Die Crème de la Crème im warmen Licht der Wagenhallen: Da lässt's sich gut über Disruption diskutieren. Foto: Joachim E. Röttgers

Die Crème de la Crème im plüschigen Licht der Wagenhallen: Da lässt's sich gut über Disruption diskutieren. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 450
Medien

Wenn Vielfalt Wurst ist

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 13.11.2019
Winfried Kretschmann wäre die ideale Werbeikone für die Zeitungsverleger. Keiner spricht so gut über sie, obwohl es dafür keinen Grund gibt. Fehlt nur noch, dass er sie zum Sturmgeschütz der Demokratie erklärt.

Die Idee fanden alle super. Der Spaßmacher Harald Schmidt, der sie hatte. Die Staatskanzlei, die den Hauptdarsteller stellen durfte, und die "Stuttgarter Zeitung", die exklusiv in den Geheimplan eingeweiht war: Kretschmann taucht als Überraschungsgast in der Show "Echt Schmidt" auf. Und damit auch kein wichtiges Wort verloren geht oder gar verfälscht wird, protokolliert ein Titelautor des Blattes die Plauderei via Smartphone, was dann als verschriftetes "Gipfelgespräch im Stuttgarter Staatstheater" Eingang in die Zeitung findet. Und alles ist so stimmig, dass des Ministerpräsidenten Pressewächter vor der Veröffentlichung nicht mal drüber lesen müssen. Man kennt sich, man versteht sich.

Keine Woche später, am 6. November 2019, sehen alle ZeitungsleserInnen in Baden-Württemberg blau. "Die beste Zeit für guten Journalismus ist jetzt" steht auf 48 Titelseiten, von der "Backnanger Kreiszeitung" über die Stuttgarter Organe bis zum "Zollern-Alb-Kurier". Ausgedacht haben sich das die südwestdeutschen Verleger, und für den Fall, dass sich einem der Sinn des Satzes nicht sofort erschließt, verweisen sie, in Gestalt ihrer Chefredakteure, auf den Ernst der Lage: Hetze, Lügen, Propaganda allerorten, nur nicht bei ihnen. Wer die Wahrheit will, möge zu ihren Blättern greifen, in denen die Meinungsfreiheit und damit die Demokratie verteidigt wird. Das klingt fast wie ein Hilferuf.

Die "Ludwigsburger Kreiszeitung" bleibt der Kampagne fern

In Anbetracht der wirtschaftlichen Sorgen und Nöte, mit denen sich die Zeitungseigner herum plagen, ist der Appell nachvollziehbar, bezogen auf ihre Glaubwürdigkeit finden ihn selbst Nahesteher ziemlich großmäulig. "In einer Zeit, in der viele Menschen uns Journalisten äußerst kritisch beäugen", betont die Chefredakteurin der "Ludwigsburger Kreiszeitung" (LKZ), Ulrike Trampus, gegenüber Kontext, "kann ich doch nicht sagen: wir sind diejenigen, die wissen, wie alles funktioniert" (hier ihr komplettes Statement). Sie fehlt bei den Unterzeichnern, und damit auch die LKZ, die so etwas wie ein gallisches Dorf im Reich der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) ist. Ihr Asterix heißt Gerhard Ulmer, ist der geschäftsführende Gesellschafter und immer auf der Hut vor Möhringer Überfällen.

Einen Tag nach der Blau-Aktion freut sich Winfried Kretschmann. Sehr sogar. Auf dem Medienkongress der Landesregierung in den Stuttgarter Wagenhallen sagt er, die Kampagne sei ein "starkes Signal" in einer Zeit, in welcher der Qualitätsjournalismus "mit einem Meer von Halbwahrheiten, Lügen und Verzerrungen" konkurrieren müsse. Die präsidiale Einschätzung nährt sich auch aus der eigenen Empirie. Der 71-Jährige liest als bekennender Papierraschler zuerst die "Schwäbische Zeitung", dann die "Stuttgarter Zeitung" (StZ) und schließlich die FAZ, und rühmt sie alle, wenn wieder einmal Jubiläum ist. Gerne auch mit einem Zitat von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der die Zeitungslektüre als "Morgengebet der bürgerlichen Gesellschaft" bezeichnet hat.

Wenn er dann noch bekundet, dass solcher Qualitätsjournalismus "konstitutiv für die Demokratie" ist, strahlt der Präsident des Südwestdeutschen Zeitungsverlegerverbandes, Valdo Lehari jr., wie ein Weihnachtsbaum mit einer neuen Kugel am Ast, weil er der Auffassung ist, dass eine Gesellschaft ohne freie Presse gar nicht funktionieren kann. Das hat er glasklar im Blick. "Wenn der Einzelhandel wegfällt", warnt er, "fallen auch die Lokalzeitungen weg". Was dann passiert, wollen wir uns gar nicht ausmalen. Lehari gehört der "Reutlinger Generalanzeiger" (GEA), der ungern Mindesthonorare zahlt.

Nun ist Letzeres natürlich kein Thema auf einem Medienkongress, dem laut Staatskanzlei die Crème de la Crème beiwohnt und dem die Aufgabe obliegt, die großen Linien im Boden der Branche zu ziehen, welche durch eine hohe Disruption gekennzeichnet ist. Sprich, es wackelt. Da geht es eher um Facebook und Youtube, wie sie den Verlegern das Wasser abgraben, die wiederum sauber mit den Zuckerbergs kooperieren. Da warnt der eine vor einer "Weltuntergangsstimmung" (SWR-Intendant Gniffke), plädiert der andere für "Anti-Hysterie" (Philosoph Nida-Rümelin), konstatiert der nächste eine "Wissens- und Wahrheitskrise" (Medienprofessor Pörksen), der Vierte verteidigt seinen Abschied von Twitter (Politiker Habeck), schließlich sei Kretschmann auch ohne Zwitschern populärster Politiker geworden, und der Fünfte meint, die Presse unterscheide sich nicht von "klassischen Industrien" (StZ-Chefredakteur Dorfs), die Kunst läge eben in der "Monetarisierung", aber da sei er viel optimistischer als noch vor einem halben Jahr. (Der neue SWMH-CEO Christian Wegner, der leider verhindert war, hat immerhin 100 Millionen Euro in Aussicht gestellt).

Das zaubert selbst seinem Vorgänger und Sparfuchs Richard Rebmann ein Lächeln ins Gesicht, bevor er noch vor dem Mittagessen entschwindet. Im trauten Kreis vor den Wagenhallen soll er fröhlich erzählt haben, dass ihm nachgetrauert werde.

Währenddessen lehnt Rudi Hoogvliet an einem der Tische, an denen wahlweise Rinderbraten an Rübchen-Gemüse, Kässpätzle oder Serviettenknödel mit Waldpilzen verspeist werden können. Der Regierungssprecher, der auch, wie er sagt, für Medienpolitik zuständig ist, hat vor drei Jahren begonnen, den Kongress zu planen. Jetzt ist er zufrieden. "Die dpa hat schon eine News rausgehauen", verrät er. "Kretschmann warnt vor Nachrichtenwüsten", titelt die Agentur, was insoweit stimmt, als er einen Vergleich mit den USA wagte, wo der Korruption Vorschub geleistet werde, weil in den zeitungslosen Regionen "niemand mehr die handelnden Akteure kontrolliert" (die ganze Rede ist hier zu lesen).

Blöd, wenn überall SWP oder SWMH drüber stehen würde

Die Meldung hat selbstverständlich ihren Niederschlag in den baden-württembergischen Blättern gefunden. Und sonst? Sonst blieb es wenigen KollegInnen vorbehalten, über die Veranstaltung zu berichten. Eigene Beiträge veröffentlichte der "Südkurier", dem die freie Presse als "Bollwerk der Demokratie" unersetzlich dünkte (sie erschienen auch im "Mannheimer Morgen"); außerdem der "Reutlinger General-Anzeiger", der die "zukunftsweisende Weichenstellung" lobte, und die StZN, die eine "Sehnsucht nach Anstand" verspürte. Den größten Wirkungsgrad erzielte allerdings Roland Muschel, der gemeinsame Korrespondent von "Südwestpresse", "Badische Zeitung" (BZ) und "Rhein-Neckar-Zeitung" (RNZ). Wenn wir richtig gezählt haben, ist sein Text über die "bundesweit einmalige Veranstaltung" in mindestens sechs Kopfblättern der "Südwestpresse" gestanden, von der "Gmünder Tagespost" bis zum "Schwäbischen Tagblatt", die BZ und RNZ nicht mitgerechnet.

Psychologisch gesehen sei das in Ordnung, glauben Fachleute. Hier sei von einer gefühlten Pressevielfalt zu sprechen, die auf der emotionalen Bindung an den Namen der Zeitung gründe. Da würde es stören, wenn überall "Südwestpresse" oder SWMH drüber stünde.

Das müssen die Führungspersönlichkeiten in den Zeitungshäusern berücksichtigen, wenn sie weiter einkaufen. Also immer sagen, das Heimatblatt bleibe unabhängig, heiße wie immer, auch wenn es eine Räuberpistole ist. Sie seien aufgefordert, erzählt etwa Joachim Dorfs seinen Zuhörern, "immer effizienter" zu arbeiten, Doppelstrukturen wie mehrere Redaktionen in Esslingen und Böblingen (wo die SWMH die Blätter aufgekauft hat) abzubauen, um in "digitale Kompetenzen investieren" zu können. Und damit auch hier keine Missverständnisse entstehen: "Qualität bringt nichts, wenn sie den Leser nicht findet". Die Debatte um die milliardenteure Oper beispielsweise, vergiss es. "Da performed die Website nicht".

Ja dann, was tun? Ganz am Ende des Tages diskutieren junge Menschen mit SWR-Hauptabteilungsleiter Clemens Bratzler, der mit seinen 47 Jahren zu den jüngsten Führungskräften gezählt haben dürfte. Ihm gegenüber sitzt Tilo Jung, 34, der Erfinder des politischen Interview-Formats "jung & naiv". Der "freie Chefredakteur", wie er sich selbst nennt, nervt in der Bundespressekonferenz (BPK) seit 2014 mit Fragen, die sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Die Profis, die schon immer gefragt haben, finden sie frech. Die Normalos, die die BPK schon immer langweilig gefunden haben, finden sie toll. Seine Interviews sind lang, manchmal dauern sie eineinhalb Stunden – und hunderttausende schauen auf Youtube zu. Wie erklärt er sich den Erfolg? "Ich bin kein Teil des Systems", sagt er und grinst, "Kommerz und guter Journalismus schließen sich aus". Eigentlich ganz einfach.

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2 Kommentare verfügbar

  • Karl Heinz Siber
    am 13.11.2019
    Toll, dass wir einen solchen Sunnyboy als MP haben, einen durch und durch (selbst)zufriedenen Menschen, der bei niemandem aneckt und sich entsprechend hoher Beliebtheit quer durch das gesellschaftliche Spektrum erfreut. Zwar macht er bei manchen Themen einen absolut ahnungslosen Eindruck, aber zeigt das nicht, dass er auch nur ein Mensch wie du und ich ist, und macht ihn umso sympathischer?
  • Ruby Tuesday
    am 13.11.2019
    Während sich die meisten Regionalzeitungen zurückhaltend zeigten und auf der blau unterlegten ganzseitigen Werbeanzeige in eigener Sache mit der gemeinsamen Schlagzeile: „ Die beste Zeit für guten Journalismus ist jetzt“, glaubhaft machen wollten, dass ihre Veröffentlichungen nach professionellen Standards und ohne verborgene Absichten erfolgten“, startet die Schwäbische Zeitung mit einer Hasstirade: „Lügen, Hass und Hetze haben vor allem im Internet Hochkonjunktur. Journalismus setzt dagegen ein Zeichen und sucht die Wahrheit hinter den Lügen.“ (SZ 6.11.2019).

    Liebe LeserInnen, das Gesamtbild läßt mich denken, dass mir im Rahmen der Aktion „Journalismus zeigt Gesicht“, eine Kampagne des Verband Südwestdeutscher Zeitungsverleger (VSZV), genau jenes Körperteil ins Gesicht lächelt, das es möglicherweise verdient hätte von der Satirezeitschrift Pardon unter der Rubrik „Brschloch des Monats“ veröffentlicht zu werden.

    Ich meine, das und was im Rahmen der Verlegerkampagne folgte unterscheidet sich nicht wesentlich von den Lügenpresserufen übellauniger Zeitgenossen. Es zielt, kann man vermuten, offensiv gegen freie Betreiber von Internetforen. Wie auf den Blog des populären und mutigen Forum Langenargen, das besonders von der Schwäbischen Zeitung angegangen wird, allerdings jeweils ohne Namensnennung.

    Rund um den Bodensee geben sich immer weniger Menschen mit dem Angebot konservativer Medienunternehmen zufrieden. Bereits 2014 wurde von der KONTEXT Wochenzeitung kolportiert:

    „Das Ansehen der Journalisten ist im Keller. Im Job-Ranking liegen sie auf Platz 29, kurz vor den Politikern. Das kommt nicht von ungefähr: Ihre Kundschaft glaubt ihnen nur noch eingeschränkt. Wenn überhaupt.“ In jenen Tagen sprach KONTEXT auch von jenen: „Reich gewordenen Profiteure[n] von Zeitungslizenzen, die ihnen die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg geschenkt haben. Kleine und große Könige in deutschen Provinzen, die sie mit ihren Blättern [TV und Radio] mit regiert und für die Akkumulation ihrer Gewinne genutzt haben.“

    Heute ist die Meinungsbildung von Billiglöhnern in Redaktionen geprägt, die nicht wahrnehmen was um sie herum passiert. Die Berichterstattung über die Deutsche Bodensee Tourismus GmbH und deren Echt Bodensee Card, mag hier als bekanntestes, regionales Beispiel gelten. Nicht Lokalredakteure haben den, auch vom Bund der Steuerzahler gerügten, Skandal ans Licht gebracht. GastgeberInnen waren es, die eigens Internetforen ins Leben riefen wie http://www.gastgeber-uhldingen-muehlhofen.de/aktuelles.html oder das Forum Langenargen und die später erfolgreich Gerechtigkeit vor Gericht erstritten.

    Es war zu allen Zeiten selbstverständlich, dass RedakteurInnen die am Redaktions-Katzentisch politischer Honoratioren hockten, mancher Schmeichelei erlagen.

    Im Lokaljournalismus bestehen bisweilen verkrustete, erstarrte Strukturen und mit jeder persönlichen Begrüßung durch den Bürgermeister geht oft etwas journalistische Unabhängigkeit verloren. Besonders dann, wenn man als Dorfschreiber zugleich für Heimatbücher, touristische oder wirtschaftliche Themen, wie auch Anzeigenblätter zu gleicher Zeit fotografiert, schreibt und der Text des Anzeigenblattes (aus dem gleichen Medienhaus) textgleich übernommen wird. Das gilt inzwischen auch für manche Pressemitteiliung, die wortgleich, unbearbeitet ins Blatt gelangt.

    Das große Angebot journalistischer Leistungen wird von Internetforen, wie auch freien Radios bestimmt. Im Zusammenhang mit der Einführung des privat-kommerziellen Rundfunks entstanden nach dem Vorbild der Public Access Channels in den USA in Deutschland (ab 1984) „Offene Kanäle“ für Radio und TV Angebote, als wichtiges Instrument einer bürgernahen, mitwirkenden Demokratie. Sie bieten BürgerInnen bis heute eine Möglichkeit Meinungen qualifiziert, öffentlich zu verbreiten und bekannt zu machen. Tipp zum rein hören bei Radio dreyeckland: https://rdl.de/

    Geld bekommen fatalerweise in überdurchschnittlicher Höhe private Verlage, zu denen Radio Seefunk und Radio 7 (Schwäbisch Media ist beteiligt ) ebenso gehören, wie Regio TV Stuttgart, Bodensee (Friedrichshafen) und Schwaben, die allesamt zum Medienhaus Schwäbischer Verlag gehören. Da ist natürlich die Nähe zu PolitikerInnen etablierter Parteien besonders groß, wenn kommerzielle TV-Sender sich Hoffnungen auf Zuwendungen machen.

    Dass die grün-schwarze Koalition private TV – Sender aus dem Landeshaushalt unterstützen will, lässt Argwohn zu. Für die technische Infrastruktur der Privaten flossen 2,5 Millionen Euro. Auf dem Wunschzettel der privaten Sender standen 5,9 Millionen Euro für Programmgestaltung. Die CDU wollte mit 4,2 Millionen Euro die Erwartungen der Privatunternehmer erfüllen. Der Grüne Winfried Kretschmann meldete dann 4,2 Millionen für den Etat im Landeshaushalt an, den Finanzministerin Sitzmann (Grüne) kürzte, auf 3 Millionen Euro. Natürlich fahren dann selbstgerechte Medienmacher und Politiker kritischen BürgerInnen gern in die Parade wie es so schön heißt – nur sollte man immer an das damalige Job-Ranking denken, Platz 29 für etablierte Journalisten und für Politiker weniger. Dagegen erreichen Feuerwehrmänner, Busfahrerinnen oder Krankenschwestern traumhafte Werte.

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