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Afghanistan

"Nicht unser Krieg"

Afghanistan: "Nicht unser Krieg"
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Zu Hause in Kabul hat Aisha Khurram sich für Frieden eingesetzt, für Verständigung unter Männern und Frauen, für Fortschritt und Moderne in ihrem Heimatland. Seit die Taliban das Land übernommen haben, lebt sie in Stuttgart. "Unsere Generation muss diesen Krieg stoppen", sagt sie.

Ich bin 1999 als Flüchtling in Pakistan, Peshawar, geboren. Nach 2001, als die Amerikaner nach Afghanistan kamen, ist meine Familie zurückgekehrt. Mein Vater arbeitete für die afghanische Regierung. Damals gab es viel Hoffnung, dass die Dinge mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft besser werden. Ich bin zur Schule gegangen, danach habe ich in Kabul Politikwissenschaften studiert und mich auf internationale Beziehungen spezialisiert.

Kabul ist eine Stadt mit Menschen aus unterschiedlichen Provinzen mit unterschiedlichen Hintergründen. Kabul war relativ sicher im Vergleich zu anderen Gegenden. Vor allem die Uni, wo ich vier Jahre lang studiert habe, war ein Ort der Zukunft. Männer und Frauen mit ganz verschiedenen Hintergründen hatten dort die gleichen Möglichkeiten, in einer sicheren Umgebung zu wachsen und zu leben.

Es gibt viele Organisationen in Afghanistan, die sich für junge Leute und Frauen einsetzen. Die Youth Thinkers Society zum Beispiel. Dort habe ich 2018 angefangen mich zu engagieren, damals war ich 19. Mich hat es interessiert, den jungen Menschen in Afghanistan die Idee der Global Citizenship näherzubringen. Ich war zum Beispiel auch aktiv in der Model United Nations (MUN) Conference, wir haben Konferenzen organisiert, um junge Leute mit den Konzepten der Internationalen Gemeinschaft und der Globalisierung vertraut zu machen.

2019 gab es einen offenen Wettbewerb unter Jugendlichen aus dem ganzen Land. Ich habe ihn gewonnen und durfte im Dezember 2019 eine Rede vor der UN halten. Das war in einem sehr kritischen Moment, der Friedensprozess zwischen den USA und den Taliban ging voran und die Menschen dachten, nach Jahrzehnten des Krieges würde es ein politisches Arrangement zwischen den Parteien geben. Aber das war eine Illusion.

Denn mit dem Start der Friedensverhandlungen zwischen den Amerikanern und den Taliban gab es wieder sehr viele Angriffe, obwohl beide Seiten einer Waffenruhe zugestimmt hatten. Aber die Taliban haben nicht aufgehört. Als Konsequenz haben die Amerikaner Luftangriffe gegen militante Gruppen geflogen. Zwischen 2019 und 2021 hat sich die Zahl der Angriffe verdoppelt, sehr viele junge Menschen haben ihr Leben verloren.

Aisha Khurram, 23 Jahre alt, ist aus Kabul geflohen, als die Taliban Afghanistan übernahmen. Bis dahin war sie in verschiedenen NGOs in Afghanistan engagiert. 2019 war sie afghanische Jugenddelegierte bei der UNO, hat mit diversen internationalen Organisationen in Jugendprojekten zusammengearbeitet, darunter auch die Konrad-Adenauer-Stiftung und das Auswärtige Amt. Dieses Jahr hätte sie eigentlich ihr Studium in Kabul abgeschlossen. Das möchte sie nun in Deutschland tun. Seit wenigen Wochen lebt sie in Stuttgart bei einer Verwandten.  (ana)

Suche nach Sicherheit

Für mich war die Universität in Kabul immer der sicherste Ort in der Stadt. Ich wusste zwar, dass es überall Attacken geben kann, aber es war undenkbar, dass die Uni attackiert wird. Im November 2020 ist es dann passiert. Wer dafür verantwortlich war – der IS oder die Taliban – weiß man nicht. Aber an diesem Tag wurden sehr viele Menschen umgebracht. Das war der Punkt, wo ich erkannt habe, dass Afghanistan nicht wieder zur Normalität zurückkehren wird.

Nach diesem schrecklichen Vorfall war es für uns Überlebende schwer, in unsere Kurse zurückzukehren. Aber wir hatten das Gefühl, dass wir wieder aufstehen müssen, weitermachen. Das hat uns Hoffnung gegeben – Hoffnung für die Uni, für die Studierenden, für die jungen Menschen in Afghanistan. Später, nachdem die Taliban das Land übernommen hatten, habe ich gemerkt, dass dieser Gedanke naiv war.

In Afghanistan ist überall Politik. Du kannst dem nicht entfliehen – nicht mal, wenn du nicht interessiert bist. Für mich war es immer wichtig, mich gesellschaftlich zu engagieren. Ich wollte immer etwas verändern. Ich würde mich nicht als politische Frau bezeichnen, eher als Friedensaktivistin. Mein Ansatz war es, den konservativen und den liberalen Teil von Afghanistan, diese zwei Welten, zueinander zu bringen, damit beide koexistieren können. Denn auf beiden Seiten gibt es viel Zorn, aber auch vieles, was wir teilen.

Ich bin in die unterschiedlichen Provinzen gereist und habe Meinungen gesammelt – darüber, was die jungen Leute sich wünschen, wie sie ihre Zukunft sehen. Viele waren unsicher, was sie denken und fühlen sollten. Beispielsweise über Taliban, die in der Regierung sitzen: Das bringt einerseits Restriktionen mit sich, aber die meisten stimmen diesen Restriktionen zu, wenn sie dafür Sicherheit bekommen.

Bei den jungen Leuten auf dem Land habe ich viel Zorn gegen die Internationale Community wahrgenommen. Auf der anderen Seite hat die Internationale Gemeinschaft den Menschen in den Städten Sicherheit gegeben und Möglichkeiten eröffnet. Die Menschen in den ärmeren Gegenden kennen von der Internationalen Gemeinschaft nur Luftangriffe und Kriegsverbrechen. Ich habe versucht, zu transportieren, dass das Konzept der Internationalen Community nicht nur die Nato ist, sondern auch Organisationen wie die UN.

Wir haben Konferenzen organisiert und junge Leute aus 28 verschiedenen Provinzen eingeladen, um globale Anliegen zu diskutieren. Ich habe gesehen, dass viele offener wurden, sie haben die Internationale Gemeinschaft nicht mehr ausschließlich in ihrer militanten Form wahrgenommen. Dieses Gefühl, global verantwortlich zu sein, nicht nur für sich selbst, sondern auch dafür, was auf der ganzen Welt passiert, ist etwas, das jede junge Person auf der Welt lernen sollte. Das ist etwas, was in Afghanistan fehlt.

Männliche Mediatoren für Frauenthemen

Ich war auch bei den Female Peace Mediators. Wir sind in die konservativen Teile des Landes gefahren, um die Frauen und Mädchen zu unterstützen. Frauen in den ländlichen Gebieten können nicht für sich selbst einstehen, sie diskutieren ihre Anliegen – Arbeit für Frauen oder Bildung für Mädchen – mit Männern, das ist einfach so. Sie brauchen Mediatoren, die sie unterstützen. Also haben wir versucht, Mullahs zu erreichen und mit ihnen Frauenthemen zu besprechen. Das gibt es in solchen Gegenden eigentlich nicht, das ist ein Tabu und war sehr herausfordernd.

Der Prozess, sich zu engagieren, wurde komplizierter, je näher wir an den Kollaps des Regierungssystems kamen. Es war wie ein Alptraum, als die Taliban übernommen haben. Am Tag nach dem Take-over sind wir aufgewacht in einem Land, das keine Regierung hatte. Die Dinge haben sich rasend schnell verändert und dies auf eine vorher völlig undenkbare Art. In Lichtgeschwindigkeit zurück auf Null.

Alle haben auf Updates gewartete, dass Frauen zur Arbeit zurückkönnen oder zur Uni, aber das passierte nicht. Dabei haben gerade Frauen so viel beigetragen zum Fortschritt, den Afghanistan über die vergangenen Jahre verzeichnet hat. Es geht ja nicht nur darum, dass Frauen Rechte und Möglichkeiten haben. Viele haben ihre Männer im Krieg verloren und ernähren nun ihre Familien – sie haben Verantwortung, sie sind aktive Mitglieder der Gesellschaft. Und jetzt? Jetzt sind wir zurückgeworfen worden ins Mittelalter. Das ist herzzerreißend.

Ich würde nicht sagen, dass die Taliban alleine daran schuld sind. Auch die Internationale Community hat einen großen Anteil, weil sie so plötzlich abgezogen ist. Und dann kommt das völlige Versagen unserer Regierung dazu. Die Taliban haben das Land mit so viel Gewalt übernommen. Ich weiß nicht, auf wen ich da sauer sein soll. Es ist ein kollektives Versagen.

Meine Eltern haben es abgelehnt, das Land zu verlassen, weil sie wissen, wie es ist, ein Flüchtling zu sein – das wollen sie nicht noch einmal erleben. Ich bin am 28. August gegangen, in dieser Nacht kam es zum Selbstmord-Anschlag am Flughafen. Ich habe gesehen, wie chaotisch die Situation am Flughafen war und wie schlecht gemanaged von der Internationalen Gemeinschaft. Deshalb habe ich mich entschieden, mit dem Auto zu fahren, gemeinsam mit meinem Bruder.

Von Kabul nach Iran sind wir durch Taliban-Gebiet gefahren. Der Fahrer wusste nicht, wer wir sind. Ich habe Hidschab getragen und hatte einen Mann dabei und so gab es keine Probleme. In einigen Teilen des Landes war ich schockiert, da waren keine Checkpoints mehr – keiner, der einen Überblick hatte. Die Taliban haben kein uniformiertes Militär, die meisten von ihnen sind Teil der Bewegung, weil sie dieselben Ansichten haben. Aber wenn man den Dschihad wegdenkt, merkt man, dass es keine Strukturen gibt. Die Taliban könnten keine wirkliche Sicherheit bieten. Das ist etwas, was die Menschen sehr besorgt, nach Jahrzehnten im Krieg. Nun wächst die Gefahr durch den IS. Viele haben kein Einkommen, die Nahrungsmittelpreise sind gestiegen, die Banken sind zu, der Handel ist noch nicht wieder normal. Momentan haben viele noch Vorräte, aber wenn die aufgebraucht sind, werden sie Antworten fordern, die keiner hat.

Nicht die Taliban haben sich geändert

Es wird immer behauptet, die Taliban hätten sich verändert. In Wirklichkeit hat sich aber Afghanistan verändert. Afghanistan im 21. Jahrhundert ist von einer gut ausgebildeten Generation geformt worden. Aber viele von ihnen waren Teil der Regierung oder haben für sie gearbeitet. Viele haben im Ausland studiert – in Frankreich oder in den USA. Aber die Bedrohungen, denen sie jetzt ausgesetzt sind, führen dazu, dass viele wieder auswandern. Dieser Brain Drain wird darauf Einfluss haben, wie Afghanistan regiert werden wird.

Meine Generation hat Frieden nie erlebt, die meisten sind als Flüchtlinge geboren, sie sind im Krieg aufgewachsen. Die Mehrheit in Afghanistan ist jung, viele sind manipuliert und hirngewaschen worden, um diesen Krieg am Laufen zu halten, den wir von den Älteren geerbt haben. Wir müssen versuchen, die Jungen aufzuwecken: Das ist nicht unser Krieg. Wir sollten ihn nicht mehr weiterführen. Die Jungen auf Seiten der Taliban, die Jungen auf der anderen Seite – wenn alle begreifen, dass es eine Möglichkeit gibt, nebeneinander zu leben, können wir vielleicht Frieden finden. Und vielleicht können wir so unsere Zukunft sichern. Unsere Generation muss diesen Krieg stoppen.

Während des Friedensprozesses haben die USA den Taliban sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt, und dann haben sie ihnen durch ihren Rückzug das Land übergeben. Menschenrechte nicht mehr zu verteidigen, weil man kein nationales Interesse mehr hat an Afghanistan, ist nicht das, was sie uns versprochen haben. Es ist die schlimmste Form von Verrat – von der Internationalen Community und unserer Regierung. Wenn der Westen Afghanistan jetzt isoliert, kreiert er immer mehr Extremisten. Afghanistan ist kein abgeschottetes Chaos, es wird die Welt beeinflussen. Tut es ja jetzt schon. Also sollte es eine Art von Lösung dieser Krise geben, in engem Kontakt mit denen, die gerade die Regierung stellen – mit Druck und der Hebelkraft der Internationalen Gemeinschaft. Das ist die Realität im Moment, so hart das auch sein mag. Ich weiß, dass Afghanistans Probleme vergessen werden, sie werden bald nicht mehr in den Schlagzeilen sein und die Welt wird Afghanistan vergessen – wie es auch bei Syrien war. Aber die Menschen dort werden leiden. Menschen, die Träume hatten, bevor es zum Kollaps kam. Träume von einer Zukunft, die es nicht mehr gibt.


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