenkreis alle größeren Medien der Republik zählen, verbreitete dies und ließ dabei auch den früheren Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt (SPD) zu Wort kommen: "Explodierende Energiepreise und Versorgungsengpässe sind vor allem ein Zeichen des Mangels und vor diesem Hintergrund ist die Stilllegung der letzten sechs Kernkraftwerke in den nächsten 14 Monaten unverantwortlich."

Foto: Joachim E. Röttgers

Atomkraft? Nein danke! Statements der AKW-Betreiber

"Das Kapitel Kernenergie ist abgeschlossen. Das heißt ganz praktisch: Wir werden unsere verbliebenen zwei Kernkraftwerksblöcke entsprechend der gesetzlichen Fristen stilllegen", sagt ein RWE-Sprecher auf Kontext-Anfrage.

"Ein Weiterbetrieb unserer Kernkraftwerke über den gesetzlichen Endtermin 2021 bzw. 2022 hinaus ist für uns kein Thema", betont die Sprecherin der bei Eon angesiedelten PreussenElektra.

"Der Ausstieg aus der Kernenergie ist 2011 im politischen und gesellschaftlichen Konsens beschlossen worden und gesetzlich klar geregelt. Die Nutzung der Kernenergie für die Stromproduktion hat sich damit in Deutschland erledigt", antwortet ein EnBW-Sprecher, für den sich "weitere hypothetische Fragestellungen in diesem Kontext" daher nicht stellen.  (jl)

Die dpa, deren Meldungen inzwischen teils automatisiert in den News Feed von Medien wie der "Süddeutschen Zeitung" übernommen werden, versäumte es freilich, Hintergründe in ihrer Aussendung mitzuliefern. Der Verein Vernunftkraft ist der Dachverband von Anti-Windkraft-Initiativen und setzt sich laut Lobbypedia für einen Ausbaustopp von Erneuerbaren Energien und den Weiterbetrieb von Kohle- und Kernkraftwerken ein. Die Argumentationsmuster stimmten weitgehend mit denen von Leugnern des menschengemachten Klimawandels überein. Politisch unterstützt wird Vernunftkraft von der AfD und Teilen der FDP. Vahrenholt gilt ebenfalls als sogenannter Klimaleugner. Kontext berichtete bereits über beide (hier, hier und hier) – was "Vernunftkraft" als Diffamierung, Räuberpistole und Grenzüberschreitung empfand.

Die ungelöste Endlagerung des strahlenden Atommülls? Kein Thema. Auffallend auch, dass weder Chefreporter noch dpa interessiert, was die Reaktorbetreiber selbst zur Laufzeitverlängerung sagen. Kontext übernimmt diesen Job, und erhält von den Energiekonzernen sinngemäß die gleiche Antwort: Atomkraft, nein danke. "Um die Energiewende und damit den Klimaschutz erfolgreich zu machen, braucht es aus unserer Sicht vor allem Tempo. Es gilt jetzt, die Ausbauziele für die Erneuerbaren Energien zu erhöhen, den Netzausbau zu beschleunigen und Genehmigungsverfahren etwa für Windenergieanlagen zu verkürzen", betont Jan Peter Cirkel, Sprecher der RWE Power AG.

Der Kostenvorteil der Kernkraft ist ein Gerücht

Auch der angesichts gestiegener Energiepreise stets angeführte "Kostenvorteil" von Atomenergie entpuppt sich bei einer genaueren Recherche als Wunschdenken. Tatsächlich sind es die Erneuerbaren, die die Kosten für Elektrizität nach unten drücken. So sorgte Sturmtief Ignatz in der vergangenen Woche für Rekordeinspeisungen von Windenergie. Zeitweise erreichte der Anteil von Wind, Solar & Co. 80 Prozent der Stromproduktion, was die Preise an der Leipziger Strombörse in den Keller rauschen ließ. Am Freitag kostete dort eine Megawattstunde (MWh) im Schnitt 71,87 Euro. An der Pariser Strombörse lag der durchschnittliche Preis hingegen bei 209,65 Euro, in Norditalien bei 235 Euro. Atomkraft macht im französischen Strommix rund 70 Prozent aus, in Italien liefern Gaskraftwerke den meisten Strom.

Auch wenn es widersprüchlich erscheint: Durch das Ende der Kernkraft steigt der Anteil klimafreundlicher Energien im deutschen Stromnetz. "Wenn am 30. Dezember 2021 das Kernkraftwerk Brokdorf bei Hamburg abgeschaltet wird, werden Netzkapazitäten für Windenergie aus norddeutschen Windparks frei", betont Professor Bruno Burger vom Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE. Wegen Netzengpässen hätten Wind- und Solarparks im vergangenen Jahr bundesweit ihre Leistung um rund sechs Terrawattstunden (TWh) drosseln müssen. Erneuerbare speisten in diesem Zeitraum 236,5 TWh ein, konventionelle Energieträger (Kohle, Kernkraft und Gas) 266,2 Twh.

Das Fazit? Anders als die Moderatorinnen und Moderatoren in den TV-Triellen, "Welt"-Chefreporter Bojanowski und "Vernunftkraft" behaupten: Investitionen in Klimaschutz und Energiewende sind nicht nur sinnvoll, um Folgekosten zu vermeiden – sie zahlen sich auch heute schon aus.

Der Offene Brief des Netzwerks Klimajournalismus Deutschland an die Sender blieb bislang unbeantwortet. "Die Kritik ist berechtigt", reagierte die dpa auf Kontext-Hinweise und reichte eine um den fehlenden Hintergrund zu "Vernunftkraft" und Fritz Vahrenholt ergänzte Berichtigung ihrer Meldung nach.


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4 Kommentare verfügbar

  • Johannes Frübis
    am 30.10.2021
    Antworten
    Nun, in Sachen Energie sind die 3 großen MMM wichtig.
    M1 für Machtpolitik.
    M2 für Monopolpolitik.
    M3 für Mandatsmissbrauch.
    M1 z.B. Es wird versucht, die Öffentlichkeit zu beeinflussen.
    Frankreich möchte Subventionen von der EU für Ihre Atomkraft.
    Gleichzeitig wir damit auch die…
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