Unser Autor wollte helfen – und ist von den Hauptamtlichen beeindruckt. Fotos: Joachim E. Röttgers

Unser Autor wollte helfen – und ist von den Hauptamtlichen beeindruckt. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 351
Gesellschaft

"Was ist Jamaika?"

Von Fritz Schwab
Datum: 20.12.2017
Unser Autor arbeitet seit zwei Jahren als ehrenamtlicher Helfer in einem Flüchtlingsheim auf den Fildern. Seine Erlebnisse und Erkenntnisse fallen durchaus gemischt aus. Fest steht für ihn aber: Das Brett, das es bei der Integration zu bohren gilt, ist dicker als jedes Parteiprogramm.

Stunde Null. Ein Zimmer in einem Container, Tisch, Stühle und zehn Menschen aus Gambia, Nigeria, Afghanistan und Eritrea. Schon die Einstiegsfrage in der allerersten Stunde überfordert mich total. "Was ist Akkusativ und was ist Dativ?" Äähh. Das kommt jetzt wirklich unerwartet und da hilft auch kein Großes Latinum. Ich schalte auf den Zeitgewinn-Modus. Jetzt bloß souverän bleiben. Also, vielleicht stellt sich zuerst jeder einmal kurz vor. Auch wenn die Gruppe sich angeblich auf einem halbwegs einheitlichen Niveau bewegen soll, fällt diese vermeintlich leichte Übung einigen sehr schwer. Keine Angst, ich will doch nur Namen, Alter, Herkunftsland wissen, und wie lange sie schon in Deutschland sind. Das kommt mir nicht besonders anspruchsvoll vor, das müsste im Alltag doch schon einmal vorgekommen sein, aber die wenigsten nennen ihren Vor- und Familiennamen. Zweistellige Zahlen sind auch ein Problem. Und Jahreszahlen und Monate. Und das, obwohl alle Teilnehmer seit Monaten tagsüber Deutschkurse besuchen. Da scheint aktuell der Dativ und der Akkusativ Thema zu sein.

Kurzer Rückblick: An dieser Geschichte ist Köln schuld. Nach den massenhaften sexuellen Übergriffen auf der Domplatte in der Sylvesternacht 2015 und der anschließenden, streckenweise hysterischen Debatte um "Nafris" (damals amtsüblicher Polizeisprech für Nordafrikaner) und "das Schweigekartell der Presse" sah sich der Autor genötigt, irgendwas zu tun. Gefühlsmäßig eingezwängt zwischen den Abendlanduntergangspropheten und verzweifelten Erklärungsversuchen, dass "die Politik von Angela Merkel" nicht gescheitert sei. Ein Gutmenschen-Impuls führt nach kurzer Kontaktaufnahme mit einem Helferkreis in ein Flüchtlingsheim auf den Fildern vor den Toren Stuttgarts. Und dort zur unerwarteten Grammatik-Frage.

Grammatikalische Fingerübungen helfen im Alltag wenig.
Grammatikalische Fingerübungen helfen im Alltag wenig.

Interessanterweise gelingen dann bei den Hausaufgaben die Kasus-Übungen nach kurzer Warmlaufphase bei den meisten Schülern. Man kann offensichtlich richtig deklinieren, und trotzdem bei banal scheinenden Alltagssituation überfordert sein. Die berühmte Schere zwischen Theorie und Praxis klafft mindestens so weit wie der Weg zwischen Unterkunft am Ortsrand und Schulgebäude in der Innenstadt.

Deutsch lernen mit "heute"-Nachrichten

Tatsächlich bleibt außerhalb des Unterrichts häufig als einzig deutsch sprechender Kontakt der Sozialarbeiter übrig – einmal in der Woche. "Das ist zu wenig", wende ich ein. Wie wäre es mit einem Praxistest in der nächsten Bäckerei? Kaffee und eine Butterbrezel bestellen? Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Nächster Versuch: "Was läuft eigentlich im Fernsehen?" Natürlich Fußball! Hatte ich schon erwähnt, dass der Flüchtlingskreis mir nur männliche Schüler zugeteilt hat? Wie wäre es denn mit der "Tagesschau" um 20 Uhr? Interessanterweise finden einige Diskutanten die "heute"-Nachrichten im ZDF besser. Das ist doch mal ein Ansatz. Also, Hausaufgabe für kommende – und alle weiteren – Wochen: Täglich "heute" kucken.

Die Normalverteilung spiegelt sich auch bei den Geflüchteten wieder. Es gibt Faule und Fleißige, schlaue und weniger helle Köpfe (Achtung: Rassismus-Falle!), Sympathische und Stinkstiefel, Lebenslustige und Traumatisierte. Das ist anstrengend, und allmählich wächst mein Respekt für die Profis in der Flüchtlingsarbeit. Als Amateur sollte ich mir nicht anmaßen, schlauer als Lehrbücher zu sein. Wobei, so viel Kritik muss zulässig sein: Die Texte dieser Bücher überraschen gelegentlich mit unfassbarer Weltfremdheit. Oder ist es eher Zynismus? Wie anders sollen mit Seelenfängern übers Mittelmeer geschwommene Menschen einen Beitrag über "klimaneutrales Reisen" empfinden? Doch meine Sorgen sind unbegründet. Sie verstehen schlicht nicht, um was es in dem Stück geht. Nicht, weil der Text zu schwierig wäre, sondern weil das Thema aus einer andern Galaxie kommt. Ich erspare mir die Aufklärung zur CO2-Bilanz von Urlaubsreisen und hoffe nur, dass keiner Fragen zu anderen vergleichbaren Themen stellt – zum Dritten Geschlecht beispielsweise.

Fragen und Probleme sind dann doch meistens eher praktischer Natur. Und manchmal reizen die Männer auch ihre Grenzen aus. "Wie komme ich an ein Konto?", fragen mich drei Westafrikaner nach der dritten Unterrichtsstunde. Konto? Was für ein Konto? Die Burschen wollen ein Bankkonto, das "kein anderer anschauen kann". Ich ahne, um was es hier geht, und schütze totale Ahnungslosigkeit vor. Nachfragen zu dem bargeldlosen Zahlungsverkehr erübrigen sich im weiteren Verlauf, denn diese Schüler haben nur wenige Tage später das Heim mit unbekanntem Zielort verlassen. "Wahrscheinlich abgeschoben", meinen die verbliebenen Kursteilnehmer, die sehr schnell ein Gespür entwickeln, bei welchen, außerhalb der Hausaufgaben-Probleme gelagerten Themen sie nachfragen können.

Auch mit Bleiberecht sitzen die meisten im Containerlager fest

Wenig überraschend ist das Megathema Wohnungssuche. Und tatsächlich bleiben in den großen Heimen die Sprach- und anderen Integrationsbemühungen zurück, wenn man sich nur mit Seinesgleichen trifft und austauscht. Der Frust, sich mit 150 anderen Menschen über Monate und Jahre in einem Containerlager arrangieren zu müssen, sitzt tief. Daran ändert auch ein dauerhaftes Bleiberecht wenig. Da kann man viele Bewerbungen für Zimmer oder Wohnungen formulieren – der Erfolg bleibt regelmäßig aus. Man kann eigentlich nur vor Abzockerofferten (Zwölf-Quadratmeter-Zimmer ohne Bad für 350 Euro) warnen.

Gelegentlich ereignet sich geradezu Wundersames. Vor einigen Wochen kam wie aus heiterem Himmel die Frage nach "Jamaika" auf. Offensichtlich hat "heute"-Nachrichten-Schauen doch gefruchtet. Das sei doch ein Land! Stimmt, aber schaut euch doch mal die Farben von den Parteien an. Welche Parteien? Wenn man aus einer Ein-Parteien-Diktatur wir Eritrea kommt, klingt diese Frage nachvollziehbar. Tatsächlich kennen fast alle nur eine Politikerin: Angela Merkel. Grüne? FDP? Nie gehört! Aber die Nummer mit den drei Farben und der Flagge von Jamaika versteht dann doch jeder. Ich frage nach, ob sie schon mal was von der blauen Partei AfD gehört haben. Kopfschütteln. Jetzt ist der Moment der Wahrheit gekommen. "Das sind die, die wollen, dass ihr wieder nach Hause geht." Total ungläubiges Kopfschütteln. "Das geht nicht. Wir müssen zuhause ins Gefängnis", bekomme ich, nach einem kurzen Schockmoment, als Antwort zu hören. Ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, dass bis zu diesem Moment keiner meiner Schüler geglaubt hat, dass es rassistische Politiker in Deutschland gibt.

Die Erlebnisse und Erkenntnisse nach zwei Jahren als ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer fallen durchaus gemischt aus. So viel steht fest: Schnelle Erfolge in der Integration sind eine Illusion. Das Brett, das es zu bohren gilt, ist dicker als jedes Parteiprogramm. Als Gelegenheitshelferlein ist allerdings der Respekt vor den hauptamtlichen Flüchtlingsbetreuern massiv gestiegen.


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