Ausgabe 450
Medien

Die Stunde der Pharisäer

Von unseren KollegInnen
Datum: 13.11.2019
Journalisten geben alles, jeden Tag, damit ihre Leser alles erfahren. So behaupten es die Zeitungsverleger im Land. Sie wollen, dass ihre Angestellten Gesicht zeigen. Die Chefredakteurin der "Ludwigsburger Kreiszeitung" findet, es sei nicht die Zeit für dicke Backen.

Dass sich Jürgen Grässlin über Wolfgang Schäuble aufregt, das war erwartbar. Waffenexporte in Kriegsgebiete, Spenden vom Rüstungslobbyisten, und jetzt Gastkommentator fürs Gute, das passt für ihn nicht zusammen. Grässlin nimmt seine Heimatzeitung, die Badische, ins Gebet, die Schäuble ins Blatt ("Wo Glaubwürdigkeit wächst") gehoben hat, und zeigt sich "zutiefst enttäuscht".

Dass sich eine Chefredakteurin querlegt, ist sehr ungewöhnlich. Chapeau, sagen wir, eine gegen 44 Männerkollegen. Und dabei verlangt Ulrike Trampus nur etwas ganz Normales: nicht predigen, sondern machen, was man sagt.

Dass genau hier das Spielfeld für Pharisäer liegt, wissen die Kolleginnen und Kollegen, die in diesen Verlagen gearbeitet haben. Und es jetzt, aus guten Gründen, nicht mehr tun. Wer kann für ein Stundenhonorar von 4,44 Euro der Wahrheit hinterher sein? Wer hat die Zeit, sie auszuleuchten? Wer weiß, wie lange noch Zeit bleibt – bis der Hammer fällt? Antworten von der Basis.


Ulrike Trampus, Chefredakteurin der "Ludwigsburger Kreiszeitung":

"Uns haben Ansatz und Machart der Kampagne nicht gefallen. Sie war uns zu belehrend. Ich muss mich doch als erstes fragen, wie das auf unsere Leser und Leserinnen wirkt? Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen uns Journalisten äußerst kritisch beäugen, kann ich mich doch nicht hinstellen und sagen: Wir sind diejenigen, die wissen, wie alles funktioniert und sein soll. Wir möchten durch unsere gut gemachte Zeitung zeigen, dass die Regionalzeitungen für hohe journalistische Qualität stehen."


Siegfried Heim, Leiter des Fachbereichs Medien bei Verdi:

"Es ist zynisch, wenn 48 Chefredakteurinnen und Chefredakteure und Lokalchefs behaupten, die beste Zeit für guten Journalismus sei jetzt, während sie gleichzeitig Redaktionen schließen, Personal abbauen und Tarifflucht begehen. Jüngste Beispiele sind der angekündigte Abbau von mehr als 40 Stellen in der Gemeinschaftsredaktion von 'Stuttgarter Zeitung' und 'Stuttgarter Nachrichten' sowie die Schließung der Mantelredaktion der 'Mittelbadischen Presse' in Offenburg, die künftig ihren überregionalen Teil aus Stuttgart bezieht. Es ist richtig, dass in Zeiten von Fake-News und Rechtsextremismus Qualitätsjournalismus für den Zusammenhalt der Gesellschaft dringend notwendig ist. Dieser wird jedoch nicht durch eine gemeinsame Werbeaktion von leitenden Redakteurinnen und Redakteuren gefördert, sondern durch personell ausreichend ausgestattete Redaktionen."


Wolfgang Messner, früher "Stuttgarter Zeitung", heute Chefredakteur "Wirtschaftsjournalist" und Gründer von ProRecherche:

"Nun sollen also die Journalisten der Blätter, die von den Verlegern inhaltlich ausgehöhlt, kaputtgespart und fusioniert werden, ihr 'Gesicht zeigen' und die Karre aus dem Dreck ziehen. Wenn die blassblaue Aktion eines offenbart, dann wie weit den Verlagen schon das Wasser zum Hals steht. Nach all den Relaunches und Onlineoffensiven scheint ihnen nichts mehr übrig zu bleiben, als sich den Inhalten zuzuwenden. Wir würden gerne glauben, dass die Verleger verstanden haben. Aber wissen sie auch, dass Ihre Zeitungen im globalisierten Medienmarkt nur dann eine Chance haben, wenn sie originäre, eigenständige und im Wortsinne herausragende Inhalte anbieten können? Beiträge, die nicht kostenlos von interessengeleiteten Agenturen oder aus Pressestellen kommen, sondern auf unabhängiger und eigenständiger Recherche beruhen? Verstehen sie, dass sie in eine bessere Aus- und Weiterbildung investieren müssen? Das sind die Fragen und das sind die Zweifel."


Dagmar Lange, Landesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands (djv):

"Die richtige und wichtige Intention der Kampagne blendet die Realität in den Redaktionen aus. Seit Jahren schreitet eine grassierende Tarifflucht der Verlage voran. Die Verleger selbst haben ihre ehemalige Reputation als Dienstleister ihrer Leserinnen und Leser beschädigt. Beispiele dafür sind die Zusammenlegung von Redaktionen, die Streichung journalistischer Arbeitsplätze, die Verweigerung der eh schon niedrigen Vergütungsregeln für freie Mitarbeiter und die Vernachlässigung der regionalen wie lokalen Berichterstattung aufgrund der Konzentrationstendenzen. Es bleibt ein armseliges Bild mit Blick auf die Pressevielfalt in Baden-Württemberg, wenn beispielsweise die Mantelteile der zur SWMH gehörenden Tageszeitungen aus einer zentralen Redaktion kommen. Das ist ein demokratieschädliches Modell, das den grundgesetzlichen Auftrag nicht ernst nimmt."


Bernd Serger, früher Mitglied der Chefredaktion "Badische Zeitung":

"'Die beste Zeit für guten Journalismus ist jetzt.' Der Slogan ist meiner Meinung nach falsch, denn es gab schon bessere Zeiten für guten Journalismus, als noch nicht Unternehmensberater den (Spar-)Kurs einer Zeitung bestimmten und es Verleger gab, denen mehr daran lag, eine gute Zeitung zu machen, als Geld zu scheffeln. Unter dem vorgegebenen Motto 'Journalismus zeigt Gesicht' präsentieren sich nun auch auf Facebook reihenweise Redakteurinnen und Redakteure – wobei so manche Abbildung in ihrer verbal wie optisch verwaschenen Unschärfe, sorry, eher an Wasserleichen erinnert."


Jürgen Grässlin, Friedensaktivist und Träger des Grimme-Medienpreises:

"Den Gastbeitrag 'Wo Glaubwürdigkeit wächst', den Wolfgang Schäuble zu der Verlegerkampagne verfasst hat, will ich so nicht stehen lassen. In seiner Ära als Finanz- und Innenminister wurden seitens des Bundessicherheitsrats, dessen Mitglied Schäuble war, Kriegswaffenexporte an mehr als 20 menschenrechtsverletzende Staaten und an völkerrechtswidrig kriegführende Staaten genehmigt. Abertausende Menschen wurden mit deutschen Kriegswaffen verstümmelt, verkrüppelt oder ermordet. Und nicht vergessen werden darf: In seinem Buch 'Erinnerungen 1998 – 2000' hat Helmut Kohl darauf hingewiesen, dass Schäuble von dem Rüstungslobbyisten Schreiber eine 100 000 D-Mark-Spende bekommen hat, die er später einräumte. Dass die 'Badische Zeitung', meine Heimatzeitung, einen Beitrag dieses Menschen zum Thema Glaubwürdigkeit druckt, empfinde ich als zutiefst enttäuschend. Jetzt ist die beste Zeit für eine ehrliche Debatte über die Notwendigkeit von gutem investigativem Journalismus und aufrichtiger Regierungspolitik."


Karin Burger, früher "Südkurier", heute Betreiberin des Blogs "SatireSenf":

"Die karzinogene Kampagne der Zeitungsverleger bepinkelt einen neuen Meilenstein des neoliberalen Zynismus verlegener Verlegender. Prekariatskrebs. Ich habe bei so einem Verlag als Freie gearbeitet. Beim 'Südkurier'. Für die wichtige Arbeit der Gemeinderatsberichterstattung werden Sie schlechter bezahlt als eine Reinigungsfachkraft. Beispiele aus dem Jahr 2016: Aufwand von vier Stunden inklusive Fahrt für eine Gemeinderatssitzung (Dauer: 2,25 Stunden) – Honorar dafür: 15 Euro. Kein Einzelfall: Aufwand von 4,5 Stunden inklusive Fahrt für eine Gemeinderatssitzung (Dauer: 2,0 Stunden) – Honorar: 20 Euro. Ergibt ein Stundenhonorar von 4,44 Euro für eine selbstständige Tätigkeit, bei der sich der/die Freie selbst sozialversichern, Krankheit und Urlaub abdecken muss. Vor Steuern!"


Michael Lünstroth, früher "Südkurier", heute Redaktionsleiter bei "thurgaukultur.ch":

"Statt in großen Kampagnen wäre es viel notwendiger, im Alltag Gesicht zu zeigen für guten Journalismus. Zum Beispiel, wenn Chefredakteure ihre Reporter bei Gegenwind stützten und nicht stürzten. Oder wenn Verleger wieder mehr Redakteuren zuhörten als Produktmanagern. Die beste Imagekampagne wäre ohnehin, wenn sich Verleger wieder an einstmals selbstverständliche Grundsätze erinnerten. Etwa: Journalistische Unabhängigkeit ist keine verhandelbare Größe, die sich im Zweifel den wirtschaftlichen Interessen des Verlages unterzuordnen hat. Eine Regionalzeitung sollte nicht Gesellschafter einer städtischen Tourismus- und Marketing GmbH sein (was der 'Südkurier' in Konstanz beispielsweise ist). Und: Die Relevanz eines Themas darf sich nicht nur nach Lesequoten bemessen."


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