Mittag mit Musik: Die Band der LEA Ellwangen spielt in der Kantine auf. Fotos: Jens Volle

Ausgabe 414
Gesellschaft

Keine heile Welt

Von Gesa von Leesen
Datum: 06.03.2019
Die Landeserstaufnahmestelle Ellwangen geriet in die Schlagzeilen, als Bewohner im Mai 2018 die Abschiebung eines Mannes verhinderten. Die Berichterstattung war hysterisch – von einem "Flüchtlings-Aufstand" war die Rede, gar von der "Kapitulation des Rechtsstaats". Ein Ortsbesuch in der LEA, fast ein Jahr später.

"Hier drinnen ist die Welt in Ordnung." Roland Herzog, stellvertretender Leiter der Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) in Ellwangen lacht, als er das sagt. "Im Ernst: Wenn ich hier längslaufe, heißt es ständig 'Hallo' und 'Wie geht's?'. In der Stadt erlebe ich das selten."

Nun leben in der Stadt Ellwangen im Ostalbkreis allerdings auch 24 000 Menschen und in der LEA derzeit nur 420, davon 50 Frauen und 60 Kinder – da kann man sich schon eher kennen lernen. Aber in der Tat: Beim Gang durch die Gebäude fällt vor allem die entspannte Atmosphäre auf. BesucherInnen werden von den Gästen – so nennt man hier die Geflüchteten – gegrüßt. MitarbeiterInnen des Sicherheitsdienstes fragen freundlich, ob sie weiter helfen können, in der Kantine spielt eine Band, Kinder tanzen. Von der angespannten Stimmung, derentwegen diese Erstaufnahme vor neun Monaten in die Schlagzeilen geriet, ist nichts mehr zu merken.

Im Mai 2018 hatten aufgebrachte Geflüchtete die Abholung eines Mannes aus Togo durch die Polizei verhindert. Nach diesem missglückten Einsatz rückte die Polizei wenige Tage später mit mehreren hundert Beamten an, um den Togolesen festzunehmen und abzuschieben. Der massive Einsatz zog viel Kritik auf sich, erhielt aber auch Lob, unter anderem vom grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und die Berichterstattung steigerte sich in Hysterie.

Nein, der Vorfall von damals sei heute nicht mehr zu spüren, sagt Berthold Weiß. Der Leiter der LEA sitzt in seiner Freizeit im Ellwanger Gemeinderat der fünfköpfigen Grünen-Fraktion vor. Dass sein Stellvertreter in der Landeserstaufnahme ein CDU-Mann ist gefällt den beiden Männern gut, offenbar auch, weil es den politischen Gegnern im Ort das Leben etwas schwerer macht.

Alassa Mfouapon

Im Zusammenhang mit der verhinderten Abschiebung im Mai 2018 in der LEA Ellwangen gab es eine heftige mediale Diskussion über Alassa Mfouapon aus Kamerun. Ihm wurde damals vorgeworfen, gemeinsam mit anderen Asylbewerbern eine Demonstration gegen den umstrittenen Polizeieinsatz organisiert zu haben. Im Juni wurde er nach Italien abgeschoben. Nach einer sechsmonatigen Einreisesperre kam er wieder nach Deutschland und stellte in der LEA Ellwangen einen Asylfolgeantrag. Untergebracht ist er nun in der LEA in Karslruhe. Der BILD-Zeitung, die massiv gegen Mfouapon hetzte, wurde mittlerweile gerichtlich verboten, weiterhin zu behaupten, er sei bei den Tumulten in der LEA "mittendrin" gewesen. Zudem stellte das Landgericht Hamburg fest, dass Alassa entgegen der Bild-Behauptung, völlig legal wieder nach Deutschland eingereist war. (gvl)

Die hatten sich zuletzt formiert, weil der Vertrag für das Fortbestehen der LEA verlängert werden sollte. Ursprünglich war vorgesehen, die Einrichtung von April 2015 bis Mai 2020 laufen zu lassen, die Landesregierung wollte nun bis Ende 2024 verlängern. Dagegen sträubten sich vor allem die Freien Bürger im Gemeinderat und größere Teile der CDU. Monatelang wurde diskutiert und gleichzeitig mit Land und Kreis gedealt. Ergebnis: Die Laufzeit wurde auf Ende 2022 verkürzt, Ellwangen hat den Zuschlag für die Landegartenschau 2026 erhalten, außerdem wurde zugesagt, dass eine Gesundheitsakademie in der Stadt angesiedelt wird. So stimmte nun am 13. Februar der Gemeinderat der Verlängerung mit deutlicher Mehrheit zu. Weiß: "Ich bin erleichtert, dass die Entscheidung endlich gefallen ist. Vor allem die MitarbeiterInnen in der LEA hat die Ungewissheit sehr belastet. Nun sind die Arbeitsplätze für die nächsten vier Jahre gesichert." Weiß, Herzog und deren Mannschaft können sich nun wieder dem normalen Alltag zuwenden.

Der ist aufreibend genug. Jede Woche kommen neue Gäste, jede Woche werden Geflüchtete von der Polizei abgeholt, um sie abzuschieben, andere haben einen Aufenthaltsstatus erhalten und ziehen um in den Landkreis. Derzeit leben vor allem SchwarzafrikanerInnen in der LEA. Weiß erklärt: Wer nach seiner Flucht im Südwesten lande, komme zunächst nach Heidelberg. Menschen ohne Bleibeperspektive, vor allem Menschen vom Westbalkan, blieben dort. Wer eine gute Perspektive habe, wie Syrer, Eritreer, Iraker, würde in die Landkreise verteilt. Alle anderen, bei denen aufwendige Verfahren zu erwarten seien, kämen in die verschiedenen LEAs im Land. Und da diese letzte Gruppe vor allem aus Schwarzafrika komme, seien in der LEA in Ellwangen vor allem Menschen aus Nigeria und Guinea, dann folgen mit großem Abstand Türkei, Kamerun, Gambia. "Im Schnitt bleiben unsere Gäste sechs Monate hier, manche allerdings auch länger", sagt Weiß.

Da die Einrichtung für 1000 Menschen ausgelegt ist, haben die aktuell 420 Menschen ausreichend Platz. Wo 2015 und 2016 bis zu zwölf Menschen in einem Raum leben mussten, der eigentlich für sechs ausgelegt ist, wohnt heute eine dreiköpfige Familie allein: Zwei Doppelstockbetten, deren obere Pritschen mit Koffern und Taschen belegt sind, zwei Betten sind zum Ehebett zusammengeschoben, ein Tisch, drei Stühle, drei Metallspinde – die Normeinrichtung, mehr ist auch nicht zu sehen. Insgesamt gibt es auf dem ehemaligen Kasernengelände fünf Wohnblöcke, zwei für Männer, zwei für Familien, einer für Frauen. Letzterer wird bewacht, Männer haben keinen Zutritt.

Einmal in der Woche kochen die Gäste in der Kantine selbst. "Die Leute wollen ja auch mal was essen, was ihnen schmeckt. Wissen Sie, wie man afrikanisches Essen würzt? Na eben. Unser Koch auch nicht", sagt Weiß. An diesem Freitag steht nigerianisch auf dem Speiseplan – Banku, ein warmer Teigkloß, sowie Reis, ein sehr würziges Couscous mit Spinat und wahlweise Huhn, Rind oder Fisch, dazu Salat. Die Musik der Band macht Laune, vor allem den Kindern, an den 20 Tischen wird gegessen, geredet, Neuigkeiten machen die Runde. Die Beschäftigten der LEA werden angesprochen, immer müssen Fragen geklärt werden.

Um die 200 Frauen und Männer arbeiten dort. 35 vom BamF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge), 20 vom Regierungspräsidium, 15 von den Wohlfahrtsverbänden, 40 in Gebäudemanagement und Verpflegung und etwa 80 beim Sicherheitsdienst, der im Zweischichtbetrieb die LEA bewacht und für Ordnung sorgt. Zudem gibt es eine feste Polizeistation. "Unseren Gästen erkläre ich, dass da diejenigen sind, zu denen sie gehen müssen, wenn ihr Handy geklaut wurde oder sonst was nicht in Ordnung ist", sagt Weiß. Das funktioniere ganz gut. Zum Glück, sagt Weiß, seien die hier stationierten Polizisten nicht in die Polizeieinsätze einbezogen, bei denen es um Abschiebungen geht.

Drohende Abschiebungen belasten die Bewohner. Deshalb gibt es auf der medizinischen Station neben einem Arzt und Krankenschwestern auch psychologische Betreuung. "Viele Menschen haben heftige psychische Probleme", berichtet der Reinhard Sellmann, einer der beiden Psychologen. "Das häufigste sind posttraumatische Belastungsstörungen, vor allem Schlafstörungen, so dass die Menschen gar nicht oder nur zwei Stunden schlafen können. Wegen Albträumen, wegen Gedankenzirkeln, wegen Flashbacks. Wir haben Angststörungen, soziale Ängste, viele Depressionen."

In den vergangenen Wochen habe er zudem verstärkt Suizidalität festgestellt. "Also, dass die Betroffenen daran denken, sich das Leben zu nehmen." Passiert sei das zum Glück noch nicht, sagt Sellmann. "Das hat mit Italien zu tun. Viele Leute erzählen, dass sie dort zuerst in einem Camp waren, dann wurden sie einfach auf die Straße gesetzt – ohne alles." Dann schlagen die Menschen sich durch, schlafen in Kellern, betteln oder werden von dubiosen Geschäftemachern für wenig Geld auf Gemüseplantagen ausgebeutet.

"Für Familien und Frauen ist die Situation dort besonders dramatisch", erzählt Sellmann. Doch was kann er, Sellmann, da tun? Der Psychologe seufzt. "Wir versuchen, die Betroffenen zu stabilisieren. Die Lebenslage ist wie sie ist, da kann ein Arzt nur beschränkt helfen." Zunächst einmal gehe es darum, dass die Menschen, oft mit Hilfe von Medikamenten, wieder schlafen können, damit sie überhaupt die Kraft finden, ihre Situation zu überdenken. Sellmann und sein Team versuchen, kleine Lichtblicke in die Leben der Menschen zu bringen. "Ich sage ihnen: Ich bin für dich da, ich bete für dich. Das hilft Christen und Moslems."

Trotz der schwierigen Lebenslagen ihrer Gäste machen die LEA-Mitarbeiter einen optimistischen Eindruck. Zum Beispiel Krankenschwester Elke Blänich. Auf die Frage, wie lange sie schon hier arbeite, antwortet sie strahlend: "Seit September 2015." Warum strahlt sie dabei? "Weil ich hier gerne arbeite!" Gerade hat Blänich die kleine Beatrice gewogen. Zehn Monate ist das Mädchen alt, und weil es anfangs nicht richtig essen wollte, kommt ihre nigerianische Mutter regelmäßig in die Krankenstation, die von Montag bis Freitag besetzt ist. "Die Leute sind immer versorgt, gerade für Mütter mit Kindern ist das natürlich gut", betont Weiß. "Draußen" sei die medizinische Versorgung für Geflüchtete sehr viel schwieriger.

Es gibt eine Fahrrad- und Kinderwagenwerkstatt, eine Kinderbetreuung, die für Mütter mit Kindern jeden Nachmittag geöffnet ist – gemeinsam mit den Erzieherinnen wird dort gespielt oder gelernt – je nach Alter. Vier Ehrenamtliche geben für die Kinder Sprachkurse, erzählt Weiß stolz. "Wenn sie gut genug sind, schauen wir, dass die Kinder in die Schule kommen."

Bei aller Mühe, kleinen und großen Erfolgen: lustig ist ein Leben ohne Arbeit, teils ohne Familie und ohne Sprachkenntnisse nicht. Langeweile ist ein großes Problem, wer einen der 80-Cent-Jobs in der Einrichtung ergattert, ist froh darum. "Niemand verlässt seine Heimat ohne Not", sagt Weiß. Das sei nicht jedem in der Gegend klar und als 2015 und 2016 sehr viele Menschen nach Deutschland flohen, hat Weiß öffentliche Führungen durch die LEA angeboten, damit alle sich ein realistisches Bild machen konnten. Diese Führungen gibt es bis heute. "Wir wollen Empathie wecken. Ich glaube, nur durch eigenes Erleben, kann man die Sicht auf die Dinge verändern."


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3 Kommentare verfügbar

  • Charlotte Rath
    am 13.03.2019
    Warum malt der Artikel so ein putziges Bild, aber berichtet nicht darüber, dass die gerichtliche Aufarbeitung der damaligen Vorfälle noch andauert? Mit erstaunlichen Ergebnissen: „Richter hält Polizeieinsatz für rechtswidrig“, denn es fehlte sowohl am erforderlichen Durchsuchungsbefehl als auch an der 'Gefahr im Verzug' für die Razzia.
    https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.grossrazzia-in-ellwangen-richter-haelt-polizeieinsatz-fuer-rechtswidrig.3990de4f-c987-448f-9cc7-b5569de7982c.html

    „Noch einmal zurück in den Mai 2018: Damals dankte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) der Polizei, die „mit der erforderlichen Konsequenz und Härte reagiert hat“. Und Horst Seehofer nannte die Vorfälle, die zu der Razzia geführt hätten, einen „Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung“. Wenn man das nicht alles fast schon vergessen hätte, könnte man jetzt mal danach fragen, wem die möglicherweise nicht rechtstreu handelnde Polizei nun ins Gesicht geschlagen hat. Aber inzwischen sind so viele Transitzentren-, Asylrechtsdurchsetzungs- und Polizeiermächtigungs-Diskussionen mit dem Zeigefinger Ellwangen (irgendwas mit hilfloser Polizei gegen 150 gefährliche Flüchtlinge) durchgewunken worden, dass derlei Spitzfindigkeiten auch wieder egal sind. Also, zumindest für alle, die nicht gerade grundrechtswidrig vor Gericht stehen“, meint Elsa Koester dazu. https://www.freitag.de/autoren/elsa-koester/remember-ellwangen
  • Frank Frei
    am 11.03.2019
    Wie naiv ist der Leiter eigentlich? Die gruessen weil die von dem das "Geld", Unterkunft etc. kriegen. Die anderen gruessen nicht, weil die zahlen muessen.
  • Harald Artur Irmer
    am 09.03.2019
    Erstmal: Wenn es im Iran knallt - Israel und die USA arbeiten ja sehr daran - oder wieder in Syrien, werden die Notaufnahmelager auch gleich wieder voller, da habe ich für die Beschäftigten der LEA auch gar keine Bedenken ... Es gibt sogar schon einen Notfallplan, habe ich ganz kürzlich gelesen.
    Die Afrikaner müssen wegen fehlenden Deutsch- und Berufs-Kenntnissen völlig begründet viele Jahre auf Verdienst durch eigene Arbeit warten; damit haben die wenigsten gerechnet.
    Es kommen z.Z. immer noch ca. 15.000 Armuts-Migranten im Monat zu uns, im Jahr die Bevölkerung einer kleinen Großstadt; aber der Wohnraum und andere Infrastruktur wachsen doch von selbst nach?
    Wir werden die Bedrängten der Erde nicht aufnehmen können; es gilt das Wort von Peter Scholl-Latour: "Wer halb Kalkutta bei sich aufnimmt, wird selbst zu Kalkutta".
    Uns alleine um die tatsächlich politisch Verfolgten zu kümmern, ist schon eine Herausforderung.

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