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April, April im Pressehaus

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Der 1. April ist im Stuttgarter Pressehaus ein gefährliches Datum. 2016 war er der Startschuss für die Einheitszeitung STZN. Vier Jahre später sollen "grundlegende Umstrukturierungen" anstehen. Das verheißt nichts Gutes.

Die Zeitungen vom 6. November 2019 sind noch in Erinnerung. Auf der Titelseite alle blau und mit der gewagten Zeile versehen, die beste Zeit für guten Journalismus sei jetzt. Da haben viele gestaunt, manche gelacht, und andere gefragt, auf welchem Planeten sie leben. Letztere waren insbesondere JournalistInnen, die auf der Gehaltsliste der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) standen, und nie wussten, wie lange sie dort noch verweilen würden. Spätestens seit Antritt des neuen Geschäftsführers Christian Wegner (Juli 2018) war klar, dass der Sparkurs noch härter, der sogenannte Qualitätsjournalismus noch notleidender werden würde.

Das Geschäftsprinzip des Neuen ist dabei das Modell des Alten: Zeitungen kaufen, ausbeinen und zusammenlegen, und dann auf Online hoffen. So werden demnächst 16 Blätter der Medienholding Süd (MHS), einer Gesellschaft der SWMH, denselben Mantel haben. Will sagen: Wenn die Zentralredaktion in Stuttgart es will, sind alle blau, von Offenburg über Oberndorf bis nach Hof-Coburg-Suhl. Das spart Personal, Diskussionen, also Geld und Zeit, was dann wiederum ins Digitale investiert werden kann – welches zwar schwer defizitär, aber die Zukunft ist.

Ausgabe 446, 16.10.2019

Die Gutsherren legen die Axt an

Von Josef-Otto Freudenreich

Die Nebel im Stuttgarter Pressehaus lichten sich. Zumindest beim Sparprogramm. Geschlossen werden sollen die Redaktionen in Esslingen, Böblingen, Waiblingen und Göppingen. Der Einheitsbrei wird immer breiter.

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Wie das zu funktionieren hat, haben die "lieben Kollegen und KollegInnen" am 2. Dezember, noch rechtzeitig vor Weihnachten, von ihrer Geschäftsleitung und den untergebenen Chefredaktionen erfahren: mit dem "Reporter-Editor-Prinzip". Die Editoren sind dabei die Malocher, die fast rund um die Uhr die Kanäle voll schaufeln sollen, vom gedruckten Erzeugnis über den Webauftritt bis zu Twitter. Weil der Fluss nie versiegen soll, bedarf es vieler Schaufler, so vieler, dass im Pressehaus noch eine Kreuzbühne angebaut werden müsse, wie Spötter betonen. Wahr ist, dass der Betriebsrat bereits vor Engpässen personeller Art gewarnt hat. Zumal ja zwischen 40 und 60 Stellen abgebaut werden sollen.

Auch dafür haben die KollegInnen inzwischen klare Ansagen: Wer bis zum 19. Februar 2020 das Abfindungsprogramm in Anspruch nimmt, kann mit maximal 141 000 Euro rechnen, muss dafür aber jahrzehntelang im Pressehaus gearbeitet haben. Dies sei, kritisiert der Betriebsrat, "eindeutig unter dem, was wir bei den STZN in der Vergangenheit gewohnt waren".

Die Reporter haben den Stoff heranzuschaffen – "tagesaktuell, mit hohem Output und für alle Kanäle aller Titel". Sie füllen Dachzeilen, Überschriften, Teaser, Links und Bildergalerien aus, ergänzen Facebook- und Instagram-Posts. Da freuen sich die Rechercheure, denen als neues Berufsbild die eierlegende Wollmilchsau abverlangt wird, so sie ihren Job noch im klassischen Sinne verstehen. Als seriös arbeitende JournalistInnen. Was mögen sie davon halten, was ihre Chefetage als wichtigstes Ziel formuliert: eine "unverändert hohe journalistische Qualität", die es mit "hoher Kompetenz" und "Leidenschaft" noch zu steigern gelte? Die Antworten sind nicht zitierfähig.

Sagen wir es so: Es wäre schön, wenn es so wäre. Wenn es wirklich "präzise aufbereitete Nachrichten von höchster Aktualität" und "sorgfältig recherchierte Hintergründe" aus dem Raum Stuttgart gäbe, wie die StZ verspricht, die in "dieser Tiefe und Qualität wohl kein anderer Verlag bieten kann". Dann würde man vielleicht auch den 35. Newsletter abonnieren. Aber so lange sie in Möhringen PR-Sprech für des Rätsels Lösung halten, kommt der nächste 1. April bestimmt.


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1 Kommentar verfügbar

  • Philippe Ressing
    am 01.01.2020
    Antworten
    Das was hier a, Beispiel SWMH beschrieben wird, Arbeitsverdichtung durch Print und Digital, wird zunehmend zur Gefahr für die publizistische Vielfalt und damit die Meinungsfreiheit. Einheitsbrei statt Vielfalt, Output statt Recherche bestimmen den Alltag in den Massenmedien. Das betrifft aber nicht…
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