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World Press Photo Award

Die Augen im Sturm

World Press Photo Award: Die Augen im Sturm
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2020 war ein ziemliches Katastrophenjahr. Die besten Pressefotos dieser zwölf Monate, aktuell in Balingen ausgestellt, dokumentieren mitunter apokalyptisch anmutende Szenen. Aber sie zeigen auch Hoffnung und Hingabe, ein Durchhalten und Weitermachen trotz schwieriger Umstände.

Im Gegensatz zu vielen Desastern, denen die Menschheit ohne Einfluss ausgeliefert ist, gehören globale Hungersnöte zu den vermeidbaren Katastrophen, wie ein aktueller Bericht der Vereinten Nationen (UN) betont. Genügend Lebensmittel, um alle zu versorgen, gäbe es jedenfalls. Während aber weltweit jedes Jahr etwa 1,3 Milliarden Tonnen an Nahrung ungegessen im Mülleimer landen, ist der Mangel wieder auf dem Vormarsch. Laut UN habe sich die Lage jüngst massiv verschlechtert, sodass inzwischen ein Zehntel der Erdbevölkerung an Unterernährung leidet, wobei 44 Prozent der weniger als sechs Monate alten Kinder betroffen sind.

Die Corona-Pandemie hat an der erheblichen Verschlechterung der globalen Versorgungslage einen bedeutenden Anteil. Doch nicht alle Probleme sind darauf zurückzuführen. Besonders dramatisch ist die Lage im kriegszerrütteten Jemen, wo laut den UN eine der größten humanitären Katastrophen der Gegenwart zu beobachten ist und die Hungersnot für 400.000 Kinder lebensbedrohliche Ausmaße angenommen hat. Zur grausamen Realität gehört, dass es in erster Linie nicht die Versorgungslage ist, die diesen Missstand begründet, sondern die finanzielle Situation von Menschen, die alles verloren haben und sich Lebensmittel nicht mehr leisten können.

Der argentinische Fotojournalist Pablo Tosco hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Tragödie zu dokumentieren. Ein Schicksal, das er auf einem Bild festgehalten hat, ist das der Fischerin Fatima, die in der Bucht von Khor Omeira täglich von frühmorgens bis zum Abend auf dem Meer ist, um ihren neun Kindern ein Überleben zu ermöglichen. Toscos Fotografie mit dem Titel "Hunger, eine weitere Kriegswunde", von der niederländischen Stiftung World Press Photo preisgekrönt in der Rubrik "Probleme der Gegenwart", zeigt Fatima mit einem ihrer Söhne und ihrem größten Vermögen: dem Fischerboot, an dem die Existenz ihrer Familie hängt.
 

Dramatisch ausgebreitet hat sich der Hunger auch im Osten Afrikas, in Indien und in Pakistan, wo die schlimmste Heuschreckenplage seit 70 Jahren verheerende Auswirkungen auf die Ernteerträge hatte. Angefangen in Kenia, breitete sich ein gewaltiger Schwarm aus, mit Hunderten von Wüstenheuschrecken, von denen eine jede tagtäglich ihr Eigengewicht verschlingen kann. Ein Schwarm von der Größe Paris' verbraucht dabei so viel Essen wie die halbe Bevölkerung Frankreichs – der Heuschreckenschwarm von 2020 war jedoch mehr als zwanzig Mal größer als die französische Hauptstadt.

Einen verzweifelt anmutenden Versuch, die Plage zu vertreiben, hat Luis Tato in Bildform gebracht. Der in Nairobi lebende Fotojournalist wurde mit seiner Arbeit, die Henry Lenayasa, den Häuptling der Siedlung Archers Post im Norden Kenias, zeigt, für das Foto des Jahres nominiert.
 

Während es sich bei den Hungersnöten der Gegenwart noch um eine Versorgungskrise handelt – theoretisch gäbe es genügend Essen für alle –, könnte sich dieses Menschheitsproblem zur handfesten Mangelkrise ausweiten: Mit voranschreitendem Klimawandel steigt die Wahrscheinlichkeit von Missernten, fruchtbare Landstriche verdorren und werden für Anbau und Landwirtschaft unbrauchbar.

Die Folgen der Erderhitzung – schmelzende Gletscher, totes Land, brennende Wälder – sind auf etlichen Bildern festgehalten. Ein besonders bedrückendes Zeugnis von der verzweifelten Hilfslosigkeit, mit der Menschen der einsetzenden Katastrophe begegnen, ist eine Aufnahme aus der brasilianischen Pantanal-Region: Männer in Schutzanzügen versuchen, den verheerenden Brand mit Schaufeln einzudämmen. Doch in Flammen steht fast ein Drittel des größten Feuchtgebiets der Erde, wobei die Ausbreitung der Brände durch die anhaltende Dürre extrem begünstigt ist. Lalo de Almeidas Bild, das die Szene dokumentiert, ist auf Platz 1 in der Rubrik Umwelt gelandet.

Doch trotz vieler Krisenherde ist keine Katastrophe nur Verzweiflung. Katastrophen sind immer auch Zeichen der beeindruckenden Anstrengungen, die Menschen auf sich nehmen, um auch unter größter persönlicher Aufopferung die Folgen für andere zu mildern. Und kaum irgendwo hat bedingungslose Hilfsbereitschaft mehr Respekt verdient als in der Gesundheitsfürsorge, bei der die erbrachten Leistungen nicht nur Freunden, Familie und Bekannten dienen, sondern allen.

In Mexiko, wo Präsident López Obrador die gegenwärtige Pandemie extrem verharmloste, waren die Pflegekräfte besonders betroffen: Nirgends gab es, gemessen an der Bevölkerung, mehr Corona-Infektionen unter dem medizinischen Personal, nämlich mehr als 78.200 (Stand November 2020). Der Fotograf Iván Macías hat mit seinem Porträt einer der vielen Krisenheldinnen, einer Ärztin aus Mexiko-City, den zweiten Preis in der Kategorie Personenfotografie gewonnen.
 

Für Hoffnung sorgt auch die Momentaufnahme von Evelyn Hockstein aus Washington DC, ebenfalls nominiert für das Bild des Jahres. Zu sehen ist hier ein Disput zwischen einem weißen Mann und einer BPoC, am Rande von Black-Lives-Matter-Protesten (BLM) gegen das Emancipation Memorial in der Hauptstadt. Das Denkmal, im Hintergrund abgebildet, zeigt den 16. US-Präsidenten Abraham Lincoln mit der Emanzipationsproklamation in der einen Hand, während er die andere über den Kopf eines demütig kauernden Schwarzen in Lumpen hält. Nach Kritik aus der BLM-Bewegung an dieser paternalisierenden Darstellung ist die Statue vom Lincoln Park ins Museum gewandert.

Dass Diskriminierte in den USA und weltweit sich zusammenschließen und Massenproteste gegen strukturelle Diskriminierung und rassistische Polizeigewalt auf die Straßen tragen, gehört zu den guten Momenten des Katastrophenjahrs 2020. Und bei zahlreichen Krisen ist es wichtig, den Blick für das Positive, das auch in finsteren Stunden bleibt, beizubehalten. So ist das Bild des Jahres keines, das nur Schrecken festhält, sondern eine einfühlsame Aufnahme mit starker symbolischer Botschaft: Der dänische Fotograf Mads Nissen hat die 85-jährige Rosa Luzia Lunardi mit der Pflegerin Adriana Silva da Costa Souza abgebildet – bei ihrer ersten Umarmung seit fünf Monaten.

Lunardi lebt in einem Heim in São Paulo, wo die Bewohnerinnen und Bewohner durch Isolation vor dem Risiko einer Corona-Infektion abgeschirmt worden sind. Auch das Personal war angehalten, den körperlichen Kontakt mit Angehörigen der Risikogruppe auf ein Minimum zu reduzieren. Die Erfindung des Hug Curtain ("Umarmungsumhang") ermöglichte es Lunardi, nach langer Körperlosigkeit wieder gedrückt zu werden – und ihr Lächeln bezeugt, dass nach harten Zeiten auch wieder gute folgen.


Info:

World-Press-Photo-Ausstellung auf Tour – die rund 150 Fotografien, die dieses Jahr von World Press Photo gewürdigt worden sind, werden rund um die Welt ausgestellt. Noch bis zum 29. August sind sie in Balingen zu sehen. Stadthalle, Hirschbergstraße 38, täglich von 10 bis 19 Uhr. Sonntags erst ab 11 Uhr, dienstags und donnerstags bis 21 Uhr.


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