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Hitchcock-Comic

Die Laster der anderen

Hitchcock-Comic: Die Laster der anderen
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Alfred Hitchcock hat das Erzählen in Bildern vorangetrieben, seine Schauspieler getriezt und seine Ängste und Obsessionen auf den Kinozuschauer übertragen. Ein Comic versucht nun, Leben und Werk dieses Mannes zu erfassen.

Es ist Nacht, eine Schreibtischlampe brennt, ein junger, aber schon recht beleibter Mann sitzt da wie ertappt, schaut den Betrachter an und fragt: "Mama?!" In diesem vorangestellten kleinen Panel haben der Autor Noël Simsolo und der Zeichner Dominique Hé ein biografisches Thema angespielt, das sie beim ganzseitigen Auftakt ihres Hitchcock-Comics ins Werk des Regisseurs erweitern. An der Fassade eines Pariser Kinos prangt im Jahr 1960 Anthony Perkins mit schreckgeweiteten Augen auf einem "Psycho"-Plakat, über ihm (!) ist Hitchcock selber zu sehen, der das Publikum bittet, nicht das Ende seines Films zu verraten. Und schon zitiert der mit klarer Linie gezeichnete und auf traditionelles Layout vertrauende Comic aus diesem obsessiv mutterfixierten Thriller. Er stellt jene mörderische Duschszene nach, die damals die ganze Welt schockiert – in einer Art Split-Panel-Technik werden die Bilder mit solchen vom Publikum in Berlin, Tokio und Dakar gekoppelt – und sich in die Filmgeschichte eingeschlitzt hat.

Hitchcock hat immer noch einen großen Namen, aber für eine jüngere Zuschauergeneration ist er vielleicht kein Begriff mehr, der sich sofort mit Inhalt füllen ließe. Und wer so dröge Remakes wie etwa das von Netflix produzierte "Rebecca" vorgesetzt bekommt, der ahnt wohl nicht, wie viel tiefer das 1940 gedrehte Original in menschliche Abgründe blicken lässt. Hitchcocks "Rebecca" war des Regisseurs erster Hollywoodfilm, was für diese auf zwei Bände angelegte Comic-Biografie bedeutet: Dieser Film wird hier noch keine größere Rolle spielen. Der nun vorliegende erste Band heißt nämlich "Der Mann aus London", und auch wenn zeitlich immer wieder vorausgegriffen wird und Hitchcock 1954 in einer Rahmenhandlung im Gespräch mit Cary Grant zu sehen ist – die beiden sitzen in einer "Über-den-Dächern-von-Nizza"-Drehpause auf der Terrasse des Carlton in Cannes –, so beschäftigt er sich im Wesentlichen doch mit den englischen Jahren des Meisterregisseurs.

Die in England gedrehten Filme, so wie dieser Comic alle in Schwarzweiß, zeigen die rasante Entwicklung eines Mediums und vor allem die eines Mannes, der es nicht nur virtuos bedient, sondern quasi erfindet. Immer wieder verweist Simsolo auf Hitchcocks Erzählen in Bildern, auf visuell-narrative Techniken, mit denen er auf Zwischentexte im Stumm- und später auf Dialoge im Tonfilm verzichten kann. Hier entsteht also das, was später als Hitchcock-Touch berühmt wird. Schon sehr früh ist der Regisseur auch darauf bedacht, sich selber zum Markenzeichen zu machen, und dazu gehören wohl auch seine "practical jokes", jene nicht ganz so harmlosen Streiche, die er seinen Akteuren spielt. Er kann ein schadenfreudig-hämischer Manipulator sein, der seine Macht genießt. Und er pflegt seine Marotten, zerdeppert etwa "zur Entspannung" am Set Teetassen, die ein Assistent sofort aufkehrt.

Wampe statt Sex

Hitchcock, der später den Kinozuschauer an seinen Ängsten und Obsessionen teilhaben ließ, wurde streng katholisch erzogen und ging auf ein Jesuitencollege. Sein Vater schickte ihn mal, als er sechs Jahre alt war, auf eine Polizeiwache, wo er "probehalber" in eine Arrestzelle gesteckt wurde. Es ist eine der bekanntesten Hitchcock-Anekdoten, sie wird auch im Comic erzählt, genauso wie viele andere. Man könnte fast sagen: Der Autor Simsolo versucht, aus Anekdoten einen Charakter zusammenzusetzen. Das betrifft auch die seltsame "working relationship" mit Alma, die der junge Hitchcock als Cutterin kennengelernt und für die er sich bis zur Ehe "aufgehoben" hat. Wie gesagt, Hitchcock ist nicht nur Engländer, sondern auch schwer katholisch. Was Sex angeht, so verweist er im Comic auf sein Gewicht und sagt: "Mir entgeht das Vergnügen an dieser Gymnastik …". Hitchcock verlagert seine Triebinteressen auf die Nahrungsaufnahme ("Ich esse zum Vergnügen"), wuppt selbstbewusst seine Wampe ins Bild, beobachtet aber auch genau, was andere so treiben.

Als in der Bar des Carlton eine Luxushure mit einem Freier abzieht und bald wieder da ist, bemerkt Cary Grant: "Sie war schnell." Hitchcock erklärt ihm: "Weil ihr Kunde einen vorzeitigen Orgasmus hatte." Und warum werden von ihm als Heldinnen Blondinen bevorzugt? In einem Gespräch mit Truffaut, bei dem sich der Comic bedient, sagt der Regisseur: "Ich finde, die englischen Frauen, die Schwedinnen, die Norddeutschen und die Skandinavierinnen sind interessanter als die romanischen, die Italienerinnen und die Französinnen. Der Sex darf nicht gleich ins Auge stechen. Eine junge Engländerin mag daherkommen wie eine Lehrerin, aber wenn Sie mit ihr in ein Taxi steigen, überrascht sie Sie damit, dass sie Ihnen in den Hosenschlitz greift." Viele Jahre später, da war Hitchcock längst tot, hat Tippi Hedren ("Die Vögel") Metoo-Vorwürfe gegen ihn erhoben.

"Er ist sehr interessiert an den Lastern der anderen", sagt Alma im Comic über ihren Mann. Der stellt sich auch so einiges vor, etwa wenn er bei den Dreharbeiten zum Thriller "Die 39 Stufen" seine Hauptdarsteller Madeleine Carroll und Robert Donat stundenlang aneinandergefesselt lässt, weil er angeblich den Handschellen-Schlüssel verlegt hat. Hitchcock malt sich nun aus, wie es wohl wäre, wenn man so "seine Notdurft verrichten" müsste. Viele andere berühmte (und manchmal schon wieder vergessene) Namen sind in "Der Mann aus London" aufgelistet – von Anny Ondra über Peter Lorre bis zu John Gielgud oder Grace Kelly –, einige werden nur erwähnt, andere haben Mini-Auftritte. Auch der deutsche Beitrag zu Hitchcocks Werk wird nicht unterschlagen. Im Studio in Babelsberg heißt es im Jahr 1924: "Herr Murnau, der dicke Engländer fragt, ob er kommen und Ihnen bei der Arbeit zusehen darf!"

Auf Seite 107 erklärt Hitchcock anhand einer Sequenz aus der frühen Version von "Der Mann, der zu viel wusste" den Begriff "Suspense", auf Seite 116 den ebenfalls mit ihm assoziierten Begriff "MacGuffin". Das sei, "etwas vereinfacht ausgedrückt: ein simpler Vorwand für die Handlung". Auf Seite 136 entdeckt man einen Fehler, da wird eine berühmt gewordene Kamerafahrt in "Jung und unschuldig" so beschrieben: "Sie startet mit der Gesamtansicht des Ballsaals und zoomt bis ins Auge des Schlagzeugers …" Nein, einen richtigen Zoom gab es im Jahr 1937 noch nicht, die Szene musste aufwendig und per Kran vorbereitet werden. Man könnte noch anderes bemängeln: Dass dieser Comic das Leben Hitchcocks eher additiv erfasst denn kumulativ; dass er seine Themen manchmal nur anreißt, aber nicht verdichtet; oder dass einige der Protagonisten, darunter Cary Grant, zeichnerisch nicht besonders gut getroffen sind. Trotzdem macht es Spaß, in diesen Seiten zu blättern. Und vor allem Lust, mal wieder einen Hitchcock-Film (auch aus dem Frühwerk) zu genießen.


Noël Simsolos und Dominique Hés "Alfred Hitchcock – Band 1, Der Mann aus London" ist im Splitter Verlag erschienen, hat 160 Seiten und kostet 24 Euro.


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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Hermann
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Von einem "Hitchcock-Touch" hab ich noch nie was gehört. Gibt nur einen Regisseur mit "Touch": Lubitsch. Aber Hitchcock hat noch immer einen Namen, ist eine Marke wie Tempotücher. Niemand würde von einem "echten Spielberg" reden. Aber bei Sportreportern, da ist manches Fußballspiel "in der zweiten…
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