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Female Photographers

Frauenbilder

Female Photographers: Frauenbilder
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Derzeit zeigt das Mini-Museum Kulturkiosk im Stuttgarter Züblin-Parkhaus mit "The Body Issue" Fotografien der Female Photographers. Einer Gruppe Fotografinnen, die der überall präsenten männlichen und heteronormativen Fotografie etwas entgegensetzen möchte. Und weil jegliche Kultur gerade unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet: hier eine Schaubühne.

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Erst war es profaner Abstellplatz für PKW, jetzt ist es Stätte für Kunst und Kultur: das Züblin-Parkhaus in Stuttgarts Mitte. Die Kunstvermittlerin Sara Dahme hat darin vor einiger Zeit den Kulturkiosk eröffnet und einen knapp vierzig Quadratmeter kleinen Raum in eine Ausstellungshalle verwandelt, in der unter normalen Umständen Gesellschaft, Kultur und Politik stattfinden.

Noch bis zum 28. Februar sind dort Fotografien des Kollektivs Female Photographers Org ausgestellt, einer Gruppe Fotografinnen, die mit ihren Arbeiten dem "male gaze", dem männlichen Blick durchs Objektiv in Film, Fotografie und Werbung, eine weibliche Taskforce entgegensetzen wollen.

Lilly Urbat ist eine von ihnen. Sie ist Grafikerin, Videokünstlerin und Fotografin aus Berlin, 32 Jahre alt, und hat schon im Studium gemerkt, dass sich vor allem "die Jungs untereinander die Aufträge zuschachern", dass Kommilitonen grundsätzlich mehr gebucht wurden als Kommilitoninnen. Unter Männern, und vor allem in einem sowieso schon männlich dominierten Beruf, herrsche so ein "Bro-Ding", das bei Frauen nicht so ausgeprägt zu sein scheint. Was schade ist, auch schade, dass "der Markt vor allem den Blick der Männer will, nicht den der Frauen, die das Weibliche eben nicht nur möglichst sexy abbilden."

Damit sich das ändert und weil man gemeinsam immer stärker ist als im Einzelkampf, haben die beiden Fotografinnen Veronika Faustmann und Kirsten Becken Anfang 2019 das Netzwerk gegründet, das derzeit um die zwanzig Fotografinnen mit breitem Portfolio umfasst – von klassischer Fotografie bis zur abgefahren-experimentellen, von harter Realität bis inszenierte, weiche Traumwelten.

Die Bilder zeigen Frauen nicht als Verkaufsargument für Waren aller Art oder als Objekte in immer gleicher Glattheit. Die Bilder des Kollektives zeigen Frauen, wie sie sich selbst sehen, sie bilden Frauen mit Altersfalten ab, runde Frauen mit Dellen und Kanten, fantastisch bisweilen, wunderschön, manchmal schaurig. Sie zeigen Männerakte in weiblichen Posen, Transpersonen, Frauen, die sich in ihrer eigenen Sexualität inszenieren und nicht inszeniert werden für ein auch im 21. Jahrhundert noch sehr festgefahrenes Gesellschaftsbild.

Da gibt es die amerikanische Fotografin Haley Morris-Cafiero, eine runde Frau, die per Selbstauslöser fotografiert, wie Passanten auf ihre bloße Anwesenheit reagieren, sie despektierlich anstarren, auslachen, belächeln, in Fußgängerzonen, am Strand, auf der Straße.

Mit dabei ist die amerikanische Dokumentarfotografin Maggie Steber, die New Yorker Fashionfotografin Oriana Layendecker, die für Dior und Michael Kors fotografiert. Oder Meki Fekadu, eine Afrodeutsche, die gemeinsam mit einer Kollegin vor einigen Jahren die Ausstellung "Gurlz with Curlz – we are more than stereotypes" in München zeigte: Detailaufnahmen von gelocktem Haar, jeweils mit einem Portrait der Frisurenträgerin versehen. Der Anstoß: Wer krauses Haar hat, werde andauernd von Wildfremden gefragt, ob man denn mal an den Kopf fassen dürfe.

Ziel der Female Photographers ist es, Frauen im Fotobusiness mehr Einfluss und Sichtbarkeit zu verleihen. Denn das Bild des Fotografen, so sieht es das Kollektiv, sei dominiert von der Vorstellung des einsamen Wolfs, der kinder- und familienlos ungebunden durch die Welt streift. Als sei es Frauen, die Kinder bekommen haben, verwehrt, gute Fotografie zu machen. "Wir Frauen müssen Banden bilden", sagt Lilly Urbat. "Dann können wir viel mehr erreichen."

Über eine Kickstarter-Kampagne haben die Female Photographers ihren ersten Bildband finanziert. Der zweite ist schon in der Mache. Und weil die Ausstellung im Kulturkiosk, wie alles, geschlossen bleiben muss: Kunst kaufen geht immer, zum Beispiel hier.


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