Ausgabe 414
Medien

"Bild"-Chef im Delirium

Von Mario Damolin
Datum: 06.03.2019
Auf die Idee muss man erstmal kommen: den "Bild"-Chef Julian Reichelt über Ethik und Moral reden lassen. Die Sinti und Roma in Heidelberg haben es getan und ein einwandfreies Schmierenkabarett bekommen.

Irgendwie muss es dem 38 Jahre alten "Bild"-Chef in Berlin zu langweilig sein – oder die Gage für den Abend war mitnehmenswert. Anders kann man seinen Kurztrip vergangene Woche in die nordbadische Provinz eigentlich nicht erklären. Was würde er hier – außer Kritikern und Gegnern seiner Zeitung – vorfinden? Doch offensichtlich bietet ihm gerade ein solches Ambiente den Kick, um den richtigen Spaß an verbalem Raufhändel zu haben und sich als Provokateur zu feiern.

Eine Podiumsdiskussion also. Veranstalter: der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, vertreten durch seinen Vorsitzenden Romani Rose. Dazu noch Volker Stennei vom Deutschen Presserat. Und, nicht zu vergessen, ein Moderator, der es nicht für nötig hielt, sich dem Publikum vorzustellen. Sozusagen der unbekannte, schlechte Geist der Talk-Runde. (Es handelte sich um Herbert Heuß, den wissenschaftlichen Leiter des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma.) Ambitioniertes Thema der Veranstaltung: "Ethik und Moral im Boulevard?" – wie die Veranstalter verschämt gestanden, vom "Bild"-Mann selbst entworfen.

Reichelt stieg denn auch gleich mit einem Loblied auf die traditionellen Medien – natürlich vor allem "Bild" – ein: Gäbe es sie nicht, würde der Meinungsmarkt völlig vom Schmutz der Social Media dominiert. Eine erstaunliche These, wird doch die öffentliche Meinung seit Jahrzehnten – obwohl mit sinkender Auflage – vom Schmutz der "Bild"-Zeitung infiziert, der Mutter aller "Social Media". Reichelt weiter: Die "Bild" sei nur ein Player im Mediengeschäft, wolle "keine Liebe", soll umstritten sein und in verständlicher Sprache "sagen, was ist". Das berühmte Credo des "Spiegel"-Gründers Rudolf Augstein. Da ging schon ein Raunen durchs Publikum.

Es blieb nur kurz Zeit, Luft zu holen, denn Reichelt kam in seiner fast atemlosen Suada jetzt erst richtig in Schwung. Zehn Jahre habe er als Nahost-Reporter und in Asien sein "Leben riskiert", um wahrhaftigen Journalismus zu bieten, das wolle er mit "Bild" fortsetzen: "Alles, was ich mache, mache ich aus tiefer Überzeugung und nicht der Auflage wegen." Seine Zeitung nannte er in einem Atemzug mit der "Washington Post" und der "New York Times". Sein Journalismus, so Reichelt, bestehe nicht aus "langweiligem Zeugs", sondern aus "herausragenden Ereignissen", etwa der "Flüchtlingskrise", die den "Rassismus in den Menschen" stimuliere – links wie rechts. Und "sagen, was ist", bedeute auch, "zeigen, was ist" – etwa auch Täter und Opfer des islamischen Terrorismus. Nichts solle verborgen werden. Und "Bild" sei das einzige Medium, das solche Dinge deutlich mache. "Wir bringen ja auch Fotos von Lawinenopfern." Und so weiter und so weiter.

Bevor er sich völlig in seinem selbstreferentiellen Delirium verirrte, halfen seine Mitdiskutanten, das Kabarett komplett zu machen. Der Moderator stotterte mühsam ein paar unqualifizierte Fragen heraus, die zudem noch vom Thema wegführten. Der Presseratsvertreter verstand Ethik als empirische Untersuchung, und der Zentralratsvorsitzende Romani Rose ergriff die Gelegenheit, "Bild" für die Gesprächsbereitschaft gegenüber den Vertretern der Sinti und Roma – also ihm gegenüber – erst einmal zu danken und danach ein halbes Dutzend Mal darauf hinzuweisen, dass "die deutschen Sinti und Roma seit 600 Jahren in Deutschland leben" und "demokratische Werte vertreten".

Eine grandiose Schnapsidee

Für den Funktionär, so schien es, besteht die Frage der journalistischen Ethik heute hauptsächlich darin, dass bei der Berichterstattung in den Medien über kriminelle Ereignisse "nicht die Abstammung" genannt wird. Und dass die Opfergeschichte der Sinti und Roma zwar in der Politik angekommen sei, aber nicht beim deutschen Durchschnittsbürger. Und so redete er sich in Rage über die "Diskriminierung und Kriminalisierung", die Roma und andere erleiden müssen. Ethik und Moral im Journalismus?

Insgesamt eine makabre Gesprächsrunde, in der der "Bild"-Chef, der dreist und frech seine seltsamen Thesen vertrat, das Heft souverän in der Hand hielt und ununterbrochen quasselnd den anderen Mitdiskutanten das Wort nahm: "Ich will Sie nicht unterbrechen ..."

Am Erstaunlichsten aber war das Publikum. Zwar zwischendrin murrend und verhalten anklagend, doch letztlich gefangen in einem Setting des Anstands und des Unkundigen. Da stand niemand auf, zeigte die aktuelle Ausgabe der "Bild" und fragte etwa, was Artikel wie "Versöhnungssex im Affenhaus" an "herausragender Information" mit sich bringen. Niemand unterbrach den Berliner Dampfplauderer mit ebenso frechen Zwischenrufen. Man war froh, dass man es hinter sich hatte.

Tatsächlich ist zu fragen, wer im Heidelberger Dokumentations- und Kulturzentrum der Deutschen Sinti und Roma auf die grandiose Schnapsidee gekommen ist, mit einem Schmierenjournalisten – oder wie es Peter Zudeick im Deutschlandfunk formulierte: mit einer "Krawallschachtel" – über journalistische Ethik reden zu wollen. Am Tag danach jedenfalls war "business as usual" bei "Bild": "Wallach muss zum Hengst-Test", "Hund beißt Mädchen ins Gesicht" und "Ich wurde an katholische Geistliche verliehen". So ist er eben, der Boulevard.


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4 Kommentare verfügbar

  • richter johann
    am 21.08.2019
    der stennei - ich weiß nicht wieso er in dieses amt gewählt wurde, ist so ziemlich der farbloseste mensch auf diesem planeten. habe schon zwei veranstaltungen mit ihm erlebt. da kam nichts an rhetorik. irgendwie hat man das gefühl, dieser mann hat das gemüt eines metzgers. dass dieser mann als chefredakteur arbeitet, ist für mich unvorstellbar
  • Herbert Heuß
    am 20.03.2019
    KONTEXT VERFEHLT
    Eine Replik auf den Bericht über Bild-Chefredakteur Julian Reichelts Besuch im Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma, Kontext vom 6.3.19
    Teil 2


    Bei alledem unterschlägt M. Damolin die Aussagen von Julian Reichelt, die für den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma von Bedeutung sind. Axel Springer hatte 1967 für das Unternehmen Grundsätze verbindlich eingeführt, die u.a. festschrieben, daß Springer die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen (später geändert in) das jüdische Volk und das Existenzrecht Israels unterstützt. Julian Reichelt erklärte in Heidelberg, daß diese Unternehmensgrundsätze in gleicher Weise für Sinti und Roma gelten. Daß auch die Rhein-Neckar-Zeitung in ihrem Bericht diese Aussage unterschlug, macht die Sache nicht besser. Sie zeigt vielmehr, wie eng die Wahrnehmung wird, wenn Bild ausschließlich als Feindblatt gesehen wird. Damit trägt M. Damolin und Kontext zu einem Lagerdenken bei, dessen Auswirkungen wir in Ländern wie Ungarn sehen können : Gespräche zwischen den Lagern finden nicht mehr statt. Das Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma wird allerdings weiterhin ein Ort des Dialogs bleiben.
    Das von M. Damolin beigezogene Delirium wäre vielleicht, wenn er denn zu tief ins Glas geschaut hätte bei der Abfassung seines Artikel, eine Erklärung dafür, daß er unter der Meßlatte fürs journalistische Niveau, die Julian Reichelt vielleicht auch nicht ganz so hoch vorgelegt hat, so einfach durchrutschen konnte.
  • Herbert Heuß
    am 20.03.2019
    KONTEXT VERFEHLT
    Eine Replik auf den Bericht über Bild-Chefredakteur Julian Reichelts Besuch im Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma, Kontext vom 6.3.19
    Teil 1 !

    Ein klassisches Merkmal sehr schlechten Journalismus ist es, wenn Berichterstattung und Meinungsmache vermischt, wenn Nachricht und Kommentar nicht sauber getrennt werden. Ein gutes Beispiel solch Journalismus liefert M. Damolin im Kontext vom 6.3.2019 unter der Überschrift "Bild"-Chef im Delirium.
    Zunächst : in der Tat, der Moderator stellte sich nicht vor – ein kurzer Zwischenruf hätte mich auf diesen faux pas aufmerksam gemacht und das wäre es gewesen. Statt dessen liefert M. Damolin meinen Namen im Artikel nach, allerdings mit unkorrekter Bezeichnung meiner beruflichen Position, soviel zu den kleinen Fehlern des täglichen Lebens.
    Allerdings geht der Furor im Artikel dann erst richtig los, offenkundig hat M. Damolin kein Gespräch sondern mindestens ein Autodafé erwartet. Daß Romani Rose den Chefredakteur von Bild, Julian Reichelt, zum Besuch des Dokumentationszentrums Deutscher Sinti und Roma und zu einem Gespräch einlud, geht offenbar über das Vorstellungsvermögen dieses Autors hinaus. Der Furor vom Schmutz der "Bild" gibt für M. Damolin die einzig richtige Richtung vor, nichts anderes ist in seinem von Wut geprägten und moralische Überlegenheit reklamierenden Artikel zulässig, nichts anderes wollte er wahrnehmen. Damit bedienen Kontext und M. Damolin im Grunde die gleichen Muster, die sie Bild vorwerfen : den Erwartungen der imaginierten Leser soll entsprochen werden, und M. Damolin tritt entsprechend als gewissermaßen para-liberaler Wutbürger auf, der gleichermaßen Bild wie die Anliegen des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma schreibend wieder in den Schmutz zurückbefördern will, wo sie seiner Meinung nach offenbar hingehören.
    Daß er Romani Rose vorwirft, auf die 600-jährige Geschichte von Sinti und Roma in Deutschland und auf ihren Patriotismus als deutsche Bürger hinzuweisen, ist abstrus und zeugt vor allen Dingen davon, daß M. Damolin in hohem Maße geschichtsblind ist. Der Familie von Romani Rose wurde ihr Deutschsein abgesprochen, seine Angehörigen wurden als sogenannte Fremdrasse verfolgt, deportiert und ermordet – genau deshalb will Romani Rose sich von niemandem dieses Recht auf Heimat und auf seine Identität als Deutscher und als Sinto streitig machen lassen und er reklamiert dieses Recht immer wieder. M. Damolin ist hier nicht nur in schlammigem sondern auch, vielleicht wider Willens, in rechtspopulistischem Fahrwasser unterwegs, es gibt sie wieder, die Vertreter eines homogenen, völkischen Deutschtums.
    Daß Romani Rose die Gesprächsbereitschaft von Julian Reichelt positiv bewertet kommt nicht von ungefähr; die Chefredaktion des Spiegels zum Beispiel verweigert sich seit Jahr und Tag einem Gespräch. Romani Rose prangert in der Tat auch immer wieder die gerade aktuell in vielen Medien wiederkehrende Kriminalisierung von Sinti und Roma an; dies ist nach Auffassung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma eine der wesentlichen Ursachen für die hohe Ablehnung der Minderheit durch die Mehrheitsbevölkerung. Wenn M. Damolin dann hinterherfragt : Ethik und Moral im Journalismus? (mit Fragezeichen), dann heißt das offenkundig, daß der Vorwurf der Kriminalisierung von Sinti und Roma nichts mit Ethik und Moral zu tun habe, also wohl doch berechtigt sein könne. Sein Artikel zeigt seinen Überdruß, es sei genug mit den Vorwürfe des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma zu diesem Thema; er suggeriert, daß Diskriminierung, über die Romani Rose sich in Rage redet, nichts mit Ethik und Moral im Journalismus zu tun habe.

    ES FOLGT NOCH EIN ZWEITER TEIL, DA DER RAUM FÜR KOMMENTARE BESCHRÄNKT IST !
  • Matthias H.
    am 06.03.2019
    Er kann noch so viel von seiner Zeit im Nahen Osten faseln - seit dem Reichelt alleiniger Chefredakteur der BILD-Zeitung ist, hat diese einen klaren Ruck hin zum Populismus und zu rechtem Stammtischgeseiere gemacht. BILD ist nun die Zeitung derer, die sich in "das wird man ja wohl noch sagen dürfen"-Manier echauffieren, wenn AfD-Politiker auf ihre abstrusen Thesen und gefühlten Wahrheiten aufmerksam gemacht werden. Gratulation, Herr Reichelt. Würde mich nicht wundern, wenn Sie auch bald Gastbeiträge für das Magazin Compact schreiben.

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