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Jugend im Ehrenamt

Weil's Spaß macht

Jugend im Ehrenamt: Weil's Spaß macht
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Ob Feuerwehr, Schwimmverein oder Gewerkschaft: Was als selbstverständlich vorausgesetzt wird, gibt es nur, weil sich so viele freiwillig dafür engagieren. Drei junge Menschen erzählen vom Ehrenamt.

Kinder mit bunt bemalten Gesichtern jauchzen in der Hüpfburg, der Geruch nach Frittiertem in der Luft. Klingt nach Kirmes, ist in Wirklichkeit der Tag der Feuerwehr Kirchheim unter Teck. Um die vierzig freiwillige Feuerwehrmänner – und einige wenige Feuerwehrfrauen – lassen sich und ihre Tätigkeit im Ehrenamt an diesem sonnigen Sonntag feiern. Sie zählen zu den vielen Menschen in Deutschland, die sich ehrenamtlich engagieren.

Laut dem Deutschen Freiwilligensurvey 2019, einer alle fünf Jahre durchgeführten Erhebung, sind etwa 40 Prozent der Bevölkerung auf die eine oder andere Weise ehrenamtlich tätig – wobei der Anteil seit 1999 zugenommen hat. Das ergibt 28,8 Millionen Menschen, die sich einem Engagement widmen, das gemäß der Definition des baden-württembergischen Sozialministeriums "gemeinwohlorientiert und unentgeltlich" ist.

Auf dem gerammelt vollen Festgelände im Stadtteil Jesingen tauchen zwischen Familien mit Kinderwagen, Seniorinnen und Senioren und den Feuerwehrleuten mehrheitlich mittleren Alters auch einige jüngere Gesichter auf. Eines davon gehört Miriam Aberle. Im dunkelblauen T-Shirt, mit nach hinten geflochtenen Haaren und einem breiten Grinsen steht die 19-Jährige zwischen den aneinandergereihten roten Tanklöschfahrzeugen. Sie ist nicht nur in einem, sondern in drei Bereichen ehrenamtlich tätig: bei der Freiwilligen Feuerwehr, in der Kirchengemeinde und beim Deutschen Roten Kreuz. Zeitlich ließe sich das gut vereinen, "wenn man Lust darauf hat", erzählt sie.

Mit neun Jahren hatte Aberle bereits erste Berührungspunkte mit der Feuerwehr, als sie der Kindergruppe "Löschlinge" beitrat. Von dort aus ging es über die Jugendfeuerwehr schließlich zur Freiwilligen Feuerwehr Kirchheim unter Teck, wo sie zudem als Ausbilderin bei der Jugendfeuerwehr dient. Als durch und durch sozial veranlagte Person macht sie zudem ein freiwilliges soziales Jahr beim DRK.

Eine Frage der Prioritäten

Neben ihren zahlreichen ehrenamtlichen Engagements findet sie trotzdem die Zeit, ihre Passion als Violinistin und Bratschistin auszuleben. Mehr als ein bis zwei Termine würden in der Woche aufgrund ihrer Tätigkeit bei der Feuerwehr nicht anfallen: "Bisher war ich zwar noch nie bei einem richtigen Einsatz dabei, wenn es aber so weit ist, hat das Priorität. Dann heißt es: Alles stehen und liegen lassen." Daran lässt die Passion in ihrer Stimme keine Zweifel offen.

Der zeitliche Aufwand für ein ehrenamtliches Engagement ist beachtlich: Der Großteil der freiwillig Engagierten in Baden-Württemberg widmet dem wöchentlich etwa zwei Stunden, bei fast 40 Prozent sind es sogar zwischen drei und bis zu mehr als sechs Stunden pro Woche.

Im Hintergrund klettern zwei kleine Jungs sichtlich aufgeregt in eines der Tanklöschfahrzeuge. "Wichtig ist, an der Kinder- und Jugendarbeit dranzubleiben, was mit der Kinder- und Jugendfeuerwehr gut klappt", meint die 19-Jährige.

Auch Ludwig Baden antwortet auf die Frage, wie es mit jungen Ehrenamtlichen aussehe: "Bei der Gewerkschaft sind wir in dieser Hinsicht gut vernetzt." Der 23-Jährige engagiert sich bei der IG Metall Baden-Württemberg. Der junge Mann mit blondem Haar steht in einem kahlen Besprechungsraum der Gewerkschaft in Stuttgart. Für das Gespräch hat er extra seinen weißen Pulli vom Ortsjugendausschuss (OJA) der IG Metall angezogen. Der aufgestickte Slogan: "OJA der Liebe".

Neben seiner gewerkschaftlichen Tätigkeit absolviert Baden das duale Studium Fahrzeugmechatronik und Elektrotechnik in Göppingen und macht eine Ausbildung bei Bosch in Schwieberdingen. Dort ist er zudem in der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) tätig. "Meine ersten Berührungspunkte mit der JAV hatte ich zu Studienbeginn als sie und die Gewerkschaft vorgestellt wurden", erzählt er. 2020 hat er sich auf Anfrage der JAV hin entschlossen, bei der Wahl zu kandidieren, was sich als voller Erfolg herausstellte.

Über die JAV ist Baden schließlich zur IG Metall gekommen: "Mir ging es von Anfang an besonders um das Problem der dual Studierenden. Duale Studiengänge sind gesetzlich nicht geregelt und für einen Teil dual Studierender, zu dem übrigens auch ich zähle, gibt es keine tarifliche Regelung", so der junge Gewerkschafter. Und das bedeutet ganz konkret: Die Betroffenen erhalten am Ende weniger Geld. Das kurzfristige Ziel sei die Gleichstellung aller dual Studierender innerhalb des Bundeslandes, langfristig innerhalb Deutschlands. Auffällig ist Badens Art, sich auszudrücken: Sie wirkt äußerst geschult und kommt dem typischen Funktionärsdeutsch schon sehr nahe.

In erster Linie bedeutet ehrenamtliche Arbeit für ihn, an Sitzungen teilzunehmen und ab und zu Aktionen zu planen: "In diesem Jahr habe ich einige neue Ämter übernommen, beispielweise sitze ich stellvertretend für die IG-Metall-Jugend im Ortsvorstand, dem leitenden Gremium der Geschäftsstelle in Stuttgart." Zeitlich könne es da manchmal schon knapp werden. Bis vor Kurzem hat sich Baden zudem im historischen Langschwertfechten versucht, nun fehle ihm aber sowohl die Zeit als auch das Geld dafür.

Fehlende Solidarität

Sich in der Gewerkschaft tatsächlich zu engagieren gehört nicht gerade zu den populärsten Ehrenämtern. Das weiß auch der junge IG-Metaller: "Bedauerlicherweise wollen sich nicht alle der Idee der Solidarität anschließen. Nicht für jeden Menschen ist es selbstverständlich, sich für andere einzusetzen." Sowohl bundes- als auch landesweit der beliebteste Bereich ist Sport: Fast jeder fünfte Ehrenamtliche ist hier aktiv.

Einer dieser Sportbegeisterten ist der angehende Notfallsanitäter Noah Neuffer. Mit seinen 21 Jahren ist er bereits technischer Leiter "Einsatz in der Ortsgruppe" und stellvertretender Leiter für die Öffentlichkeitsarbeit der Bezirksgruppe der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Esslingen. Sein Ehrenamt: Schwimmtrainer.

Es ist Freitagabend und wie immer um diese Zeit steht der fast 1,90 Meter große junge Mann neben dem Sportbecken im Merkel'schen Bad in Esslingen. In den äußeren Bahnen schwimmen zwei junge Frauen eine Länge nach der anderen. Im restlichen Becken planschen etwa 20 Kinder. "Heute ist es außergewöhnlich ruhig hier, das liegt wohl an den anstehenden Ferien", bemerkt Neuffer. Er wirkt nervös, schließlich kommt es nicht alle Tage vor, "dass ich von Journalisten befragt werde".

Auf die Frage, was er sonst so mache, antwortet er schmunzelnd: "Na das Übliche, was man als junger Mensch so macht: Freunde treffen und ausgehen." Im Team der ehrenamtlichen Schwimmtrainer sind einige noch jünger als Neuffer, denn die Grundausbildung Wasserrettung kann man bereits mit 16 Jahren machen. Und doch: "Jeden Freitag ist es aufs Neue eine Herausforderung, für die angebotenen Trainingsprogramme genügend Trainer:innen zu finden. Zudem muss die Aufsicht an der Bahn volljährig sein." Das Angebot der DLRG reicht von den verschiedenen Schwimmabzeichen – Bronze, Silber und Gold – über Rettungssport bis zu Wettkampfsport für die internen Wettkämpfe.

Diese Herausforderung, genügend Freiwillige zu finden, stellt sich für viele Ehrenämter und ist in Neuffers Augen der schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit geschuldet: Immer mehr Menschen hätten immer weniger Zeit außerhalb des Arbeitsalltags. Außerdem: "Das Private wird immer wichtiger und der eigene Weg in den Vordergrund gestellt. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sehr viele Menschen heutzutage äußerst motiviert sind für ein Ehrenamt."

Unklare Ergebnisse

Laut dem Deutschen Freiwilligensurvey 2019 ist Baden-Württemberg mit einer Engagementquote von 46 Prozent der Vorreiter in Bezug auf ehrenamtliche Tätigkeiten. Doch es gibt auch andere Ergebnisse: Eine Umfrage der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA) ergab bundesweit lediglich einen Anteil von etwa 20 Prozent ehrenamtlich Tätiger. Auch beim Alter der Engagierten schwanken die Zahlen: Laut Freiwilligensurvey ist der Großteil zwischen 14 und 49, laut AWA mindestens 50 Jahre alt und knapp ein Fünftel aller Freiwilligen sollen sogar 70 Jahre und älter sein. Über den Grund dieser widersprüchlichen Ergebnisse kann nur spekuliert werden. Auffällig ist die zwar einheitliche, jedoch sehr schwammige Definition des Ehrenamts als eine freiwillige und unentgeltliche Tätigkeit für das Gemeinwohl. Wo hier die Grenzen gezogen werden, was Gemeinwohl tatsächlich bedeutet und ab wann von Aktivismus gesprochen wird, ist nicht allgemein festgelegt. (fra)

Unentbehrlich für das Land

Was bringt Menschen zum Ehrenamt? In Baden-Württemberg gehören wie im Rest Deutschlands Spaß am Engagement, der Wunsch, anderen zu helfen sowie das Bedürfnis, etwas fürs Gemeinwohl zu tun, zu den Hauptmotiven. "Anderen Menschen helfen ist die 08/15 Antwort. Es geht jedoch um viel mehr, nämlich im Team zu sein, sich aufeinander verlassen zu können und auch privat mit diesen Menschen gerne Zeit zu verbringen", meint die junge Feuerwehrfrau Aberle. Dabei habe sie nie das Gefühl, etwas zu verpassen. Ganz im Gegenteil: "Durch das Ehrenamt habe ich viel mehr gesehen und erlebt als die meisten in meinem Alter." Aus Bekanntschaften werden Freundschaften, aus Individuen wird ein Team. Der Schwimmlehrer Noah Neuffer schätzt vor allem das gemeinsame Weggehen nach dem Freitagabend-Training und somit die Freundschaften, die sich abseits vom Dienstlichen aufbauen.

Auch Ludwig Baden motiviert der soziale Aspekt hinter der freiwilligen Arbeit: "Hier treffe ich auf Menschen, die ähnlich ticken wie ich und sich gemeinsam mit mir stark machen gegen Rassismus, Homophobie, Sexismus und ähnliches. Die im Ehrenamt vertretenen Werte sind ein essenzieller Teil meiner und unserer Identität."

Insbesondere in einem sind sich die drei jungen Ehrenamtlichen einig: Das, was sie leisten, ist unentbehrlich für die Gesellschaft. "Das Ehrenamt hilft Deutschland, zu überleben", meint die Feuerwehrfrau Aberle. Tatsächlich wird bundesweit ein Großteil lebenswichtiger, lebensrettender und lebenserhaltender und sozialer Dienste ehrenamtlich geleistet.

Ehrenamt bedeutet für diese jungen Menschen viel mehr als die allgemeine Definition meint. Sie treten aus der eigenen Bubble heraus, erweitern den persönlichen Horizont und lernen andere Lebenswerte kennen. "Man hat ständig die Möglichkeit, Neues zu lernen. In der Gewerkschaft werden beispielsweise immer wieder Fortbildungen zu verschiedensten Themen angeboten: von politischer Bildung über Rhetorik bis zur NS-Vergangenheit", erzählt Ludwig Baden. Erfährt er von neuen Erfolgen der Gewerkschaft, ist er "ziemlich stolz, ein Teil davon zu sein". Dieser Stolz ist spürbar, als er erzählt, dass auch dank des Einsatzes der Gewerkschaft das Energiegeld für Studierende und Rentner:innen beschlossen worden sei.

Gemeinsam etwas erreichen – in der Politik, im Dorf, für Kinder, für die Allgemeinheit: Das spornt an. Dahinter steckt Arbeit, die sich lohnt, ist Schwimmlehrer Neuffer überzeugt: "Die meisten wissen gar nicht, wie vielfältig das Ehrenamt sein kann – und wie schön es ist."


Nächste Woche erzählen drei weitere junge Menschen von ihrem Ehrenamt: von den Demosanitäter:innen, der BUND-Jugend und vom Sportverein.


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2 Kommentare verfügbar

  • Ruby Tuesday
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Der Präsident ruft zur Dienstpflicht an die (Heimat)Front und zum ehrenamtlichen Kriegsdienst bei und nach Bundeswehreinsätzen. Die Versprechen der Ampel und Außenministerin Baerbock verkünden ewige Leistungen für Waffen und Wiederaufbauhilfe sowie umfassende Winterhilfe für die Ukraine. Nachdem die…
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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 2 Tagen 23 Stunden
Sehr interessant!


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