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"Ich muss keine Abbitte leisten"

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Zensur und Schreibverbot bei der „Badischen Zeitung“ (BZ), dem liberalen Traditionsblatt, weil ein renommierter Autor nicht mehr gedruckt wird? Die Frage ist eher, wie lange der Chefredakteur seinen rustikalen Kurs noch durchhält. In Freiburg formiert sich der Widerstand, den auch ein Monopolist nicht steuern kann. Ein Lehrstück auf der Bühne sozialer Medien.

Im Büro des Chefredakteurs ist der Fernseher das herausragende Möbelstück. Ein großer Flachbildschirm vor dem Schreibtisch. Der Nachrichtensender n-tv läuft. An der Wand gegenüber hängt eine Titelseite der BZ mit dem dreijährigen Jungen Aylan Kurdi, der im September 2015 an einen türkischen Strand gespült wurde. Die Welt ist schnelllebig, auch in Freiburg, und Thomas Fricker weiß, dass er auf dem Quivive sein muss. Die Zeiten sind hart, auch für Redaktionsmanager.

Er mache seinen Job "ziemlich gut", sagt er und guckt, ob da einer zuckt vor so viel Selbstbewusstsein. Als Blattmacher entscheide er, was kommt, was lang wird und was kurz, und bisher sei ihm das auch gelungen. Das wird später noch wichtig werden. In seinem kurzärmligen Polohemd erscheint er eher zupackend als filigran, weniger zweifelnd als entschlossen. Fricker ist 59, Oberschwabe, Sohn eines bekennenden Sozialdemokraten (was in Waldsee mutig war), Freund der Fasnet und nicht so sehr der nachdenkliche Typ. Aber der würde heute auch nicht mehr Chefredakteur.

Derzeit, allerdings, läuft es nicht gut für ihn. Wie in Kontext berichtet wirft ihm Bernd Serger, ehemaliges Mitglied der BZ-Chefredaktion vor, Nachrichten zu unterdrücken und ihm ein Schreibverbot erteilt zu haben. Schnell liegt der Verdacht der Zensur in der Luft, und, zack, ist der Boss ein Böser. Konkret geht es um die von Serger recherchierte NS-Vorgeschichte eines Freiburger Unternehmens ("Betten-Striebel"), welche am 21. Juli 2018 zwar im Wochenend-Magazin gedruckt, aber nicht mehr online gestellt wurde, weil Fricker später "journalistische Mängel" und eine "Scharfrichter-Attitüde" des Autors erkannt hatte, welcher Meinung und Information "munter vermischt" habe. Serger habe die heutigen Inhaber der Firma, die mit der "Arisierung" nichts zu tun hatten (was der Autor vermerkt hat), zur "Erinnerungsarbeit zwingen" wollen. Mit der Folge, dass sie als "Judenhasser" und "Nazis" beschimpft worden seien, und er sich veranlasst gesehen habe, sie heim zu suchen. Sie hätten ihm sogar, berichtet Fricker bei unserem Besuch, eine Betriebsführung angedeihen lassen. Seitdem sei er Experte in Matratzen.

Von einem Bettenladen ist ein Monopolist nicht abhängig

An dieser Stelle muss noch ein Absatz mit ökonomischem Bezug eingefügt werden. Wie bekannt, sind Zeitungen heute keine Goldgruben mehr und Chefredakteure gehalten, auf die wirtschaftliche Bilanz zu achten. Da ist eine zehnseitige Beilage zum 80-jährigen Matratzenjubiläum, wie die von "Betten-Striebel", zwar kein Kassenschlager, aber auch nicht zu verachten. Nur, daraus zu schließen, er hätte aus merkantilen Erwägungen heraus das Verdikt ausgesprochen, das erscheint Fricker als "verleumderische Behauptung". Den Ausflug ins Bettenhaus habe er aus "Anstand und Fairness" unternommen, weil er gesehen habe, wie "fassungslos" die "integren Leute" gewesen seien. Und denen, die ihn jetzt als Knecht des Verlegerkapitals beleidigen wollen, schleudert er den Satz entgegen: "Wenn es uns so schlecht ginge, wären hier längst die Lichter aus". Da hat er recht. Von einem Bettenladen ist der südbadische Pressemonopolist nicht abhängig. Aber darum geht es letztendlich auch nicht.

Ähnlich aufgebracht ist Bernd Serger, der zwei Monate lang für die Geschichte geforscht hat. Er empfängt zuhause in der Freiburger Altstadt, in seinem Arbeitszimmer könnten Bücher die Decke tragen. Besonders sauer ist er, weil ihm Fricker "unaufhörlich" unterstelle, eine Kampagne gegen ihn und die BZ zu fahren. Gegen seine "Badische", über die er einst für den Verleger Christian Hodeige, einen Karibik-, Kulinarik- und Fliegenkenner, ein Buch schreiben sollte. Das weist er zurück, weil er das Blatt "nach wie vor liebt", fast 30 Jahre dafür gearbeitet hat, als Lokalchef in Lahr und Freiburg, Leiter von 20 Außenredaktionen und freier Autor.

Serger ist 70 und seit 2011 im Ruhestand. Danach hat er sich einen Namen als Experte für jüdische Geschichte gemacht und weiter für die BZ geschrieben. Bis zu jenem Juli 2018, bis zur überraschenden Mitteilung vor wenigen Wochen, dass die Chefredaktion ihn nicht mehr im Blatt sehen wolle. Überbracht wurde sie ihm von Lokalkollegen, mit denen er einen Beitrag über die Verbindungen des jüdischen Kaufhauskönig Max Emden nach Freiburg vereinbart hatte. Nachdem auch dieser Text nicht in der BZ stehen darf, veröffentlicht ihn Kontext.

Serger lässt sich nicht sagen, wie Journalismus geht

Fricker bestätigt den Vorgang, bekundet aber zugleich seine Bereitschaft, mit Serger zu sprechen – zu seinen Bedingungen. Und die lauten: Der Sergersche "Betten-Striebel" findet nach wie vor nicht statt, aber gerne mit Begründung. Und Serger kontert: "Die Frickersche Begründung kenne ich, die kann er sich sparen." Der weißhaarige Bärbeiß, nach eigener Aussage auch nicht "auf der Brennsupp dahergeschwommen", ist old school. Er lässt sich nicht sagen, wie er sein Handwerk zu machen hat. Das hat er selber gelernt und gelehrt, unter anderem bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Und als BZ-Chronist kennt er die alten Geschichten, wie Hans-Karl Filbinger in den Siebzigern die Redaktion auf Linie bringen wollte, wie die Gesellschafter in den Achtzigern den "linksorientierten" Kurs beenden wollten, wie in den Neunzigern der damalige Chefredakteur Peter Christ gestürzt wurde, wie anno 2009 Ralf Dahrendorf als Berater, Autor und Namensgeber für einen Preis auftauchte, mit dem Beiträge ausgezeichnet werden, die "in vorbildlicher Weise erklären, wie Demokratie auf lokaler Ebene funktioniert".

Will sagen: Vor diesem Hintergrund sind Frickers rustikale Hauruck-Aktionen gefährlich. Innen wie außen. Die "Badische Zeitung" ist kein Blatt wie jedes andere. Das hat mit ihrer Geschichte zu tun, dem Auftrag der französischen Militärregierung, ein national vorzeigbares Blatt zu machen, mit den ersten Journalisten der "Frankfurter Zeitung", die einen "entschieden demokratischen" Kurs fuhren, mit dem hochgeachteten Chefredakteur Ansgar Fürst und den Verlegern, die Journalistinnen und Journalisten nicht nur als Kostenträger betrachten. Wenn Fricker also öffentlich kundtut, der "manipulative" Beitrag von Serger sei aufgrund der "Gedankenlosigkeit eines Redakteurs" ins Blatt gerutscht, der im Haus als Edelfeder gilt, dann wird das Eis dünn. 

In Freiburg hat man nicht kapiert, dass Rudi Dutschke tot ist

Erinnert sei an den Fall Jörder im Jahr 1997. Der Leiter des Feuilletons wurde in der Szene als nationale Fachkraft gehandelt, der BZ-Chefredakteur Peter Christ hielt ihn für unfähig und wollte ihn rausschmeißen. Daraufhin erhob sich im Kulturbiotop Freiburg ein tausendfacher Aufschrei, bundesrepublikanische Prominenz schickte Solidaritätsadressen – und Gerhard Jörder ging zur "Zeit". Geflogen ist Christ. In dieser Zeit war man in  der Chefetage der Meinung, schrieb einst der gebürtige Freiburger Georg Löwisch in der taz, in der Stadt habe man einfach noch nicht kapiert, "dass Rudi Dutschke tot ist".  

Nun sind alle die ProfessorInnen, SchriftstellerInnen, LehrerInnen, Vauban-BewohnerInnen ja nicht verschwunden. Nach und nach melden sich die Kombattanten wieder, der linke Stadtrat, der FDP-Politiker, der Germanistikprofessor, auch intern rumort es. Vieles läuft über Facebook, nicht mehr in Leserbriefen, mit denen sie Gefahr laufen, im Nirwana zu enden. Etwa, wenn Fricker befindet, sie hätten die Kampagne gegen ihn genügend befeuert, er werde diesen "Missbrauch unseres Forums nicht dulden". Basta, geschlossen, und weg damit.

Für sich selbst sieht er das anders. In einem meinungsstarken Beitrag vom 15. Juni ("Kesseltreiben statt Diskussionskultur"), versucht es der Chefredakteur mit einer erneuten "Klarstellung", die letztlich zu einer erneuten Attacke, zum Tausch der Rollen gerät. Jetzt ist Fricker das Opfer. Aber auch das wird nicht funktionieren. Schon jetzt hat er eine Debatte an der Backe, die all die Fragen aufwirft, die sich insbesondere Pressemonopolisten gefallen lassen müssen: Von wem seid ihr abhängig? Was veröffentlicht ihr und was nicht? Ist Vielfalt nicht euer oberstes Gebot? Mit der Attitude des Gutsherrn, der bestimmt, wann Ende Gelände ist, ist dieser Kampf nicht zu gewinnen. Eher mit der Fähigkeit zur Demut, die es zulässt, eine andere Meinung potenziell für schlauer zu halten.

Anzuraten wäre dem oberschwäbischen Landsmann, einfach mal in Sergers Facebook-Seite rein zu schauen. Tief durchzuatmen, die Auskeilreflexe abzuschalten und ernstzunehmen, was die LeserInnen schreiben. Zu begreifen, dass die Zeiten, in denen die publizistische Deutungshoheit den Verlagen gehörte, definitiv vorbei sind. Doch der Chefredakteur bleibt standhaft. "Ich muss keine Abbitte zu leisten", sagt er mit fester Stimme. Die Frage ist, wie lange noch.


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8 Kommentare verfügbar

  • Andreas Lobe
    am 28.06.2019
    Antworten
    Der Fall, um den es geht, mal einfach dargestellt: Da wurde ein jüdischer Geschäftsmann erst staatlich sanktioniert bestohlen und aus dem Land getrieben, dann, als er die Möglichkeit gehabt hätte, sein Eigentum zurück zu fordern, von den Dieben belogen und eingeschüchtert. Als ihm das klar wurde,…
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