KONTEXT:Wochenzeitung
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Arschtritt für die Underdogs

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Datum:

Seit 2005 arbeitet Emmi Dunz* als freie Mitarbeiterin für das "Stuttgarter Wochenblatt". Im März wurden sie und acht weitere KollegInnen vor die Tür gesetzt. Angeblich wegen Corona. Während Geschäftsführer Herbert Dachs im Blatt die neu entstandene gesellschaftliche Solidarität lobt, stehen die Geschassten vor dem Nichts. Emmi Dunz hat uns ihre Geschichte geschickt.

Eigentlich mag ich nicht in eigener Sache sprechen. Aber wenn ich es nicht tue, tut es niemand. Niemals.

Ich war seit langem und bis vor kurzem für das "Stuttgarter Wochenblatt" (STW) als Pauschalistin tätig und betreute zwei Lokalausgaben. Das "Stuttgarter Wochenblatt", gegründet 1955 und damit eines der ältesten Anzeigenblätter Deutschlands, gehört zur Südwestdeutschen Medienholding (SWMH). Die Redaktion hat ihren Sitz im Pressehaus Stuttgart. Bis 18. März erschienen noch zwölf Lokalausgaben bei einer Gesamtauflage (in Stuttgart mit Gerlingen, den Filderorten und Fellbach) von 328 930.

Hire and fire

2005 hat Emmi Dunz, heute 52 Jahre alt, angefangen, für das "Stuttgarter Wochenblatt" zu schreiben. Zunächst als freie Mitarbeiterin, ab 2006 als Pauschalistin, redaktionell zuständig für zunächst eine, dann zwei Lokalausgaben. Das erste Mal vor die Tür gesetzt wurde sie 2010, damals wurde ihr aus betriebsbedingten Gründen gekündigt. Ihre Arbeit erledigte daraufhin ein Volontär, erinnert sie sich. Ein Jahr später meldete das Pressehaus wieder Bedarf an und beschäftigte Dunz erneut als freie Mitarbeiterin, diesmal für das "Stuttgarter Wochenende". 2013 unterschrieb sie erneut einen Vertrag als Pauschalistin und betreute die Lokalausgabe für Degerloch, Sillenbuch, Plieningen und Birkach. 2017 schluckte die SWMH den "Stuttgarter Stadtanzeiger", was zur Folge hatte, dass eine Kollegin ihre Lokalausgabe verlor. "Ich hatte damals Glück", sagt Dunz, und bekam die Stadtbezirke Feuerbach, Botnang und Weilimdorf zugewiesen. Ihre Texte erschienen gleichzeitig (und nicht extra honoriert) auch im "Gerlinger Wochenblatt". (ana)

Bereits in der Vergangenheit wurde meine Redaktion durch das Zusammenlegen von Lokalgebieten personell ausgedünnt, nun schlug die Geschäftsführung erneut zu, diesmal befeuert durch die Corona-Pandemie. Auf rüde Art und Weise stellte die Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH von jetzt auf nachher sämtliche Honorarzahlungen ein. Die Lokalausgaben wurden komplett eingestellt, seither erscheint das STW als Gesamtausgabe – reduziert auf eine Auflage von 207 480. Dies wurde mir und acht KollegInnen am 18. März in Form einer E-Mail, ohne ein Wort des Bedauerns, mitgeteilt: "Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, die Corona-Krise führt zu massiven, noch nie dagewesenen Umsatzeinbrüchen in STW ... Im gesamten April werden wir nach heutigem Stand in stark reduzierter Form als Gesamtausgabe erscheinen. Die Geschäftsführung hat mich unmissverständlich aufgefordert, das Honorar in STW ab sofort auf null zu reduzieren. Daher gilt folgende Regelung ab sofort. Keine Artikel mehr liefern, es gibt bis auf weiteres keine lokalen Ausgaben mehr. ... ".

Die Sprache der Mail klang, als wäre ein Krieg ausgebrochen. Die Schnelligkeit und Härte der Maßnahmen schienen unwirklich. Setzte diese Pandemie meinen Vertrag außer Kraft? Ich fühlte mich wie angeschossen. Das Agieren der Geschäftsführung schien völlig überhastet. Ohne abzuwarten, wie sich die ab 17. März einsetzenden Ladenschließungen auf das Anzeigengeschäft auswirken und ohne Zwischenlösungen zu finden, wie etwa weniger umfangreiche Lokalausgaben zu produzieren, wurden wir augenblicklich vor die Tür gesetzt. Ich hatte den Eindruck, man wollte bevorstehende Ausfälle kompensieren, indem man das Honorar der freien Mitarbeiter einspart. Oder aber, man hielt die Corona-Krise für den idealen Zeitpunkt, Personal abzubauen. Ich hatte jedenfalls meine Zweifel daran, ob es die massiven Umsatzeinbrüche beim "Stuttgarter Wochenblatt", die als Begründung der Maßnahmen angegeben wurden, am 18. März tatsächlich schon gab. Immerhin schien keiner der großen Lebensmittelhändler seine Beilagen eingestellt zu haben, boomte deren Geschäft in der Corona-Krise ja geradezu. Auch Baumärkte durften weiterhin öffnen. In den von mir betreuten Lokalausgaben vor jenem 18. März konnte ich jedenfalls noch keinen massiven Einbruch erkennen.

Anzeigen weggebrochen?

Auf Anfrage antwortet Martin Gritzbach, Pressesprecher der SWMH:

"Das Stuttgarter Wochenblatt ist ein Anzeigenblatt und keine redaktionell geprägte Tageszeitung. Weil bis auf einen einzigen Beilagenkunden alle weiteren Kunden ihre Aufträge komplett storniert hatten und auch die Anzeigen stark zurückgingen – denn aufgrund der Corona-Pandemie war der Handel bis auf die Discounter geschlossen –, mussten wir werktägliche Ausgaben des Stuttgarter Wochenblatts vorerst einstellen. Samstags erschien nun das Stuttgarter Wochenblatt. Das Minus bei den Werbeumsätzen lag bei etwa 85 Prozent.

Wenn Sie nun festgestellt haben, dass die Samstagsausgabe "mit einer prallen Vielzahl an Werbebeilagen" erschienen ist, waren das keine Kunden des Stuttgarter Wochenblatts. Das Stuttgarter Wochenblatt wird über den MMD Verteildienst zugestellt. Am Samstag dient das Stuttgarter Wochenblatt den Prospekten der MMD Verteildienst als Hülle. Weil kaum Anzeigen gebucht waren, musste die Samstagsausgabe massiv Text reduzieren.

Die SWMH nutzt die Corona-Pandemie also nicht zu irgendetwas aus. Auch wir beschäftigen lieber mehr Menschen, als weniger. Dass wir mit fünf freien Mitarbeitern, die über eine Pauschale honoriert wurden, die Zusammenarbeit beenden mussten, ist durch den Rückgang der Werbeumsätze um rund 85 Prozent begründet".

Vermutlich erst als ein Kollege den Deutschen Journalistenverband (DJV) einschaltete, dessen Anwalt schließlich einen Brief ans Pressehaus schickte, musste die Geschäftsführung erkennen, dass sie vertraglich gebunden war und nicht einfach die Honorarzahlungen einstellen konnte. Daraufhin kam die Kündigung. Dass man es bei einer solchen Vorgehensweise wohl kaum mehr mit einem seriösen Vertragspartner zu tun hat, unterstrich auch das Kündigungsschreiben, in meinem Fall mit einem peinlichen Rechtschreibfehler versehen (die Rede ist in diesem Schreiben von dem mit mir 2013 "abgeschossenen" Vertrag, wie passend).

Für die bis zum Vertragsende ausstehenden Pauschalen erhielten wir entgegen der forsch angekündigten Nullrunde nun immerhin eine Abschlagszahlung von 50 Prozent, das entfallene Fotohonorar wurde jedoch nicht ausgeglichen. Ich und vermutlich auch meine KollegInnen konnten von diesem Abschlags-Honorar nicht leben. Zwar gelang es mir noch, einen Beitrag in der "Stuttgarter Zeitung" unterzubringen, aber meine Wochen-Pauschalen waren nun dahin.

Unter uns Geschassten besteht kaum Kontakt. Das hat sich über Jahre so entwickelt. Es ist gespenstisch, aber selbst jetzt holt uns nichts aus unserer Home-Office-Vereinzelung heraus. Wir sind nicht organisiert. Es ist schon eine Weile her, da wollten wir uns zusammentun, ein höheres Honorar fordern. Denn seit 15 Jahren verdienten wir "Korris" beim STW dieselbe, erbärmlich niedrige Pauschale. In meinem Fall betrug diese 250 Euro pro Woche für die redaktionelle Betreuung eines Lokalgebietes. Woche für Woche stellte ich dafür drei selbst recherchierte Artikel mit jeweils einem Foto, ein Paket mit zehn Meldungen sowie einen größeren Veranstaltungshinweis ins Redaktionssystem des Pressehauses ein, an das ich vom Homeoffice aus angeschlossen war. Die Themen legte ich bis auf die Sonderveröffentlichungen selbst fest. Zur Pauschale hinzu kam das Fotohonorar, maximal drei Fotos pro Woche, ein Foto à 40 Euro. Von einer Lokalausgabe allein konnte man nicht leben, bei zweien hing einem bei halbwegs ordentlicher journalistischer Arbeit die Zunge raus. Wer Urlaub machen wollte, musste entweder komplett vorproduzieren oder weniger liefern und weniger verdienen. Eine Krankheitsvertretung gab es nicht. Arbeit am Wochenende oder an Feiertagen sowie die Teilnahme an Schulungen war selbstverständlich und wurde nicht gesondert vergütet.

Wir Freien schienen uns in einem Vakuum zu befinden. Man nahm kaum Notiz von uns, kümmerte sich nicht um unsere Arbeitsbedingungen, es gab nie einen Ansprechpartner, selbst der Betriebsrat reagierte auf meinen Anruf hin reserviert. Gerne schaute man auch in fachlicher Hinsicht auf uns herab, schrieben wir ja lediglich für ein Anzeigenblatt. Da interessierte es auch nicht, dass man als freier Journalist auch für andere Redaktionen tätig war.

Den Titel "Welle der Solidarität" der ersten STW-Gesamtausgabe empfand ich, gerade frisch auf die Straße gesetzt, als perfide. Wie so oft stellte sich das "Wochenblättle" nun auch in der Corona-Krise als ein Medium dar, dem es um zwischenmenschliche Wärme, um Nachbarschaftshilfe und um ehrenamtliches Engagement geht. Doch diese Welle der Solidarität, von der da die Rede war, kam bei uns Lokalreportern nicht an. Das Gegenteil war der Fall: Honorarstopp und Rauswurf.

Die Schizophrenie der Medienbranche besteht ja darin, dass man ungerechte Verhältnisse bei anderen anprangert, bei sich selbst aber stillschweigend erduldet.

Zu Ostern wieder eine Mail. Diesmal etwas freundlicher in der Tonart.

Die "Maßnahme" habe nichts mit meiner Arbeit zu tun, sondern sei allein der wirtschaftlichen Lage geschuldet, so der Redaktionsleiter. Es sei ihm wichtig, mir das zu schreiben. Vage deutet er an, dass, wenn alles sich wieder normalisiere, man eventuell wieder meine Mitarbeit anfordere. Hätte, könnte, wäre. Ich nehme es zur Kenntnis, bringe es aber nicht fertig zu antworten, nach all dem was passiert ist. "Die wollen euch nur warmhalten", sagt ein Freund, mittlerweile routiniert im Umgang mit meinen Erfahrungen beim "Stuttgarter Wochenblatt".

Drall und prall, gespickt mit zahlreichen Beilagen und Anzeigen, steckt das STW mittlerweile – die ersten Lockerungen der Corona-Zwangsmaßnahmen sind gerade angelaufen – wieder in den Briefkästen. Massiv eingebrochen ist vor allem eins: die Lokalberichterstattung. Ein kläglicher Überrest von zwei, drei überlokalen Geschichten ist geblieben. In der aktuellen Ausgabe erscheint dafür als Zweitverwertung die Sonderveröffentlichung #gemeinsam stark, eine Initiative von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten". Das klingt gut und verbreitet Optimismus.

Dem Beitrag "Eine Gesellschaft, die zusammenhält" von Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist im Zuge dessen fast eine ganze Seite gewidmet. In der Spalte daneben kommt Herbert Dachs zu Wort, Mitinitiator von #gemeinsam stark, Geschäftsführer der StZ, der StN, und auch der Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH. Dachs‘ Text ist mit den Worten "Gemeinsam aus der Krise" betitelt. Er schreibt von einer neuen Solidarität, die da gewachsen sei und sich unter dem Motto "Gemeinsam statt allein" zusammenfassen ließe, vom Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft in der Krise, der "trotz aller Schwierigkeiten, trotz aller Widernisse" von "vielen Menschen mit Leben gefüllt" wird. "Dieses füreinander eintreten", so steht es da, "sollte uns erhalten bleiben". Für mich klingt das wie Hohn.

Dank des redaktionellen Teils darf das STW – dieses Recht erstritt der frühere Herausgeber Hans-Frieder Willmann (1922 – 2017) Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre vor dem Bundesgerichtshof – den Haushalten zugestellt werden und hat dabei ein leichtes Spiel. Denn den großen Konkurrenten unter den Anzeigenblättern, den Stuttgarter Stadtanzeiger, gibt es nicht mehr. Er wurde bereits 2017 von der SWMH geschluckt.

*Zum Schutz der Autorin haben wir für diesen Text ein Pseudonym gewählt. Der Redaktion ist ihr wirklicher Name bekannt.


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3 Kommentare verfügbar

  • Emilia
    am 04.06.2020
    Antworten
    Liebe Emmi Dunz, auch wenn meine Worte kein Trost für das Ihnen Widerfahrenene sind, so sei Ihnen gesagt, dass es anderen nicht besser erging, eher noch erbärmlicher. Ich selbst bin unlängst von der SWMH Holding geschasst worden - mein Problem ist, dass ich weder Angestellte noch Pauschalistin war,…
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